Bericht aus Bulgarien (534) – „Die Heldenreise“

Auch wenn der Begriff „Heldenreise“ als solcher nicht in meinem Text „Schreiben als Therapie“ vorkommt, der von Sabrina Khalil für RadioMünchen eingelesen wurde, so fasst er mein Verständnis von Kunst im Allgemeinen und vom Schreiben im Besonderen in einem Wort zusammen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass Kunst heute Alles und Nichts bedeuten kann, sie in aller Regel aber Nichts bedeutet. Viele denken sogar, dass es dann Kunst sein muss, wenn sie sie nicht verstehen. Ich denke das nicht. Meiner Erfahrung nach wird das, was als Kunst bezeichnet wird, oft nicht verstanden, weil der Künstler, eher „Künstler“, nicht verstanden werden will. Dementsprechend versteht auch er selbst seine Kunst, besser „Kunst“, nicht. Kunst, die diesen Namen verdient, ist immer selbstkonfrontative Kunst. Selbstkonfrontative Kunst meint, dass der Künstler sich mit sich selbst auseinandersetzt. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, heißt nicht automatisch Egoismus und Selbstbezogenheit, auch wenn dies heutzutage nur allzu oft so verstanden wird. Selbstkonfrontation ist immer auch eine Heldenreise, und zwar die zu sich selbst. Niemand kann weiter kommen als bis zu sich selbst. Man kann x-mal um die Welt reisen, oder auch „nur“ nach Bulgarien, am Ende wird man immer wieder nur bei sich selbst ankommen. Bei sich selbst anzukommen, das ist die Heldenreise. Dabei seine Wunden zu zeigen, kann nicht nur Heilung bedeuten, sondern kann darüber hinaus auch Kunst sein. Und zwar genau dann, wenn sie andere Menschen berührt. Kunst, die einen weder berührt, noch dass man sie versteht, ist keine Kunst, ist bestenfalls Kunstgewerbe, im Normalfall nur „Kunst“.
Podcast RadioMünchen
Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (533) – „Himmel über Sofia“

Gestern und vorgestern war ich in Sofia. Zuerst war ich bei meinem Freund, dem Zahnarzt, wegen einer Füllung. Ich hatte ihn fast ein Jahr nicht gesehen. Er wollte mich immer mal auf meinem Dorf besuchen, woraus aber bis heute nichts geworden ist. Er hat einfach zu viel Arbeit. Als ich das letzte Mal ganz spontan bei ihm war, habe ich seine Mutter kennengelernt, mit der er sich die Praxis teilt. Auch sie eine sehr angenehme Person etwa in meinem Alter, dazu noch äußerst attraktiv. Als ich ihm das gestern sagte, freute er sich. Auch er ist ein schöner Mann, wo weit ich das als Mann beurteilen kann. – Am Abend waren wir, meine Frau und ich, auf einem Treffen von Expats. Expat ist die Kurzform von Expatriate und bezeichnet im weiteren Sinne Personen, die außerhalb ihres Heimatlandes leben. Unter ihnen ein junger Deutscher und ein junger Holländer. Beide fühlen sich sehr sicher und wohl in Bulgarien. Sie sind zuvor noch nie hier gewesen und waren wegen der Berichterstattung über den Balkan am Anfang verständlicherweise vorsichtig. Keine ihrer Befürchtungen hat sich erfüllt – im Gegenteil. Bis heute sind sie angetan von der Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Bulgaren. – Übernachtet haben wir auf dem Gästesofa der bulgarischen Freundin unseres englischen Freundes Jerry in Sofia. Sie hatte es uns freundlicherweise angeboten, damit wir nachts nicht übers Balkan-Gebirge zurückfahren mussten. Am gestrigen Morgen erwartete uns dann dieser phantastische Ausblick von ihrem Wohnzimmer auf das Vitosha-Gebirge.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (532) – „Einfach umgedreht“

