Manchmal dauert es etwas länger. Oder wie Arthur Schopenhauer es ausdrückte, als er seine späte Anerkennung im hohen Lebensalter noch miterleben durfte: „Der Nil ist bei Kairo angekommen!“. Ganz so lange hat es bei mir nicht gedauert. Mein Erfahrungsbericht über meinen Journalismus-Kurs bei Professor Michael Meyen „Der Umstrittene“ ist im Oktober 2023 bei Manova erschienen und hat folgendes Fazit: „Man kann von ihm Handwerkszeug und den aufrechten Gang lernen.“ Jetzt wurde er von dem von mir geschätzten Karsten Troyke eingesprochen, dessen Konzerte mit jüdischer Musik ich Anfang der Neunziger in den damals noch nicht sanierten Hackeschen Höfen besucht habe. Zurück zu Michael Meyen: der Kontakt zu ihm hat sich bis heute erhalten. Zuletzt sind auf der Seite seiner Freien Akademie für Medien und Journalismus die Beiträge „Assistierter Suzid“ und „Abschied von Hoffnungsland“ von mir erschienen. Wer mit der Berichterstattung insbesondere von ARD, ZDF, Süddeutscher, Spiegel & Co unzufrieden ist, und – so wie ich – aus Notwehr Journalist werden will, dem kann ich nur wärmstens empfehlen, mit Michael Meyen Kontakt aufzunehmen. Es muss aber auch vor ihm gewarnt werden. Neben dem Handwerkszeug lernt man auch den aufrechten Gang bei ihm. Letzteres ist nicht unbedingt jedermanns Sache.

