Foto&Text TaxiBerlin
Das wichtigste hätte ich fast wieder vergessen, und zwar dieses Andenken, das mir Joachim aus Bremen mitgebracht haben, und das natürlich in Bulgarien bleibt, während ich in Berlin bin, auch weil es hier einen würdigen Platz in meinem Heiligen Schrein gefunden hat. Was ich mitnehme nach Berlin, ist das Motto der Bremer Stadtmusiken, dass man etwas Besseres als den Tod überall finden würde.
PS: Bin für den Rückflug nach Berlin eingecheckt. Auf meiner Bordkarte steht „Non-Priority“, womit offenbar ich gemeint bin. Weiterhin gibt es auf der Bordkarte Werbung für einen Herrenduft mit dem Namen „Phantom“ (wieder ich?) von Paco Rabanne, den ich mir während des Flugs kaufen kann und der teurer als der Flug ist. Die Bremer Stadtmusikanten kannten offensichtlich noch keine Billigflieger.
Foto&Text TaxiBerlin
Von Sozopol nach Plovdiv sind es 279 km. Also je nach Straßenlage und Begrenzungen der Höchstgeschwindigkeiten ca. 3h. Mir fällt auf, dass ich mich mittlerweile an die Fahr-Gepflogenheiten der Bulgaren anpasse. Eine durchgezogene Linie ist zuallerst eine aufgemalte Linie und erst dann ein Hinweis darauf, dass nicht überholt werden darf.
In Plovdiv liegt unser Hotel (familiengeführt) in der Altstadt. Das bedeutet, die Straßen sind keine, sondern Gassen. Und diese wiederum sind mit Steinen gepflastert, wie man sie vor 1000 Jahren als nützlich empfunden hat. Hinzu kommt, dass nach so langer Zeit und diversen Erdbewegungen die Oberfläche nicht eben ist, sondern in einer Art uneben, dass mir nun klar wird, warum es Fahrzeuge gibt, die als Sport Utility Vehicle bezeichnet werden oder einfach SUV. Allerdings wären diese nicht durch die engen Gassen gekommen. Nach mehrmaligen Versuchen, dem Navigationsgerät zu folgen, haben wir uns dann nach unserem Smartphone orientiert und letztlich das Hotel gefunden. Dort gab es auch Garagen, worin wir unseren Mietwagen verstauen durften.
Plovdiv ist empfehlenswert. Dieser Ort ist etwas ganz spezielles. Er liegt auf sieben Hügeln, wie Rom, ist 8000 Jahre alt, also älter als Rom und hat sowohl thrakische, als auch römische, byzantinische und sozialistische Spuren, Narben, Hinterlassenschaften und Zeugnisse. Da gibt es z.B. die römische Arena mit einer Länge von 240 Metern. Sie verläuft entlang der heutigen Haupteinkaufsstraße mit 2000 Metern. Ihren Kopfteil kann man besichtigen, der wurde offengelegt. Einen weiteren Teil kann man sehen im Untergeschoss von H&M. In dieser Art gibt es viele Stellen in der Stadt, wo das Neue mit dem Alten nebeneinander existiert. Entweder in Form von Ausgrabungen oder der noch erhalten gebliebenen Häuser, Kathedralen, Basiliken, Moscheen und auch einer Synagoge.
Wir sollten an unserem Ankunftstag eine Stadtführung erhalten. Um 17:30 Uhr kam Tanja die Gasse hochgelaufen. Bei 33 Grad im Schatten ist dies eine Anstrengung für sich und wir schlugen vor, uns erst einmal in den Schatten zu setzen vor unserem Hotel, kalte Getränke zu besorgen und uns die wesentlichen Fragen im Sitzen beantworten zu lassen. Das war nicht nur für Tanja ein erfreulicher Einstieg, auch wir hatten mehr davon als im Getöse der Stadt uns anzuhören, was es zu diesem und jenem Haus und Heroen zu sagen gibt. Wir sind, als es kühler wurde, dann noch eine kurze Strecke zusammen gelaufen. Diesmal blieben uns viele der gezeigten Bauwerke und Ausgrabungen viel besser in Erinnerung, weil wir zuvor den großen Rahmen schon besprochen hatten (im Schatten und bei kühlen Getränken).
