Gefangen auf Usedom

Gestern war ich bei meinem Feriengastnachbarn, um ihm und meiner Gastgeberin Fotos aus Bulgarien zu zeigen. Vorher habe ich den Weg, der unsere Unterkünfte verbindet, vom Eis befreit. Der Rest des Grundstückes ist weiterhin vereist (Foto oben), so dass der Titel „Gefangen aus Usedom“ keine Übertreibung ist. Wobei ich selbst nicht von „gefangen“, sondern von „befreit“ sprechen würde. Befreit von Ablenkung, Oberflächlichkeiten und Luxusproblemen. Denn wir haben alles, was wir brauchen. Wir haben genug zu Essen, zu trinken und die Bude ist darüber hinaus auch noch warm, was nicht mehr selbstverständlich ist. Der Süd-West-Berliner weiß, wovon ich rede. Aber nicht nur das. Die aktuelle Situation hier ist praktisch so, wie sie für mich in Bulgarien permanent ist. Und das war sowohl für den anderen Feriengast, als auch für meine Gastgeberin nur schwer vorstellbar. Also auch ganz ohne Eis keine Ablenkung, Oberflächlichkeiten und Luxusprobleme zu haben. Und das nicht nur für ein paar Tage, sondern für länger oder gar für immer. Ich musste an Landsleute denken, die mich in Bulgarien besucht haben, und die plötzlich nichts mehr mit sich anzufangen wussten und Schreibblockaden oder gar Depressionen bekamen. Obwohl auch dort für Essen, Trinken und wohlige Wärme gesorgt war, und sie darüber hinaus Berge, Natur und Stille direkt vor ihrer Nase hatten (Foto unten). – Oder vielleicht gerade deswegen.

Deutsche Komfortzone

Gestern gab’s Eisregen auf Usedom. Seitdem sind alle Wege vereist. Zum Glück muss ich nicht raus – nur in den Keller. Im Keller gibt es eine Sauna. Da war ich gestern. Mein Leben besteht gerade aus Saunagängen und guten Gesprächen mit meiner Gastgeberin und einem anderen Gast. Beide glauben nicht an das gängige Narrativ, an das hierzulande die meisten glauben. In Bulgarien glaubt nur eine kleine Minderheit der Erzählung, weswegen ich mich ein wenig wie in Bulgarien fühle. Bulgarien ist auch immer wieder Thema. Gerade suche ich Bilder und Videos, um sie den beiden beim nächsten Gespräch zu zeigen. Durch die Gespräche ist mir klar geworden, wie sehr sich mein Leben in den letzten Jahren verändert hat, wie weit weg die deutsche Komfortzone ist. Auch wenn ich hier auf Usedom gerade eine deutsche Komfortzone genieße – oder vielleicht gerade deswegen.

Heimkehr nach Usedom

Bin gerade auf Usedom, wo ich eine eigene Ferienwohnung habe, die viel zu groß für mich ist. Größer als meine Berliner Bude. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht verlaufe. Kann alles machen, außer in Hausnähe grillen. Wegen dem Rohrdach, auch als Reetdach bekannt. Zum Glück hatte ich nicht vor zu grillen. Nicht, weil ich Vegetarier bin, sondern weil auch auf Usedom Winter ist. Nächste Woche soll die Sonne scheinen. Dann darf ich noch hier sein. Ich bin eingeladen. Jemand hat mich eingeladen, nachdem die Person mein Interview mit Jasmin gesehen hat. Diese Person hat auch Jahre im Ausland gelebt. Gestern saßen wir einige Stunden zusammen und haben uns unterhalten. Und da sagte sie, dass die Zeit im Ausland die beste Zeit ihres Lebens war. Jetzt denkt sie erneut darüber nach, ihre Heimat – Deutschland – zu verlassen. Und da kam mein Interview mit Jasmin, in dem ich von Bulgarien erzählt habe, gerade recht. Bulgarien ist – wie für viele – Neuland für sie. Usedom für mich nicht. Als Kind war ich viele Jahre hintereinander hier auf der Insel im Kinderferienlager. Der Ort, wo ich gerade bin, ist davon nur einen Steinwurf entfernt. In gewissem Sinne ist mein Besuch auf Usedom auch eine Heimkehr.

Apropos Nachtrag

Bereits am Montag Abend erreichte mich diese Rückmeldung zu meinem Beitrag Apropos bezüglich der problematischen Personenbeförderung in der Bundeshauptstadt. Kaliningrad, wer es nicht kennt, ist das frühere Königsberg, das heute dem bösen Russen gehört. Vielleicht wird es demnächst wieder zurück erobert. Lohnen würde es sich wohl, wenn man obiger Rückmeldung vertraut, alleine der fahrenden Straßenbahnen wegen.

Idiotentest

Heute war ich bei einem Facharzt für Arbeitsmedizin, um meinen Taxischein zu verlängern. Ich habe hin und her überlegt, ob ich ihn verlängern soll – auch aus Kostengründen. Das letzte Mal habe ich meinen Taxischein vor fünf Jahren verlängert. Seither habe ich ihn nicht gebraucht, was gegen eine weitere Verlängerung sprach. Am Ende hat der Deutsche in mir gewonnen, der gesagt hat: „Geh auf Nummer sicher. Was du hast, hast du. Du weißt nicht, was kommt.“ Letzteres traf nun bereits auf meinen heutigen Facharztbesuch zu, der mich sogleich an obige Szene aus dem Film „Idiocracy“ erinnerte. Ich hatte zwar keine drei verschiedenen Bauklötzer in der Hand, musste dafür einen Knopf drücken, wenn auf dem Monitor vor mir ein Pfeil auftauchte, der nach unten zeigte. Nicht alle auf dem Monitor auftauchenden Pfeile zeigten nach unten. Manche zeigten auch nach oben, nach links oder nach rechts. Insgesamt saß ich wohl zwanzig Minuten vor dem Monitor. Angefühlt haben sich diese zwanzig Minuten wie zwei Stunden. Ach was sage ich: Wie ein ganzer Arbeitstag! Jedenfalls bin ich jetzt fix und fertig – praktisch ausgebrannt. Immerhin, eines weiß ich mit Sicherheit. Es war meine letzte Taxischeinverlängerung.

Apropos

Das Leben in der Bundeshauptstadt wird immer absurder. Einzelne Straßenbahnen fahren zwar, aber nicht zur Personenbeförderung, sondern damit die Strecke frei bleibt. Immerhin, man erfährt, wenn auch nur zwischen den Zeilen, dass die Öffentlichen der Personenbeförderung dienen. Manch einer hatte es schon vergessen. Ich zum Beispiel dachte, die würden nur fahren, damit die stündlich wachsende Zahl der Mühseligen und Beladenen ein Dach über dem Kopf haben. Apropos: Was machen die eigentlich heute? Fahren vermutlich mit der S-Bahn.