Zurück in Bulgarien (089) – „Anständig bleiben“

So sieht es bei mir auf der Straße aus, genauer am Straßenrand. Ich komme drauf, weil ich gerade Bilder von Berliner Straßen und Plätzen sehe, auf denen ich einst zu hause war. Auf diesen Bildern geht es heiß her, und das nicht nur, weil Mülltonnen brennen. Auf meiner Straße hier, sie heißt „Auf dem Grat“ (womit der des Balkangebirges gemeint ist), geht es dagegen gemächlich zu. Ab und zu kommt ein Auto vorbei und am Straßenrand weiden Schafe. Kaum vorstellbar, dass von hier ein Krieg ausgeht. Kriege gehen und gingen immer nur von großen Städten aus, wo Menschen wie in Berlin in Mietskasernen leben. Der Begriff Mietskaserne bekommt so nochmal eine ganz andere Bedeutung. Auch Siegesparaden finden immer nur in großen Städten statt, wo am Straßenrand Menschen jubeln und nicht Schafe weiden. – Das eine, kleine Schaf bei mir am Wegesrand ist ganz offensichtlich aus der Art geschlagen. Die Farbgebung seines Fells erinnert an eine Kuh und auch an das bekannte schwarze Schaf. Das bringt mich zu der Frage, wann und wo auf den Berliner Straßen mit dem Aufstand der Anständigen gegen Krieg und vor allem gegen Antisemitismus zu rechnen ist. Auf den Bildern im Netz sind immer nur Berliner Polizisten und Israel hassende Palästinenser zu sehen. Von letzteren behaupten einige sogar, dass deutsche Medien lügen würden. Das muss man sich mal vorstellen! Damit die noch in der Hauptstadt des deutschen Irrenhauses verbliebenen Anständigen dagegen aufstehen, muss es wohl erst ein kostenloses Grönemeyer-Konzert oder so geben, am besten mit einer Wurst für lau dazu. Schafen hier reicht ein wenig Grün am Straßenrand, um anständig zu grasen.

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Zurück in Bulgarien (088) – „Gastarbeiter auf Probe“

Meine deutschen Gastarbeiter sind in der Heimat Meister, was aber nicht bedeutet, dass sie hier in Bulgarien auch Maistor sind. Umgekehrt ist es ja auch nicht so, eher umgedreht. Ein bulgarischer Maistor ist in Deutschland auf keinen Fall Meister. Im Normalfall ist er einfach nur Arbeiter. Im dümmsten Fall ist er gar nichts. Das ist wie früher mit der DDR. Da wurde in der alten Bundesrepublik ja auch nicht alles anerkannt. Den Veterinäringenieur, was ich in der DDR studiert hatte, gibt es beispielsweise gar nicht. Doch zurück zu meinen deutschen Gastarbeitern. Einer von ihnen hat hier zum ersten Mal mit Lehm gearbeitet. Dafür, dass er zum ersten Mal mit Lehm gearbeitet hat, hat er meine Decke im Flur (Foto) gut hinbekommen. Dort war der alten Lehm nach einem Wasserschaden, der viele Jahre zurück liegt, im Frühjahr während meiner Abwesenheit runter gekommen. Ich hatte hier darüber geschrieben. Das schöne an Lehm ist, dass man ihn wieder verarbeiten kann. Das hatte ich in der Zwischenzeit in Erfahrung gebracht, auch Leser meines Blogs hatten mich dafür mit Informationen versorgt. Ich musste also kein neues Material kaufen. Mein deutscher Gastarbeiter konnte also sogleich anfangen. Da der Lehm an meiner Decke bis zu sechs Zentimeter dick ist, hat das Anbringen des alten und jetzt neuen Lehms zwei Tage in Anspruch genommen. Die erste Schicht musste erst trocknen oder zumindest antrocknen, bevor die zweite aufgetragen werden konnte. Das Anbringen der ersten Schicht hat nicht nur deswegen so lange gedauert, weil mein deutscher Gastarbeiter noch nie mit Lehm gearbeitet hat, sondern auch deswegen, weil Dinge in den Lehm eingearbeitet werden mussten, damit dieser nicht gleich wieder herunter fällt. Welche Dinge das waren, ist mein Geheimnis, so wie die Rezeptur von Coca Cola das Geheimnis von Coca Cola ist. Im Gegensatz zu Coca Cola teile ich aber gerne meine Wissen. Du musst mir dazu nur eine e-mail schreiben. Du kannst mir ebenfalls schreiben, wenn auch Du Gastarbeiter auf Probe in Bulgarien werden möchtest. Damit solltest Du dich allerdings beeilen, denn die Warteliste ist lang und wird mit jedem Tag länger. Nach erfolgreichem Abschluss deiner Probezeit stelle ich auch dir gerne ein Zertifikat aus, wie ich es für meine deutschen Gastarbeiter getan habe, die mir die Decke gemacht haben, mit dem Titel: „Deutscher Meister & Bulgarischer Maistor“.

