
Gestern war es wieder so weit. Das Kommende war unterwegs, das gleichzeitig das Alte ist. Die ewige Wiederkehr des Immergleichen, wie Nietzsche es nennt. Und Orwell: „Krieg ist Frieden“.


Gestern war es wieder so weit. Das Kommende war unterwegs, das gleichzeitig das Alte ist. Die ewige Wiederkehr des Immergleichen, wie Nietzsche es nennt. Und Orwell: „Krieg ist Frieden“.


Genauso wie der vietnamesische Schneider bei mir im Kietz, spreche ich auch kein englisch. Im Gegensatz zu ihm verstehe ich aber englisch, was ich halt verstehen will, und verkaufe auch an English-Speaker, und zwar Bücher. Heute habe ich eine ganze Kiste (von vier) voll von Büchern auf englisch dabei. Alleine deswegen lohnt es sich auf den Flohmarkt Boxhagener Platz („Boxi“) vorbeizukommen. Das wichtigste habe ich fast schon wieder vergessen: No PayPal – Only Cash!

Am Kottbusser Tor – früher Kreuzberg, heute Friedrichshain-Kreuzberg
Die Stimmung ist aggressiv aufgeladen in der deutschen Hauptstadt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Menschen an die Gurgel gehen, so denke ich. „People are crazy and times are strange“ aus den Neunzigern klingt dagegen noch harmlos. Die Berliner Zeitung spricht von einer: „Fahrt durch die Hölle“. Auch ich fahre viel mit den Öffentlichen – auch mit der U7. Und ich kann alles bestätigen, was die Autorin in der Berliner Zeitung schreibt. Interessant die Schreie des Mannes in der U-Bahn, die die junge Frau in die Flucht schlugen: „Ich hab Hunger, so ’ne Scheiße, hat hier niemand was zu essen oder Geld, ich hab keine Stimme mehr. Was seid ihr nur für Menschen?“

People are crazy and times are strange – I used to care, but things have changed

Aktuelle Werbung in Berlin – Keine Ahnung, wofür. (Ich verstehe die Zeichen der Zeit nicht mehr.)
Erst legt der Wladimir, Verzeihung Wolodymyr Oleksandrowytsch, Berlin lahm, und jetzt der Joe, Verzeihung Joseph Robinette. Glaubt man der Berliner, will der Joe mit dem Wladimir nichts mehr zu tun haben, dieser ihm möglicherweise mittlerweile zur Last fällt. Sollte das stimmen, könnte das mit dem so genannten „Siegesplan“ von dem Wladimir zu tun haben. Normalerweise ist so genannt vor „Siegesplan“ in Anführungszeichen doppelt gemoppelt. Ich schreibe es trotzdem, weil heute sogar das öffentlich/rechtliche InfoRadio vom so genannten „Siegesplan“ von Wladimir gesprochen hat. Ich kann zu Wladimirs so genanntem „Siegesplan“ so viel sagen, dass mir immer, wenn einer vom Siegen spricht, Rilke einfällt: „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“

Neulich, genau war es am Montag, war ich in einer Kneipe in Neukölln. In der Kneipe, genau war es der Keller, war ich, weil es dort Montags immer ein Jazz-Konzert gibt. Nach dem Konzert, das unerwartet gut war, musste ich auf Toilette. Die Herren-Toilette heißt in Neukölln nicht mehr Herren-Toilette, sondern „Toilette mit Pissoirs“, also mit Pissbecken. Vor einem solchen stehend wollte ich mich gerade fragen, ob Frauen auch auf Pissoirs gehen und wie. Dazu kam es nicht, weil es direkt vor mir eine rote Wand gab. Meine nächste Frage war, ob die rote Farbe evtl. von einer Monatsblutung stammt. Auch diese Frage konnte nur an- und nicht zu Ende gedacht werden. Denn auf der roten Wand stand etwas in silbernen Lettern auf englisch. Bis heute frage ich mich, was es bedeuten soll, was der Sprayer (die Spayerin?) mir sagen will. Und so geht es mir immer öfter. Ich verstehe die Zeichen der Zeit einfach nicht mehr. Auch die im Vorraum der Toilette mit Pissoirs nicht. Obwohl es dieselben Zeichen sind, nur diesmal schwarz auf ehemals weißen Kacheln. Aber das allerschlimmste ist, dass ich gar nicht mehr zum Nachdenken komme – nicht mal auf Toilette. Das soll wiederum gut sein, habe ich mir sagen lassen, denn das soll voll im Zeitgeist liegen. Bloß nichts mehr hinterfragen. Sondern alles immer brav mitmachen, am besten in der ersten Reihe.


Bei mir um die Ecke
Umsonst und nicht nur RICHTIG GÜNSTIG ist es auf der Straße. Genau ist es der Bürgersteig, so viel Zeit muss sein, und unter der Brücke, also trocken. Nicht zu vergessen die ständige frische Luft, die zugegeben durch die direkt neben dem Bürgersteig liegende Straße, und zwar von den zahlreich auf ihr fahrenden Fahrzeugen, nicht unbedingt verbessert wird. Aber trotzdem eben RICHTIG BIO, zumindest in Berlin, weil hier gibt es ja keine andere Luft, und draußen ist doch Bio, oder nicht?

Aktuelles Graffiti in Berlin-Neukölln
„Wiedervereinigung nur so“ war eines der ersten Wende-Graffiti – auch in Berlin. Das Dresdner „Neustadt-Geflüster“ schreibt, dass es dem Betrachter überlassen blieb, ob der Spruch ein Wunsch war oder die Aussage der Realität vorauseilte. Für mich war es kein Wunsch, sondern ganz klar die Realität: der Ossi wurde gef…t. Die Situation heute ist zwar ähnlich, man ist aber weiter. Davon lebt ja der Kapitalismus: von Weiterentwicklungen. Auch Wahrheiten müssen sich ständig weiter entwickeln, will man täglich neue verkaufen. Meine weiter entwickelte Wahrheit (ganz genau sind es meine aktuellen Beobachtungen in Berlin) sieht so aus, dass die meisten hier so gef…t, also so am Arsch sind (ganz wichtig: nicht gelangweilt!!!), dass sie nur noch eines wollen: weiter gef…t.