Wegen akutem Rücken findet mein Leben gerade im Liegen statt. Gestern habe ich mich aufgerafft, um ein Interview zu geben. Bereits zum zweiten Mal war ich vom Corona Ausschuss eingeladen. Wie in meinem Taxi spreche ich mit jedem, auch mit Wolfgang Wodarg. Kontaktschuld oder „mit dem spreche ich nicht“ kenne ich nicht. Kenne ich auch aus Bulgarien nicht, nur aus Deutschland. Wobei „sprechen“ in dem Zusammenhang nicht das richtige Wort ist. Wolfgang Wodarg hat vor allem zugehört, was ich zu sagen habe. Wo Wolfgang Wodarg das „Zuhören“ gelernt hat, kann ich nicht sagen. Ich habe es im Taxi gelernt und bis zum Exzess praktiziert. Man nennt mich deswegen neben „Desillusionist“ auch „Extremzuhörer“. Zuhören hört sich einfach an, ist aber das Einfache, das so schwer zu machen ist. Dem Deutschen fällt das Zuhören besonders schwer. Das ist zumindest meine Erfahrung. Denn der Deutsche weiß immer schon alles, und vor allem besser. Oftmals auch die, die sich offen und aufgewacht wähnen – also nicht die Woken. Die wissen sowieso immer alles besser. Zurück zum Interview. Es dreht sich einmal mehr um Bulgarien. Da ist ja gerade einiges los. Erst Massenproteste, dann Rücktritt der Regierung und jetzt Einführung des T€uros zum 1. Januar. Noch am 30. Dezember stellt die Tagesschau fest, dass Umfragen meist zeigen würden, dass mehr als die Hälfte der Bulgarinnen und Bulgaren die Einführung des T€uros ablehnen. OK – aber warum wird er dann eingeführt? Aber es wird noch besser. Der „unabhängige Wirtschaftsexperte“ Ruslan Stefanov behauptet im selben Beitrag, dass die Bulgaren mit dem T€uro eine stabile Währung bekommen würden. Dabei ist die bulgarische Währung seit fast 30 Jahren stabil. Das schreibt sogar die Tagesschau, und zwar im selben Beitrag: „der bulgarische Lew war ab 1997 fix an den Kurs der D-Mark gekoppelt und seit 1999 an den Euro. Zwei Leva sind ziemlich genau ein Euro.“ Warum Ruslan Stefanov das nicht weiß, immerhin soll er „ein unabhängiger Wirtschaftsexperte am Zentrum für Demokratiestudien in der bulgarischen Hauptstadt Sofia“ sein, kann ich nur vermuten. Ich gehe davon aus, dass das „Zentrum für Demokratiestudien“ eine von der Regierung bezahlte „Nichtregierungsorganisation“ (NGO) ist. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Tagesschau aus Deutschland es besser weiß als der „unabhängige Wirtschaftsexperte“ in Bulgarien. Im Beitrag der Tagesschau kommt dann immerhin noch der Vizevorsitzende der Partei „Wiedergeburt“, Petar Petrov, zu Wort. Natürlich nicht ohne den Hinweis, dass es sich bei der Partei „Wiedergeburt“ um eine „rechtsradikale pro-russische Partei“ handelt. Diese deutsche Einordnung, die es in Bulgarien nicht gibt, ist wichtig. Nicht dass der Deutsche noch auf die Idee kommt, sich seine eigene Meinung zu bilden oder gar selbständig zu denken. Denn, was Petar Petrov sagt, ist nicht nur alles andere als uninteressant, sondern kommt der Wahrheit wohl am nächsten. Vizevorsitzender Petar Petrov stellt den T€uro nämlich als den großen Preistreiber für Bulgarien dar. Wer die Einführung des T€uros hierzulande miterlebt hat, dürfte sich daran erinnern. Einen drauf setzt noch der MDR, der am 11.12. folgendes über die Proteste in Sofia zu berichten weiß: „Viele der Protestierenden haben im westlichen Ausland studiert, dort in einer funktionierenden Demokratie mit einer intakten Zivilgesellschaft gelebt und sind in der Hoffnung und dem Ehrgeiz zurückgekommen, das Leben in Bulgarien zu verbessern.“ Fast zu schön, um wahr zu sein. Oder gibt es andere Gründe für ihre Rückkehr? Dass sie ihr Glück im Westen nicht gefunden haben? Oder dass sie die Freiheit in Bulgarien dem goldenen „Corona-Käfig“ im Ausland vorgezogen haben? Dieser und vieler anderer Fragen und Hintergründe widme ich mich in dem Interview (ab 1:11 h!) mit Wolfgang Wodarg und Viviane Fischer, das wie gesagt kein wirkliches Interview sondern ein Zuhören ist. Alleine deswegen lohnt es sich anzuschauen.

