Wenn nicht jetzt, dann nie

Jetzt ist nicht jetzt

Gestern Abend habe ich erfahren, dass jetzt nicht mehr jetzt ist. Das ganze auf englisch, weswegen es etwas gedauert hat. Jetzt, auch wenn es das nicht mehr gibt, frage ich mich, ob zwei und zwei noch vier sind. Jemand meinte mal, Freiheit sei die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei vier ist. Wenn das gewährt sei, folge alles weitere. Auch das auf englisch: „Freedom is the freedom to say that two plus two make four. If that is granted, all else follows.“ Auf deutsch sagt man gerne: „Jetzt oder nie!“ Jetzt verstehe ich den Spruch. Wenn es kein jetzt mehr gibt, gibt es auch kein nie mehr.

Phantomschmerz

Seit einiger Zeit treibe mich viel in Wilmersdorf rum. Dass es einmal so weit kommen würde, hätte ich auch nie gedacht. Das hängt mit der Tagesschau zusammen. Ich vermisse die Anrede „Guten Abend, meine Damen und Herren“. Heute heißt es „Guten Abend, ich begrüsse Sie zur BlaBlaBla“. Es handelt sich um Phantomschmerz. Ich schaue die Tagesschau schon seit Jahren nicht mehr.

Es war einmal ein Land

Gedanken an einem 27.

Es war einmal ein Land, in dem gab es links und rechts. Viele waren links, man durfte aber auch rechts sein. Rechts zu sein bedeutete konservativ und nicht – so wie heute üblich – rechtsradikal oder gar Nazi. Dass sich das heutzutage verrückt anhört, bedeutet nicht automatisch, dass es auch verrückt ist. Möglicherweise ist das Gegenteil der Fall. Das meint zumindest der Bulgare in mir.

Mensch bleiben

In einem Interview sagte ich neulich, dass ich vom Bulgaren neben der Herzensbildung und dem Vertrauen auf Instinkt und Intuition den gesunden Menschenverstand gelernt habe. Nicht jeder hat das verstanden, einige haben sich sogar darüber lustig gemacht. Vermutlich die, die nicht wissen, was gesunder Menschenverstand ist. Ich gehe davon aus, dass dieselben auch mit dem, wozu Rosa Luxemburg rät, nämlich Mensch zu bleiben, nichts anzufangen wissen. Geboren ist Rosa Luxemburg als Rozalia Luxenburg in Zamość, einer Stadt im südöstlichen Teil Polens nahe der Grenze zur Ukraine rund 240 km entfernt von der Hauptstadt Warschau. Die Familie soll zu Hause Polnisch und Deutsch gesprochen haben, und die Mutter soll den Kindern die klassische und romantische deutsche und polnische Dichtung vermittelt haben. Möglicherweise erklärt das, warum Rosa Luxemburg an erster Stelle empfiehlt Mensch zu bleiben, was neben klar und fest auch heiter sein bedeute. Insbesondere letzteres scheinen heute viele vergessen zu haben.

Kein Mann mehr

In den letzten Tagen und Wochen war ich viel in der Stadt unterwegs, bin ich oft U-, S- und Straßenbahn gefahren. Ich hab‘ einiges von der Stimmung in der Stadt mitbekommen, viele Menschen gesehen, ihnen zugehört, was sie sagen, und wie sie es sagen. Viel könnte ich darüber schreiben, aber ich werde mal wieder nicht gefragt, denn die aktuelle Umfrage betrifft nur Frauen. So viel kann ich verraten: Ich möchte keine Frau sein – aber mittlerweile auch kein Mann mehr.

Großreinemachen

Gestern im Prenzlauer Berg

Hatte ich neulich noch geschrieben, dass die Berliner nichts mehr zu verschenken haben, wurde ich gestern im Prenzlauer Berg eines besseren belehrt. Da lag in einer „zu verschenken“ Box in einem Hauseingang im Schatten des Wasserturms in der Rykestraße eine Klobürste. Auf den ersten Blick etwas kleinlich und auch schäbig, aber nur auf den ersten Blick. Denn die Klobürste wird beim bevorstehenden Großreinemachen eine zentrale Rolle spielen. Genauso wie Toilettenpapier es kürzlich gespielt hat. Oder anders gesagt: Das, was man damals noch mit Toilettenpapier einfach wegwischen konnte, wird solche Ausmaße erreichen, dass man dem nur noch mit einer Klobürste Herr werden wird – wenn überhaupt. Wohl dem, der dann Klobürsten in Reserve hat.

Satanische Zeiten (Fortsetzung)

Was macht der Totenkopf im Supermarkt?

War die Zeit bis vor kurzem „nur“ seelenlos, so ist sie heute regelrecht satanisch. Waren die Leute früher „nur“ verdreht, so sind sie heute regelrecht toll. Wie sollte es auch anders sein, wenn sie permanent mit satanischen Symbolen konfrontiert werden, und dass nicht nur im Supermarkt. Immer mehr tragen den Totenkopf auf ihrer Kleidung. Er scheint dabei zu sein, ein Symbol der Zugehörigkeit zu werden, so wie neulich noch die Maske. Es wurden auch schon Zeitgenossen gesichtet, die sowohl Totenkopf als auch Maske zur Wiedererkennung tragen – sicher ist sicher.