Seit meinem Beitrag über meinen Bürgermeister und sein „Barchen“, in dem ich immer meine gut gekühlte Coca-Cola aus der 250 ml Glasflasche für einen bulgarischen Lewa trinke, was immerhin 50 Cent sind, habe ich viel nachgedacht über mein Leben im Allgemeinen und meinen Aufenthalt hier in den Schluchten des Balkans im Besonderen. Das liegt daran, dass mir beim Schreiben des Beitrags klar geworden ist, dass ich kein Betrüger bin, wie ich immer dachte, sondern im Gegenteil jemand, der betrogen wird, um es mal so zu formulieren. Doch der Reihe nach:
Offiziell bin ich in Bulgarien im Auftrag des Berliner Arbeitsamtes, wobei „im Auftrag“ zugegeben etwas übertrieben ist. Die genaue Bezeichnung ist „Arbeitssuche im Europäischen Ausland“, zu der ich die „Leistung“ des Arbeitsamtes, also das Arbeitslosengeld, welches mir zusteht, weil es sich dabei um eine Versicherung handelt, in die ich viele Jahre eingezahlt habe, mitgenommen habe, weswegen man von Amts-, also von Arbeitsamt-wegen, von einer „Leistungsmitnahme“ spricht.
Diese mitgenommene „Leistung“, die pünktlich überwiesen wird, in diesem Punkt habe ich kein Grund zur Klage, beläuft sich auf 20,99 Euro am Tag, was 627,90 Euro im Monat sind. Wie ich schon mehrfach erwähnt habe, schreibe ich nur ungerne über Geld. Da ich mich nunmehr aber dazu gezwungen sehe, möchte ich dabei umso genauer sein. Meine Wohnung in Berlin samt ihrer Nebenkosten kostet mich ziemlich genau 600 Euro im Monat, so dass mir von meiner „Leistungsmitnahme“ 27,90 Euro bleiben, was 99 Cent am Tag sind. Die ein oder andere Krämerseele wird jetzt möglicherweise auf seinem Sofa liegend einwenden, dass ich dann ja noch Wohngeld beantragen könnte. Auch daran habe ich natürlich gedacht, aber nicht umsonst geht’s beim Wohngeld nicht nur ums Geld, sondern im Wohngeld kommt auch das Wort Wohnen vor, und das tue ich nicht in Berlin. Wohngeld kannst du also vergessen meine lieber Korinthenkacker!
In Berlin würde ich jetzt losgehen und mich auf der Straße, wo ich viele Jahre zu Hause war, nach Büchern und leeren Flaschen umsehen, während ich die tausend Nachweise zusammensuchte, um besagtes Wohngeld beantragen zu können. Letzteres geht wie gesagt nicht, wenn ich gar nicht in Berlin wohne, und Bücher liegen hier in den Schluchten des Balkans nicht auf der Straße rum. Leere Flaschen liegen in Bulgarien dafür überall rum, und die meisten davon sind sogar aus Plastik, die in Deutschland immerhin 25 Cent das Stück einbringen, also ein Viertel meiner mir hier am Tag zur Verfügung stehenden Mittel, nur leider ist das deutsche Pfandsystem nicht bis in die Schluchten des Balkans vorgedrungen. Und Flaschen zu sammeln, um sie dann später in Deutschland abzugeben, funktioniert auch nicht, weil den Flaschen das deutsche Symbol fehlt, das sie erst zur wertvollen Pfandflaschen macht. Außerdem müsste ich sie dann noch irgendwie nach Deutschland bekommen, wo ich schon Sorge habe, ob und wie ich selbst überhaupt noch einmal nach hause nach Berlin komme.
