Was nachholen

Schwer zu sagen, ob 2025 wirklich geiler war wie 2024. Was man auf jeden Fall sagen kann, ist, dass nun immer mehr Menschen aufwachen. Manche sagen sogar, dass der ganze Unsinn in 2025 nur deswegen stattgefunden hat. Damit immer mehr Menschen aufwachen. Man merkt das auch daran, dass immer mehr das Maul aufreißen. Am weitesten reißen die das Maul auf, die bis gestern noch die Klappe gehalten haben. Aber gut, die müssen das auch. Die haben was nachzuholen.

Im Taxi mit Kayvan Soufi-Siavash

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mir so lange Interviews wie das obige (4:39!) nicht mehr anzuhören. Andererseits bin ich dafür bekannt, nicht nur ein „Rasender Reporter“, sondern als gewesener Taxifahrer auch ein rollender Widerspruch und fahrender Desillusionist zu sein. Ich bin mir nicht sicher, ob Kayvan Soufi-Siavash, besser bekannt als KenFM, auch bei im Taxi saß. Ich will es nicht ausschließen. Irgendwann habe ich sie alle mal im Taxi gehabt: Hans-Joachim Maaz, Paul Breitner, Peter Scholl-Latour, Frank Castorf, Peter Hahne, um nur einige zu nennen. Woran ich mich mit Sicherheit erinnere, ist der im Interview erwähnte Laden in der Rosenthaler Straße, an dem ich oft mit meinem Taxi vorbeigefahren bin. Ein Grund, warum ich mir das obige Interview komplett angehört habe, ist, um die im Taxi erworbene Fähigkeit des Zuhörens zu trainieren. Der wichtigere Grund ist aber zweifellos der, dass dieser Kayvan in seinem Leben oft auf die Schnauze gefallen ist. Und wenn ich neben dem Zuhören noch etwas fürs Leben gelernt habe im Taxi, dann war es dies: Höre jenen aufmerksam zu, die auf die Schnauze gefallen und immer wieder aufgestanden sind!

Ich als „Rasender Reporter“

Am 31. Mai 2025 in Sofia

Alleine als „Rasender Reporter“ bezeichnet zu werden, ist ein großes Lob für mich. Denn „Rasender Reporter“ ist das Synonym von Egon Erwin Kisch, einer der bekanntesten Reporter des letzten Jahrhunderts. Nun wurde ich nicht von irgendwem „Rasender Reporter“ genannt, sondern vom Multipolar Magazin in seinem Jahresrückblick. Seit vier Jahren arbeite ich für das Magazin, das meinen ersten Text überhaupt veröffentlichte – „Bulgarien – die große Freiheit“. Die beiden Multipolar Herausgeber, Stefan Korinth und Paul Schreyer, kenne ich persönlich. Es sind gute Leute. Einen „Rasenden Reporter“ nennen sie mich, weil ich im Frühjahr zu Protesten in Bukarest, Belgrad und Istanbul war, um darüber zu berichten. Zu Protesten in Sofia war ich nicht nur im Frühjahr. Das Einmaleins des Journalismus habe ich an der Freien Akademie für Medien & Journalismus gelernt, wo bis heute Texte von mir erscheinen. Wer Journalist oder Reporter werden möchte, dem kann ich die Akademie von Michael Meyen nur empfehlen. Das Credo meiner Berichterstattung habe ich „Auf beiden Seiten der Front: Meine Reisen in die Ukraine“ von Patrik Baab entnommen. Es ist ein Zitat von Martha Gellhorn, mit dem das Buch eingeleitet wird. Martha Gellhorn war eine bekannte Reporterin des letzten Jahrhunderts und die dritte Frau von Ernest Hemingway. Das Zitat lautet: „All politicians are bores and liars and fakes. I talk to people.“

Am 11. März 2025 in Bukarest

„Eindeutigkeit gibt es nur im P*ff!“

Neulich in Neukölln

Als ich neulich obiges Graffito in Neukölln sah, meinte mein innerer Bulgare, dass da mal wieder jemand die Rechnung ohne den Bulgaren gemacht hat, bei dem JA bekanntlich NEIN und NEIN JA bedeutet. Gerade durfte ich erfahren, dass es auch hierzulande noch klar denkende Menschen gibt. Aber nicht nur das. Die Person ist darüber hinaus noch jung und weiblich. Ein Sechser im Lotto! Nicht verwechseln mit S*x im P*ff! Über ihn sagt sie: „Eindeutigkeit gibt es nur im P*ff!“. (9:11)

Vorweihnachts- oder Vorkriegszeit?

Grübeln im Grunewald

Seit Jahren gehe ich schon nicht mehr auf Weihnachtsmärkte. Ich weiß gar nicht, ob sie überhaupt noch Weihnachtsmärkte heißen, noch so genannt werden dürfen. Dementsprechend bin ich mir auch unsicher, ob es noch Vorweihnachtszeit heißt. Auch aus diesem Grund nenne ich unsere Zeit Vorkriegszeit. Wobei, im Sommer habe ich ein Interview mit Hans-Joachim Maaz geführt, in dem der Psychotherapeut und Bestsellerautor bereits meinte: „Ja, wir sind im Krieg!“ – Hat Maaz Recht? Dann wäre Vorkriegszeit anachronistisch. Anachronistisch bedeutet, dass etwas zeitlich falsch eingeordnet wird. Dieses etwas ist der Krieg. Falls er schon begonnen hat, wäre Vorkriegszeit klar verkehrt. Genau darüber grüble ich nach. Nicht auf dem Weihnachtsmarkt, sondern im Grunewald.

Außer Betrieb

Auflösungserscheinungen

Eine Endzeit erkennt man an ihren Auflösungserscheinungen. Obiger Anzeiger ist in doppelter Hinsicht ein gutes Beispiel dafür. Während der Fahrplan nicht mehr eingehalten werden kann, gibt zusätzlich auch noch der Anzeiger selbst seinen Geist auf. Jeder, der Augen im Kopf hat, kann es sehen. Aber wehe, du sprichst es aus, nimmst vielleicht noch das Wort „Endzeit“ in den Mund. Dann kann es dir rasch ergehen, wie diesem Einsiedler beim Aussprechen des Wortes „Jehova“. Gesteinigt wird er dafür übrigens ausschließlich von Frauen, im Film „Weibsvolk“. Apropos: Was musste ich gestern wieder für eine Geschichte hören? Fast wie im Taxi! Ein Mann war eine Woche im Gefängnis. Seinem Freund wurde von der Frau die Kniescheibe ausgeschlagen. Der Mann stellte sich beim nächsten Streit zwischen die beiden. Diesmal wurde der Mann von der Frau angegriffen. Weil er sich wehrte, musste er ins Gefängnis. Immerhin – nur für eine Woche. Warum ich die Geschichte erzähle? Weil man in diesen Tagen nicht nur vorsichtig sein muss, wenn man das Wort „Endzeit“ in den Mund nimmt. Auch als toxischer Mann muss man aufpassen, dass man nicht zwischen die Fronten und in den Fokus einer Frau gerät, die natürlich nicht toxisch ist, nicht toxisch sein kann. Wie heißt gleich nochmal das Gegenteil von toxisch? Das Internet sagt menschlich! Mein innerer Bulgare hält es für möglich, dass es umgedreht sein könnte. Der Bulgare in mir sagt mir auch, dass die nicht mehr übersehbaren Auflösungserscheinungen im Land nun auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen angekommen sind, vielleicht sogar dort ihren Ursprung haben. Oder kennst Du noch ein Paar, dass sich nicht getrennt hat oder gerade dabei ist?