Leaving Berlin (033)

Früher wurde „nur“ an der Uhr gedreht. Danach an den Farben. Auch beim Bulgare werden die Farben immer dunkler, man sieht das an den Buchstaben der Laufschrift ДОБРЕ ДОШЛИ (Dobre Doschli – Herzlich Willkommen) am Rathaus. Sie wird immer dunkler wie bei uns die Landkarte beim Wetterbericht. Aber der Bulgare geht noch einen Schritt weiter. Nicht umsonst ist Bulgarien Deutschland eine Stunde voraus. In Bulgarien wird neuerdings an der Temperatur gedreht. Genauer: an der Temperaturangabe. Sie wird hier mit 33° Celsius angegeben. In Wahrheit betrug sie zu diesem Zeitpunkt (25.05.2024 um 16:01:52/4)) gerade mal 23° Celsius. Ein „Plus“ von immerhin zehn Grad, was mich an die DDR erinnert. Dort wurden die Pläne auch immer um zehn Prozent überfüllt – mindestens. Demnächst auch im besten Deutschland, das es jemals gegeben hat. Garantiert!

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Leaving Berlin (032)

Das ist ein Mekiza. Meist wird die Mehrzahl Mekizi verwendet. Am Freitag hatte ich mir im Nachbarstädtchen zwei von ihnen zum Frühstück gekauft, weil ich dachte, dass einer zu wenig wäre, was sich aber nicht bestätigt hat, so dass der zweite mein Frühstück gestern morgen war. Ausser mir gab es nur Rentner, die auch alle Mekizi zum Frühstück am kleinen Pavillon am Ende des Basars gekauft haben, meist aber nur einen. Die Rentner hatten sich herausgeputzt, nicht nur weil Feiertag war. Am Freitag ist auch traditionell Basar, was der einzige Anlass für sie ist, nochmal raus zu gehen. Den Rest der Zeit sitzen sie zu hause und warten auf den Tod. Familie haben sie nicht mehr, alle sind im Ausland oder zumindest in Sofia. Es ist die ärmste Region des Landes, dementsprechend wohnen auch nur arme Leute hier. Baniza gibt es nicht mehr, denn die ist mit Schafkäse und den kann sich keiner mehr leisten. Die letzte Banitza, die es gab, konnte man nicht essen. Der Schafkäse hatte weder mit Schaf noch mit Käse etwas zu tun, er war einfach nur ungenießbar. Jetzt gibt es nur noch Mekizi ohne alles. Die sind (noch) essbar, aber nur wenn sie heiß sind wie am Freitag. Auch für alte Leute ohne Zähne, die sich die meisten hier auch nicht leisten können. Die Mekizi sind so groß, dass die Alten zwei Tage an einem essen. Die meisten machen Zucker drauf, ich bevorzuge Salz. Vergleichbar sind Mekizi am ehesten mit dem ungarischen Langos. Mekizi sind eine Art Pfannkuchen, auch wenn sie nicht in einer Pfanne, sondern in einem Topf mit kochendem Sonnenblumenöl gebraten werden. Kosten tut ein Mekiza aktuell 1,20 Lewa, was 60 Cent sind. Im letzten Jahr waren es nur 80 Stotinki gewesen, also 40 Cent. Der letzte Langos, den ich in Berlin gesehen habe, sollte fünf Euro kosten.
PS: Apropos Berlin: Bei mir um die Ecke im Friedrichshain, ganz genau in der Weichselstraße, hat ein Hipster-Bäcker aufgemacht, den ich letztens ausprobiert habe. Ich nahm das billigste, zwei Brotkanten (es waren wirklich nur Brotkanten, also angeschnittene Brotenden) für 5,60 Euro, die ganz OK waren. Den nächsten Besuch beim Berliner Hipster-Bäcker kann ich mir erst nächstes Jahr leisten. So lange muss ich bei Wasser und Mekizi in den Schluchten des Balkans ausharren.

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Meanwhile in Germany (016)

Friedensdemo im Berliner Tiergarten (23. November 2023)

Anton Hofreiter von den einstmals pazifistischen Grünen, die jetzt zu den größten Kriegstreibern in unserem Land gehören, will an die Ostfront. Genauer: in die Ukraine. Von dort aus will er Raketen auf Russland abfeuern. Genauer: westliche Waffen. Aber warte mal. Das stimmt ja gar nicht. Ganz genau ist es „nur“ so: „Hofreiter will Ukraine das Abfeuern westlicher Waffen auf Russland erlauben“

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Leaving Berlin (031)

Zum Feiertag gestern war ganz schön was los im verlassenen Nachbarstädtchen. Wer krauchen konnte und sich noch nicht ins Ausland oder zumindest nach Sofia abgesetzt hat, war auf den Beinen. Vor dem Kulturhaus gab es eine Bühne, wo Texte vorgelesen, Gedichte zitiert, gesungen und getanzt wurde. Es gab auch eine Blaskapelle, der Nordwesten Bulgariens ist für seine Blasmusik bekannt. Es gibt sie sonst in Serbien, aber nicht im Rest des Landes. Die bulgarische Trikolore – weiß, grün, rot – darf nicht fehlen. Im Gegensatz zu Deutschland. Dort ist man Rechts wenn nicht gar Nazi, wenn man sie, sieht man von Tagen ab, an denen „Die Mannschaft“ spielt,  herausholt. Wenn ich es richtig verstanden habe, sind die Farben der deutschen Fussball-Nationalmannschaft selbst nicht mehr schwarz, rot, gold, sondern der Regenbogen. Doch zurück zu gestern in Bulgarien. Links und rechts der Bühne zwei Banner, auf die ich hinweisen möchte. Auf dem linken das von Kyrill und Method aus dem Griechischen entwickelte Glagolitische Alphabet, auf dem rechten das daraus von ihren Schülern geschaffene Kyrillische. Auf dem Sockel der Bühne finden sich noch die ersten drei Anfangsbuchstaben des kyrillischen Alphabets. Was bei uns das ABC ist, ist beim Bulgaren das ABW (АБВ).