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Zurück in Bulgarien (087) – „Gentleman Agreement“

Auf der Reklame für die Biermarke „Almus“ am Eingang zur Dorfkneipe hängen neuerdings Wahlplakate. Am 29. Oktober sind in Bulgarien Kommunalwahlen, ich erwähnte das bereits. Am unteren Rand wird der Leser darüber informiert, dass der Kauf und Verkauf von Stimmen ein Verbrechen ist. Die Plakate sind von der Partei „Bürger für eine Europäische Entwicklung Bulgariens“ (GERB) des ehemaligen Ministerpräsidenten und Freundes von Angela Merkel Boiko Borissov. Bruder Boiko, wie er von seinen Anhängern genannt wird, ist neulich durch die Aussage aufgefallen, dass er der jetzigen Regierung mittels Misstauensvotums das Vertrauen entziehen und damit Neuwahlen erzwingen könnte. Der Witz an der Sache ist, dass er mit besagter Regierung der Partei „Wir setzten den Wandel fort“ (PP) ein „Gentleman Agreement“ hat. Eigentlich hatte Boikos Partei GERB die letzten Wahlen gewonnen, denn seine Partei hat die meisten Stimmen bekommen. PP war zweiter und kam erst danach. Trotzdem hat sich GERB mit PP darauf geeinigt, dass PP die ersten 18 Monate regieren darf und danach GERB die nächsten 18 Monate. Wie man auf 18 Monate gekommen ist, ist bis heute ungeklärt. Eigentlich ist man in Bulgarien für vier Jahre also 48 Monate gewählt. Ein noch größeres Geheimnis ist das mündliche „Gentleman Agreement“ anstelle eines schriftlichen Koalitionsvertrags. Aber gut, anderseits sind mittlerweile auch in Deutschland Gesetze und Verträge nicht mehr das Papier wert, auf dem sie geschrieben stehen. Vielleicht sollte man sich auch in der Heimat schon mal an „Gentleman Agreements“ gewöhnen. Mein Bürgermeister, das ist der auf dem unteren, kleineren Wahlplakat, schwört auf Bruder Boiko, weil der noch abgeben würde. Dass er abgibt, liegt nach Ansicht meines Bürgermeisters daran, dass Boiko ein alter Mafiot ist, der schon satt ist. Schlimmer sind die jungen Mafioten, die noch hungrig sind, so mein Bürgermeister. Einen schriftlichen Vertrag übers Abgeben hat mein Bürgermeister mit Boiko nicht – höchstens ein „Gentleman Agreement“.
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Zurück in Bulgarien (086) – „Deutsche Gastarbeiter“

