Es sind Auswanderer der besonderen Art und nicht die typischen deutschen Auswanderer -zumindest bisher. Da kamen eher ältere Herrschaften nach Bulgarien, die es ans Schwarze Meer zog. Das könnte sich bald ändern. Das ist zumindest mein Gefühl. Es ist jetzt ein oder zwei Jahre, dass ich von ihnen hörte. Vor wenigen Tagen fand ich zufällig dieses aktuelle Video, dass nach nur neun Tagen 120.000 Aufrufe hat. Das Interesse an den Auswanderern aus Deutschland, deren Ziel es ist, sich nicht nur in Bulgarien (sie haben zuvor schon an vielen anderen Orten weltweit gelebt) zu 100 Prozent selbst zu versorgen, ist offensichtlich sehr groß. Morgen werde ich sie in Zentral-Bulgarien besuchen. Eine Gegend, in der es die meisten verlassenen Dörfer gibt. Ich bin gespannt.

Nicht nur bequem
Gestern stand es noch exklusiv im Spiegel, heute ist die neue russische Geheimwaffe schon in den Schluchten des Balkans angekommen, wo man Deutschland mal wieder der Zeit voraus. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Kaufland Russlands neue Geheimwaffe präsentiert. Der Deutsche hat’s einfach drauf. Zwar nicht so gut wie der Ami, aber auch nicht soo schlecht. Eine Runde Einkaufen kostet mit ihr ein Lew (50Cent) und drei Runden zwei Lewa (ein Euro). Mit der neuen russischen Geheimwaffe ist das Einkaufen nicht nur bequem, sondern sicher. Bald auch in Deinem Kaufland!

Sondern auch sicher

! Achtung !
Zwei Nachrichten von heute aus ein und derselben Stadt: “A100-Verkehrschaos: Können Anwohner die Miete mindern, wenn Laster durch den Kiez brettern? – Zehntausende Fahrzeuge umfahren den Dauerstau und kurven durch Wohngebiete. Die Leute sind genervt vom vielen Lärm und den Abgasen. So können Mieter vorgehen.” So steht es in der Berliner Zeitung. Im Spiegel liest es sich so: “Berliner Brücke gesperrt. Kein Chaos. Was ist da denn los? – Weil eine viel befahrene Brücke gesperrt wurde, versank Berlin im Chaos. Wie erwartet. Doch wenig später die Überraschung: Alles läuft wie geschmiert. Die ungewöhnliche Geschichte in einer leidgeplagten Stadt.” Immerhin, die Frage des Spiegels scheint mir berechtigt: Was ist da denn los? – In Bulgarien gibt es für solche Fälle ein neues Verkehrsschild (oben links). Genau genommen zwei. Das Zweite (oben Mitte) warnt vor den neuen russischen Geheimwaffen. Das sollen Pferde und Esel sein. – Über das Schild, dass dem Mann das pinkeln verbietet, habe ich mich neulich mit meinen Nachbarn unterhalten. Zuerst redeten wir über die Unterschiede zwischen Stadt und Land, dann über die zwischen früher und heute, um am Ende bei denen zwischen Mann und Frau anzukommen. Meine Nachbarn hier sind sich sicher, dass sich dieser zwischen den Beinen befinden würde. Aber Achtung: Das ist geheim!

Heute habe ich mich mit Jerrys bulgarischer Freundin im “Vegas” getroffen, das bei ihr “Texas” heißt. Sonst treffe ich mich immer mit Jerry in dem kleinen Café, aber mein englischer Freund und Musiker ist seit einer Woche mit seinem Orchester auf Tournee durch Bulgarien, gerade ist er in Burgas am Schwarzen Meer. Das “Vegas” alias “Texas” war heute gut besucht, denn Dienstag ist Markttag, und da ist alles auf den Beinen, was noch krauchen kann. Ich war mal wieder überall der Jüngste, ich hatte hier schonmal über den bulgarischen Jungbrunnen geschrieben. Zum ersten Mal ist mir heute aufgefallen, dass es direkt gegenüber vom “Vegas” einen kleinen Pavillon Namens “Reichstag” gibt. Vermutlich ist er neu, geöffnet hatte er heute nicht, was aber am Wetter lag. Doch zurück zu Jerrys Freundin, die mich fragte, ob ich auch gehört hätte, dass die Regierung die Bevölkerung dazu auffordert, Reserven anzulegen. Neulich noch taten dies nur Schwurbler und Verschwörungstheoretiker, heute die Regierung. Warum die Regierung dies tut, wird nicht ganz klar. Offensichtlich rechnet man mit dem schlimmsten. Aber womit genau? Versorgungsengpässe? Oder gar ein Krieg? Passenderweise gab es heute Vormittag um 11 Uhr Ortszeit schonmal einen Probealarm, gerade als Jerrys Freundin und ich im “Vegas” saßen, das bei ihr wie gesagt “Texas” heißt. Just in dem Moment erreichte mich der Hinweis eines Freundes in der Heimat darauf, dass es dieses Jahr besonders schwer sei, Aprilscherze von normalen Nachrichten zu unterscheiden. Ganz klar die Verschwörungstheorie eines Schwurblers – zumindest noch am Mittag.

