Bericht aus Bulgarien (518) – „Kein Wasser“

Mit den Brücken ist es wie mit den Absperrhähnen
Man weiß nie, welche(n) man benutzen soll

Vorgestern war früh das Wasser weg. Das kommt immer mal wieder vor, und zwar ohne dass ein Schild an der Tür oder im Treppenhaus hängen würde. Man ist also gut beraten, immer etwas Wasser für einen solchen Fall vorbereitet zu haben. In der Heimat sind die Menschen schon genervt, wenn die mal für ein oder zwei Stunden kein Wasser haben, selbst wenn es Tage vorher angekündigt war. Auch ich war einer von diesen Menschen. Hier in Bulgarien gehört es zum Alltag dazu, und zwar unangekündigt. Ich will nicht sagen, dass ich mich daran gewöhnt hätte, plötzlich kein Wasser zu haben. So ist es nicht. Aber dadurch, dass ich vorbereitet bin, ist es leichter zu handeln. Ich hab gleich meinen Bürgermeister angerufen, der schon wusste, dass es ein Problem mit dem Wasser gibt. Das ganze Dorf hatte keins. Gegen Mittag ging ich zu Oma Bore, die weiter unten wohnt. Sie hatte zu dem Zeitpunkt schon wieder Wasser und mit ihr das ganze Dorf. Ich rief nochmal meinen Bürgermeister an, der auch gleich noch einmal Leute hochschicken wollte. Danach rief ich ihn noch dreimal an und er rief auch mich noch einmal zurück. Am Abend hatte ich immer noch kein Wasser. Es war Freitag, zudem Feiertag. Ich richtete mich auf ein Wochenende ohne Wasser ein. Zum Glück hatte ich am Tag zuvor geduscht. Gestern, Samstag, rief ich morgens noch einmal meinen Bürgermeister an. Er versprach mir erneut, Leute zu schicken. Ich hatte ehrlich gesagt keine große Hoffnung, dass wirklich jemand kommen würde. Es dauerte aber keine Stunde, dann waren drei Leute da. Bald darauf kam sogar ein Bagger. Das ganze an einem Samstag. Gebaggert werden musste nicht, sondern nur ein Absperrhahn aufgedreht. Auch das passiert regelmäßig, dass etwas repariert, am Ende aber irgendein Absperrhahn nicht aufgedreht wird, weswegen ich kein Wasser habe. Es ist immer ein anderer Absperrhahn. Um das mit den Absperrhähnen zu verstehen, müsste man es wahrscheinlich studieren. Letztendlich sind die Absperrhähne aber nicht das Problem, denn die funktionieren. Mann kann sie auf- und zudrehen. Das Problem sind die Leitungen, die alle naselang irgendwo anders entzwei gehen und geflickt werden müssen. Das beste wäre, komplett neue Leitungen zu legen, aber dafür fehlt das Geld. Lieber schickt man Waffen in die Ukraine, damit dort die Leitungen samt Absperrhähnen zerbomt werden. Wenn ich es richtig verstanden habe, soll BlackRock schon den Auftrag für den Wiederaufbau bekommen haben. Die machen das natürlich aus reiner Menschenliebe. Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich von der Nächstenliebe von BlackRock abhängig sein möchte. Spontan tendiere ich zu einem Nein. Lieber rufe ich siebenmal meinen Bürgermeister an, werde dreimal von ihm zurückgerufen und warte einen Tag.

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Bericht aus Bulgarien (517) – „Verblödungsmesser“