Wir fanden auch ein Restaurant, das Hemingway hieß, wo es das Fleisch des vom großen Meister erlegten Großwilds gab. Am nächsten Tag machten wir uns dann selbstständig auf die Reise durch die Stadt, die angesagten Viertel, die empfohlenen Ausstellungen (große und kleine Basilika) und hatten am Abend längst nicht alles gesehen und besucht, aber einen Eindruck davon gewonnen, was es noch alles zu sehen gibt bei einem zweiten Besuch. Doch, Plovdiv ist wirklich nicht nur einen Besuch wert, es können auch mehrere sein. Dafür gibt es eine Menge zu sehen und zu bestaunen.
Von Plovdiv geht es weiter nach Bansko. Eine Stadt in Mitten einer Hochebene zwischen den Gebirgen Pirin, Rhodopen und Rila auf 871m Höhe. Mal sehen, was man im Juni dort anfangen kann, denn im Winter wird auf den umliegenden Bergen Ski gefahren …
Foto&Text JoachimBremen
Bin gerade am Sachen packen, wobei Sachen packen reichlich übertrieben ist, denn ich reise nur mit Handgepäck. Ich komme mit einem Billigflieger nach Berlin, etwas anderes kann ich mir nicht leisten. Billigflieger zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie billig sind, sondern dass sie einem darüber hinaus tierisch auf die Nerven gehen, wie ein fliegender McDonald. Alles muss man dreimal lesen, denn sie wollen einem ständig noch irgendeinen Scheiß dazu verkaufen. Alleine, wenn man sich vorher nicht selbst eincheckt, ist die Gebühr, besser Strafe, noch besser Verarschung, dafür noch höher als der ganze Flug kostet. Das muss man sich mal vorstellen! Schlimmer als der Billigflieger sind nur noch die anderen Fluggäste, die mit einem im Flugzeug sitzen. Früher habe ich deswegen immer Alkohol getrunken, wenn ich geflogen bin – um die anderen Menschen zu ertragen, vor allem ihre Nähe. Gut, ein bisschen Flugangst war auch dabei. Aber jetzt habe ich Menschenangst, mit der ich ganz ohne Alkohol klarkommen muss. Regelrecht phobisch reagiere ich deswegen seit einiger Zeit insbesondere auf Menschenansammlungen. Sie haben meist nichts Gutes zu bedeuten. Und das wird noch schlimmer werden in der nächsten Zeit, davon bin ich fest überzeugt. Was dagegen hilft, ist mit tänzelnden Schritten durchs Leben zu gehen. Ich mache das schon seit Jahren und kann es nur jedem empfehlen. Auch und gerade in Bulgarien ist das extrem hilfreich. Denn hier muss man ständig um die vielen Löcher herumtanzen. Es gibt auch die passende Musik dazu, allen voran den Klassiker „Дупка до дупка“ („Loch bei Loch“). Und auch die entsprechenden Schilder (siehe oben). Nachdem ich morgen nach Sofia getanzt bin, kann mir kein Billigflieger-Wohlstandsgesindel mehr etwas anhaben. Wenn ich eines in Bulgarien gelernt, dann dass man das Leben tanzen muss.
Foto&Text TaxiBerlin
Ich bin jetzt auch einer von diesen Typen geworden, die kniend in ihrem Garten hocken und Unkraut zupfen. Ich habe auch eine Hacke (Foto), so ist es nicht, aber ich habe festgestellt, dass wenn man Unkraut samt Wurzeln rauszieht, dass das nachhaltiger ist. Und Unkraut zieht sich leichter, vor allem aber vollständiger, mit der Hand und kniend aus dem Boden. Wie gesagt, ich wollte nie so ein Typ werden – und jetzt bin ich genau so ein Typ geworden. Aber nicht nur das.
Darüber hinaus bin ich auch so ein netter älterer Herr geworden, der Frauen nachschaut, insbesondere jungen. Ich nenne das jetzt mal „Lolita-Syndrom“. Früher war das nicht schlimm, ganz im Gegenteil, die Frauen haben sich gefreut, oft kam man sogar mit ihnen ins Gespräch. Heute ist das anders, und das liegt nicht nur am Alter, dass auch ich älter geworden bin. Hässlich war ich ja noch nie (obwohl, mir wurde auch schon mal eine „anziehende Hässlichkeit“ attestiert). Und überhaupt, ein Mann wird nicht älter, sondern nur reifer.