Aber noch bin ich hier in Bulgarien und mir stehen genau 99 Cent am Tag zur Verfügung, was nicht nur ziemlich genau 1,95 Lewa sind, sondern auch 1,95 Deutsche Mark. In Bulgarien Geld zu tauschen ist immer auch eine Zeitreise, denn die bulgarische Währung hat bis heute den Wert der D-Mark. Hier kannst du, liebe gute alte D-Mark, also sehen, wie viel Wert du noch bist. In meinen weiteren Ausführungen werde ich deswegen die Beträge in D-Mark und nicht in bulgarischen Lewas angeben, einfach weil der Wert identisch ist, und damit du als Leser in Deutschland, der sich vielleicht noch persönlich an unsere gute alte D-Mark erinnert, etwas mehr damit anfangen kannst. Wie es dazu gekommen ist, dass der bulgarische Lewa 1:1 der deutschen Mark entspricht, soll uns an dieser Stelle nicht weiter interessieren. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem möchte ich das Stichwort „currency board“ für seine Recherche mit auf dem Weg geben.
Das erste, was ich nach meinem Kassensturz, bei dem herausgekommen ist, dass mir genau 99 Cent, also 1,95 D-Mark am Tag zur Verfügung stehen, beschlossen habe, ist, dass ich mir die eisgekühlte Coca-Cola aus der Glasflasche im „Barchen“ von meinem Bürgermeister nicht mehr leisten kann. Die kostet zwar nur eine ganze D-Mark, aber das sind gleich mal 50 Cent, also gut die Hälfte von den 99 Cent, die mir am Tag zur Verfügung stehen. Über meine weiteren einschneidenden Entscheidungen meinen Lebensstil in den Schluchten des Balkans betreffend, werde ich in meinen nächsten Beiträgen berichten, denn bei „Mein Leben mit 99 Cent“ handelt es sich um eine Serie. Was ich schon jetzt sagen kann, ist, damit mein Leben hier nicht nur rein rechnerisch, sondern auch ganz praktisch funktionieren kann, nicht nur einschneidenden Einschränkungen meines Lebensstil notwendig sind, sondern ich auch weitere neue Einkunftsquellen auftun muss.
Und da habe ich an dich gedacht. Sicherlich hast du dich beim Lesen auch schon gefragt, wie du mit 99 Cent am Tag zurechtkommen würdest. Solltest du eine Idee haben, so bin ich natürlich auch an der interessiert. Vor allem bin ich aber an deinem Geld interessiert. Das kannst du mir gerne Spenden, indem du mir etwas auf mein Konto überweist. Muss nicht viel sein, 99 Cent am Tag würden für den Anfang genügen. Immerhin würdest du meine jetzigen Mittel damit um 100 % aufstocken. Außerdem könntest du damit auch das Problem der Negativzinsen für dich lösen. Und zu guter Letzt kannst du die Spende von der Steuer absetzen. Was du dafür von mir bekommst, möchtest du natürlich wissen. Ich will es dir sagen: Ich versorge dich mit Informationen, wie in Zukunft auch du mit 99 Cent am Tag überleben kannst. Denn ich bin mit meinem Gang auf den Balkan „nur“ den Weg vorgegangen, den demnächst alle gehen werden – bald auch du.
PS: Bitte kontaktiere mich persönlich, um meine Bankverbindung zu erfahren. Danke im Voraus für deine Spende!
PPS: Da man in Bulgarien (noch) alles bar bezahlen kann, haben hier viele Menschen gar kein Konto. Auch ich überlege mein Konto in Berlin aufzulösen, für das die Gebühren im letzten Jahr von 1,50 auf 5,00 Euro im Monat über Nacht und um mehr als 200% gestiegen sind. Ich halte dich diesbezüglich auf dem Laufenden – wir finden einen Weg, wie der Bulgare für alles einen Weg findet, damit deine Spende trotzdem ankommt.