„Bosetti will reden“ – dagegen ist nichts einzuwenden. Aber warum muss sie dies von unser aller Zwangsgebühren auf Öffentlich/Rechtlich tun? Hat Öffentlich/Rechtlich seinen Bildungsauftrag abgegeben? Habe ich etwas verpasst? Ach, die Frau macht Satire. OK, aber ich kann gar nicht lachen. Für mich ist die Frau einfach nur peinlich. Ihre geballte Dummheit und Arroganz bereiten mir körperliche Schmerzen. Ich danke Ervin Tahirovic alias Proletopia, dass ich mir das nicht alleine ansehen musste. Warum ich mir das überhaupt anschaue? Weil ich beabsichtige demnächst nach Deutschland zu kommen. Für mich ist „Bosetti will reden“ insoweit Bildungsfernsehen, dass ich erfahre, wie weit die Verblödung in der Heimat vorangeschritten ist. In Bulgarien gibt es dafür ein Messgerät. Es heißt Verblödungsmesser. Ich habe einen solchen bulgarischen Verblödungsmesser benutzt. Er ist bei „Bosetti will reden“ sogleich in tausend Teile zersprungen.
Video Proletopia
Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (516) „Pro Balkanisierung“

Der Balkan ist überall. Nicht nur in Bulgarien und Berlin, sondern auch in Indien. Dort grüßt die tägliche Balkanisierung bei der Ankunft der deutschen Außenministerin in Delhi. Sie grüßt in der Form, dass niemand da ist, der Frau Baerbock in Empfang nimmt. Immerhin drei Herren vom Bodenpersonal. Irgendwann kommt der deutsche Botschafter angerannt und mit ihm auch die Limo angebraust. Zuvor Anna allein zu Haus, oder besser: in der Fremde. So sieht die aktuelle Rolle Deutschland in der Welt aus. Nichts mit „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“. Eher „Deutschland verrecke!“ Gut so! Bitte mehr von solchen Bildern! Jetzt bin auch ich für eine weitere Balkanisierung Deutschlands. Hier gilt nicht mein berlinerisch-bulgarische Motto: „Worum geht’s? – Ich bin dagegen!“
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Text TaxiBerlin

Über den Friedensschwurbler Blinken und den Lumpenpazifisten Lawrow

Nannte man gestern noch alle diejenigen, die sich für Gespräche aussprachen, Friedensschwurbler und Lumpenpazifisten, gab es genau diese Gespräche heute schon. Ganz genau war es bereits gestern, das in Indien, und zwar in der Hauptstadt Delhi auf dem G20 Gipfel. Bedeutet das jetzt, dass der amerikanische Außenminister Blinken ein Friedensschwurbler und sein russischer Amtskollege Lawrow ein Lumpenpazifist ist? Oder bedeutet es, was Brecht darüber sagte, wenn die Oberen Nichtangriffspakte schließen: „Kleiner Mann, mache dein Testament.“?
Video HindustanTimes
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Bericht aus Bulgarien (515) – „Scholz bei Biden“

Heute habe ich mich mit einem Freund in der Heimat unter anderem über den mysteriösen Besuch unseres Bundeskanzlers in Washington unterhalten. Mysteriös deswegen, weil es weder deutsche Journalisten, noch eine abschließende Pressekonferenz gab. Meine Vermutung ist, dass unser Vati, der Olaf, folgendes zum Onkel Joe gesagt hat: „Du, hör mal, dass mit deinen Drohnen und deinen Kriegen, die du von meinem Wohnzimmer aus überall führst – das passt mir nicht mehr. Dass du unsere Pipelines gesprengt hast letztes Jahr, das hat mir auch nicht gefallen. Kriegst du die bis Ende März repariert, während du deine Krieger abziehst?“ – Daraufhin meinte mein Freund in der Heimat, dass das nicht so einfach wäre. Was er damit meinte, war, dass der Amerikaner das niemals machen wird, womit er nicht ganz unrecht hat. Andererseits konnte sich bis zum Herbst ’89 auch keiner vorstellen, dass der Russe aus der DDR abziehen würde. Im Gegenteil. Jedem, der das damals vorhersagte, sagte man praktisch dasselbe, was mein Freund heute über den Amerikaner meinte. Ich denke trotzdem, dass es so kommen wird, auch wenn unser Vati, der Olaf, nicht der Typ ist, der dazu den Arsch in der Hose hätte. Es ist aber alternativlos, außer man will mit dem Onkel Joe untergehen.
Video Panorama
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Bericht aus Bulgarien (514) – „Plamen Goranow“

