Lerne zu wachsen

Die Woche in Berlin: Ein Stand in Tarngrün, der von der Bundeswehr sehr könnte. Und vielleicht ist er es auch, wer weiß. Offiziell ist er von „SOS Kinderdörfer“, und das „Weltweit“. Aufschrift: „Für eine Welt, in der ihr wachsen könnt.“ Gemeint sind die Kinder. Vermute ich mal, aber ich bin mir nicht sicher. Denn erstmal müssen die Eltern wachsen lernen. Kinder im Erwachsenenkostüm.

Warum nicht heiter sein?

Strassen und Wege sind noch nicht vom Eis befreit. Im Gegenteil, es soll noch einmal richtig kalt werden. Der böse Russe schickt uns Eis und Schnee in den nächsten Tagen, vermutlich Wladimir Putin persönlich. Aber jetzt im Ernst: Immer mehr Menschen wissen nicht mehr, was sie noch glauben sollen. Mehr und mehr Menschen wenden sich deswegen wieder dem Glauben zu – und den Klassikern. Man merkt das auch auf dem Buchmarkt. Seichte Literatur verkauft sich zwar auch weiterhin ganz ordentlich. Gleichzeitig gehen Schopenhauer, Machiavelli und Nietzsche immer mehr weg wie geschnitten Brot. Aussagen wie „Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er’s.“ oder „Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzunahe; dein Erhabenes selbst wird dich fürchten machen wie ein Gespenst. Schreien wirst du einst: ‚Alles ist falsch!'“, aber auch „Seines Todes ist man gewiss: warum wollte man nicht heiter sein?“ sprechen immer mehr Menschen an.

Ich als Terminkunde

Hat mit dem Text nichts zu tun, aber irgendwie doch

Obwohl ich eher ein spontaner Typ bin, war ich heute kein „Spontan“, sondern ein „Terminkunde“. Und das kam so: Die Kunde war an mein Ohr gedrungen, dass mein Führerschein nicht mehr gültig sein soll. Genau war gestern der letzte Tag gewesen. Schon vor zwei Wochen habe ich deshalb einen Termin für den Umtausch gemacht. Ich sollte aktuelle Passbilder mitbringen, was ich tat. Im Bürgeramt sah ich dann Automaten, wo man Fotos machen konnte. Allerdings nur für Pass und Ausweis, nicht für Führerschein. Im Amt sah ich darüber hinaus Menschen, die einfach kamen, ganz ohne Termin. Die nannten sich dann Spontankunden. Ob man auch wegen Führerschein spontan kommen kann, habe ich schon nicht mehr gefragt. Die ganze Sache war mir in dem Moment schon zu kompliziert. Und sie wurde noch komplizierter. Ob ich mir den neuen Führerschein zuschicken lassen möchte? Kostet sechs Euro mehr. Warum sollte ich das machen? Weil dann, und nur dann, die Gültigkeit meines Führerscheins, der heute bereits ungültig war, nochmal um zwölf Wochen verlängert wird. Warum zwölf Wochen? Weil so lange braucht es, bis der neue Führerschein fertig ist. Wo bin ich? Irgendwo in den Schluchten des Balkans? Ich meine, da funktionieren die Dinge in Bulgarien besser! Dieses Land ist nicht mehr zu retten. Immerhin, die Sachbearbeiterin war nett.

Monty Pyton in Connewitz

Wenn ich es richtig verstanden habe, wird in Leipzig-Connewitz (kein Witz!) gerade die Fortsetzung von „Das Leben des Brian“ gedreht. Das Original ist allerdings – wie so oft – besser als das Remake. Alleine deswegen, weil man sich die Namen der verfeindeten Gruppen besser merken kann: „Volksfront von Judäa“ und „Judäische Volksfront“. Eines ist immerhin gleich geblieben: Sie hassen sich gegenseitig mehr als ihren gemeinsamen Feind. Wer war das jetzt gleich nochmal?

Handwerkszeug und aufrechter Gang

Manchmal dauert es etwas länger. Oder wie Arthur Schopenhauer es ausdrückte, als er seine späte Anerkennung im hohen Lebensalter noch miterleben durfte: „Der Nil ist bei Kairo angekommen!“. Ganz so lange hat es bei mir nicht gedauert. Mein Erfahrungsbericht über meinen Journalismus-Kurs bei Professor Michael Meyen „Der Umstrittene“ ist im Oktober 2023 bei Manova erschienen und hat folgendes Fazit: „Man kann von ihm Handwerkszeug und den aufrechten Gang lernen.“ Jetzt wurde er von dem von mir geschätzten Karsten Troyke eingesprochen, dessen Konzerte mit jüdischer Musik ich Anfang der Neunziger in den damals noch nicht sanierten Hackeschen Höfen besucht habe. Zurück zu Michael Meyen: der Kontakt zu ihm hat sich bis heute erhalten. Zuletzt sind auf der Seite seiner Freien Akademie für Medien und Journalismus die Beiträge „Assistierter Suzid“ und „Abschied von Hoffnungsland“ von mir erschienen. Wer mit der Berichterstattung insbesondere von ARD, ZDF, Süddeutscher, Spiegel & Co unzufrieden ist, und – so wie ich – aus Notwehr Journalist werden will, dem kann ich nur wärmstens empfehlen, mit Michael Meyen Kontakt aufzunehmen. Es muss aber auch vor ihm gewarnt werden. Neben dem Handwerkszeug lernt man auch den aufrechten Gang bei ihm. Letzteres ist nicht unbedingt jedermanns Sache.

