Leaving Berlin (037)

Ist der Flohmarkt in Berlin traditionell am Sonntag, ist er im bulgarischen Montana immer Montags. Neben Ersatzteilen, Arbeitsschuhen, Geschirr, Werkzeug und Töpfen zum Schnaps brennen werden auf ihm auch Kartoffeln, Tomaten, Gurken und sogar Kinderschokolade (oben) für unschlagbare 50 Cent (1 Lew) angeboten. Dass keiner zuschlägt, liegt daran, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum der Kinder-Schoko-Bons bereits 2022 abgelaufen ist. Im Supermarkt sind die Sonderangebots-Regale (unten) regelmäßig leer geräumt. Das Leben ist teuer geworden in Bulgaren. Die meisten Lebensmittel sind mittlerweile genauso teuer wie in Deutschland, manche sogar teurer. Um davon abzulenken, läuft in den Supermärkten neuerdings Musik, die bei jedem Besuch lauter und aggressiver wird. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich funktioniert beim Bulgaren. Ein Versuch scheint es wert zu sein.

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Leaving Berlin (036)

Das Spiel ist aus

Bulgarien hat – mal wieder – keine Regierung. Die Macht liegt sozusagen auf der Straße. Ohne Regierung lebt es sich ganz angenehm. Auf keinen Fall schlechter als mit – eher besser. Selbst in Sofia, wo ich neulich für einen Tag war. Die Stadt geht mir zunehmend auf die Nerven. Sie wird immer mehr wie alle anderen Großstädte: langweilig. Die Leute dort kommen mit den einfachsten Dingen nicht mehr zurecht, zum Beispiel mit einem Regenschauer. Einerseits beklagen sie sich, dass es wegen dem Klimawandel zu wenig regnen würde. Wenn es dann mal regnet, fallen sie sprichwörtlich aus allen Wolken. Eine Freundin musste nochmal nach hause fahren, um sich umzuziehen. Wie ich mich fühlen würde in Sofia, fragte sie mich, als sie endlich auftauchte. Die Antwort fiel mir nicht schwer: Wie Crocodile Dundee! – In der verlinkten Szene geht es um ein Messer, was mich an Deutschland denken lässt, wo es – mal wieder – einen Messerangriff gab und ein Polizist weiterhin in Lebensgefahr schwebt. Und das, obwohl es dort eine Regierung gibt.

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Leaving Berlin (035)


Vor einigen Tagen war ich in Sofia, der bulgarischen Hauptstadt. Bulgarien ist Deutschland um eine Stunde voraus, ich hatte das schon mehrfach erwähnt. Möglicherweise ist man der Heimat auch in Sachen Sowjetisches Ehrenmal voraus. Jedenfalls fehlt hier schon mal die Skulptur auf dem Denkmal, es steht nur noch der Sockel. Ran kommt man trotzdem nicht. Auch der Sockel ist weiterhin durch einen Bauzaun „geschützt“. Davor gibt es einen Veranstaltungs-Container mit der Aufschrift „Stimme des Volkes“ („Vox Populi“), in dem aber seit Monaten keine Veranstaltungen mehr stattfinden. Offenbar hat man, nachdem die „Stimme des Volkes“ gesprochen hat, diese zurück in die Mottenkiste getan. Dafür gibt es in „Rot wie Blut“ den Aufruf Nazis zu töten. Fast fühle ich mich angesprochen. Immerhin wurde ich auch schon mal als Nazi bezeichnet und auch bedroht. Das war aber in Berlin, der Zentrale des deutschen Irrenhauses. Ich bin mir nicht sicher, ob „Kill Nazis!“ in Bulgarien, wo Ja Nein und Nein Ja bedeutet, dieselbe Bedeutung hat wie in Deutschland, dem einstigen Land der Dichter und Denker. – Ich denke Nein.

Sowjetisches Ehrenmal in Sofia am 21. September 2023

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Leaving Berlin (034)

Das ist meine erste Tomate. Heute habe ich sie angebunden, also die Pflanze. Insgesamt habe ich zehn Tomatenpflanzen, die ich vor gut einem Monat gepflanzt habe. Seither hat es viel geregnet, zu viel für meine Tomatenpflanzen. Sonst hätte ich vielleicht schon mehr, immerhin habe ich frühe Tomaten gekauft. Heute hat es sogar gewittert und gehagelt. Danach habe ich die Stöcke vom letzten Jahr in den Boden gerammt und die Tomatenpflanzen an ihnen angebunden. Auch damit mir die Pflanzen nicht wegfliegen. Denn manchmal haben wir starke Winde hier in den Schluchten. Der Untergrund ist übrigens Selbstgehäckseltes auch vom letzten Jahr. Deswegen habe ich kein Unkraut, oder zumindest noch nicht. Ich hatte auch drei Gurken gepflanzt, aber die Pflanzen sind verschwunden, komplett weg, über Nacht sozusagen. Da soll es Tierchen geben, denen jungen Gurkenpflanzen schmecken. Ich kenne sie nicht persönlich, aber Baba Bore, meine Nachbarin. An ihrer Stelle stehen jetzt zwei Zwiebeln. Die habe ich gepflanzt, weil sie schon wieder Grünzeug getrieben haben. Dann kann man sie zwar noch essen, sie sind aber nicht mehr wirklich lecker. Die Power steckt in den Trieben. Und bald in neuen Zwiebeln. So hoffe ich. Und die esse ich dann zusammen mit den Tomaten. Das ist der Plan.

