Bericht aus Bulgarien (92)

Taxi in den Straßen von Sofia

Gestern war ich seit Ewigkeiten mal wieder aus, und zwar mit meinem besten bulgarischen Freund Martin, der mich neulich seinen besten deutschen Freund genannt hat. Martin kennt sich aus in der Stadt, wir mussten also keinen Taxifahrer fragen, und wir sind auch nicht mit dem Taxi zum Club gefahren sondern gelaufen. Der Club war im Keller, so wie in den Neunzigern in Berlin die meisten Clubs in Kellern waren, und man musste klingeln, um hereinzukommen. Der Eintritt war frei.

Ich will jetzt aber nicht über den Club schreiben, wo noch geraucht wurde, sondern über unseren Heimweg berichten, den wir auch ohne Taxi schafften. Wir unterhielten uns auf deutsch und plötzlich wurden wir deswegen von einem bekannten Schauspieler angesprochen, der mit seinem Hund unterwegs war. Er hatte uns auf deutsch reden hören, und wir sollten jetzt sein deutsch korrigieren. Genau genommen war es ein Gedicht von E.T.A. Hoffmann, das er gelernt hat, weil es in einem Theaterstück vorkommt, in dem er mitspielt, und das im August in D aufgeführt werden soll.

Das Ganze so gegen halb Zwei auf einer Straße von Sofia. Im Gespräch mit dem Schauspieler, sein Name ist Leonid, stellte sich heraus, dass er der Freund einer Bekannten von mir ist, die mir neulich von ihm erzählt hatte. Mir fiel ein, was mir am Tag zuvor ein bulgarischer Violinist erzählt hatte. Er sagte ausdrücklich nicht: „Das ist Bulgarien!“, was die meisten Bulgaren machen, wenn einem etwas komisch vorkommt, was häufig passiert, sondern der Geiger sagte: „Bulgarien – Land der Überraschungen!“.

Dass in Bulgarien Taxis noch zum alltäglichen Straßenbild gehören, so wie es früher auch in Berlin war, ist dagegen keine Überraschung. Die illegale Konkurrenz Uber ist hier verboten, was aber schon wieder ein anderes Thema ist.

PS: Das Rezipieren des Gedichtes von E.T.A. Hoffmann war ziemlich gut, ein paar Kleinigkeiten kann der Schauspieler noch verbessern. Zur Sicherheit habe ich ihm meine Nummer gegeben, so dass er mich anrufen kann, wenn er Lust dazu hat.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (91)

„Das Leben ist kein Ersatzteil!“

Auf meinem Weg nach Sofia weist mich ein Hinweisschild darauf hin, dass das Leben kein Ersatzteil ist. Obwohl inhaltlich nicht völlig neu, finde ich das einen wichtigen Hinweis. Auch wenn man bedenkt, wie nachlässig viele gerade mit ihrem Leben umgehen. Gut, nicht in Bulgarien. Dafür gibt es hier Hinweisschilder. Der Vollständigkeit wegen sei gesagt, dass es auch Schilder gibt, auf denen steht, dass Impfen angeblich Leben sparen würde, was immer das heißen mag. Das sind aber keine Hinweisschilder, sondern Reklametafeln, weswegen auf ihnen auch der Sponsor genannt wird, wie bei Reklame üblich. Bulgarien liegt zwar sehr am Rand, aber ist doch ein zivilisiertes Land. Damit der Unterschied zwischen Hinweisschild und Reklametafel klarer wird, werde ich morgen mal eine Reklametafel in der bulgarischen Hauptstadt fotografieren. Es gibt nicht viele von ihnen, aber an der Zarigradsko Chaussee habe ich heute stadtauswärts eine gesehen. Mal sehen ob sie morgen noch da ist, so eine Reklame kostet ja auch Geld, selbst in Bulgarien. Auch wenn Geld verdienen für viele ein großes Problem darstellt, ist es was das Impfen angeht hier so wie überall: Mit einer Impfung verdienen einige wenige (aller Wahrscheinlichkeit nach ist mal wieder kein Bulgare unter ihnen, denn von denen gibt es nur 6.5 Millionen weltweit) sich nur dumm, mit einer zweiten aber dumm und dämlich. Wie es nach der dritten Impfung aussieht, kann sich jeder selber ausrechnen.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (90)