Auf dem Slawejkow Platz in Sofia / Bulgarien

Die Dinge sind in Bulgarien nicht immer nur umgedreht, sondern auch einfacher. Ein Beispiel: In Bulgarien gibt es weiterhin nur zwei Geschlechter. Die Dame, die da auf der Bank raucht, ist eine Frau. Die Herren Petko und Pentcho Slawejkow neben ihr, übrigens Schriftstellervater mit Schriftstellersohn, sind Männer. Beim Gendern der Sprache geht man den umgedrehten Weg. Bei den Berufsbezeichnungen gibt es jetzt nur noch die männliche Form. Wer sich darüber beklagt, gilt als von gestern. Sternchen, Strich und Binnenirgendwas sind gänzlich unbekannt. Kein Scheiß jetzt!

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (531) – „Kill All Men!“

OK, es ist keine Friedensdemo und auch keine „Friedensdemo“. Aber immerhin eine Frauentagsdemo, oder eher „Frauentagsdemo“. Das ganze in Berlin, der Stadt, auf dessen Straßen und Plätze ich viele Jahre mit meinem Taxi unterwegs war. Als Mann muss ich mich heute an diesen Orten in Acht nehmen, denn alle Männer sollen dort getötet werden. Nichts anderes heißt „Kill All Men!“ auf Deutsch: „Töte alle Männer!“. – Warum ich mir das anschaue? Ich schaue es mir als Vorbereitung auf meine bevorstehende Heimkehr an. Nach zwei Jahren in den Schluchten des Balkans verstehe ich das deutsche Denken beziehungsweise „The German Mind“ nicht mehr. In Deutschland ist man offensichtlich gerade dabei, völlig den Verstand zu verlieren, und die deutsche Hauptstadt ist die Zentrale dieses Irrenhauses. Da ist man besser vorbereitet, insbesondere wenn man – so wie ich – ein Mann ist.
Video LeoLowis
Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (530) – „Emotional Support“

And Writer’s Support Too
Auch in Hollywood ist man nun dahinter gekommen, dass ein Esel ein toller emotionaler Unterstützer ist. Das ist keine Überraschung, denn im Westen brauchen die Menschen in der Tat Hilfe, um mit ihren Gefühlen klarzukommen. Auch Schreibende können Unterstützung durch den Esel gebrauchen, aber an erster Stelle der Esel selbst, der vom Aussterben bedroht ist. In Bulgarien beispielsweise sind von den 350.000 Exemplaren Mitte der Achtziger heute gerade einmal 20.000 Esel übrig geblieben. Die meisten von ihnen sind alt und männliche Tiere sind in aller Regel kastriert, so dass keine Nachkommen zu erwarten sind. Auch deswegen habe ich ein Crowdfunding gestartet, obwohl ich nie ein Crowdfunding starten wollte. Mit meinem „Donkey Sanctuary & Writers Retreat“ will ich den ersten Rückzugsort für Schreibende ins Leben rufen, an dem es auch Esel gibt. Ich freue mich über jeden, der mein Crowdfunding emotional und/oder finanziell unterstützt. Man kann das über die Plattform „Betterplace“ machen oder auch gerne direkt. Natürlich weiß auch ich, dass wir in schwierigen Zeiten leben. Nicht jedem ist es möglich, etwas zu geben, selbst wenn er wollte, was absolut in Ordnung ist. Für den Fall freue ich mich darüber, wenn man mein Projekt mit anderen Menschen mit Emotionen für Esel und fürs Schreiben teilt. Vielen Dank!
Video AcademyAwards
Text RumenMilkow