Und wurde uns nicht immer erzählt, man wäre so alt, wie man sich fühlt? So gesehen bin ich immer noch 27, wenn überhaupt. Aber erklär das mal einer Frau, mit der du nicht mal ins Gespräch kommst. Ins Gespräch komme ich deswegen nicht, weil ich jetzt schon ein Jahr hier abhocke, also nicht bei meinen Tomatenpflanzen, sondern in Bulgarien. Nach einem Jahr kommt man als Retter nicht mehr in Frage, selbst wenn man aus Deutschland kommt. Am Ende bleiben auch mir nur die Tomaten, um die ich mich kniend kümmere.
PS: Vielleicht schreibe ich aber auch noch einen Lolita-Roman. Oder besser einen Lolita-Tomaten-Roman. Man wird sehen. Es bleibt auf jeden Fall spannend.
Foto&Text TaxiBerlin
Aus meiner ersten großen Liebe konnte nichts werden, weil ihr Vater bei der Stasi war, ich aber Westverwandtschaft hatte und darüber hinaus umtriebig war, vor allem in meinem Denken. Ich war damals 16 und sie 15, und vor einiger Zeit haben wir uns wiedergetroffen, nachdem wir uns zuvor viele Jahre aus den Augen verloren hatten. Sie erinnerte mich daran, dass ich ihr damals vieles erklärt hätte, unter anderem auch den Anarchismus. Ich hatte das praktisch schon vergessen, obwohl es ein wichtiges Detail ist, das mit dem Anarchismus. Und ich fragte mich sogleich und frage mich immer noch, ob ich Anarchist bin. Immerhin gab es auch in Bulgarien, meiner zweiten Heimat, Anarchisten wie zum Beispiel Wassil Ikonomov. Dazu muss man wissen, dass mein Vater auch Wassil hieß und mein Vatersname Wassilev ist. Was Wassil, also Wassil Ikonomov, zu sagen hatte, nämlich dass es keine Freundschaft zwischen der Macht und der Freiheit gibt, das trifft heute noch zu. Wären Schwab und wie sie alle heißen Russen, so würde man sie Oligarchen nennen. Da sie es nicht nicht, dürfen sie ganz offen und auf der Bühne sagen, dass sie Regierungen „penetrieren“ würden und niemand erregt sich darüber, obwohl auch Schwab & Co keine demokratische Legitimation haben. Sie haben einfach nur Geld und damit Macht. Und wenn sich Typen wie Scholz, der wie gesagt nicht mein Kanzler ist, mit ihnen Treffen, machen sie sogar noch einen Knicks vor ihnen, so wie Habeck, der auch nicht mein Vizekanzler ist, neulich noch vor dem Scheich, denn: „Nur der Scheich ist wirklich reich“. – Ich frage mich, wie Putin das wohl machen würde? Denn ich erinnere mich, dass Putin den einen Oligarchen, der nach der Macht strebte, sogar einsperren ließ. Als er, Chodorkowski war sein Name (offiziell „ein russischer Unternehmer, früherer Oligarch“ – was für eine wundervolle Metamorphose, vermutlich ist ein Deutscher drauf gekommen) wieder freikam, wurde er in Deutschland und da insbesondere in Berlin als Freiheitskämpfer gefeiert, obwohl er doch nur ein Oligarch war. So gesehen ist die Schwab-Hörigkeit des Deutschen nur folgerichtig. Geht es um Menschen(?) wie Schwab („ehemals Unternehmer, jetzt Oligarch und Plutokrat“ – wird bald ganz offiziell im Internet stehen), teile ich obige Aussage von dem bulgarischen Anarchisten Wassil Ikonomov. Aber die Frage, ob ich damit schon Anarchist bin, halte ich für eine typisch deutsche Frage, da sie vor allem eine Ablenkung ist, die von der eigentlichen Frage ablenkt. Und zwar die, ob wir überhaupt eine Demokratie oder eine Herrschaft von Oligarchen haben. Es gibt ernstzunehmende Stimmen in Amerika, die davon ausgehen, dass die USA keine Demokratie, sondern eine Herrschaft der Reichen, also eine Plutokratie sind. Und warum sollte es ausgerechnet in Deutschland, dem treuesten Vasallen der Amerikaner, anders sein?