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Meanwhile in Germany (018)

Ich bin kein Fussballfan, mein Interesse an Fussball geht gegen Null, neuerdings sogar unter Null. Und zwar seit ich erfahren habe, dass der BVB, also Dortmund, sich vom Rüstungskonzern Rheinmetall sponsern lässt, und das auch noch als „Echte Liebe“ verkauft. Da musste ich kotzen. Zum Glück war ich gerade im Grünen. Überhaupt ziehe ich ab sofort balkanische Scheißhäuser deutschen Stadien vor. Wer in Zukunft in ein Stadion geht, sollte sein Schießgewehr nicht vergessen. Anstelle von „Echter Liebe“ empfehle ich „Brot und Tod“ als Motto einzugravieren.

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Leaving Berlin (034)

Knapp zwei Jahre ist es jetzt her, dass wir uns auf dem Boulevard Vitosha in Sofia kennengelernt haben. Der Boulevard Vitosha ist eine Art Unter den Linden oder wegen mir auch Kurfürstendamm der bulgarischen Hauptstadt, an dessen Ende sich dieses Denkmal des Klassikers Aleko Konstantinow befindet, dessen wichtigsten Werke ich auf Deutsch herausgebe. Angesprochen habe ich den mir unbekannten jungen Mann aus einer Kleinstadt im Hessischen, weil er sich mit einem Freund in der Muttersprache unterhalten hatte. – Vor wenigen Tagen rief mich mein Bürgermeister an, weil sich ein Landsmann in seine Kneipe verirrt hatte. Ich sprach kurz am Telefon mit ihm, und wir vereinbarten am nächsten Tag zusammen einen Kaffee zu trinken. Was bis zu dem Zeitpunkt nach einem ersten Kennenlernen aussah, entpuppte sich als ein Wiedersehen. Denn, wie bereits geschrieben, wir kannten uns bereits vom Boulevard Vitosha in Sofia. Solche Geschichten passieren in Bulgarien regelmäßig, denn das Land ist nicht groß und hat, da fast jeder dritte es verlassen hat, nur ungefähr doppelt so viele Einwohner wie Berlin. Was auch nicht das erste Mal vorkam, war, dass mein Bürgermeister den Kontakt herstellte. Mein Bürgermeister ist, wie mein Freund Achim in Bremen, jemand, der Menschen miteinander verbindet. Achim hatte den Kontakt zu Uschi und Michael gemacht, die mich im letzten Jahr besucht und hier unter Update darüber berichtet haben. Nicht neue, sondern solche Männer braucht das Land! Um nicht wieder das wichtigste zu vergessen: Der junge Mann aus dem Hessischen, der um die dreißig sein dürfte, lebt seit über fünf Jahren in Bulgarien und fühlt sich sehr wohl hier. Er ist sogar verheiratet. Seine Frau hatte das mit dem Heiraten vorgeschlagen, wie ich von ihm erfuhr, und weil er kein Spielverderber sein wollte, hat er das (mit)gemacht, was Alexis Sorbas als „The Full Catastrophe“ bezeichnet.

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Meanwhile in Germany (017)

Auch wenn manch Strommast in Bulgarien etwas schrägt steht und mit einem Draht gehalten werden muss, können die meisten hier noch geradeaus denken. Andersrum in Deutschland. Das von Bill Gates gesponserte ehemalige Nachrichtenmagazin aus Hamburg weiß über einen Schlagermove auf St. Pauli zu berichten. Laut Überschrift haben dort nackte Männer Frauen angetanzt. Nur: Wie kann man sicher sein, dass die Männer Männer waren? Vielleicht haben sie sich selbst als Frauen definiert. Hat man mit den mutmaßlichen Männern gesprochen? Natürlich nicht. Bravo, Spiegel! – Gesprochen wurde auch in Berlin nicht, der Zentrale des deutschen Irrenhauses. Dort hat man gleich zugeschlagen, und zwar die Polizei, dein Freund und Helfer. Getroffen haben die Schläge diesmal keinen friedlichen Demonstranten, sondern einen für die Berliner Zeitung arbeitenden Journalisten aus Mexiko. Mittlerweile hat sich der mexikanische Botschafter in Berlin in den Fall eingeschaltet und überregionale Zeitungen haben in dem nordamerikanischen Land darüber berichtet. Jetzt weiß man endlich auch in Mexiko über das brutale Vorgehen der Polizei in der deutschen Hauptstadt bescheid. Bravo, Berliner Polizei! – Zurück zu Bulgarien, wo zwar Strommasten mitunter etwas schräg stehen, aber immer noch geradeaus gedacht wird, und wo auch das Vorgehen das Polizei ein anderes ist, zumindest bisher. Ich war zu vielen Demonstrationen hier, um über sie zu berichten, beispielsweise hier. Auf allen habe ich mich so sicher gefühlt wie zuvor lange nicht. Da war ich auf zahlreichen Demonstrationen in Berlin gewesen. Bekämpft und schlägt man dort das eigene Volk und neuerdings auch ausländische Journalisten, hat man bei bulgarischen Polizisten immer den Eindruck, sie sympathisieren mit den Demonstranten oder haben zumindest Verständnis für sie. Das hat auch mit dem obersten Polizisten zu tun, mit dem ich mich angefreundet habe. Sein Name ist Georgi Alexejew, ich habe hier über ihn berichtet. Als ich Alexejew erzählt hatte, dass ich aus Berlin komme, berichtete er mir von seinem Erfahrungsaustausch in der deutschen Hauptstadt. Er habe dort durchaus zur Kenntnis genommen, dass die Berliner Polizei ein aggressiveres Auftreten hat. Seine Fazit danach: „Das ist nicht mein Stil. Wir machen das anders in Bulgarien.“ Bravo, Georgi Alexejew!

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