Bericht aus Bulgarien (108)

Nachdem mich meine ehemalige Bulgaristik-Dozentin von der Berliner Humboldt Universität und Leserin meines Blogs auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht hat, meine Texte bei „Open Source“, einem Angebot der Berliner Zeitung, zu publizieren, habe ich dort drei Texte eingereicht. Keiner von ihnen wurde veröffentlicht. Der erste Text enthielt der Berliner Zeitung zu viel Corona, beim zweiten Text erhielt ich keine Antwort und der dritte Text, den ich am Freitag eingereicht habe, enthält der Berliner Zeitung zu viel Krieg.

Der erste Text, der der Berliner Zeitung zu viel Corona enthielt, den ich schon vor dem Krieg in der Ukraine verfasst habe, hat den Titel „Vom Denken in Geld und dem Glauben an Gott“ und ist vor wenigen Tagen auf „Inskriptionen“, dem literarischen und essayistischen Blog des Leipziger Literaturverlags (LVV), erschienen.

Mein zweiter, aktueller Text, der der Berliner Zeitung jetzt zu viel Krieg enthält, hat den Titel „Hoffnung für Europa“. Ich veröffentliche ihn nachfolgend und mit Fotos von mir:

Hoffnung für Europa

Am 19.3.2022 vor dem Ministerrat in Sofia

Am 6. April hatte ich in der bulgarischen Hauptstadt Sofia Gelegenheit, mich auf dem Unabhängigkeits-Platz vor dem Ministerrat mit dem obersten Ordnungshüter zu unterhalten, der sowohl für das bulgarische Parlament als auch die bulgarische Regierung zuständig ist. Der landesweite von der Partei „Wiedergeburt“ organisierte Nationale Protest für die Neutralität Bulgariens im Ukraine-Krieg, der wieder 5.000 Menschen auf die Straßen Sofias gebracht hat, war kurz zuvor mit dem Erklingen der bulgarische Nationalhymne friedlich und ohne Zwischenfälle zu Ende gegangen.

Der Name des obersten sowohl für das bulgarische Parlament als auch für die bulgarische Regierung verantwortlichen Polizisten ist Georgi Alexejew. Ich hatte ihn bereits auf vorherigen Protesten gesehen und auch fotografiert. Seine polizeiliche Ordnungsnummer auf seiner schwarzen Uniform ist 241 333. Gerne hat er mir seinen Namen verraten und auch wiederholt, so dass ich ihn korrekt notieren konnte. Überhaupt ist Georgi Alexejew ein offener und freundlicher Mensch, der sich immer wieder mit den Frauen und Männern auf den Protesten unterhält. 

Alexejew im Gespräch mit Demonstrantinnen vor dem Ministerrat (Sofia, 19.3.22)

Wie auf allen Protesten zuvor in diesem Jahr, so wurde auch auf dem am 6. April in der bulgarischen Hauptstadt keiner verhaftet und niemand verletzt. Masken und Abstände spielten keine Rolle, und es gab auch keine Polizisten in Kampfanzügen. Ein paar wenige Helme, Schilder und Gummiknüppel habe ich zwar auch an diesem Tag gesehen, aber nichts davon kam zum Einsatz. Dass dies so war, hat auch mit dem für das Parlament und die Regierung verantwortlichen obersten Ordnungshüter Georgi Alexejew zu tun.

Nachdem ich mich ihm kurz vorgestellt und erwähnt habe, dass ich aus Berlin komme, erfahre ich von ihm, dass er auch schon einmal in Berlin gewesen sei und Einblick in die Arbeit der dortigen Polizei bekommen habe. Diese wäre um einiges härter als in Bulgarien üblich, das sei ihm schnell klar geworden. Härte sei aber nicht sein Stil, er gehe lieber auf die Menschen zu, unterhalte sich mit ihnen. Das sei ihm das wichtigste. 