Gerade lese ich obiges Buch. Das Buch ist nicht von dem bekannte Dichter und Zeichner Wilhelm Busch (1832-1908), sondern von dem Jugendpfarrer Wilhelm Busch (1897-1966) in Essen. Auf sein Buch „Jesus unser Schicksal“ hat mich eine gute Freundin vor einem halben Jahr aufmerksam gemacht. Danach habe ich es zweimal auf der Straße gefunden. Ein Exemplar habe ich verschenkt, das andere lese ich wie gesagt gerade. In diesem Beitrag soll es aber nicht um das Buch gehen, zumindest nicht direkt, sondern um meine Beobachtung, dass immer mehr Menschen gerade zum Glauben und einige zu Jesus und Gott finden. Das ist kein neues Phänomen, zumindest nicht für mich. In Bulgarien gab es das nach ’89 und hält praktisch bis heute an. In Ostdeutschland hat die Kirche in einer gesellschaftlichen Krise ihre Pforten für die Menschen geöffnet, ganz egal ob sie an Gott glaubten oder nicht. Dass sie dies in den aktuellen Krisen nicht tut, halte ich für einen großen Fehler, der den Kirchen irgendwann auf die Füße fallen wird. Unabhängig davon nehme ich bei Freunden und Bekannten in letzter Zeit vermehrt den Wunsch wahr, an etwas glauben zu können. Und in gewisser Weise gehöre ich auch zu ihnen. Seit einiger Zeit besuche ich die Meetings von AA (Anonyme Alkoholiker), wo wahlweise von Gott oder einer höheren Macht die Rede ist. Viele der AA-Freunde können weder mit Gott, noch mit einer höheren Macht etwas anfangen. Auch zu diesen Menschen gehöre ich. Trotzdem besuchen wir die AA-Meetings und sind dort willkommen. Was uns eint, ist der Wunsch mit dem Trinken aufzuhören. Das ist auch die einzige Voraussetzung für die AA-Zugehörigkeit. Unser Weg ist der der Ehrlichkeit, und dass wir nur über uns sprechen, andere nicht kritisieren oder bewerten. Denn alles, was andere sagen, ist in dem Moment ihre Wahrheit, von der ich oft noch etwas lerne, auch wenn es nicht meine Wahrheit ist. Das wichtigste ist, bei sich zu bleiben und die Fehler nicht immer beim anderen zu suchen. Dazu muss man zugegeben keine AA-Meetings besuchen. Und auch nicht an Gott zu glauben. Ein Freund von mir, der mit dem Trinken ganz ohne AA-Meetings aufgehört hat, meinte einmal zu mir, dass er sich wünscht, die Leute würden später über ihn sagen: Eigentlich war er ein guter Kerl. Das fand ich sehr ehrlich und auch sehr mutig. Ich denke, dass es im Großen und Ganzen das ist, wonach auch ich strebe. Ich nenne es Seelenheil. Zu dem, was ich unter Seelenheil verstehe, gehört vor allem, keine Feinde zu haben und niemanden zu hassen. Das sind große Ziele, keine Frage. Kaum einer ist in der Lage, diese auch nur annähernd vollständig zu erreichen. „Wir sind keine Heiligen. Es kommt darauf an, dass wir willens sind, anhand spiritueller Grundsätze zu wachsen.“ So steht es bei den Anonymen Alkoholikern in Wie es funktioniert. Und weiter: „Unsere Lebensgeschichten offenbaren, wie wir waren, was geschah und wie wir heute sind. Wenn Sie sich darüber klar geworden sind, dass Sie das haben wollen, was wir heute besitzen – und wenn Sie willens sind, den ganzen Weg zu gehen, um es zu bekommen – dann sind Sie auch bereit, dafür gewisse Schritte zu tun.“ Genauso war es bei mir. Ich wollte das haben, was die Anonymen Alkoholiker haben. Das mit den Schritten ist übrigens wörtlich gemeint, es sind genau zwölf. Ich will die für mich wichtigsten hier aufschreiben, damit klarer wird, worum es geht: Erster Schritt: Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten. Zweiter Schritt: Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann. Dritter Schritt: Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes – wie wir Ihn verstanden – anzuvertrauen. Vierter Schritt: Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren. Fünfter Schritt: Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu. Sechster Schritt: Wir waren völlig bereit, all diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen. Siebenter Schritt: Demütig baten wir Ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen. Achter Schritt: Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten und wurden willig, ihn bei allen wieder gutzumachen. Neunter Schritt: Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut – wo immer es möglich war -, es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt. Zehnter Schritt: Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir Unrecht hatten, gaben wir es sofort zu. – Jetzt sind es doch mehr Schritte geworden, als gedacht, die ich aufgeschrieben habe. Wer bis zum Schluss durchgehalten hat mit dem Lesen, hat eine Vorstellung davon bekommen, worum es beim Seelenheil geht und wie der Weg zu ihm ist. Zumindest für mich. Zum Schluss sei noch ein Satz zitiert, den man sehr oft bei den Meetings zu hören bekommt: „Komm wieder, es funktioniert!“ – Ist sozusagen ein Slogan von AA, den ich bestätigen kann. Wie es genau funktioniert, das kann allerdings auch ich nicht sagen.