Mein Leben im Liegen

Wegen akutem Rücken findet mein Leben gerade im Liegen statt. Gestern habe ich mich aufgerafft, um ein Interview zu geben. Bereits zum zweiten Mal war ich vom Corona Ausschuss eingeladen. Wie in meinem Taxi spreche ich mit jedem, auch mit Wolfgang Wodarg. Kontaktschuld oder „mit dem spreche ich nicht“ kenne ich nicht. Kenne ich auch aus Bulgarien nicht, nur aus Deutschland. Wobei „sprechen“ in dem Zusammenhang nicht das richtige Wort ist. Wolfgang Wodarg hat vor allem zugehört, was ich zu sagen habe. Wo Wolfgang Wodarg das „Zuhören“ gelernt hat, kann ich nicht sagen. Ich habe es im Taxi gelernt und bis zum Exzess praktiziert. Man nennt mich deswegen neben „Desillusionist“ auch „Extremzuhörer“. Zuhören hört sich einfach an, ist aber das Einfache, das so schwer zu machen ist. Dem Deutschen fällt das Zuhören besonders schwer. Das ist zumindest meine Erfahrung. Denn der Deutsche weiß immer schon alles, und vor allem besser. Oftmals auch die, die sich offen und aufgewacht wähnen – also nicht die Woken. Die wissen sowieso immer alles besser. Zurück zum Interview. Es dreht sich einmal mehr um Bulgarien. Da ist ja gerade einiges los. Erst Massenproteste, dann Rücktritt der Regierung und jetzt Einführung des T€uros zum 1. Januar. Noch am 30. Dezember stellt die Tagesschau fest, dass Umfragen meist zeigen würden, dass mehr als die Hälfte der Bulgarinnen und Bulgaren die Einführung des T€uros ablehnen. OK – aber warum wird er dann eingeführt? Aber es wird noch besser. Der „unabhängige Wirtschaftsexperte“ Ruslan Stefanov behauptet im selben Beitrag, dass die Bulgaren mit dem T€uro eine stabile Währung bekommen würden. Dabei ist die bulgarische Währung seit fast 30 Jahren stabil. Das schreibt sogar die Tagesschau, und zwar im selben Beitrag: „der bulgarische Lew war ab 1997 fix an den Kurs der D-Mark gekoppelt und seit 1999 an den Euro. Zwei Leva sind ziemlich genau ein Euro.“ Warum Ruslan Stefanov das nicht weiß, immerhin soll er „ein unabhängiger Wirtschaftsexperte am Zentrum für Demokratiestudien in der bulgarischen Hauptstadt Sofia“ sein, kann ich nur vermuten. Ich gehe davon aus, dass das „Zentrum für Demokratiestudien“ eine von der Regierung bezahlte „Nichtregierungsorganisation“ (NGO) ist. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Tagesschau aus Deutschland es besser weiß als der „unabhängige Wirtschaftsexperte“ in Bulgarien. Im Beitrag der Tagesschau kommt dann immerhin noch der Vizevorsitzende der Partei „Wiedergeburt“, Petar Petrov, zu Wort. Natürlich nicht ohne den Hinweis, dass es sich bei der Partei „Wiedergeburt“ um eine „rechtsradikale pro-russische Partei“ handelt. Diese deutsche Einordnung, die es in Bulgarien nicht gibt, ist wichtig. Nicht dass der Deutsche noch auf die Idee kommt, sich seine eigene Meinung zu bilden oder gar selbständig zu denken. Denn, was Petar Petrov sagt, ist nicht nur alles andere als uninteressant, sondern kommt der Wahrheit wohl am nächsten. Vizevorsitzender Petar Petrov stellt den T€uro nämlich als den großen Preistreiber für Bulgarien dar. Wer die Einführung des T€uros hierzulande miterlebt hat, dürfte sich daran erinnern. Einen drauf setzt noch der MDR, der am 11.12. folgendes über die Proteste in Sofia zu berichten weiß: „Viele der Protestierenden haben im westlichen Ausland studiert, dort in einer funktionierenden Demokratie mit einer intakten Zivilgesellschaft gelebt und sind in der Hoffnung und dem Ehrgeiz zurückgekommen, das Leben in Bulgarien zu verbessern.“ Fast zu schön, um wahr zu sein. Oder gibt es andere Gründe für ihre Rückkehr? Dass sie ihr Glück im Westen nicht gefunden haben? Oder dass sie die Freiheit in Bulgarien dem goldenen „Corona-Käfig“ im Ausland vorgezogen haben? Dieser und vieler anderer Fragen und Hintergründe widme ich mich in dem Interview (ab 1:11 h!) mit Wolfgang Wodarg und Viviane Fischer, das wie gesagt kein wirkliches Interview sondern ein Zuhören ist. Alleine deswegen lohnt es sich anzuschauen.