Alexejew im Gespräch mit jungen Protestierenden neben dem Parlament (Sofia, 12.1.22)

Der Protest am 6. April 2022 richtete sich gegen die aktuelle Ukraine-Politik der amtierenden Regierung unter Kiril Petkow, die im Land keine Mehrheit hat. Wie auch, bei 60 Prozent Nichtwählern. Die Forderungen der Protestierenden an diesem Tag sind die Neutralität Bulgariens und der Rücktritt der amtierenden Regierung. Die Forderung, die Ukraine nicht militärisch zu unterstützen, sondern ausschließlich humanitär, wird von fast 70 Prozent der Bulgaren geteilt. Trotzdem beabsichtigt die Regierung unter Kiril Petkow weiterhin, der Ukraine militärische Hilfe zukommen zu lassen.

Viele Bulgaren befürchten, damit in den Krieg hineingezogen zu werden. Die Regierung solle sich an erster Stelle um die in der Ukraine lebenden Landsleute kümmern. Für nicht wenige ist der Krieg vor allem ein Krieg der USA und der NATO. 

Alexejew hinter dem Parlament (Sofia, 6.4.22)

Es war bereits die fünfte Protestveranstaltung, bei der ich in Sofia zugegen war. Die letzte am 27. März 2022 war ein Rockkonzert für den Frieden in der Ukraine, auf dem praktisch jeder zweite Teilnehmer ein alkoholisches Getränk in der Hand hielt.

Auf allen anderen Protesten zuvor hat niemand Alkohol getrunken, und so auch nicht auf dem am 6. April. Hier hatten bei schönstem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen von um die 20 Grad einige nur eine Flasche Wasser dabei.

Alexejew im Gespräch mit einer Demonstrantin hinter dem Parlament (Sofia, 6.4.22)

Alexejew erwähnte in unserem Gespräch, dass man in Bulgarien aufgrund der langanhalten Proteste der Jahre 2020 und 2021, also mitten in Corona, viele Erfahrungen gesammelt habe. In dem Zeitraum zwischen dem 9.Juli 2020 und dem 16. April 2021 gab es nicht nur in der bulgarischen Hauptstadt, sondern auch in anderen größeren Städten des Landes praktisch täglich Demonstrationen, die das Ziel hatten, die damalige Regierung unter Boiko Borissow zu stürzen, die als korrupt galt.

Auf einigen Demonstrationen war ich damals zugegen, auch sie verliefen allesamt friedlich. Es gab auch Demonstrationen, auf denen dies nicht der Fall gewesen war, und auf denen Polizisten auch in Bulgarien eine Kampfausrüstung, Helm und Schild trugen. Nur, wegen dem Nichttragen einer Maske oder dem Nichteinhalten eines Mindestabstandes wurde in Bulgarien selbst zu Corona-Zeiten niemand verhaftet. Sie wurden verhaftet, weil sie mit Gewalt eine gewählte Regierung stürzen wollte.

Alexejew spricht mit einem Ordner hinter dem Parlament (Sofia, 6.4.22)

Diese hatte damals noch mehr Bulgaren hinter sich als die heutige. Trotzdem wurden die Proteste gegen sie im Westen weitgehend begrüßt. Die aktuellen Proteste gegen die amtierende Regierung unter Kiril Petkow werden dort dagegen nun unisono verdammt. Und noch etwas hat sich verändert. Hofften die Demonstrierenden damals auch noch auf Europa, so sind die aktuellen Proteste möglicherweise eine Hoffnung für den Kontinent.

Georgi Alexejew, der oberste sowohl für das Parlament als auch die Regierung Bulgariens zuständige Polizist, könnte eine solche Hoffnung sein. Am 6. April sprach er nicht nur mit mir, sondern auch mit Kostadin Kostadinow, dem Chef der Partei „Wiedergeburt“ und Anmelder der Demonstration. Was Alexejew und Kostadinow, die in dem kleinen Park hinter dem Parlament und am Rande des Protestes die Köpfe zusammensteckten, wie man so schön sagt, zu besprechen hatten, ist nicht bekannt.