Bericht aus Bulgarien (529) – „Dann geh doch rüber!“

Heute gilt: „Dann geh doch ins Metaverse!“
Gerade geträumt, ich bin ins Metaverse eingezogen. Ich wäre nicht der erste, eine ganze Insel ist bereits ins Metaverse von Mark Zuckerberg eingezogen, genauer eine ganze Nation. Und das brachte mich wohl auf die Idee, dass ganz Deutschland und ich mit ihm ins Metaverse ziehe, wenn der Krieg in die Heimat zurückkehrt. Dass der Krieg nach Deutschland einkehrt, das kann heute niemand mehr ausschließen. Aber da Heimat seit einiger Zeit rechts ist, wird kaum einer in der Heimat sie verteidigen wollen. Beim Ukrainer, dem man Waffen und Munition liefert, sieht das anders aus. Wenn der Ukrainer seine Heimat verteidigt, dann ist er ein Held. Journalisten aus der Heimat, die über seine Heldentaten berichten, bekommen Orden von ihm. Aber werden diese Journalisten auch ihr Leben riskieren, wenn ihre Heimat demnächst verteidigt wird? Ich glaube nein. Eher denke ich, dass sie die ersten sind, die sich ins Metaverse absetzen werden. Viele von ihnen leben, was ihre Berichterstattung über Deutschland angeht, bereits in einem Metaverse.
Video YouTube
Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (529) – „Dieser Krieg ist nicht unsere Wahl“

„Bulgarien – Zone des Friedens“
Insgesamt sieben (7) Städte machen mit beim Protest

Unter dem Titel „Dieser Krieg ist nicht unsere Wahl“ berichtet der bulgarische staatliche Rundfunk über die Friedensdemonstration heute vor dem Nationalen Kulturpalast in Sofia. Der Leser erfährt, dass die Demonstration unter den Mottos „Bulgarien – Zone des Friedens“ und „Nein zum Krieg und zur Einmischung Bulgariens in den Konflikt in der Ukraine“ stand. Die demonstrierenden Bürger forderten die Neutralität ihres Landes sowie die Durchführung eines Referendums, damit das Volk seine Position zum Krieg in der Ukraine zum Ausdruck bringen kann. Der Demonstrationsteilnehmer Ivan Radichev sagte, er sei bei dem Protest gewesen, weil er Neutralität wolle. Ihm zufolge verfügt Bulgarien über genügend natürliche und fossile Ressourcen, um ein unabhängiges, neutrales und freies Land auf dem Balkan zu sein. Die Demonstrationsteilnehmerin Miglena Yoncheva erklärte, dass sie bei dem Protest dabei sei, weil sie Bulgarin und Mutter sei.  Wörtlich sagte sie: „Weil ich immer noch glaube, dass es in Bulgarien genug Menschen gibt, die sich vereinen und Frieden herbeiführen können, nicht Krieg. Ich möchte eine Zukunft für meine Kinder, die ich nicht weglaufen lassen möchte, wie die Menschen meiner Generation weggelaufen sind.“ Die Initiative ist, so der staatliche Rundfunk weiter, mit sieben anderen Städten des Landes verbunden. Die Idee ist, den Friedenswillen der Menschen zum Ausdruck zu bringen, erklärten die Organisatoren in den sozialen Netzwerken. Auch in Varna am Schwarzen Meer versammelten sich Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, politischen Parteien und Bürgern mit Plakaten, auf denen beispielsweise „Frieden und Neutralität“ zu lesen waren. Einer der Organisatoren der Kundgebung, Georgi Velikov, sagte: „Wir sind für Frieden und Neutralität Bulgariens in Bezug auf den Krieg in der Ukraine.“ Und weiter: „Bulgarien sollte eine Zone des Friedens sein. Wir sehen aber, dass die uns Regierenden aus ​​Gründen, die mir nicht klar sind, höchstwahrscheinlich den Interessen von jemand anderen dienen und versuchen, das Land in einen Krieg zu führen. Ich billige keinen Krieg und denke nicht, dass der Krieg durch Waffenlieferungen oder Truppenentsendungen gelöst wird. Dies kann nur durch Diplomatie, durch Verhandlungen, durch Gespräche geschehen.“ – Begriffe wie „Friedensschwurbler“ und „Lumpenfazifisten“, „Putinfotzen“ oder „Putinschwanzlutscher“, „Querfront“ und „Kontaktschuld“ – wie in der Heimat – kamen in der Berichterstattung des staatlichen bulgarischen Rundfunks nicht vor. Es handelt sich dabei offensichtlich einmal mehr um typisch deutsche Phänomene.

Foto BNR
Text TaxiBerlin