Ausnahmezustand

Berlin ist, zumindest für mich, in einem permanenten Ausnahmezustand. Gefühlt jedes zweite Fahrzeug fährt mit Blaulicht und Martinshorn. Schwer zu sagen, ob wirklich mehr passiert, oder ob man die Menschen einfach nur verrückt machen will. Ich vermute eine Mischung aus beidem. Hinzu kommt die Verslumung, ich hatte hier darüber geschrieben, und dass immer weniger Dinge funktionieren, praktisch so wie am Ende der DDR. Zum Beispiel geht am Ostkreuz gerade keine Rolltreppe, weder nach oben, noch nach unten. Die weiträumigen rot/weißen Absperrungen deute ich so, dass das Problem schon länger besteht und nicht erst seit heute.

Zwischenbilanz

Mein Berliner Slum – Verzeihung: Szene-Kiez

Über ein halbes Jahr bin ich nun schon wieder in Berlin, viel länger als geplant – Zeit für eine Zwischenbilanz. Die Stadt ist mir fremd geworden und wird mir mit jedem Tag fremder. Klar, auf dem Balkan liegt auch jede Menge Müll herum. Aber die hiesige Ansammlung von Dreck & Müll ist für mich um einiges schlimmer. Möglicherweise liegt es daran, dass die Verwahrlosung von den Bewohnern hingenommen wird. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob sie die Verslumung überhaupt bemerken, so betäubt kommen sie mir vor. Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass sie zu wenig Sonne sehen. Der wichtigste Grund, warum ich nach Berlin gekommen bin, war, Menschen für Bulgarien zu begeistern. Wie gesagt, ich kenne eigentlich nur Menschen, die aus Berlin weg wollen. Aber, und das ist die traurige Erkenntnis nach gut einem halben Jahr, so richtig weg will eigentlich keiner. Lieber wandelt man täglich aufs Neue über Schutt und Schmutz, als sich auf den Weg zu machen. Die größte Enttäuschung sind aber zweifellos die vermeintlich Aufgewachten. Ihre Aggressivität und ihr Hass auf alle, die nicht so denken wie sie, ist für mich unerträglich. Wo ist da noch der Unterschied? Das verrückteste ist, dass auch sie am Ende lieber bleiben, um hier weiter hassen zu können. Etwas Gutes hat mein hiersein dann doch. Es zeigt mir, wie weit weg ich mich vom hiesigen Wahnsinn entfernt habe, wie wenig ich noch mit ihm zu tun habe.

„Stop watching the news“

Obwohl der Titel jetzt schon wieder acht Jahre alt ist, könnte er kaum aktueller sein. Besonders diese Zeilen haben es mir angetan: „Stop watching the news. Because the news contrives to frighten you. To make you feel small and alone. To make you feel that your mind isn’t your own.“ (Hör auf, die Nachrichten zu schauen, weil die Nachrichten dir Angst machen, damit du dich klein und allein fühlst, damit du das Gefühl hast, dein Geist ist nicht dein eigener.) Es gibt nichts Neues unter der Sonne, warum dann noch Nachrichten schauen. Plötzlich hat man Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben, beispielsweise sich mit anderen Menschen auszutauschen und mal nur von sich reden. Die meisten Menschen reden über alles mögliche, über das Wetter, über den Krieg und dass die anderen alles Idioten sind. Was das alles mit ihnen macht, darüber reden sie nicht. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, damit anzufangen. Einfach mal ausprobieren. Fang mit den Nachrichten an – lass sie weg.

„Berlin wird leben und die Mauer wird fallen“

„Die Mauer muss weg!“ war ’89 ein Slogan, genauso wie „Wir sind das Volk!“. Heute gibt es auch wieder Mauern, das ist bekannt. Dass schon Bücher über sie geschrieben wurden, ganz und gar Romane, das wusste selbst ich nicht, obwohl ich mich mit Büchern auskenne. Neulich hörte ich, die Brandmauer sei der „antifaschistische Schutzwall“ gegen die Demokratie. Wer den „antifaschistischen Schutzwall“ nicht kennt – das war die offizielle Bezeichnung für die Mauer. Der ehemalige Berliner Bürgermeister und Bundeskanzler Willy Brandt sagte ’89: „Berlin wird leben und die Mauer wird fallen“. Angesichts eines Berlins im Überlebensmodus und dem Festhalten am „antifaschistischen Schutzwall“ gegen die Demokratie kann die Prophezeiung Brandts kaum aktueller sein.

Silberstreif am Horizont

Schmal, aber echt! (kein Fotoshop!)

Der „Silberstreifen am Horizont“ ist nicht nur eine Redewendung, der Hoffnung, Optimismus und eine erste positive Wendung in einer schwierigen Situation beschreibt. Nein, den „Silberstreifen am Horizont“ gibt es wirklich. Ich habe ihn gesehen. Pünktlich zum Jahr des Feuerpferdes, das heute beginnt. In der Chinesischen Astrologie ist das Jahr des Feuerpferdes das intensivste und dynamischste Jahr in einem 60-jährigen Zyklus. Das Pferd steht für Vitalität, Freiheit, Abenteuer, Bewegung, Unabhängigkeit, denn Pferde mögen keine Grenzen und Zäune. Ich weiß, die meisten heutigen Pferde schon. Es ist also eher von Wildpferden die Rede. Das Wildpferd ist männlich und aktiv in seiner Energie. Sein Feuer bedeutet Hingabe, Mut, Transformation, Enthusiasmus, aber auch Zerstörung. Es erleuchtet, es wärmt, aber es verbrennt auch. Denn Feuer verhandelt nicht, es kennt keine Kompromisse. Feuer wird mit Freude und dem Herzen zusammen gebracht, mit dem Sommer, charismatisch und inspirierend. Im Jahr des Feuerpferdes trifft das Pferd nun auf das Feuer. Das Jahr könnte damit zu einer Freiheitsbewegung werden, die sich weigert Masken zu tragen. Lügen werden entlarvt, vielleicht gibt es auch eine Revolution. Aber Vorsicht: Die Vielzahl der Inspirationen und mutigen Entscheidungen können auch zu Überforderung, Egoismus und Burnout führen. Warum? Weil alles, was unecht ist, verbrannt wird.

30 Minuten Sonne

Nach drei Tagen Hausarrest gab es am letzten Tag dann noch 30 Minuten Sonne auf Usedom. Als wir am Meer ankamen, waren die dann aber auch schon vorbei. Der Weg hat sich trotzdem gelohnt. Alleine der Eisschollen wegen, die aussahen, als hätte sie irgendjemand gestapelt. Dass es den Winter doch noch gibt, soll übrigens ein Beweis dafür sein, dass der Klimawandel wirklich stattfindet. Die Beweisführung zu verstehen, überlasse ich den Anhängern der Klimasekte. Ich erfreue mich lieber an den spektakulären Bildern von der Ostsee bei Usedom.