Alexejew spricht mit Kostadinow hinter dem Parlament (Sofia, 6.4.22)

Möglicherweise hat Alexejew Kostadinow daran erinnert, dass es eine ähnliche Situation wie die, die sich am 6. April anbahnte, schon einmal gab in Sofia. Im November 2013 löste die Polizei eine Blockade von Demonstranten auf, die das Gebäude umzingelt hatten, um Minister und Volksvertreter aus dem Parlament zu befreien, sie vor ihrem Volk zu schützen.

Alleine die Tatsache, dass sie sich ausgetauscht haben, ist ein großer Unterschied zu Deutschland, wo man es vorzieht übereinander zu reden als miteinander zu sprechen. Zuvor hatte Alexejew sich bereits mit einer Demonstrantin unterhalten und einem Ordner des Protestes mit einer Armbinde in den nationalen Farben weiß, grün und rot etwas ins Ohr geflüstert, dem er dabei geradezu zärtlich über die Schulter um den Hals fasste. Vermutlich hat er so Kostadinow wissen lassen, dass er mit ihm sprechen wolle.

Alexejew spricht mit Kostadinow hinter dem Parlament (Sofia, 6.4.22)

Aber man spricht in Bulgarien nicht nur miteinander, sondern man kommt sich dabei auch zwangsläufig näher. Wahrscheinlich so nah, wie dies in Deutschland bis heute immer noch undenkbar ist, weil ohne Abstand, ohne Maske und ohne vorheriges Abfragen des Impfstatus. Der von Kostadinow, der den Impfstoff als „experimentelle Flüssigkeit“ bezeichnet, darf als bekannt angenommen werden, so denke ich.

Auch in Bulgarien ist die Polizei nah am Menschen, wenngleich auf einer etwas anderen Art und Weise als in Deutschland, wo Polizisten immer mehr ferngesteuerten Kampfmaschinen gleichen als Menschen aus Fleisch und Blut. Alexejews Credo „aufeinander zugehen – miteinander sprechen“ könnte nicht nur in Berlin und Deutschland hilfreich sein, sondern ebenso im Ukrainisch-Russischen-Bruderkrieg. Auf dem Protest wurden beide Völker als Brudervölker Bulgariens bezeichnet.

Alexejew spricht mit Kostadinow hinter dem Parlament (Sofia, 6.4.22)

Kostadinow und mit ihm die Protestierenden zogen am 6. April bald nach dem Gespräch mit Alexejew vom Parlament zum ein Kilometer entfernten Regierungssitz, wo der oberste Ordnungshüter sie in bester Laune mit seinen Leute erwartete. Alexejew hatte offensichtlich kein Problem gehabt, den das Parlament umgebenden Park zu verlassen.

Alexejew spricht mit Kostadinow hinter dem Parlament (Sofia, 6.4.22)

Auf dem „Machtdreieck“, wie der Platz vor der Volksversammlung, dem Sitz des bulgarischen Präsidenten und dem Ministerrat auch genannt wird, sprach Chef der Partei „Wiedergeburt“, Kostadinow, noch einmal zu den Protestierende, und auch zu den Polizisten, die im Normalfall ein Teil der Mehrheit sind, die seine Forderungen unterstützt: Neutralität Bulgariens und keine militärische Unterstützung der Ukraine.

Alexejew spricht mit Kostadinow hinter dem Parlament (Sofia, 6.4.22)

Zum Schluss erklang die bulgarische Hymne „Liebe Heimat“, die die Demonstranten textsicher mitsangen und die sowohl die Protestierenden, als auch die Polizisten für einen Moment still stehen ließ – mit ihnen Georgi Alexejew.

Kurz darauf habe ich mit ihm gesprochen. Verabschiedet haben wir uns am Ende mit einem Handschlag.

Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (107)

Bulgarien ist, ich hatte das mehrfach erwähnt, was seine Bevölkerung angeht, das am schnellste schrumpfende Land weltweit, ohne dass ein Krieg erklärt worden wäre oder gar stattgefunden hätte. Bei letzterem bin ich mir nicht mehr so sicher, auch das schrieb ich bereits. Zumindest zeitigt es die gleichen Resultate, egal ob offiziell ein Krieg stattfand oder nicht. Ein altes bulgarisches Sprichwort sagt, dass man aus allem Schlechten etwas Gutes machen kann. Genau das möchte ich mit diesem Beitrag versuchen, indem ich obige Ruine als Film-Kulisse anbiete. Ich bin also neuerdings auch Location-Scout, wobei ich dazu sagen muss, dass solche Berufsbezeichnungen in Bulgarien unbekannt sind. Das Angebot richtet sich auch nicht an Bulgaren, für die obige Ruine keine Filmkulisse sondern Realität ist.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (106)

Hatte ich letztes Jahr fünf Tomatenpflanzen, so habe ich dieses Jahr 10 gepflanzt. Genau sind es sogar 20, denn es sind jeweils zwei. Ich expandiere also hier in den Schluchten des Balkans. Letztes Jahr habe ich sie Ende Mai gepflanzt, weil ich da erst aus Deutschland gekommen war.
Das war etwas spät, weswegen ich am Ende viele grüne Tomaten hatte. Die habe ich eingelegt, musste aber feststellen, dass ich keine eingelegten grünen Tomaten mag. Eigentlich wollte ich Rosa Tomaten haben, Bulgarien ist wegen seinen Rosa Tomaten bekannt, aber der Typ auf dem Basar hat mir dummen Deutschen irgendwelche als Rosa Tomaten verkauft.
Angeblich waren es Rosa Büffelherz Tomaten, aber das war auch gelogen. Wenn man nicht aufpasst, macht der Bulgare mit einem, was er will. Dieses Jahr habe ich meine Tomatenpflanzen von einer Frau gekauft. Ihr Stand ist auf dem Basar der erste. Sie und auch ihr Stand machen immer einen guten Eindruck. Normalerweise gehört er eher zu den teureren, aber der Preis für die Tomatenpflanzen war ganz normal: 1,50 Lewa (75 Cent).
Genau genommen war er sogar günstig, weil es wie gesagt immer zwei Tomatenpflanzen sind. Was immer noch teuer ist in Bulgarien, ist deutsche Butter. Da bekommt man das Stück kaum unter 6 Lewa (3 Euro). Auch Sonnenblumenöl ist extrem teuer geworden. Zum Glück koche ich nicht mit Sonnenblumenöl wie die meisten Bulgaren, sondern mit Olivenöl, was auch immer mehr die Butter bei mir ersetzt.
Eier sind auch teurer geworden, man bekommt praktisch kein Ei mehr unter 30 Stotinki (15 Cent). Ich erwähne die Eier, weil Bulgaren gerne Tomaten zusammen mit Eiern und Sonnenblumenöl in der Pfanne zubereiten. Das ganze nennen sie „Misch-Masch“, eine deutsche Wortschöpfung.
Bulgarische Rosa Tomaten schmecken am besten als Salat, und da am allerbesten im traditionellen Schopska Salata. Natürlich nur in der Saison, das ist klar. Traditionell sind im Schopska Salata neben den Rosa Tomaten, Gurken, Zwiebeln und dem geriebenen Schafkäse darüber auch geröstete und geschälte Paprika.
Jetzt, also in kapitalistischen Zeiten, sind die Paprika im Schopska Salata aber meist roh. Sie vorher zu rösten und zu schälen ist wahnsinnig viel Arbeit, die sich aber lohnt, genauso wie die eigenen Rosa Tomaten.
Ob meine wirklich Rosa Tomaten sind diesmal? Ich lasse mich überraschen. Bulgarien ist ja auch als Land der Überraschungen bekannt.
Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (105)

Seit gestern Abend bin ich nun ohne Wasser. Erst war nur der Wasserdruck weg, was ich mir anfangs damit erklärte, dass am Nachmittag Nachbarn aus Sofia gekommen waren, um das Wochenende in ihrem Haus zu verbringen. Dann wurde ich skeptisch und bin noch mal raus, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Ich hatte den richtigen Riecher, bei Mitko an der Ecke sprudelte das Wasser nur so aus dem Boden. Mitko ist Busfahrer in der Hauptstadt und kommt nur alle paar Wochen nach Hause. Sonst wäre er es wohl gewesen, der das geplatzte Rohr vor seiner Toreinfahrt bemerkt hätte. Das Wasser sprudelte nur so heraus, als wäre jemand auf eine Wasserader gestoßen.