Die Flamme

Heute ist in Bulgarien ein Feiertag, und zwar „Tag der Befreiung“, offiziell ist es der „Tag der Befreiung Bulgariens vom Osmanischen Reich“. Am dritten März vor zehn Jahren ist Plamen Goranow gestorben. Plamen, auf deutsch „Flamme“, hat sich am 20. Februar vor dem Rathaus in der Stadt Varna am Schwarzen Meer selbst verbrannt. Plamen, der Tage später im Krankenhaus verstarb, war Künstler und Fotograf, darüber hinaus Kletterer. Als solcher ist er auch auf Hochhäuser geklettert. Plamen war Protestführer der landesweiten sozialen Proteste in Bulgarien in den Jahren 2012&13. Ausgelöst wurden sie durch die Erhöhung der Strompreise, nachdem eine Firma aus der Tschechischen Republik Teile des bulgarischen Strommarktes übernommen hatte, vergleichbar mit der Übernahme des Berliner Strommarktes durch Vattenfall. Die Bulgaren sollten plötzlich das drei- oder gar vierfache für Strom bezahlen, und zwar von Geld, das sie nicht hatten. Praktisch das, was jetzt auch in der Heimat passierte, nur dass dort die Proteste ausblieben. Für einige ist Plamen Goranow der bulgarische Jan Palach. Von offizieller Seite ist Plamen praktisch vergessen. Kein Denkmal erinnert an ihn. Letztes Jahr habe ich Plamens besten Freund Dimitar kennengelernt. Ich habe mich lange mit ihm unterhalten, er hat mir Fotografien von Plamen gezeigt. Ich habe auch sein Buch „Salamander“ über Plamen gelesen. Als die besagte tschechische Firma damals den Strommarkt auch in meiner Region übernahm, funktionierte plötzlich mein Stromzähler nicht mehr. Ich erinnere mich, dass ich deswegen runter in die Kneipe von meinem Bürgermeister ging, die damals gut besucht war. Nachdem ich von meinem Problem mit dem Stromzähler erzählt hatte, war ich nicht mehr nur „Rumen, der Deutsche“, sondern darüber hinaus „Rumen, der Glückliche“. Von dem Moment war es nochmal ein weiter Weg bis zur Herausgabe zweier Werke von Aleko Konstantinow, der in Bulgarien als „Der Glückliche“ bekannt ist. Doch zurück zu Plamen. Er war nicht der einzige, der sich damals verbrannt hat. Mit ihm haben es dreißig andere getan oder versucht. Auch sie sind offiziell vergessen. Auch mit dem Tschechen Jan Palach, der sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings selbst verbrannte, können immer weniger etwas anfangen. Ursache von Protesten, soweit sie im Westen stattfinden, wo jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, sind heute euphemistisch „Verwerfungen“. Das hört sich harmlos an und klingt nach Völkerball. Wer es im Westen nicht schafft, ist ein Loser, hat es nicht geschafft, hat sich wohl „verworfen“.

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Bericht aus Bulgarien (513) – „Schreiben als Therapie – Wege zu sich selbst und zu anderen“

Auch in Sachen „1984“ ist man in Bulgarien der Zeit voraus
In meinem gerade in der Berliner Zeitung erschienenen Beitrag „Schreiben als Therapie“ geht es sowohl um den Klassiker „Kreatives Schreiben – Wege zu sich selbst und zu anderen“ von Jürgen vom Scheidt, als auch um meine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Schreiben. Das Erscheinen meines Beitrags, an dem ich lange gearbeitet habe, nehme ich zum Anlass, eine eigene Schreibgruppe ins Leben zu rufen. Hintergrund ist der, dass ich bisher keine passende Schreibgruppe gefunden habe, und ich neulich gesagt bekam, in dem Fall einfach eine eigene zu gründen. Jeder, der etwas mit meinem Beitrag in der Berliner anfangen kann und der darüber Interesse an einem Austausch hat, kann sich gerne bei mir melden. Auch Anregungen, Kritiken, Hinweise und Tips sind willkommen – wegen mir auch Faktenchecker. Hauptsache sie sind wie ich ehrlichen Herzens.
Foto&Text TaxiBerlin