Ein Gefangener seiner selbst
Bulgarische Kunst in der Stadt Montana

Ich habe gerade Besuch aus Berlin und aus Kalifornien. Meine Gäste genießen die Freiheiten, die vor kurzem noch für uns alle selbstverständlich waren und in Bulgarien immer noch sind. Beim gemeinsamen Besuch meiner Nachbarin Baba Bore und ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln, die verstreut im Land wohnen, am Ende saßen wir zu zehnt am Tisch, spielte das Thema Corona keine Rolle. Demzufolge wurde auch kein Impfstatus abgefragt oder gar kontrolliert. Wir saßen einfach zusammen, Baba Bore tischte wie immer auf, was ihr Garten hergibt, und unterhielten uns ganz normal, so wie früher.

Eine Erfahrung der anderen Art machte zum selben Zeitpunkt die bulgarische Freundin meines englischen Freundes Jerry und Filmemacherin, die gerade in Frankreich weilt, wo sie aufgewachsen ist, weswegen sie auch die französische Staatsbürgerschaft hat. Sie wollte sich mit einem alten Freund treffen, der auch Bulgare ist und jetzt mit einem französischen Künstler zusammen lebt. Der französische Künstler wollte vor dem Treffen den Impfstatus der Bekannten aus Bulgarien seines bulgarischen Freundes wissen, sonst könne sich dieser nicht mit ihr treffen.

Der Wahnsinn ist also nicht nur in Berlin zuhause, sondern auch in Paris. Nur beim Bulgaren ist er noch nicht angekommen, oder nur indirekt. Ob der in Paris lebende Bulgare nach dem Vorfall noch mit dem französischen Künstler zusammen ist, weiß ich nicht, ich vermute ja. Die bulgarische Filmemacherin und Freundin meines englischen Freundes Jerry hier in Bulgarien hat ihren bulgarischen Freund zumindest nicht getroffen in Paris. Es ist praktisch dieselbe Geschichte, die mir neulich an dieser Stelle mein depressiver Bekannter in Berlin erzählte.

Der Fairness halber möchte ich hinzufügen, dass der französische Freund des bulgarischen Freundes der bulgarischen Filmemacherin mit französischem Pass ein Treffen vorschlug, wo er mit Zollstock den Abstand ausmessen würde. Französische Polizisten sind, im Gegensatz zu Deutschland, noch nicht mit Zollstock gesichtet wurden. weswegen er diesen Job übernehmen wollte.

Foto&Text TaxiBerlin

 

Bericht aus Bulgarien (89)

Demonstrationen in Bulgarien sind anders als Demonstrationen in Deutschland. Sie sind praktisch umgedreht, wie so vieles in Bulgarien umgedreht ist. Die Demonstration am Samstag in Sofia begann mit erst von links nach recht und dann von rechts nach links marschierenden Soldaten verschiedener Waffengattungen der bulgarischen Armee vor dem Verteidigungsministerium neben dem Nationaltheater „Iwan Wasow“. Einige von ihnen hatten sich alte russische Kalaschnikows aus sozialistischen Zeiten um den Hals gehängt, die meisten hielten noch ältere Karabiner aus den Befreiungskriegen in ihren Händen. Was die Message an den amerikanischen Gast sein sollte, blieb unklar. 

Entweder, dass es selbst die amtierende bulgarische Regierung immer noch mit dem Russen hält, oder dass dieselbe endlich neue Waffen aus dem Westen haben will. Oder auch einfach nur, dass sich der gemeine Bulgare schon mal an den alltäglichen Anblick von Waffen in der Öffentlichkeit gewöhnen soll. Die Antwort der wie einst die Grünen in Deutschland pazifistisch orientierten Demonstranten auf den Straßen der bulgarischen Hauptstadt Sofia war ihre Nationalhymne „Liebe Heimat“, die sie der Marschmusik der vor dem Verteidigungsministerium, das bald ein Kriegsministerium sein könnte, marschierenden Armee ihres Heimatlandes aber nicht einfach nur entgegenschallen ließen, sondern die sie auch Textsicher mitsingen konnten.