Foto&Text TaxiBerlin
Das Resultat meiner Arbeitssuche auf dem Balkan ist nach einem Monat immer noch Null, um ganz genau zu sein Null Komma Null, oder wegen mir auch 0:0, wenn ich die Anzahl der Fahrgäste in Berlin mit den Jobs hier ins Verhältnis setze. Wie zum Schluss in meinem Taxi habe ich Zeit ohne Ende, und so sitze ich jeden Abend in der einzigen im Dorf verbliebenen Kneipe bei meinem Bürgermeister, und wir schauen uns zusammen die Fußballspiele an. Ich muss dazu sagen, dass ich überhaupt kein Kneipentyp bin, und der Begriff Kneipe auch reichlich übertrieben ist. Es ist eher ein „Kneipchen“, die genaue Bezeichnung ist „Barchen“, die Verkleinerungsform von Bar, der Bulgare liebt die Verkleinerungsform. Manchmal schauen mein Bürgermeister und ich auch zusammen Nachrichten, aber Korruption und Vetternwirtschaft, die es, geht es nach den von Versace eingekleideten Moderatorinnen und Moderatoren im Fernsehen, nur hier in Bulgarien gibt, ist auf die Dauer doch etwas monothematisch – dann lieber Fußball.
Ich kenne meinen Bürgermeister nun seit gut 20 Jahren, schon damals hatte er seine Kneipe, obwohl er noch gar nicht Bürgermeister war. Später, als er bereits einige Zeit Bürgermeister war, eröffnete plötzlich im Örtchen und keine hundert Meter entfernt eine weitere Kneipe mit dem Namen „Beim Bürgermeister“, was man heute wohl als „fake news“ bezeichnen würde. „Beim Bürgermeister“ hat aber nicht wegen dieser „alternativen Fakten“ seit letztem Jahr geschlossen, sondern weil es sich im Dorf niemand mehr leisten kann, überhaupt in irgendeine Kneipe zu gehen. Dazu gleich mehr.
Im Dorf gibt es auch einen kleinen Lebensmittelladen, in dem das Billigste vom Billigen angeboten wird. Neulich wollte ich mir dort etwas Schafkäse kaufen, woraufhin mich die Verkäuferin, die mich genauso lange kennt wie ich den Bürgermeister, darauf hinwies, dass dieser Käse nichts für mich sei. Aber nicht etwa, weil er nicht aus Schaf- sondern aus Kuhmilch war, was im ärmsten Land Europas die Regel ist, sondern weil er vor allem aus Palmfett bestand, was noch billiger ist als Kuhmilch, man mit Palmfett also noch mehr Geld machen kann als mit Milch von der Kuh im Schafkäse. Mit der einst wohlschmeckenden bulgarischen Butter verhält es sich genauso. Bulgarische Butter heute ist Margarine, also Pflanzenfett, selbst Bulgaren kaufen jetzt deutsche Butter, vorausgesetzt sie können es sich leisten. Ich ließ also die Finger vom Schafkäse aus Palmfett und kaufte nur ein wenig Weißbrot, ohne das kein Bulgare überleben kann, das aber auch nicht mehr das ist, was es mal war, wobei mir nicht klar ist, was man beim Brotbacken noch einsparen und zu Geld machen kann. Vielleicht sollte ich auf Kartoffeln aus Deutschland umsteigen, die es mittlerweile auch in Bulgarien zu kaufen gibt.