Hier drei von den vier Gastarbeitern aus Deutschland, die gerade in meiner Hütte schaffen. Die drei im Flur, darunter eine Frau, sind Handwerker. Die vierte Gastarbeiterin schafft in der Küche. Ich schreibe schaffen, weil die vier aus Süddeutschland sind und sich selbst dieses Wortes bedienen. Als Berliner würde ich sonst ganz normal arbeiten sagen, oder besser schwarz arbeiten. Die vier möchten nicht vom deutschen Zoll erkannt werden, deswegen durfte ich sie nur von hinten fotografieren. Mir wäre es egal gewesen, die vier sind sowieso nur Gastarbeiter auf Probe. Gastarbeiter auf Probe bekommen in Bulgarien kein Geld, sondern nur Unterkunft und Verpflegung. Die nächsten Gastarbeiter auf Probe aus Deutschland haben sich bereits für nächste Woche angemeldet. Dass es jetzt Schlag auf Schlag geht mit den Gastarbeitern aus Deutschland liegt daran, dass sich immer mehr Menschen Deutschland nicht mehr leisten können. Wie lange ich noch das Warmwasser in der Dusche und das Holz in meinem Ofen bezahlen kann, darüber denke ich heute nicht nach. Auch weil ich weiß, dass es in Bulgarien immer eine Lösung gibt – für alles. Was das Holz angeht, so ist die beim Bürgermeister bestellte Lieferung bis heute nicht angekommen bei mir. Ich rechne aber noch im Oktober mit ihr, denn am 29. sind Kommunalwahlen in Bulgarien und mein Bürgermeister möchte, dass ich ihn wähle. Übrigens: Nicht nur der deutsche Zoll weiß nichts von meinen Gastarbeitern, sondern auch mein bulgarischer Bürgermeister. Auch in Bulgarien gilt: Der Bürgermeister muss nicht alles wissen. Andersherum gilt das, was mein englischer Freund Jerry immer sagt: Don’t trust the mayor!

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Zurück in Bulgarien (085) – „Rockefeller Preise“

So sieht es aus, wenn einem ein Pferd vors Auto läuft – nicht nur in Bulgarien. Meine Freunde aus der Heimat, die gekommen sind, um mir bei meinem Projekt „Donkey Sanctuary & Writers Retreat“ zu helfen, ist genau dies am Sonntag passiert. Weil wir in Bulgarien sind, dachten sie, dass es ein Wildpferd war, das nach dem Zusammenprall einfach weiter gelaufen ist. Wildpferde gibt es aber auch in Bulgarien schon lange nicht mehr, nur in Romanen. Ich habe neulich noch einen gelesen. Wäre das Wohnmobil so wie früher aus Metall und nicht aus Plastik, wäre das Wohnmobil heil und das Pferd kaputt. So ändern sich die Zeiten. Mit der Versicherung in der Heimat zu dealen, wo das Wohnmobil versichert ist, hat einen Tag gedauert. Das lag daran, dass man in Deutschland den Balkan nicht kennt, dafür irgendwelche deutsche Vorgaben hat, die man denkt abarbeiten zu können. Ein durch die deutsche Versicherung vermittelter Abschleppdienst in Bulgarien wollte für 150 Kilometer gleich mal 1.000 Euro haben. Auch das ist die Wahrheit. Wenn man in Bulgarien den reichen Deutschen riecht, und man riecht ihn bereits aus 150 Kilometer Entfernung, werden gleich mal Rockefeller Preise aufgerufen. Da wir die 1.000 Euro selbst bezahlen sollten, bei Zusammenstößen mit Tieren zahlt die deutsche Versicherung nicht, haben wir es vorgezogen das Wohnmobil zu schieben, was auch nochmal einen Tag gedauert hat.

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Zurück in Bulgarien (084) – „Eine kleine Wanze“

Das Lied von der kleinen Wanze, die auf der Mauer auf der Lauer sitzt, stammt nicht aus der DDR, was viele vielleicht vermuten. Würde man in der Heimat seine eigene Geschichte kennen, in dem Fall der Musik, wüsste man das. Das Lied von der kleinen Wanze ist ein Bayrisches Kinderlied vom Ende des 19.  Jahrhunderts, das ab Beginn des 20. Jahrhunderts auch in Schlesien, Sachsen, Württemberg und Baden gesungen wurde. Der Bulgare wüsste das, wäre das Lied von der kleinen Wanze ein bulgarisches Kinderlied. In Bulgarien sitzt die kleine Wanze nicht auf der Mauer auf der Lauer, in Bulgarien gab keine Mauer. In Bulgarien versucht die kleine Wanze am Ende des Sommers, also jetzt, immer ins Haus einzudringen. Das weiß sogar ich, obwohl ich nur Halbbulgare bin. Auch bekannt ist, dass Wanzen Insekten sind, und dass Insekten seit Januar dieses Jahres als „neuartiges Lebensmittel“ in der EU zugelassen sind. Wanzen gehören übrigens zur Ordnung der Schnabelkerfe. Von den weltweit 40.000 bekannten Wanzenarten leben in Europa etwa 3.000 und in Deutschland knapp 900. In Bulgarien dominieren die so genannten Stinkwanzen, die eine unangenehmen Geruch absondern, wenn man sie zerdrückt. In dem Moment ist das nicht schön, aber vielleicht schützt es davor, dass uns Wanzen im Essen untergejubelt werden. Möglicherweise hat man aber auch schon ein Gegengift, besser einen Gegenduft gefunden, wer weiß. Am Ende weiß man über den Anteil von Wanzen im Essen genauso wenig wie über die Herkunft des Lieds von der kleinen Wanze und vielen anderen Dingen auch, nämlich Nichts.