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Meanwhile in Germany (015)

Friedensdemo im Berliner Tiergarten (23. November 2023)

Ausgerechnet die taz bestätigt das, was ich bereits auf Bildern von den Besetzern der Humboldt-Uni in Berlin gesehen hatte: „Fast alle tragen Atemschutzmasken …“ – Nur: Warum? Das erfährt der Leser des ehemals linken Blattes nicht. Wollen die Besetzer unerkannt bleiben? In der Vergangenheit tat es ein Dreiecktuch, das man sich über die Nase zog. Im aktuellen Fall täte es auch das Palästinensertuch, das laut taz auch fast alle tragen. Meine Neugier war geweckt und so fragte ich einen Freund in der Heimat. Der hielt es – genauso wie ich – für möglich, dass die Besetzer den Schuss nicht gehört hätten. Studenten halt! Mich erinnern die jungen Menschen mit Masken an Provokateure, die sich im Berliner Tiergarten unter eine Demo von so genannten Querdenkern gemischt hatten. Das Problem war, dass sie dort die einzigen waren, die eine Maske trugen, weswegen sie von Polizisten von auswärts erkannt und verfolgt wurden. So, wie man es mit Provokateuren macht. Die Berliner Polizei sprach damals mit einzelnen Provokateuren. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass man sich abspricht. Nun spricht man sich nicht mehr ab, sondern räumt. – Das wichtigste hätte ich fast vergessen. Und zwar dass ich es für richtig halte, dass man gegen das Morden im Gaza demonstriert. Selbst wenn es Leute sein sollten, die den Schuss nicht gehört haben. Provokateure ausgenommen.

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Leaving Berlin (030)

In Bulgarien ist heute Feiertag, genauer: „Tag des bulgarischen Schrifttums, der bulgarischen Bildung und Kultur“. Am 24. Mai wird traditionell der beiden Brüder Kyrill und Method gedacht, nach denen die kyrillische Schrift benannt ist, auch wenn diese gar nicht von ihnen sondern von ihren Schülern erfunden wurde. Kyrill und Method haben „nur“ die Vorstufe zu ihr geschaffen, das so genannte Glagolitische Alphabet, und zwar aus dem Griechischen, ihrer Muttersprache. Das Kyrillische ist also keine Erfindung der Russen, auch wenn das viele in der Heimat glauben. Wer kyrillisch nicht lesen kann, beispielsweise obiges Taxischild, und dem bösen Russen dafür die Schuld gibt, liegt definitiv verkehrt. Er ist besser beraten, sauer auf die Bulgaren zu sein. In Bulgarien wird der heutige Feiertag vor allem von Schülern und Studenten begangen. Es werden Texte vorgelesen, Gedichte vorgetragen, alte bulgarische Weisen gesungen und natürlich auch getanzt. Ohne zu tanzen läuft beim Bulgaren nichts. Und da gibt es einen komischen Zufall, der vielleicht gar kein Zufall ist. Heute hat Bob Dylan Geburtstag, der sich selbst auch als „Song and Dance Man“ bezeichnet. Als solcher wäre er heute in Bulgarien gut aufgehoben. Gerade stelle ich mir vor, wie er einen seiner Songs hier auf bulgarisch vorträgt und keiner den Song erkennt, was nichts ungewöhnliches ist, weil man die Songs von Bob Dylan zumindest auf seinen Konzerten generell nicht erkennt, außer man ist Textsicher. Bob Dylan wird heute 83 Jahre alt. Seit 2021 ist er auf weltweiter Tour. Aktuell spielt er zusammen mit Willie Nelson in den USA. Die Brüder Kyrill und Method, die zusammen nur gut 100 Jahre alt wurden, sind schon einige Zeit tot. Ebenso Albert Grossman, der erste Manager von Bob Dylan. Auf ihn komme ich, weil Albert Grossman nachgesagt wird, dass er sich mit bulgarischer Volksmusik ausgekannt habe. Auch ein komischer Zufall. Wobei es Zufälle nicht geben soll. Jedenfalls passt es gut zum heutigen Feiertag, an dem wie gesagt nicht nur gelesen und rezitiert, sondern auch gesungen und getanzt wird in Bulgarien.
PS: Kyrill hieß eigentlich Konstantin, Kyrill war nur sein Spitzname. Wem es hilft, kann das Kyrillische Alphabet also auch gerne das Konstantinische nennen.
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Meanwhile in Germany (014)

Es kann teuer werden im Land der Dichter und Denker, eine Frau eine Frau und einen Mann einen Mann zu nennen. Praktisch so wie in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Dort darf man auch nicht sagen, dass der Kaiser keine Kleider trägt, obwohl er doch nackt ist. In dem Märchen von Hans Christian Andersen ist es ein Kind, das die Wahrheit ausspricht. Die Wahrheit darüber, was man Kindern in den letzten vier Jahren angetan hat, kann man in diesem Interview nachlesen. Wer noch nie etwas vom neuen Selbstbestimmungsgesetz gehört hat, das das biologische Geschlecht abschafft, sollte diesen Artikel lesen. Oben, das ist übrigens eine Frau. Und unten, das ist ein Mann. (Im April dieses Jahres am Traunsee in Österreich.)

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