Wenn die Verkäuferin nicht arbeitssuchende Gastarbeiter aus Deutschland vor ihrem Angebot warnt, bedient sie tagsüber auch die nicht vorhandenen Gäste in dem sich gleich neben ihrem kleinen Verkaufsladen befindenden „Barchen“ von meinem Bürgermeister. Am Abend ist mein Bürgermeister selbst der Barmann in seinem „Barchen“, dann serviert er mir die eisgekühlte Coca-Cola in der 250 ml Glasflasche für einen bulgarischen Lewa, was fünfzig Cent sind, Trinkgeld wird nicht akzeptiert. Das mit der Glasflasche ist wichtig, weil es in Bulgarien auch Plastikflaschen gibt, die nicht nur größer, sondern auch billiger sind, aus denen aber dem Bulgaren nichts so recht schmecken mag. Aus Plastikflaschen trinken in Bulgarien nur arme Menschen, aus Glasflaschen zu trinken ist also nicht nur eine Frage des Geschmacks sondern auch der Ehre. Mein Bürgermeister und Barmann ist nicht nur ein lieber netter Mensch, sondern auch einer, der sich um seine Leute, nicht nur in seiner Bar, sondern auch in seinem Dorf kümmert. Obwohl meinem Bürgermeister nichts über sein Dorf und dessen Bewohner geht, und er auch noch nie in Deutschland war, findet er es als Land gut. Deutsche leiden kann er aber nicht. Das sind ihm zu künstliche Menschen, die Deutschen, sagt er. Bei mir macht er aus alter Freundschaft, und weil ich treuester Kunde bin, eine Ausnahme.
Der Bulgare bringt es fertig, an jemanden etwas nicht zu verkaufen, selbst wenn er das Geld dringend nötig hat, nur um der Ehre willen. In diesem Punkt ist er irgendwie wie ein Deutscher, der bekanntlich etwas um seiner selbst Willen tut oder zumindest irgendwann einmal getan hat. Das „Barchen“ von meinem Bürgermeister, das sei noch erwähnt, ist genau genommen ein Gemischtwarenladen, in dem es beispielsweise auch Einmalrasierer (Foto) zu kaufen gibt. Den letzten Einmalrasierer hat mein Bürgermeister vor über einem Jahr verkauft. Seither rasiert sich niemand mehr im Dorf.
Das hängt auch mit dem Kurzarbeitergeld zusammen, das in Bulgarien gänzlich unbekannt ist. Mit dem Arbeitslosengeld, welches es gibt, verhält es sich in Bulgarien dagegen wie in Deutschland: Es gibt 60 %, allerdings nur neun, maximal 12 Monate – danach Null, also nichts. Hat der Bulgare, um mal ein Beispiel zu machen, vorher sagen wir 500 Lewa im Monat verdient, was für unsere ärmste Region im Nordwesten des Landes ganz OK ist, bekommt er, wenn er beispielsweise durch das planmäßige Herunterfahren der Wirtschaft seinen Job verloren hat, etwa 300 Lewa Arbeitslosengeld vom „bjuro po truda“, dem bulgarischen Arbeitsamt, was immerhin 150 Euro im Monat bzw. fünf Euro am Tag sind, das ganze wie gesagt maximal für ein Jahr.
Ich erwähne das „bjuro po truda“ auch, also das bulgarische Arbeitsamt, weil ich mich dort melden musste, damit das mit der „Leistungsmitnahme“ während meiner Arbeitssuche in den Schluchten des Balkans beim Jobcenter in Berlin durchgeht. Auch wenn ich ansonsten nicht gerne über Geld schreibe, so möchte ich an dieser Stelle eine Ausnahme machen, damit ein jeder versteht, allen voran ich selbst, warum ich mich gelegentlich wie ein Betrüger fühle in Bulgarien. Dabei hat der Bulgare, im Gegensatz zu mir, keine Wohnung in Berlin, für die er Miete zahlen muss, sondern wohnt hier in seinem eigenen Haus. Erwähnte 60 % Arbeitslosengeld sind bei mir zwar immerhin 600 Euro im Monat, also 20 Euro am Tag, aber 600 Euro kostet alleine schon meine Wohnung in Berlin im Monat, und das ist noch preiswert. Warum ich es mir leisten kann, jeden Tag bei meinem Bürgermeister in der Kneipe zu sitzen und eine eisgekühlte Coca-Cola aus der Glasflasche für 50 Cent zu trinken, manchmal sogar zwei, das verstehe ich jetzt, wo ich darüber schreibe, selbst nicht mehr. Denn rein rechnerisch bin ich derjenige, der auf Null ist, genau Null Komma Null, oder wegen mir auch 0:0 – und zwar jetzt schon, trotz „Leistungsmitnahme“ aus Deutschland. Betrüger sehen anders aus!