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Zurück in Bulgarien (083) – „Barby in Bulgarien“

Gestern war ich zum ersten Mal im Chitalishte (читалище) des Nachbarorts, um mir „Barby“ angesehen. Ein Chitalishte ist ein Gemeindezentrum, welches man am ehesten mit einem (Kreis-)Kulturhaus in der DDR vergleichen kann, mit einem Unterschied: Ein Chitalishte in Bulgarien verfügte früher in aller Regel auch über eine Ausleihbibliothek. Im Chitalishte meines Nachbarorts gibt es einen großen Kinosaal mit zwar neuen, allerdings unbequemen Sitzen und wenig Beinfreiheit. Im Foyer warteten neben meinem Schriftstellerkollegen aus Deutschland und mir noch knapp 30 angehende Barbys, die sich ebenso wie wir den Neuesten heißen Scheiß aus Amerika ansehen wollten. Der Eintritt kostete neun Lewa (4,50€), was für die bulgarische Provinz ganz ordentlich ist. Dafür konnte man im Foyer kostenlos Fotos machen im Barby-Fenster (oben) und auch mit einem femininen bzw. weiblichen Tod (unten). Der Film „Barby“ beginnt in Barbyland, in dem die Frauen an der Macht und die Männer Witzfiguren sind. Obwohl alles so schön sein könnte, ist irgendetwas nicht in Ordnung, weswegen Barby sich aufmacht in die reale Welt und ins richtige Leben. Zurück in Barbyland ist sie mit dem „richtigen Leben“ konfrontiert, denn die Männer haben dort die Macht übernommen. Was ist zu tun, fragt sich daraufhin Barby und mit ihr alle Barbys im Barbyland, wo alle weiblichen Wesen Barby und alle männlichen Ken heißen. Andere Geschlechter gibt es im Barbyland nicht, wobei weibliches und auch männliches Geschlecht nicht ganz richtig ist. Denn Barby hat keine Vagina und Ken keinen Penis (und somit auch keine Eier – Anmerkung des Autors), was wir erwachsene Autoren und mit uns alle angehenden Barbys der Region im Alter zwischen drei und dreizehn Jahren zuvor aus dem Munde von Barby erfahren haben. Der Plan der Barbys zur Rückeroberung ihrer Macht in Barbyland ist perfide. Die ihrer Meinung nach gebrainwashten Kens sollen rück-gebrainwashed werden. Dazu nimmt sich jede Barby einen Ken und verspricht diesem mit ihm zusammensein zu wollen, was aber eine Lüge ist. Die Barbys sagen das nur, um die Männer gegeneinander aufzuhetzen, damit diese in den Krieg ziehen, ebenfalls gegeneinander – gegen wen denn sonst?! (Parallelen zu aktuellen Kriegen sind rein zufällig – noch eine Anmerkung des Autors) Der Plan geht auf, während die Kens sich bekriegen, sind die Barbys zurück an der Macht. Nun erfolgt ein Tribunal über die Schlechtigkeit Kens (der ja nur schlecht war, weil die Barbys dies so wollten – eine letzte Anmerkung des Autors), in dessen Folge Ken die Auflage bekommt herauszufinden, wer er wirklich ist. Barby muss dies nicht, oder zumindest nicht offiziell. Offiziell verabschiedet sie sich aus Barbyland, um in die richtige Welt zurückzukehren. Um nun für sich herauszufinden, wer sie selber ist, geht sie dort als erstes zum Gynäkologen, also zum Frauenarzt. Damit endet der Film, sowohl für die beiden erwachsenen Autoren aus Deutschland, als auch für alle angehenden Barbys im Alter zwischen drei und dreizehn Jahren der Region.

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