Lebensmüde

„Wir sind am Leben“ ist laut Eigenwerbung „DAS Berlin Musical“, welches am 21. März „Weltpremiere“ im Theater des Westens hat. Für den ein oder anderen Berliner ist das leider zu spät. Denn, wie die Berliner Zeitung „exklusiv“ berichtet, wollen immer mehr Berliner nicht mehr leben. Im Zeitraum von 2016 bis 2024 kam es zu einer Zunahme der erfassten Suizide von 10,8 auf 13,7 Fälle je 100.000 Einwohner. Bei Männern, wie sollte es auch anders sein, wurden im gesamten Zeitraum mehr Fälle erfasst als bei Frauen. 2024 waren es bei den Männern 16,5 je 100.000 Einwohner gegenüber 11,1 Fällen je 100.000 Einwohnerinnen bei den Frauen. Über weitere Geschlechter, wie viele waren es gleich nochmal, wusste das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg nichts zu berichten. Aber es wird noch besser! Für Marcel Luthe, Vorsitzender der Good Governance Gewerkschaft (GGG), steht fest, dass die Lebensmüdigkeit der Berliner die desolate wirtschaftliche, innenpolitische und soziale Lage der Gesellschaft in Zahlen widerspiegelt. Und weiter: „Die Spaltung der Gesellschaft, die Zerstörung bestehender Sozialgefüge nicht zuletzt durch die irrwitzige Corona-Verordnungspolitik, aber auch jeder andere Angriff auf die freie Selbstbestimmung der Menschen verstärkt die Verzweiflung und lässt immer mehr Menschen keinen Ausweg mehr sehen.“ So gesehen dürfte „Wir sind am Überleben“ anstelle von „Wir sind am Leben“ vielleicht der bessere Titel für „Das Berlin Musical“ sein, oder möglicherweise nicht gar „Wir haben überlebt“.

Alles sagen

Gestern fiel mir mein Schild ein, das ich in meinem Taxi hatte, und auf dem stand: „In diesem Taxi dürfen sie zwar nicht telefonieren, dafür aber alles sagen, sogar die Wahrheit.“ Dass es mir in den Kopf kam, hängt mit der aktuellen Krise in unserem Land zusammen, aber auch mit dem Eintritt ins Jahr des Feuerpferdes letzten Dienstag. Mit dem Feuerpferd deswegen, weil das Feuerpferd alles unwichtige verbrennt – bis zum Burnout. Und da kam mir mein Schild und die Frage in den Kopf, ob wir uns wirklich alles sagen. Aber eben nicht nur „alles“, sondern an erster Stelle die Wahrheit sagen, wobei es DIE Wahrheit natürlich nicht gibt. Denn „alles“ können auch Banalitäten sein, die vom Feuerpferd verbrannt werden, was zum Burnout – „ausbrennen“ – führt.

Ausnahmezustand

Berlin ist, zumindest für mich, in einem permanenten Ausnahmezustand. Gefühlt jedes zweite Fahrzeug fährt mit Blaulicht und Martinshorn. Schwer zu sagen, ob wirklich mehr passiert, oder ob man die Menschen einfach nur verrückt machen will. Ich vermute eine Mischung aus beidem. Hinzu kommt die Verslumung, ich hatte hier darüber geschrieben, und dass immer weniger Dinge funktionieren, praktisch so wie am Ende der DDR. Zum Beispiel geht am Ostkreuz gerade keine Rolltreppe, weder nach oben, noch nach unten. Die weiträumigen rot/weißen Absperrungen deute ich so, dass das Problem schon länger besteht und nicht erst seit heute.

Zwischenbilanz

Mein Berliner Slum – Verzeihung: Szene-Kiez

Über ein halbes Jahr bin ich nun schon wieder in Berlin, viel länger als geplant – Zeit für eine Zwischenbilanz. Die Stadt ist mir fremd geworden und wird mir mit jedem Tag fremder. Klar, auf dem Balkan liegt auch jede Menge Müll herum. Aber die hiesige Ansammlung von Dreck & Müll ist für mich um einiges schlimmer. Möglicherweise liegt es daran, dass die Verwahrlosung von den Bewohnern hingenommen wird. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob sie die Verslumung überhaupt bemerken, so betäubt kommen sie mir vor. Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass sie zu wenig Sonne sehen. Der wichtigste Grund, warum ich nach Berlin gekommen bin, war, Menschen für Bulgarien zu begeistern. Wie gesagt, ich kenne eigentlich nur Menschen, die aus Berlin weg wollen. Aber, und das ist die traurige Erkenntnis nach gut einem halben Jahr, so richtig weg will eigentlich keiner. Lieber wandelt man täglich aufs Neue über Schutt und Schmutz, als sich auf den Weg zu machen. Die größte Enttäuschung sind aber zweifellos die vermeintlich Aufgewachten. Ihre Aggressivität und ihr Hass auf alle, die nicht so denken wie sie, ist für mich unerträglich. Wo ist da noch der Unterschied? Das verrückteste ist, dass auch sie am Ende lieber bleiben, um hier weiter hassen zu können. Etwas Gutes hat mein hiersein dann doch. Es zeigt mir, wie weit weg ich mich vom hiesigen Wahnsinn entfernt habe, wie wenig ich noch mit ihm zu tun habe.

„Stop watching the news“

Obwohl der Titel jetzt schon wieder acht Jahre alt ist, könnte er kaum aktueller sein. Besonders diese Zeilen haben es mir angetan: „Stop watching the news. Because the news contrives to frighten you. To make you feel small and alone. To make you feel that your mind isn’t your own.“ (Hör auf, die Nachrichten zu schauen, weil die Nachrichten dir Angst machen, damit du dich klein und allein fühlst, damit du das Gefühl hast, dein Geist ist nicht dein eigener.) Es gibt nichts Neues unter der Sonne, warum dann noch Nachrichten schauen. Plötzlich hat man Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben, beispielsweise sich mit anderen Menschen auszutauschen und mal nur von sich reden. Die meisten Menschen reden über alles mögliche, über das Wetter, über den Krieg und dass die anderen alles Idioten sind. Was das alles mit ihnen macht, darüber reden sie nicht. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, damit anzufangen. Einfach mal ausprobieren. Fang mit den Nachrichten an – lass sie weg.

„Berlin wird leben und die Mauer wird fallen“

„Die Mauer muss weg!“ war ’89 ein Slogan, genauso wie „Wir sind das Volk!“. Heute gibt es auch wieder Mauern, das ist bekannt. Dass schon Bücher über sie geschrieben wurden, ganz und gar Romane, das wusste selbst ich nicht, obwohl ich mich mit Büchern auskenne. Neulich hörte ich, die Brandmauer sei der „antifaschistische Schutzwall“ gegen die Demokratie. Wer den „antifaschistischen Schutzwall“ nicht kennt – das war die offizielle Bezeichnung für die Mauer. Der ehemalige Berliner Bürgermeister und Bundeskanzler Willy Brandt sagte ’89: „Berlin wird leben und die Mauer wird fallen“. Angesichts eines Berlins im Überlebensmodus und dem Festhalten am „antifaschistischen Schutzwall“ gegen die Demokratie kann die Prophezeiung Brandts kaum aktueller sein.