Neulich war es nun so, dass ich nicht der einzige Gast in dem „Barchen“ von meinem Bürgermeister war. Zwei ebenfalls unrasierte Dorfbewohner hatten sich aus alter Gewohnheit an dem ehemals vertrauten Ort eingefunden. Wir waren also zu viert: Die beiden ehemaligen Stammkunden, mein Bürgermeister und ich. Nicht nur, weil mein Bürgermeister ein professioneller Barmann ist, sondern auch weil dies in Bulgarien so üblich ist, hat er seinen Gästen etwas zu trinken angeboten. Natürlich nicht irgendwas, sondern ihr Lieblingsbier, das er weiß, weil sie einst seine Stammkunden waren. Und obwohl ich den Eindruck hatte, dass es sich spätestens nach der zweiten Nachfrage um eine Einladung handelt, das Bier also auf Kosten des Bürgermeisters gehen würde, wurde dieses dann noch weitere drei Mal – also insgesamt fünf Mal! – abgelehnt. Am Ende hatten beide gegen ihren ausgesprochenen Wunsch ihr Lieblingsbier, eisgekühlt und in der Glasflasche vor sich zu stehen. Zur Feier des Tages, Deutschland hatte gerade gegen ins eigene Tor schießende Portugiesen 4:2 gewonnen, gönnte ich mir eine zweite eisgekühlte Coca-Cola für umgerechnet 50 Cent in der 250 ml Glasflasche.
Heute spielt nun Deutschland gegen England, und ich werde wieder in die Kneipe gehen, obwohl ich wie gesagt gar kein Kneipentyp bin, um mir das Spiel zu anzusehen. Vermutlich werde ich wieder alleine im „Barchen“ von meinem Bürgermeister sitzen. Auch wenn er wie gesagt Deutschland als Land mag, so kann er das Spiel der Deutschen nicht leiden. Selbst das ist ihm zu künstlich. Ich selbst gehe nur in die Kneipe, damit mein Bürgermeister nicht ganz alleine dort sitzt. Auch ich kümmere mich um meine Leute. Deutschland gegen England geht mir sonstwo vorbei, ist für mich nur Brot und Spiele. Deswegen macht es mir auch nichts aus, heute auf die eisgekühlte Coca-Cola für 50 Cent in der Glasflasche zu verzichten. Ich fülle mir einfach vorher am Brunnen vor der Kneipe etwas Mineralwasser ab. Das geht auch, schließlich sind wir Bulgarien!
Wobei, jetzt wo ich darüber schreibe, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich damit nicht auch bereits zu künstlich, also zu deutsch bin. Ich meine, was soll die ganze Rechnerei und das Nachdenken darüber, was ich mir leisten kann und was nicht. Das hängt doch auch vom Spiel ab, oder? Ob sie wieder deutsch, also berechnend spielen, oder mit dem Herz dabei sind. Und überhaupt, vielleicht lädt mein Bürgermeister mich ja auf ’ne eisgekühlte Coca-Cola in der 250 ml Glasflasche ein. Um auf Null zu bleiben und nicht ins Minus zu gehen, muss ich dann nur noch bis fünf zählen können. Nur bis drei zu zählen könnte klappen, muss aber nicht. Mit fünf bin ich auf der sicheren Seite.
