Gerade erreicht mich dieser Gruß aus Berlin-Kreuzberg. Tja, was soll man dazu sagen, noch dazu aus der Ferne? Bereits im letzten Jahr hatte man in Bulgarien keinen Bock auf „schon wieder Ostfront“. Es ist schon irgendwie tragisch, dass man in Deutschland dem Zeitgeschehen um Monate, wenn nicht gar Jahre hinterherhinkt. Dabei ist Bulgarien Deutschland nur um eine Stunde voraus. Was einen Krieg angeht, den wird es sowieso geben. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und auch ganz unabhängig davon, wie man die Bundeswehr findet.
Heute vor 58 Jahren lehnte Muhammad Ali seine Einberufung mit diesem berühmten Satz ab: „Mann, ich habe keinen Ärger mit dem Vietcong“. Ich komme drauf, weil unser zukünftiger Außenminister gerade mit diesem Satz von sich Reden macht: „Russland wird immer ein Feind für uns bleiben“. Verzeihung, mein Herr, bitte sprechen Sie nicht in meinem Namen. Russland war nie mein Feind und wird auch in Zukunft nicht mein Feind sein. Oder um es mit den Worten von Muhammad Ali zu sagen: „Mann, ich habe keinen Ärger mit dem Russen“. Das sage ich als jemand, der direkt neben einer Kaserne der Sowjetarmee groß geworden ist. Und auch, weil der Russe Wort gehalten hat. Er ist wie vereinbart abgezogen, im Gegensatz zum Amerikaner, der von Deutschland aus Kriege in aller Welt führt, auch in der Ukraine. Mit Menschen, die immer einen Feind brauchen, verhält es sich meiner Erfahrung wie mit Männern, die ein zu großes Auto fahren. Es fehlt ihnen an anderer Stelle etwas, was sie versuchen zu kompensieren. Entweder ist die Gehirnmasse zu klein oder das Ding in der Hose. Für letzteres gibt es Abhilfe. Für ersteres bin ich mir nicht sicher. Möglicherweise hilft es aber, sich etwas in den Allerwertesten zu stecken, was Nachts leuchtet. Damit man zumindest weiß, wo derjenige steckt, der immer einen Feind braucht.
Zu meinem letzten Beitrag schrieb mir eine Leserin aus der Heimat, dass das Video den Eindruck erwecken würde, dass die Apokalypse Bulgarien erreicht hätte. Einen Tip, wo man als obdachloser Bulgare (oben) in Deutschland unterkommen könnte, hatte sie zwar nicht, dafür aber Recht mit ihrer Einschätzung, so denke ich zumindest. Ehrlich gesagt wundere ich mich selbst, dass überhaupt noch etwas funktioniert in diesem Land. Gleichzeitig halte ich Ausschau nach den Kameras und dem Regisseur von „Apocalypse Bulgaria“. Vergeblich – auch hier muss man alles selber machen. Ein idealer Drehort für den Endzeitstreifen ist der Hauptbahnhof von Sofia, auf dem die wenige Züge, die noch fahren, allesamt auf Gleis 13 bereitgestellt werden, und zwar mit halbstündiger Verspätung. Praktischerweise befindet sich Gleis 13 ganz am Ende der nicht enden wollenden Unterführung, so dass man vorher an allen geschlossenen Bahnsteigen (unten) vorbeilaufen muss, um sich das Elend in seiner ganzen Pracht anzusehen. Das alles ist natürlich kein Zufall, sondern planmäßige Zermürbung. Nicht alle schaffen es bis zum Gleis 13, trotz der halbstündigen Verspätung, auf die wie in der Heimat Verlass ist. Ich schreibe das jetzt nicht, um Bulgarien schlecht zu machen, was sowieso nicht möglich ist (wie auch?), sondern um die Menschen in der Heimat auf das Kommende vorzubereiten: „Apocalypse Germania“.
