„Bernhard in Bulgarien – Eine balkanische Erregung“

Bernhards Ohrensessel in Sofia

„Bernhard in Bulgarien – Eine balkanische Erregung“, das war meine Idee für meinen Text, der gerade in der Berliner Zeitung erschienen ist. Die Berliner hat daraus „Thomas Bernhards ‚Holzfällen. Eine Erregung‘: Ein Monospektakel ohne Spektakel“ gemacht, was absolut in Ordnung ist. Es passiert regelmäßig, dass Titel von eingereichten Texten geändert werden. Mein eingereichter Text ist dafür unverändert, das ist heute nicht unbedingt selbstverständlich, und dafür danke ich der Berliner Zeitung. Überhaupt ist die Berliner Zeitung eine der ganz wenigen, die ich noch lese, die ich noch ernst nehmen kann. Ob man meinen Bericht über das Theaterstück „Holzfällen. Eine Erregung“ in der „Topolcentrala“ in Sofia ernst nehmen kann, das muss jeder für sich entscheiden. Ich bin der Meinung, dass sich für „Holzfällen. Eine Erregung“ sogar eine Reise nach Sofia lohnt. Die Flugdauer von Berlin nach Sofia beträgt zwei Stunden. So lange dauert auch das Theaterstück.

Foto&Text Rumen Milkow

Bericht aus einem gebrochenen Land (089)

STERBEN LIEBEN KÄMPFEN – so der Titel eines Theaterstücks in der Zentrale des deutschen Irrenhauses. Ich komme drauf, weil Schüler auf Krieg, also aufs Kämpfen und Sterben, vorbereitet werden sollen. Das fordert die Bundesbildungsministerin. Das hatten wir schonmal, und zwar Ende der Siebziger in der DDR. Da wurde dort der so genannte Wehrkundeunterricht eingeführt. Genutzt hat es nichts, das Land ist trotzdem den Bach runter gegangen. Zehn Jahr vergingen zwischen Einführung des Wehrkundeunterrichts und dem Untergang des Landes und damit des Systems. Zehn Jahre sind nicht wenig, insbesondere wenn man jung ist und sein Leben noch vor sich hat. Vor allem am Ende dieser zehn Jahre sind die Menschen in der DDR sich nochmal näher gekommen, als sie es sonst schon waren. Etwas, was auch jetzt passiert, obwohl man weiter versucht die Menschen auseinander zu dividieren. Immer mehr realisieren, was wirklich wichtig ist im Leben, zum Beispiel zu Lieben.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus einem gebrochenen Land (088)

Sarah Bosetti bekommt den Grimme-Preis. Als ich diese Nachricht gehört habe, bin ich fast vom Stuhl gefallen. Sarah Bosetti, wer sie nicht kennt, wollte Menschen wie mich wegschneiden lassen wie einen Blinddarm, denn dieser sei zum Überleben des Gesamtorganismus nicht notwendig, so Bosetti. Bevor Bosetti mit ihrem Skalpell kommen konnte, habe ich mich in die Schluchten des Balkans vor Menschen wie Bosetti in Sicherheit gebracht. Jetzt bekommt Bosetti dafür den Grimme-Preis.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus einem gebrochenen Land (087)

Am Bahnhof Friedrichstraße

Noch bringt Bustouristik KRIEG Busse voll harmloser Touristen nach Berlin. Das könnte sich bald ändern. Nomen ist schließlich Omen. Dann könnte möglicherweise auch dein Sohn mit einem von ihm an die Ostfront gefahren werden. Auch wenn er sich selbst als Frau lesen sollte. So verstehe ich Matthäus 26,52: „Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ – Oder in einfachem deutsch, damit es auch einfach strukturierte Zeitgenossen verstehen: „Wer Waffen schickt, wird Krieg bekommen.“

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus einem gebrochenen Land (086)

Es gibt schlimmeres als auf der Straße zu leben, auch wenn die guten Plätze immer rarer werden. Der Platz oben ist in vielerlei Hinsicht ideal. Der Eingang zur U-Bahn an der Lichtenberger Brücke ist überdacht. Auf der Straße zu leben, bedeutet also nicht automatisch, kein Dach mehr über dem Kopf zu haben. Der Mülleimer am Kopfende dient sowohl der Ordnung, als auch zur Schatzsuche. Das ist keine Übertreibung. Man findet in ihm regelmäßig Schätze, einige von ihnen sind sogar essbar. Manchmal bekommt man ganz und gar ein Lunchpaket vor die Nase gestellt wie oben. Das ist aber die Ausnahme. Die meisten Menschen sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Vor allem mit der Sorge, morgen selbst auf der Straße zu sitzen. Das absolute Highlight dieses Platzes am Bahnhof Lichtenberg ist der Fahrplan gleich nebenan (links im Bild). Damit verpasst man keine Bahn mehr. Wenn man mal zu einem Vorstellungsgespräch oder gar zu einer Wohnungsbesichtigung will.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus einem gebrochenen Land (085)

Gestern war ich in Kreuzberg, und zwar im Bergmann-Kiez. Obwohl Kreuzberg vor vielen Jahren mit Friedrichshain zwangsverheiratet wurde, ist die frühere amerikanische Besatzungszone ein anderes Pflaster. Die Zwangsehe zwischen Friedrichshain und Kreuzberg ist übrigens juristisch noch nicht aufgearbeitet, aber da nunmehr seit Jahren praktisch täglich eine neue Sau nicht nur durch die Zentrale des deutschen Irrenhauses getrieben wird, kann man sich um solche Kleinigkeiten nicht auch noch kümmern. Immer mehr Menschen sind froh, etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf haben. Letzteres soll mir jetzt genommen werden, wie ich neulich erfuhr. Kein schönes Gefühl, sein zuhause zu verlieren und auf der Straße zu landen, das muss ich schon sagen. Aber nachdem ich vor jetzt vier Jahren meine Arbeit verloren habe, war es nur eine Frage der Zeit, bis man mir auch meine Wohnung nimmt. Der Bulgare würde jetzt sagen, dass es schlimmeres gibt, und recht hat er. Überhaupt ist die Straße nicht der schlechteste Platz, wie auch diese aktuellen Aufnahme aus dem Kreuzberger Bergmann-Kiez zeigen.

Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus einem gebrochenen Land (084)

„Fuck The EU“ Victoria Nuland ist zurückgetreten. Wer Nuland nicht kennt, sie hat in einem abgehörten Telefonat vorgeschlagen, dass Arsenij Jazenjuk der Nachfolger von Präsident Viktor Janukowitsch in der Ukraine wird. Bald darauf gab es dort einen Putsch, von dem böse Zungen behaupten, dass die USA dahinter stecken. Das stimmt aber nicht. Nuland hatte auch nur zufällig diese Idee, dass Arsenij Jazenjuk neuer Präsident der Ukraine wird. Dass er es bald darauf geworden ist, ist reiner Zufall. Damit hat Victoria Nuland nichts zu tun. Ihr Rücktritt jetzt hat auch nichts damit zu tun, dass es im Ukrainekrieg, der Bulgare würde sagen an der Ostfront, nicht zum Besten steht. Der wahre Grund für Nulands Rücktritt ist, dass sie obiges, absolut lesenswerte Buch ihres Vaters Sherwin B. Nuland, Gott hab ihn selig, endlich lesen möchte. Und wer das nicht glaubt, den soll der Teufel holen, was möglicherweise eher zu empfehlen ist, als von Victoria Nuland gef…. zu werden.

Foto&Text TaxiBerlin