Sofort rief ich meinen Bürgermeister an, der meinte, dass man das heute nicht mehr reparieren könne, weil es zu spät sei, die Leute Feierabend hätten. Ich solle einen Damm errichten, der das Wasser ableitet, damit der Belag auf unserem Weg nicht sogleich wieder runtergespült wird.

Im letzten Jahr hatte mein Bürgermeister drei LKWs mit Resten von Bitumen herankarren lassen, die bei irgendwelchen Straßenbauarbeiten übrig geblieben waren, und die wir mit unseren Schaufeln und Schubkarren auf unserem Weg verteilt hatten.

Das ist ein reißender Strom, sagte ich ihm, da kann man keinen Damm bauen. Er würde kommen und sich das anschauen. Vorher kam ein Arbeiter von Wasser und Kanalisation (W&K) vorbei und meinte, dass das eine ernste Havarie sei und das halbe Dorf ohne Wasser. Ich sollte den Nachbarn bescheid geben, damit sie sich rasch Wasser abfüllen, bevor er es abstellt.

Als ich von den Nachbarn zurück kam, war mein Bürgermeister bereits dabei seinen Damm zu bauen. Gemeinsam haben wir es irgendwie geschafft. Dann ließ der reißende Strom auch schon nach. Heute soll der Schaden schon repariert werden. Danach kann ich den gemeinsam errichteten Damm wieder abreißen, hat mein Bürgermeister gesagt.

Mal sehen, wie ich das zeitlich hinkriege. Um 13 Uhr bin ich bei den Nachbarn zum Mittagessen eingeladen und später muss ich meinen Berliner Freund abholen. Von wo genau, weiß ich noch nicht. Er kommt um 14 Uhr mit dem Flieger aus Berlin in Sofia an und versucht mit den Öffentlichen so weit zu kommen, wie er kann. Dazu muss man wissen, dass die Öffentlichen in Bulgarien fahren wie sie wollen und Fahrpläne meist nur Vorschläge sind.

Vielleicht lasse ich meinen Freund den Damm einreißen, muss ja nicht heute sein. Mein Freund bringt nämlich seine Depression aus Deutschland, dem Land der Despressionen, mit. Aus meiner Erfahrung als Krankenpfleger und Taxifahrer weiß ich, dass Depressive beschäftigt werden müssen.

Mir wird schon irgendwas einfallen, wie ich ihm diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahme verkaufe. Bisher ist mir immer was eingefallen. Bulgarien ist nicht nur das Land der geplatzten Rohre und Überraschungen, weswegen man besser keine Pläne macht, sondern auch das Land der guten Ideen und Einfälle.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (104)

Auf dem Protest am Mittwoch, den 6. April, in Sofia wurde kein Alkohol getrunken so wie neulich noch auf dem für den Frieden in der Ukraine, wo praktisch jeder zweite ein alkoholisches Getränk in der Hand hielt. Auf dem Protest für die Neutralität Bulgariens im Ukraine-Krieg am Mittwoch in der bulgarischen Hauptstadt Sofia bei schönstem Sonnenschein und Temperaturen um die 20 Grad hatten einige von den männlichen und weiblichen Demonstranten und Protestanten eine Flasche Wasser dabei. Das war’s. Protest und Alkohol passen meiner Meinung nach nicht zusammen. Ich zumindest kann einen Protest, auf dem Alkohol getrunken wird, nicht (mehr) ernst nehmen. Einfach weil es keine Ästhetik hat, sich voll laufen lassen ist immer unästhetisch, und auf die Ästhetik kommt es bekanntlich an beim Widerstand. Besonders bei den Bildern.

