Bericht aus Bulgarien (553) – „Das Storchenparadies“

Sie sind zurück

Wie vieles andere auch, so ist im Westen weitgehend unbekannt, dass Bulgarien ein Paradies für Störche ist. Pünktlich zum Frühlingsanfang kehren sie aus dem Süden zurück nach Bulgarien, wo sie ihre alten Nester nur etwas ausbessern müssen, um ihre Nachkommen dort auszubrüten. Bulgaren bringen ihren Nachwuchs seit vielen Jahren vorzugsweise im Ausland zur Welt. Jeder zweite der zwischen 20- und 45-jährigen hat seine Heimat verlassen. So gleicht sich’s wieder aus, könnte man meinen. Aber so sieht es eben auch aus in Bulgarien, wie es aussieht, an vielen Orten wie nach einem verlorenen Krieg. Nicht jeder Krieg wird mit Waffen ausgetragen. Oder wie Brecht es formulierte: „Der reißende Strom wird gewalttätig genannt. Aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig.“ Fest steht jedenfalls: Kinder bringt der Storch keine mehr, zumindest nicht nach Bulgarien.

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Bericht aus Bulgarien (552) – „Was tun, wenn die Muse eine Pause macht“

In Sofia / Bulgarien

Gleich neben dem Antiquariat „Ortograph“ von Konstantin, in dem Che Guevara neben Stalin im Schaufenster steht, befindet sich obiges Geschäft, in dem Musen angeboten werden. Denselben Quatsch, den man bisher im Prenzlauer Berg antraf, gibt es jetzt also auch auf dem Balkan. Auch in meinem Rubikon-Interview mit dem Titel „Der Eselflüsterer“ kommt die Muse vor. Ich stelle in dem Interview mein Projekt eines „Donkey Sanctuary & Writers Retreat“ vor, dem ersten Rückzugsort für Schreibende, an dem es auch Esel gibt. Mit anderen Worten: Schreiben in den Schluchten des Balkans, und wenn die Muse einmal eine Pause macht, sind da immer noch die Esel, die zum Wandern einladen. Ich sage aber nicht: Fahre nach Sofia oder geh‘ nach Berlin in den Prenzlauer Berg und kaufe dir dort eine Muse.

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Bericht aus Bulgarien (551) – „Triage in den Schluchten des Balkans“

Allgegenwärtiger Verfall

Im Nordwesten, der ärmsten Region Bulgariens und der EU, ist der Verfall omnipräsent und ein ständiger Begleiter. Jedes zweite Haus verfällt oder ist schon in sich zusammengefallen. Das Haus mir gegenüber (Foto), das demnächst in sich zusammenfallen wird, ist nur ein Beispiel von vielen. Der allgegenwärtige Verfall macht etwas mit den Menschen, die von ihm umgeben sind. Davon bin ich überzeugt. Ich zum Beispiel schwanke permanent zwischen Heruntergezogensein und Neuanfang – gerade jetzt im Frühling. Am Anfang wollte ich noch jedes Haus retten. Oft habe ich mit meinem Bürgermeister darüber gesprochen. Ja, das sei eine gute Idee, und er würde gerne mithelfen. Aber auch er, der äußerst aktiv ist und gerne hilft, kann sich nicht um alles kümmern. Dass das Dorf Strom und Wasser hat und die ärmsten unter den vielen Alten im Dorf nicht verhungern, das sind seine Prioritäten und seine Triage, mit der er täglich aufs Neue konfrontiert ist. Und irgendwann will auch er einfach mal „nur“ Leben, nicht immer nur Überleben.

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Bericht aus Bulgarien (550) – „Die Hasspredigerin“

Wie ich bereits schrieb, bereite ich gerade meine Rückkehr in die Heimat vor, wobei Rückkehr das verkehrte Wort ist, denn ich beabsichtige nicht zurückzukehren, weder nach Berlin, noch nach Deutschland. Es ist eher eine Verabschiedung von dieser irre gewordenen Stadt, die einst auch meine war, und einem wahnsinnig gewordenen Land. Diese traurige Entwicklung hat auch mit dem Aufstieg von Hasspredigern wie Sarah Bosetti zu tun. In Bulgarien, wo nur jeder vierte sich hat impfen lassen – wenn überhaupt, undenkbar! Mit Menschen wie Sarah Bosetti, gäbe es sie in Bulgarien, hätte man vor allem eines: Mitleid. Man würde sich fragen, was auch ich mich frage: Was ist bloß schief gelaufen bei ihr? Was hat man ihr angetan, das sie bis heute anderen antun muss  –  am Ende aber wieder nur sich selber antut.
Video WohlstandsNeurotiker
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Bericht aus Bulgarien (549) – „Graffito in Sofia“

Der einzige Impfstoff

Wenn ich in Sofia bin, laufe ich immer durch die Straßen der bulgarischen Hauptstadt. Das ist meine Routine seit vielen Jahren. Es gibt einige Orte, mit denen ich Erinnerungen vor allem aus der Kindheit (aber nicht nur) verbinde, die aufgesucht werden wollen. Dabei sehe ich immer auch Neues, wie zum Beispiel dieses Graffito (Einzahl von Graffiti) an der Grundschule 120 Georgi S. Rakowski.

