Handbetrieb

Am Alex

Die Aufnahme entstand bereits gestern am Alexanderplatz. Heute, also 24 Stunden später, erfahre ich aus dem InfoRadio, dass weiterhin nur zwei Linien durchfahren, die M13 und die 18, allerdings nur im Zehn-Minuten Takt. Bei zehn weiteren Linien werden nur Teilstrecken bedient, auf allen anderen Linien fährt keine Tram. Auch nicht die wichtige M10 von der Warschauer Straße in Friedrichshain über Hauptbahnhof bis zur Turmstraße in Moabit. Grund ist, dass noch nicht alle Oberleitungen enteist sind. Laut BVG ist das sehr aufwändig, weil es per Hand gemacht werden muss. Was sich wie ein schlechter Witz aus den Schluchten des Balkans anhört, betrifft die Bundeshauptstadt Berlin. Zum Mond fliegen wollen, aber enteisen per Hand. Vermutlich müssen die „Fachkräfte für Handenteisung“ erst noch vom anderen Ende der Welt eingeflogen werden. Es kann also noch etwas dauern.

Werde Millionär

U-Bahnhof Alexanderplatz

Nicht nur in Bulgarien, sondern auch in Berlin ist vieles anders als anderswo. Um hier Millionär zu werden, muss man nicht wirklich etwas wissen. Wie es aussieht, muss man auch keine Fragen beantworten. Man muss einfach nur Hinweise geben, möglicherweise reicht sogar ein einziger. Schwer zu sagen, ob es einen Zusammenhang gibt, auf diese Art Millionär zu werde, und dem Hinweis auf einen Sprachkurs. Immerhin, dieser ist kostenlos. Eins sollte man aber schon wissen, und das ist die Bewerbungsfrist fürs Millionärspiel. Die endet am 24.Februar.

Kanonen für Gulasch

Rings um Winter ist einiges frei. Oder anders gesagt: Keiner will mit Winter etwas zu tun haben. Für manche soll es ihn schon gar nicht mehr geben, Stichwort: Klimawandel. Jetzt ist der Winter da. Die Gasspeicher sind zwar noch nicht leer, aber alles andere als gut gefüllt. Der Strom- und Wärmeausfall im Südwesten Berlins Anfang Januar könnte ein Vorspiel gewesen sein, was demnächst der ganzen Stadt bevorsteht. Der Bulgare in mir sagt, dass es schlimmer kommen könnte. Beispielsweise wenn man neben der kalten Bude nicht mal mehr ’ne warme Suppe hat. Das mit der warmen Suppe soll neulich nicht funktioniert haben. Ich hoffe, dass man aus diesem Fehler gelernt hat und jetzt Gulaschkanonen vorbereitet. – Bevor weitere Waffen in die Ukraine geliefert werden.

Warentrennerwerbung

Gestern im Supermarkt bei mir um die Ecke. Ich legen einen Warentrenner, der auch als Kassentrennstab, Warentrennbalken oder Kassentoblerone bekannt sein soll – letzteres angeblich umgangssprachlich! – , hinter meinen Einkauf aufs Band und nehme die Werbung auf ihm wahr. Was will mir der Supermarkt mit der Werbung für das Bestattungshaus im Kiez auf ihrem Warentrenner sagen? Sollte ich vielleicht mal beim Bestattungshaus anrufen? Kann ich eventuell hier an der Kasse gleich meine Bestattung bezahlen? Oder zumindest Punkte dafür sammeln? Gibt es Rabatte oder Sonderangebote? Was ist mit der Rücktrittsversicherung? Wie nah ist das Ende?

Lerne Achtsamkeit

Achtsam herausgestellte Bücher

Achtsamkeit gehört zu den Dingen, die ich in Bulgarien lernen durfte. In gewisser Weise auch auf die harte Tour, weil man in Bulgarien besser nichts anfasst. Denn alles, was man anfasst, geht kaputt. Beispielsweise fällt in Bulgarien regelmäßig die komplette Gardinenstange von der Decke, nur weil man die Vorhänge schließen möchte. Mein Leben in Bulgarien könnte man praktisch so zusammenfassen: Fasse nichts an und achte auf deine Sachen! Wobei das mit dem Aufpassen auf die eigenen Sachen nicht mehr so schlimm ist wie in den Neunzigern. Ich würde so weit gehen und sagen, dass Bulgarien heute sicherer als Deutschland ist, und es fällt auch nicht mehr jede Gardinenstange von der Decke, nur weil man die Vorhänge zumacht. Bis heute bin ich dankbar, dass ich diese Achtsamkeit lernen durfte in Bulgarien. Auch weil ich sie in Deutschland oft sehr vermisse. Dass jemand achtsam wie oben Bücher zum Verschenken auf einem Küchentuch vor die Tür stellt, ist die absolute Ausnahme. Die Menschen hier sind aber nicht nur unachtsam, sondern regelrecht betäubt. Ferngesteuerten Zombies gleich, zugeschissen mit sinnlosen Informationen, die sie nicht verarbeiten können, weil sie sie auch gar nicht brauchen. Verrückt, sie wissen oft besser darüber bescheid, was gerade am anderen Ende passiert, als was mit ihnen selbst geschieht. Auch wenn ich alles andere als Bibelfest bin, muss ich bei ihrem Anblick immer an Psalm 39.7 denken: Sie gehen daher wie ein Schatten und machen sich viel vergebliche Unruhe; sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird. – Neuerdings denke ich daran, für sie zu beten. Dass auch sie achtsamer werden dürfen.