Was mussten meine Augen für schlimme Bilder von Protestierenden in der Heimat sehen. Hysterisch kreischende Frauen auf dem Berliner Rosa-Luxemburg-Platz. Warum damals keiner und auch keine der zahlreichen Feministen und Feministinnen in unserem Land aufgestanden ist dagegen, das ist mir bis heute ein Rätsel. Auch was der taz-Tagesspiegel-Fotograf sich dabei gedacht hat. Vermutlich nichts. Sie taten mir weh, seine Bilder. Ganz ohne Text, der von einem so genannten Journalisten im Home-Office geschrieben war. Der tat auch weh, aber nicht so sehr wie die Bilder. Alleine, wenn ich daran zurück denke, wird mir schlecht, bekomme ich körperliche Schmerzen. Meine Bilder sind Widergutmachung, aber auch Notwehr. Deswegen sind sie gut – manche zumindest. Denn sie zeigen nicht nur „Die Ästhetik des Widerstands“, sondern auch den Sex, das Geschlecht, in dem Fall das weibliche, des Widerstands – dem „Ursprung der Welt“.

 Fotos&Text TaxiBerlin

Berlin aus Bulgarien (103)

Pünktlich um 12 Uhr ist unsere Fahrgemeinschaft aus Montana in der bulgarischen Hauptstadt Sofia eingeritten. Dass wir trotz Karutza, so heißt der klassische Pferdewagen auf den bulgarischen Dörfern, mit dem heute fast nur noch Zigeuner im Land unterwegs sind, pünktlich waren, lag an unserem Fahrer. Der hatte nicht nur einen Bleifuß, sondern auch ein Radar-Warngerät, damit wir keinen Ärger mit der Polizei bekommen. Die hat sich wieder um die Busse gekümmert, die aus allen Teilen des Landes zum Protest nach Sofia fuhren. Die Organisatorin aus Montana wurde einen Tag zuvor von den  lokalen Sherriffs angerufen, weil diese wissen wollten, von wo genau der Bus losfährt, woraufhin sie den Sherriffs antworte, dass die Leute allesamt mit ihren Privatfahrzeugen in die Hauptstadt kommen. Für uns hat das zumindest gestimmt. Am Ende waren es fast 50 Busse aus allen Teilen des Landes, die es nach Sofia geschafft haben. Für die Neutralität Bulgariens sind dort gestern 6.000 Menschen auf die Straße gegangen, womit der gestrige Protest bei schönstem Sonnenschein auch der bisher größte war. Maskenträger gab es keine, weder bei der Polizei, noch bei den Protestieren, und Abstände spielten auch wieder keine Rolle. Der Protest verlief absolut friedlich, niemand wurde verhaftet und keiner verletzt. Immerhin gab es diesmal einen Wasserwerfer, der aber nicht zum Einsatz kann, sondern in einer Seitenstraße der bulgarischen Hauptstadt Sofia gut bewacht von den Ordnungshütern friedlich vor sich hin rostete.

PS: Ich werde heute, wo im Irrenhaus Berlin, wenn ich richtig informiert bin, über die Impfpflicht für über 50-jährige entschieden wird, in den Schluchten des Balkans einen Baum pflanzen. Aber keinen Apfelbaum – den habe ich schon, sondern eine Esskastanie.
Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (102)