Foto&Text TaxiBerlin
Foto TaxiBerlin
Neulich, es war noch in Berlin, habe ich mich mit jemandem über die bevorstehende Fußball-EM unterhalten. Plötzlich meinte dieser jemand, der mich nicht richtig kennt, dass ich gar keine Ahnung vom Fan-sein hätte. Er sagte nicht, ich hätte keine Ahnung von Fußball, wobei bereits diese Aussage zweifelhaft gewesen wäre, sondern dass ich keine Ahnung vom Fan-sein hätte, weil ich, und jetzt kommt das beste, nie Fan gewesen wäre. Wie derjenige darauf kommt, der mich wie gesagt gar nicht kennt, dass ich nie Fan gewesen sei, wäre auch noch mal einen Beitrag wert, allerdings von demjenigen, der behauptet hat, dass ich keine Ahnung vom Fan-sein hätte.
In diesem, meinem Beitrag geht es um meine Arbeitssuche in Bulgarien, die jetzt nach nur vier Wochen Fahrt aufnimmt, wobei mir die Fußball-Europameisterschaft zu Pass kommt und auch die eingangs erwähnte Unterhaltung. Denn eines stimmt zumindest, und zwar dass ich kein Fan von irgendeiner Fußball-Mannschaft bin. Das heißt aber nicht, dass ich keine Ahnung vom Fan-sein hätte – ganz im Gegenteil. Vor allem bedeutet es aber, dass es für mich als bekennender Nicht-Fußball-Fan, sozusagen als Fußball-Fan-Nihilist, viel leichter ist, vom Fan-sein anderer zu profitieren. Nach nur vier Wochen Arbeitssuche in Bulgarien ist mir nämlich klar geworden, dass eine normale, also abhängige Beschäftigung für mich nicht in Frage kommt. Das hängt auch mit meiner früheren Freiheit im Taxi zusammen, selbst wenn dieses nicht mein eigenes war. In Bulgarien, wo das Taxigewerbe um 25% eingebrochen ist, ganz ohne Uber übrigens, die aber schon wieder vor der Tür stehen, ist das Taxifahren keine Option für mich, sondern kommt für mich nur eine freischaffende Tätigkeit in Frage, die hier Business-Man heißt.
Die Fußball-EM ist nur der aktuelle Anlass für meine Geschäftsidee, so wie Corona nur der Anlass für den Niedergang des Taxigewerbes ist, der in Berlin demnächst mit der Abschaffung der Ortskundeprüfung für Taxifahrer enden wird. Das Ende vom Ende sozusagen, denn dann kann wirklich jeder Idiot Taxifahrer werden, so wie heute schon jeder Idiot Überfahrer Uberfahrer werden kann. Jedes Ende ist aber immer auch ein Neuanfang oder kann es zumindest sein. Viele Marktteilnehmer verschwinden auch einfach vom Basar, gehen entweder ins gelobte deutsche Land oder in die ewigen Jagdgründe ein. Auch das gibt es. Die gerade über ganz Europa verteilt stattfindenden Fußball-Spiele, wo wieder viel geflogen werden muss um von A nach B zu kommen, was es eigentlich gar nicht mehr geben soll, was aber schon wieder ein anderes Thema ist, hat mich auf die Idee gebracht ins Retro-Geschäft einzusteigen, in gewisser Weise also zurück zu gehen, was auch sonst gut zu mir passt, wie ich denke.
Das Retro-Geschäft ist nicht jedermanns Sache, das ist leider auch wahr. Dafür kleiden sich immer mehr Menschen Retro, dir wird das auch aufgefallen sein. Und da sind alle die, die nie zurückblicken, die, die am meisten Retro tragen. Das ist wie mit dem Fan-sein, wo alle die die fanatischsten sind, die anderen vorwerfen, niemals Fan gewesen zu sein und sich deshalb kein Urteil übers Fan-sein erlauben zu dürfen. Das gab es früher nur in Bulgarien. Da durften sich auch nur Bulgaren ein Urteil über Bulgarien erlauben. Dass es das jetzt auch in Deutschland gibt, hängt möglicherweise auch mit der schleichenden Balkanisierung zusammen. Eine Idee von mir, die ich auch gerne zur Geschäftsidee gemacht hätte, wenn ich nur gewusst hätte, wie. Deswegen jetzt das Retro-Geschäft, das nur funktioniert, weil es hier in Bulgarien noch keine chinesischen Billigläden wie bei uns gibt, sondern ein Second-Hand neben dem anderen ist, in denen Klamotten aus Deutschland angeboten werden. Und da finde ich gerade passend zur Fußball-EM jede Menge Trikots, T-Shirts und Trainingsanzüge, viele davon wie neu oder ganz und gar ungetragen.