Ernst war es nicht nur den zu Marschmusik Marschierenden mit all ihren Waffen auf der Straße zwischen dem Verteidigungsministerium und dem kleinen Park, an dessen Ende sich einst das Georgi Dimitrow Mausoleum befand, sondern auch den etwa 2.000 im Park friedlich Protestierenden mit ihren Plakate wie beispielsweise diesen hier:

Forderung an das Nationale Bulgarische Fernsehen,
objektiv zu berichten

Nein zum Krieg

Bulgarien – Zone des Friedens

Nach dem Ernst mit den Plakaten, den Waffen, der Marschmusik und der Nationalhymne folgte eine Art Happening, also das übliche bulgarische Drunter und Drüber vor dem 500 Meter vom Verteidigungsministerium entfernten Ministerrat, dem Sitz der bulgarischen Regierung. Die Volksfeststimmung auf dem Platz vor der Volksversammlung bei schönstem Sonnenschein wollte sich auch der oberste sowohl für die bulgarische Regierung als auch für das bulgarische Parlament zuständige Ordnungshüter nicht entgehen lassen. Lächelnd kam er aus dem Gebäude des Ministerrats, um sich unters Volk zu mischen und sich unter anderem ausgiebig mit zwei Demonstrantinnen vor dem Sitz der bulgarischen Regierung zu unterhalten. In Deutschland, und da allen voran in der deutschen Hauptstadt, ein Unding – in Bulgarien nichts Besonderes, sondern Alltag:
Irgendwann tauchten mit Pauken, allerdings ohne Trompeten, angekündigte mit Pistolen in der Bauchbinde bewaffnete Demonstranten auf dem Platz auf, fast so wie damals auf dem Maijdan, die aber in Sofia im Gegensatz zu Kiew den hiesigen Polizisten nicht ans Leder wollten, sondern im Gegenteil von ihnen mit einem Lächeln auf den Lippen begrüßt wurden. Ganz zum Schluss gab es noch den obligatorischen bulgarischen Horo, nicht verwechseln mit dem deutschen Horror, also dem Polizei-Terror beispielsweise auf Spaziergängen in der Heimat. Der bulgarische Horo ist ein Ring-Tanz, bei dem man sich an die Hände fässt, ein Ringelpietz mit anfassen sozusagen:

Wie auf den Fotos zu sehen, spielten weder Masken noch Abstände irgendeine Rolle in der bulgarischen Hauptstadt. Der Protest der 2.000 Demonstranten gegen den Besuch des US-amerikanischen Verteidigungsministers Austin, der erste seit 25 Jahren, am vergangenen Samstag in Sofia verlief absolut friedlich. Weder Gummiknüppel noch Tränengas kamen zum Einsatz. Niemand wurde verhaftet und keiner verletzt. Auch Wasserwerfer wurden keine gesichtet in der bulgarischen Hauptstadt Sofia, wo man gestern noch auf den Westen gehofft hat, und woraus heute eine Hoffnung für den Westen geworden ist.
Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (88)

Am Samstag vor dem Kriegs-,
Verzeihung Verteidigungsministerium in Sofia

Der Besuch des amerikanischen Verteidigungsministers Austin am Samstag in Bulgarien, der erste seit 25 Jahren, wurde mehrfach verschoben, so dass die Gegendemo nicht langfristig geplant werden konnte. Innerhalb von 24 Stunden, so lange saß zur gleichen Zeit auch der frühere Regierungschef Borissow ein, 2.000 Menschen auf die Straße zu bringen, ist deswegen durchaus beachtlich. Vor allem, wenn man berücksichtigt, dass ein paar Leute zeitgleich für die Freilassung Borissows protestierten, und dass es sowieso nur 6.5 Millionen Bulgaren gibt, also nicht mal zweimal so viel wie Berliner, und ein Drittel von ihnen im Ausland lebt, nicht wenige davon in der Ukraine. Was viele in Bulgarien verbliebene nicht verstehen, ist, dass Nationalist in der Ukraine zu sein gut ist, dort kann man sogar Faschist sein, und es ist immer noch kein Problem für den Westen. In Bulgarien ein sein Vaterland liebender Patriot, der sich nicht von den USA in einen Krieg ziehen lassen möchte, der weder die USA, noch die NATO, und schon gar nicht Bulgarien betrifft, ist dagegen nicht nur nicht OK, sondern automatisch auch noch pro russisch, und das versteht der Bulgare nicht. Es ist auch schon eine irre Logik. Man muss die Logik eines Wahnsinnigen nicht verstehen, und schon gar nicht mitmachen. Nach zwei Jahren Corona-Wahnsinn nun der Russen-Wahn. Das einzig beständige im Leben ist eben doch die Veränderung. Obwohl, der Wahnsinn ist geblieben, er hat sich nur verlagert. Mit dem Wahn, so sagt man, soll es so ähnlich sein wie mit der Sucht. Und so wie Summe aller Süchte immer gleich ist, so ist auch die Summe allen Wahnsinns immer gleich, weswegen man vorsichtig bei der Beurteilung beziehungsweise bei der Einschätzung sein sollte. Wird der Russe wirklich in 15 Minuten auf dem Kurfürstendamm sein, wie wir früher sagten? Und will er das überhaupt, wie heute behauptet wird? Jedenfalls hat man jetzt schon einen Schuldigen für alles und jeden, egal ob teures Gas oder Inflation allgemein, die heute Stagflation heißt. In Bulgarien, wo sich der Corona-Wahnsinn in Grenzen gehalten hat und der Russen-Wahn noch nicht angekommen ist, kann der Schuldige auch schon mal Biden und nicht Putin heißen:

Biden nach Sibirien – dann ist Frieden
Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (87)

Jungfrau mit Schleife

Gestern wurde wieder demonstriert in Bulgarien, und zwar vor dem Verteidigungsministerium, damit aus im kein Kriegsministerium wird, denn der amerikanische Kriegsminister Austin war in Sofia zu Besuch. Für viele ein nicht willkommener Gast in dem sonst gastfreundlichen Land am Rand. Immerhin 2.000 Menschen hatten sich in dem kleinen Park, an dessen Ende einst das Georgi-Dimitrow-Mausoleum stand, und das obwohl die Demonstration erst am Vortag angekündigt wurde, weil der Besuch des Amerikaners immer wieder verschoben worden war. Zuvor musste noch der frühere Regierungschef Borissow aus dem Bett heraus verhaftet werden, denn die Korruption soll auch bekriegt werden. Mit der 24h-Festsetzung von Borissow, wogegen bereits am Vortag einige Bulgaren auf die Straße gegangen waren, sollte aber nur vom Krieg in der Ukraine und einer möglichen Beteiligung Bulgariens unter der Schirmherrschaft der USA abgelenkt werden. Das war auch der Grund, dass am Samstag selbst blutjunge Polizistinnen mit Schleife auf die Straßen von Sofia gebracht wurden. Die letzten im Land verbliebenen Jungfrauen. Dass sie keine Maske trägt, ist übrigens nichts besonderes. Das hat schon vor dem heutigen Freedom Day, an dem alle Maßnahmen und der Grüne Pass wegfallen, kaum jemand getan in Bulgarien.

Foto&Text TaxiBerlin

 

Bericht aus Bulgarien (87)

Mein Marteniza-Schrein

Auch ich habe ein Teil meines Geldes in Gold angelegt. Da ich so gut wie kein Geld habe, habe ich praktisch auch kein Gold. Immerhin zu drei kleinen Münzen hat es gereicht, die allerdings kunstvoll verpackt sind. Man merkt, dass der Verpackungskünstler Christo Bulgare war. Die Verpackung war auch das teuerste, das ist leider auch wahr. Jede meiner Goldmünzen hat heute den Wert einer warmen Mahlzeit, immerhin. Keine Ahnung, wie es morgen aussieht. Es ist nicht auszuschließen, dass ein Dessert oder gar noch eine Vorspeise dazu kommen. Meine Goldmünzen sind aber nicht einfach nur kunstvoll verpackt, sondern liebevoll in einen Marteniza-Glücksbringer eingearbeitet. Dort liegen sie zu Füßen der dargestellten Personen, ein Esel ist auch dabei, damit ein Dieb es nicht sogleich als Gold erkennt. Für mich sind meine drei Martenizas aber nicht einfach nur Glücksbringer, die den Frühling ankündigen, sondern sie sind mir darüber hinaus auch heilig. Es ist als keine Übertreibung, wenn ich von meinem Martenzia-Schrein spreche. Zumindest bete ich ihn dreimal am Tag auf dem Kopf stehend an. Das auf dem Kopf stehen ist wichtig, weil in Bulgarien alles umgedreht ist: Ja ist Nein, Nein ist Ja, Weiß ist Schwarz, Schwarz ist Weiß und mit zwei Jahre Garantie sind immer nur zwei Meter vom Geschäft gemeint. Wenn man das weiß, hat man den Balkan praktisch verstanden, oder zumindest halb.

Foto&Text TaxiBerlin