Heute ist der Nationale Protest für die Neutralität Bulgariens. Um über ihn berichten zu können, werde mit einer Fahrgemeinschaft in die bulgarische Hauptstadt Sofia gelangen. Zu der Forderung nach Neutralität passt dieser Artikel über „Die militärische Lage in der Ukraine“ von Jacques Baud, auf den mich gestern ein Freund in der Heimat aufmerksam gemacht. Jacques Baud ist Schweizer, über deren Neutralität ich dieser Stelle geschrieben habe. Jacques Baud, der auch ehemaliger Militär und Geheimdienstler ist, leitet seinen Artikel mit der Feststellung ein, dass es ihm nicht darum geht, den Krieg zu rechtfertigen, sondern zu verstehen, was zu ihm geführt hat. Praktisch das, was ich Jahrelang in meinem Taxi praktiziert habe, in dem man zwar nicht telefonieren, dafür aber alles sagen durfte – sogar die Wahrheit. Für mich war immer wichtig zu erfahren, warum tickt jemand so, wie er eben tickt.
Es gibt drei Dinge, die für mich besonders wichtig sind in dem insgesamt absolut lesenswerten Artikel von Jacques Baud. Der Schweizer erwähnt die Abschaffung des Kivalov-Kolesnichenko-Gesetzes von 2012, das Russisch zur Amtssprache machte, am 23. Februar 2014, und meint dazu: „Das ist in etwa so, als ob die Putschisten beschlossen hätten, dass Französisch und Italienisch in der Schweiz keine Amtssprachen mehr sein sollten.“ Ein interessanter Vergleich, wie ich finde.
Dann erwähnt Jacques Baud, dass der amerikanische Präsident Biden bereits am 17. Februar ankündigte, dass Russland in den nächsten Tagen die Ukraine angreifen werde. „Wie konnte er das wissen?“ – Eine interessante Frage. Des Rätsels Lösung könnte sein, dass seit dem 16. Februar der Artilleriebeschuss der Bevölkerung im Donbass dramatisch zugenommen hatte. Dies sollen auch die täglichen Berichte der OSZE-Beobachter bestätigt haben. Nur, warum reagierten dann weder die westlichen Medien, noch die Europäische Union, die NATO oder westliche Regierung darauf?
Diesen Punkt halte ich besonders wichtig, weil er mich an Afghanistan erinnert. Dort habe man die Sowjetunion in eine Falle gelockt, wie US-amerikanische Geheimdienstler später freimütig zugaben. Hat der Westen nun den Russen in eine ähnliche Falle gelockt? In diesem Zusammenhang erwähnt der Autor den 24. März 2021, an dem der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskij ein Dekret zur Rückeroberung der Krim erlassen haben und daraufhin seine Streitkräfte in den Süden des Landes verlegt haben soll. Ich hatte zuvor noch nie von einem solchen Dekret gehört.
Jacques Baud erwähnt am Ende noch das Entbindungskrankenhaus in Mariupol, das von der rechte Asow-Miliz eingenommen wurde, die die Menschen vertrieben und einen Schießstand in dem Krankenhaus eingerichtet haben soll. Mich hat das, genauso wie den Autor, sogleich an den ersten Golfkrieg erinnert. Auch ich frage mich, ob da gerade das Szenario von der Entbindungsstation in Kuwait-City nachgespielt wird. Inszeniert hat es damals die Firma „Hill & Knowlton“ für 10,7 Millionen Dollar, um den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen davon zu überzeugen, im Rahmen der Operation Desert Shield/Storm im Irak zu intervenieren.
So viel Geld ist mit Ukraine-Flaggen und KGB-Shirts nicht zu machen, schon gar nicht in Bulgarien. Mit ihnen dürfte nur ein Trinkgeld zu verdienen sein. Ein Grund möglicherweise, dass sie (noch) so friedlich nebeneinander am Souvenirgeschäft direkt neben dem Sheraton-Hotel, dem ehemaligen Hotel „Balkan“ und erstem Haus am Platz in Sofia zu finden sind. Wieder einmal ist alles anders in Bulgarien.
PS: Ich bitte alle Faktenchecker unter meinen Lesern, die Angaben von Jacques Baud zu überprüfen, da ich gerade in der bulgarischen Hauptstadt und ohne Internet bin, um auf den Straßen Sofias den Nationalen Protest für die Neutralität Bulgariens zu beobachten. Vielen Dank im Voraus!
Foto&Text TaxiBerlin