Das rote Adidas-Shirt mit der Aufschrift „espana – all together“ (eigentlich das Motto der Bulgaren, die am liebsten alles zusammen machen) beispielsweise ist komplett neu, hatte noch das Etikett der EM von 2012 dran. Damals sollte es 35 Euro kosten, im bulgarischen Second-Hand kostet es zwei Lewa, was ein Euro ist. Ich habe es nur einmal kurz in hiesiges Wasser gelegt, also gar nicht richtig gewaschen, und werde es sogleich für 25 Euro im Internet anbieten. Das bulgarische Wasser ist so weich, da kommt der Dreck von ganz alleine raus, im Gegensatz zum Wasser in Deutschland, das so hart ist wie die Menschen, die selbst ihren Schmutz nicht freiwillig hergeben. Nicht alle Retro-Sachen sind wie neu, an manchen muss auch etwas gemacht werden, ins Wasser legen alleine reicht da nicht. Dafür habe ich jetzt Krassimira, die krass Schöne, die letzte in Bulgarien verbliebene Bulgarin. Krassimira hat nicht nur einige Zeit für den bekannten italienischen Designer Roberto Cavallo gearbeitet, sondern ist selbst auch Designerin und kann vor allem richtig gut nähen. Das ist nicht selbstverständlich in Bulgarien, wo alle Maistors sind, meistens allerdings von Dingen, von denen sie nichts verstehen.
Bisher hat Krassimira umsonst für mich genäht, und wie gesagt sehr gut. Die Sachen sehen jetzt besser aus als neu, das kannst du mir glauben. Natürlich kann Krassimira nicht auf Dauer umsonst für mich arbeiten, das dürfte auch demjenigen einleuchten, der ansonsten nur vom Fan-sein etwas versteht. Damit Krassimira auch weiterhin umsonst für mich arbeitet, musst du nur ein Designerstück von ihr kaufen. Die Spezialität von Krassimira ist Patch-Work, was wieder im Kommen ist, auch wenn das viele noch nicht wahrhaben wollen. Ich meine, wer hätte vor Jahren gedacht, dass sich die Leute nochmal irgendwelche bescheuerten neonfarbenen Adidas-Nylon-Jacken aus den Achtzigern anziehen werden. Du vielleicht? Also ich nicht!
Krassimira kann aber nicht nur Patchwork, Krassimira kann alles, wie praktisch jeder Bulgare alles kann, können muss. Was der Bulgare nicht kann, ist ständig um die Welt jetten. Das kann er nicht. Aber möglicherweise führt dieses Unvermögen dazu, dass er alles andere kann. Ist nur eine Theorie von mir. Muss nicht stimmen. Was stimmt, ist, dass Krassimira und ich jetzt Geschäftspartner sind, oder zumindest dabei sind zu werden. Um meine Retro-Sachen mache ich mir keine Sorgen, die verkaufen sich übers Internet wie geschnitten Brot. Jetzt geht es nur noch darum, die Patchwork-Welle anzukurbeln, damit das Joint-Venture zwischen Krassimira und mir in die Gänge kommt. Und fast hätte ich jetzt gesagt: Retro war gestern – heute ist Patchwork! Aber ich will mir mein Retro-Geschäft nicht kaputt machen. Ich versuch’s mal so: Zieh ’ne Patchwork-Jacke übers Retro-Shirt und du bist im Trend – in dem von Krassimira und mir!