Bei mir in den Schluchten des Balkans sieht es gerade so aus, und das schon seit einer Woche. Es ist so eine Art Regenzeit, die einen ganz schön runterziehen kann. Vor allem dann, wenn es keine Ablenkungsmöglichkeiten gibt wie in Berlin beispielsweise. Trotzdem ziehen mich Nachrichten aus der Heimat mehr runter als das Wetter hier. Dort ist man gerade dabei, den letzten Rest an gesundem Menschenverstand zu verlieren. Nach dem teurem Frecking- Verzeihung “Freiheitsgas” aus Amerika, soll es nun einen “Freiheitsdienst” geben, womit die Wiedereinführung der Wehrpflicht gemeint ist. Verwöhnte Wohlstandskinder, die gestern nicht in der Lage waren, unsere Grenzen zu sichern, sollen jetzt in den Krieg ziehen. Was ich mich frage: Wie ist eigentlich das Wetter in der Heimat? Liegt es vielleicht daran, dass man dort keinen Durchblick mehr hat?

Graffito “Die Wahrheit ist am Schönsten” vor gesperrtem Dienst-Parkplatz
Neulich in Sofia ist es passiert. Zum ersten Mal überhaupt, seitdem ich in Bulgarien bin. Da wollte mich jemand davon überzeugen, dass Putin der Teufel ist, mindestens der neue Hitler. Die Person war eine Frau. Das Gespräch fing so an, dass sie mich fragte, ob ich denn noch mit Holz heizen dürfe. Der Unterton war, dass das wohl nicht sein kann. Was Putin angeht, erlaubte ich mir, sie darauf hinzuweisen, dass das eine Meinung sei, in dem Fall ihre, wovon sie nichts hören wollte. Sie beharrte darauf, dass es sich um einen Fakt handelt. Dass es einen vom Westen orchestrierten Regime-Change und einen jahrelangen Bürger-Krieg in der Ost-Ukraine gab, davon hatte sie noch nie etwas gehört. Dass auf dem Land in Bulgarien praktisch jeder mit Holz heizt, schien sie auch nicht wissen. Dass sie keine Bulgarin sondern Deutsche war, erklärt sich von selbst. So dumm kann kein Bulgare sein. Oder mit anderen Worten: Die Menschen sind einfach hier, aber nicht dumm.

Zu DDR-Zeiten wollte ich immer nach Bulgarien auswandern. Zur Familie meines Vaters. Und von hier weiter nach West-Berlin. Zur Familie meiner Mutter. Vielleicht. Aber erst einmal Bulgarien. Das war machbar. In meinen Vorstellungen sah ich mich in dem kleinen fensterlosen überdachten Vorraum zur ersten Etage sitzen und den Spiegel lesen. Ausgerechnet den Spiegel, obwohl es den gar nicht gab in Bulgarien. Dort gab es nur die Süddeutsche. Immerhin. Aber auch nur an einem Zeitungskiosk am Hauptbahnhof in Sofia. Der ist 180 Kilometer vom Heimatdorf meines Vaters entfernt. In dem Haus wohnte damals seine Schwester, also meine Tante, mit ihrer Familie, meinem Onkel und meinem Cousin, der auch Rumen heißt. Das Haus ist heute verlassen, die Stromkabel sind gekappt, der Garten ist verwildert und zugewachsen. Die Gebäude, hinter dem Wohnhaus gibt es noch ein Stall, verfallen langsam aber sicher. Vor dem Haus hat einst Wein Schatten gespendet. Meistens saß man dort bei Bier, Weißbrot, Schafkäse, Melone und Schopska aus dem Garten nebenan. Vermutlich war das der Grund, warum ich in dem kleinen Vorraum zur ersten Etage sitzen wollte. Um in aller Ruhe den Spiegel zu lesen. Das war Mitte der Achtziger, ist jetzt also 40 Jahre her. So wie das Haus meines Vaters, hat sich auch der Spiegel verändert. Mein Vater, sein Vater, seine Schwester und sein Schwager – sie alle liegen heute auf dem verwilderten Friedhof, einem Vorhof zur Hölle. Wo wird der Spiegel demnächst seine letzte Ruhestätte finden?