Kam ich früher aus den USA nach Berlin zurück und traf in der Ring-Bahn auf Biertrinkendes Volk, rief ich immer aus: Endlich normale Leute! Das ist lange her. Heute graut es mir vor jeder Rückkehr in die Bundeshauptstadt. Dass ich einmal in Bayern und in Bulgarien dasselbe ausrufen würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Aber es ist wirklich so. Sowohl in Bulgarien, als auch in Bayern treffe ich mehr geerdete Menschen mit gesundem Menschenverstand und Herzensbildung als in Berlin. Die Schwierigkeit besteht darin, das sage ich aus eigener Erfahrung, sich das Offensichtliche einzugestehen. Hört sich einfach an, ist aber das Einfache, das so schwer zu machen ist. Manchmal sind es auch nur die kleinen Dinge, die man anders machen muss. Beispielsweise in Dachau, das vielen vor allem für sein Konzentrationslager bekannt ist, dieses einfach mal Konzentrationslager sein zu lassen und dafür zum Schloss Dachau hochzufahren, wo obige Aufnahme entstand.

Vorderansicht
In München steht nicht nur ein Hofbräuhaus, sondern auch ein Siegestor. Es erinnert ein wenig an das Brandenburger Tor in Berlin. Auf dem Dach gibt es auch eine Quadriga, allerdings eine mit Löwen. In Berlin sind es Pferde. Ich weiß gar nicht, wem das Brandenburger Tor geweiht ist. Beim Siegestor ist es klar. Es ist „Dem Bayrischen Heere“ geweiht, so wie der Reichstag „Dem Deutschen Volke“. So wei(h)t, so gut. Erwähnt sei auf jeden Fall noch der Hinweis auf der Rückseite (unten) des Siegestores. Ich verstehe ihn so, dass auf jeden Sieg eine Zerstörung folgt – Mahnung hin oder her. Mich erinnert das an „Alles wird besser“, ein Song von Silly – „Die Top Band aus der DDR“.

Hinteransicht

Berliner Stillleben
Wenn ich es richtig verstanden habe, hat der Berliner Südwesten schon jetzt wieder Strom, weil Bürgermeister Wegner Tennis gespielt hat. Muss so ’ne Art „Spiel ohne Grenzen“ gewesen sein: Tennis für Strom. Jetzt soll er dafür zurücktreten – das muss man sich mal vorstellen! Wo der Mann doch alles gegeben und sich so aufgeopfert hat für seine Bürger. Obiges Foto ist übrigens nicht während des Blackouts aufgenommen, sondern schon eine Woche vorher auf dem Flohmarkt. Jemand hat dort liebevoll seinen Stand beleuchtet, unter anderem mit einer Grabkerze, wie viele die letzten Tage in Zehlendorf ihre Wohnung. Ganz Pfiffige sollen sich bereits im Vorfeld mit Kerzen, Kurbelradios und Teelichtöfen eingedeckt haben. Für mich sind das alles olle Kamellen, wie man so schön sagt. In Bulgarien sitzen die Menschen den lieben langen Tag nur um ihre Teelichtöfen.

Berliner Bär in München
Während man im Südwesten Berlins solidarisch ist mit den vom Strom- und Wärmeausfall Betroffenen, scheint die Information, dass es einen Anschlag von linken Linken gab, in Berlin -Mitte noch nicht angekommen zu sein. Manch einer ist sich gar sicher, dass – mal wieder – Putin Schuld ist. So gesehen wird eine „Demo gegen Rechts“ demnächst in Zehlendorf immer wahrscheinlicher. Zurück zur Solidarität: Auch in Bayern ist man solidarisch mit den Südwest-Berlinern. In München beispielsweise hat ein Döner-Geschäft mit dem schönen Namen „Echte Berliner“ einen Teil seiner Berliner Bär Verkleidung abgerissen, um die so frei gewordene, von den Lampen produzierte Wärme in den Berliner Südwesten zu senden. So sieht echte bayrische Solidarität aus.

Solidaritätsbekundung in der Leopoldstraße