 

Der einzige Impfstoff, der Humanität bewahren kann
Auch wenn das Graffito nicht direkt auf meinem Routine-Rundgang durch die bulgarische Hauptstadt liegt, habe ich es schon mehrfach gesehen, allerdings vom Bus aus. Neulich habe ich mir die Mühe gemacht, vorbeizulaufen und es zu fotografieren. Da es sehr lang ist, musste ich mehrere Aufnahmen machen.

ist der gegen Gier und Ignoranz …

Das Graffito ist wie gesagt an einer Schule, an der man noch etwas lernen kann. Gelegen ist sie am Boulevard Evgeni & Christo Georgiev, und zwar zwischen dem Nationalen Kulturpalast (NDK) und dem Stadion Wassil Lewski. Da der Boulevard eine Einbahnstraße ist, deren Fahrbahnen durch das Flüsschen Perlowska räumlich voneinander getrennt sind, noch der Hinweis, dass es Fahrtrichtung Stadion ist. 
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Bericht aus Bulgarien (549) – „Thinking About The Government“

Ich schreibe an einem Beitrag über die bevorstehenden Neuwahlen am nächsten Sonntag. Gerade frage ich mich, ob es diesmal eine gewählte Regierung geben wird. So komme ich auf die Zeile aus dem Song „Unterirdischer Heimwehblues“: Layne’s in the basement mixing up the medicine. I’m on the pavement thinking about the government. Auf dem Bürgersteig bin ich nicht, denn Bürgersteige sind in Bulgarien unbekannt. Genau genommen sitze ich in meiner Bude vor dem Computer und schreibe an diesem Artikel über Wahlen, bei der weniger als 40 Prozent wählen gehen. Einer eventuellen Regierung reichen so etwas mehr als 20 Prozent, um das Land zu regieren. Bis eben dachte ich nicht im Traum daran, dass es diesmal eine gewählte Regierung geben könnte. Die Alternative ist, dass der Präsident erneut eine Regierung einsetzt, die gar nicht gewählt wäre. Mit der letzten vom Präsidenten eingesetzten Regierung waren viele Bulgaren ganz zufrieden. Am Ende ist es egal, ob eine Regierung eingesetzt oder von einer Minderheit von 20 Prozent gewählt wird. Aktuell neige ich immer mehr dazu zu sagen, dass eine von 20 Prozent gewählte die schlechtere Wahl ist. Bei meiner Recherche zu meinem Beitrag komme ich mehr und mehr zu dem Schluss, dass man genau das verhindern will, also dass Präsident Rumen Radew erneut eine Regierung einsetzt. Mein Artikel wird immer mehr zu einem Krimi. Eine Mischung aus Aleko Konstantinow und Arthur Canon Doyle. Das schöne ist, dass der Artikel garantiert gedruckt wird. Ich kann also schreiben, was ich will, was ich aber nicht mache – keine Sorge. Ich halte mich an die Fakten. Aber die sind heute mitunter so verrückt – das kann sich keiner ausdenken. Ein Beispiel, damit es klarer wird: Unmittelbar nach Kriegsbeginn hat der damalige bulgarische Regierungschef Kiril Petkow von den USA und dem Vereinigten Königreich bezahlte Waffen heimlich in die Ukraine schicken lassen. Vom Westen wird er deswegen als Held gefeiert. Angeblich hat Bulgarien mit seinen geheimen Waffenlieferungen ganz und gar die Ukraine gerettet. Das dumme ist nur, dass Petkow für sein Vorgehen weder ein Mandat, noch die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hatte. Er hat sich selbst zum obersten Waffenlieferer der USA und dem Vereinigten Königreich auf dem Balkan ernannt. Mit seiner Selbsternennung ist Petkow ein Kriegstreiber, dem der Prozess gemacht werden müsste. Aber was passiert? Die mutmaßliche Straftat ist praktische Wahlwerbung für den alten und möglicherweise neuen bulgarischen Regierungschef, den Harvard-Absolventen Kiril Petkow. Dann vielleicht doch besser eine vom bulgarischen Präsidenten Rumen Radew ernannte Regierung?!?
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Bericht aus Bulgarien (548) – „Bei aller Liebe, Rumen … Rubikon?!?!?!?!??“

„Der Eselflüsterer“ ist der Titel eines Interviews mit mir, das diese Woche beim Rubikon erschien, der bereits zwei Artikel von mir veröffentlicht hat. Der letzte hieß „Die wunderbare Bulgarisierung“, in ihm beschrieb ich meine Beweggründe, warum ich nach Bulgarien gegangen bin. Im Interview „Der Eselflüsterer“ stelle ich mein Corwdfunding „Donkey Sanctuary & Writers Retreat“ vor, dem ersten Rückzugsort für Schreibende, an dem es auch Esel gibt. Während ich dies schreibe, erreicht mich eine weitere Spende über 50,-€ für mein Projekt. Es ist die erste Spende, wo ich den Spender nicht persönlich kenne. Vielen Dank! Das Vertrauen in mich muss groß sein, und auch die Liebe zum Schreiben und zu Eseln. Darüber freue ich mich sehr. – Zu meinem Interview erreichte mich vor Tagen die Nachricht eines Bekannten in der Heimat, in der auch das Wort „Liebe“ vorkommt. Trotzdem die Nachricht nicht schön ist, soll sie nicht verschwiegen werden, auch wenn sie kein Wort zu meinem Projekt enthält. Die Nachricht lautet: „Bei aller Liebe, Rumen … Rubikon?!?!?!?!??“
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