Mein Leben im Liegen

Wegen akutem Rücken findet mein Leben gerade im Liegen statt. Gestern habe ich mich aufgerafft, um ein Interview zu geben. Bereits zum zweiten Mal war ich vom Corona Ausschuss eingeladen. Wie in meinem Taxi spreche ich mit jedem, auch mit Wolfgang Wodarg. Kontaktschuld oder „mit dem spreche ich nicht“ kenne ich nicht. Kenne ich auch aus Bulgarien nicht, nur aus Deutschland. Wobei „sprechen“ in dem Zusammenhang nicht das richtige Wort ist. Wolfgang Wodarg hat vor allem zugehört, was ich zu sagen habe. Wo Wolfgang Wodarg das „Zuhören“ gelernt hat, kann ich nicht sagen. Ich habe es im Taxi gelernt und bis zum Exzess praktiziert. Man nennt mich deswegen neben „Desillusionist“ auch „Extremzuhörer“. Zuhören hört sich einfach an, ist aber das Einfache, das so schwer zu machen ist. Dem Deutschen fällt das Zuhören besonders schwer. Das ist zumindest meine Erfahrung. Denn der Deutsche weiß immer schon alles, und vor allem besser. Oftmals auch die, die sich offen und aufgewacht wähnen – also nicht die Woken. Die wissen sowieso immer alles besser. Zurück zum Interview. Es dreht sich einmal mehr um Bulgarien. Da ist ja gerade einiges los. Erst Massenproteste, dann Rücktritt der Regierung und jetzt Einführung des T€uros zum 1. Januar. Noch am 30. Dezember stellt die Tagesschau fest, dass Umfragen meist zeigen würden, dass mehr als die Hälfte der Bulgarinnen und Bulgaren die Einführung des T€uros ablehnen. OK – aber warum wird er dann eingeführt? Aber es wird noch besser. Der „unabhängige Wirtschaftsexperte“ Ruslan Stefanov behauptet im selben Beitrag, dass die Bulgaren mit dem T€uro eine stabile Währung bekommen würden. Dabei ist die bulgarische Währung seit fast 30 Jahren stabil. Das schreibt sogar die Tagesschau, und zwar im selben Beitrag: „der bulgarische Lew war ab 1997 fix an den Kurs der D-Mark gekoppelt und seit 1999 an den Euro. Zwei Leva sind ziemlich genau ein Euro.“ Warum Ruslan Stefanov das nicht weiß, immerhin soll er „ein unabhängiger Wirtschaftsexperte am Zentrum für Demokratiestudien in der bulgarischen Hauptstadt Sofia“ sein, kann ich nur vermuten. Ich gehe davon aus, dass das „Zentrum für Demokratiestudien“ eine von der Regierung bezahlte „Nichtregierungsorganisation“ (NGO) ist. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass die Tagesschau aus Deutschland es besser weiß als der „unabhängige Wirtschaftsexperte“ in Bulgarien. Im Beitrag der Tagesschau kommt dann immerhin noch der Vizevorsitzende der Partei „Wiedergeburt“, Petar Petrov, zu Wort. Natürlich nicht ohne den Hinweis, dass es sich bei der Partei „Wiedergeburt“ um eine „rechtsradikale pro-russische Partei“ handelt. Diese deutsche Einordnung, die es in Bulgarien nicht gibt, ist wichtig. Nicht dass der Deutsche noch auf die Idee kommt, sich seine eigene Meinung zu bilden oder gar selbständig zu denken. Denn, was Petar Petrov sagt, ist nicht nur alles andere als uninteressant, sondern kommt der Wahrheit wohl am nächsten. Vizevorsitzender Petar Petrov stellt den T€uro nämlich als den großen Preistreiber für Bulgarien dar. Wer die Einführung des T€uros hierzulande miterlebt hat, dürfte sich daran erinnern. Einen drauf setzt noch der MDR, der am 11.12. folgendes über die Proteste in Sofia zu berichten weiß: „Viele der Protestierenden haben im westlichen Ausland studiert, dort in einer funktionierenden Demokratie mit einer intakten Zivilgesellschaft gelebt und sind in der Hoffnung und dem Ehrgeiz zurückgekommen, das Leben in Bulgarien zu verbessern.“ Fast zu schön, um wahr zu sein. Oder gibt es andere Gründe für ihre Rückkehr? Dass sie ihr Glück im Westen nicht gefunden haben? Oder dass sie die Freiheit in Bulgarien dem goldenen „Corona-Käfig“ im Ausland vorgezogen haben? Dieser und vieler anderer Fragen und Hintergründe widme ich mich in dem Interview (ab 1:11 h!) mit Wolfgang Wodarg und Viviane Fischer, das wie gesagt kein wirkliches Interview sondern ein Zuhören ist. Alleine deswegen lohnt es sich anzuschauen.

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