Nur Sekunden bevor man den Sofioter Hauptbahnhof von Norden kommend erreicht, fährt man an einem Haus vorbei, das sich direkt neben den Gleisen befindet und das bis heute bewohnt ist. Ich weiß das, weil ich erst gestern wieder an ihm vorbei gefahren bin. Und ich komme darauf, weil ich gerade aus den Nachrichten erfahre, dass ganz aktuell wohl ähnliche Häuser in der bulgarischen Hauptstadt von der Polizei geräumt werden und die Betroffenen ein neues zuhause suchen. Immer wieder werde ich gefragt, warum Deutschland zwar Mühseligen und Beladenen aus aller Welt Asyl gewährt, aber keinem von hier. Da ich die Frage nicht beantworten kann, gebe ich sie an meine zahlreichen Leser in der Heimat weiter. Ich bin für jede Antwort dankbar. Am Dankbarsten bin ich für Hinweise, wo die jetzt obdachlos geworden in Deutschland ein Dach über dem Kopf oder zumindest einen Ort im Freien finden können. Natürlich weiß auch ich, dass es eng geworden ist in der Heimat. Aber vielleicht hat der ein oder andere noch ein freies Plätzchen in seinem Vorgarten oder vor seiner Haustür oder auch nur vor der seines Nachbarn. Ich bin für jeden Hinweis dankbar und gebe ihn umgehend an die Betroffenen weiter.
Was könnte es wohl sein, woran in Deutschland jedes Jahr fast 150.000 Menschen sterben? Mein erster Gedanke ist Corona. Wie viele sind hierzulande an Corona gestorben? Was denkst Du? Die Wahrheit ist: Niemand weiß es, denn die Statistik kennt nur „an oder mit einer COVID-19 Infektion verstorbene Personen“. Gestorben wird aber immer nur „an“ etwas. Das kann man in jedem Lehrbuch der Pathologie nachlesen. Mit anderen Worten: Nichts genaues weiß man nicht. Eines scheint man immerhin zu wissen, und zwar dass es auf den heutigen Tag genau 187.611 waren, allerdings in fünf Jahren. Pro Jahr wären das 37.522 Tote, die „an oder mit“, na Du weißt schon. Also über’n Daumen ein Viertel derer, die jedes Jahr an Alkohol und Nikotin sterben. Eigentlich höchste Zeit, mal über einen Impfstoff nachzudenken, möchte man meinen. Nicht so in Deutschland. Hier beklagt man sich, dass die Bierpreise zu niedrig seien, auf Wein überhaupt keine Verbrauchsteuer erhoben wird und der Staat sich dadurch Steuern in Milliardenhöhe entgehen lässt. An die Menschen scheint irgendwie niemand zu denken.
Im Bulgarischen Nationalradio war heute Lili Ivanova Tag, denn die bekannte Sängerin hat heute Geburtstag. Gestern war ich zu einer Buchpräsentation im Kino der nächst größeren Stadt. Der bulgarische Journalist Georgi Toshev hat sein Buch über Lili Ivanova vorgestellt, zusammen mit einem halbstündigen Film von ihm, denn Toshev ist auch Filmemacher. Das Kino war bis auf den letzten Platz gefüllt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin auf Toshev und sein Buch durch ein Interview im bereits genannten Nationalradio aufmerksam geworden. Irgendwie hatte das etwas. Ich kann gar nicht genau sagen, was. Gestern die Veranstaltung hatte auch etwas. Vielleicht ist es der Umstand, dass Toshev der zu sein schien, der er ist. Das ist aber nur eine Vermutung, schließlich kenne ich ihn nicht. Überhaupt ging es ja nicht um ihn, sondern um Lili Ivanova. Dazu muss man wissen, dass Toshevs Familie mit der Sängerin bekannt ist – man kennt sich. Ich bin kein Fan von Lili Ivanova, aber ich fand es faszinierend, sie in den Klamotten der Sechziger und Siebziger zu sehen, wie sie den Jazz singt, wie Manfred Krug es seinerzeit in der DDR getan hat. Apropos: Lili Ivanova ist auch im Friedrichstadtpalast in Ost-Berlin aufgetreten. Irgendjemand in dem Film gestern hat sie mit Edith Piaf verglichen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Auf jeden Fall kennt jeder Bulgare Lili Ivanova, so wie der jeder Franzose vermutlich Edith Piaf kennt.