Wer kennt sie nicht, die Redewendung, dass man nicht alles haben kann. Mein Freund Dietrich pflegte darauf zu sagen: „Man kann alles haben – man hat’s nur nicht.“ Daran muss ich denken, wenn Leute bis heute behaupten, dass man in Sachen Corona Dinge, die man heute weiß, damals nicht wissen konnte. Darauf sage ich: „Man hat sie gewusst, sie waren bekannt – man wollte aber von ihnen weder etwas hören noch wissen.“ Ich komme drauf, weil es genau zu dem Thema einen aktuellen Beitrag mit dem Titel Corona: Mit dem Wissen von damals gibt.
Was muss ich denn da schon wieder in der Zeitung lesen? Die Meinungsfreiheit ist tot. Und das nicht irgendwo, sondern in Europa. Zum ersten Mal sind deutsche Staatsbürger betroffen. Man kennt das von früher, dass es keine Deutschen unter den Opfern gibt. Diesmal ist es anders. Wann gibt es die ersten Ausbürgerungen? Immerhin, zum ersten Mal verbietet die EU ihren eigenen Bürgern die Einreise nach Europa. Der Kumpel oben, der alle Viere von sich streckt, ist mir gestern übern Weg gelaufen … wollte ich schon schreiben. Nein, er lag einfach auf meinem Weg zum Mineralbad. Ja, das Leben ist endlich, sowohl von Mensch als auch von Tier, und das der Meinungsfreiheit nun auch. Ein Freund, der mich neulich besuchte, meinte, er habe den Eindruck, dass man in Bulgarien alles sagen kann. Gut, der Freund spricht kein bulgarisch. Aber ich, der ich ein wenig bulgarisch spreche, kann es bestätigen: Man kann in Bulgarien alles sagen. Die Meinungsfreiheit ist hier (noch) nicht tot.
Mein Mineralbad in den Schluchten des Balkans nochmal
Mein inneres Wahrheitsministerium hat sich gemeldet und mir gesagt, dass die Geschichte umgeschrieben werden muss. Also nicht DIE Geschichte, sondern diese Geschichte. Auch wenn der Anfang stimmt, wiederhole ich ihn noch einmal: „Ich habe mein eigenes Mineralbad in den Schluchten des Balkans. Mein Bürgermeister hat es extra für mich anlegen lassen. Zusammen mit Bänken, einem Tisch und einem Grill. Das ist einige Zeit her. Langsam verfällt auch dieser Ort, so wie in Bulgarien alles verfällt. Mein Becken musste ich mir heute bereits mit Fröschen und ihren Nachkommen, den Kaulquappen, teilen. Zurück in meiner Hütte lese ich nun von Heringen, die ihre Eier plötzlich hunderte Kilometer entfernt ablegen. “Fachleute vermuten kollektiven Gedächtnisverlust”, schreibt das ehemalige Nachrichtenmagazin.“ Dann kam folgende falsche Schlussfolgerung: „Das Kommende, denke ich sogleich: Heute die Heringe, morgen die Menschen.“ Die richtige Schlussfolgerung, also was mein inneres Wahrheitsministerium sagt, lautet so: „Hat es nach dem Menschen nun also die Heringe erwischt.“
Ich habe mein eigenes Mineralbad in den Schluchten des Balkans. Mein Bürgermeister hat es extra für mich anlegen lassen. Zusammen mit Bänken, einem Tisch und einem Grill. Das ist einige Zeit her. Langsam verfällt auch dieser Ort, so wie in Bulgarien alles verfällt. Mein Becken musste ich mir heute bereits mit Fröschen und ihren Nachkommen, den Kaulquappen, teilen. Zurück in meiner Hütte lese ich nun von Heringen, die ihre Eier plötzlich hunderte Kilometer entfernt ablegen. „Fachleute vermuten kollektiven Gedächtnisverlust“, schreibt das ehemalige Nachrichtenmagazin. Das Kommende, denke ich sogleich: Heute die Heringe, morgen die Menschen.
Aus meinen Schluchten des Balkans fahre ich jetzt immer mit dem Zug nach Sofia. Bei der Abfahrt sieht es so aus wie auf dem Foto oben. Gut, die Welt ist dort auch nicht in Ordnung, beispielsweise können manche, vor allem Ältere, von denen es in Bulgarien jede Menge gibt, nicht mitfahren. Denn sie kommen gar nicht erst in den Zug, einfach weil der Abstand zwischen Zug und Bahnsteig, soweit man ihn überhaupt als solchen bezeichnen kann, zu groß ist. Immerhin: die Landschaft ist OK. Im Gegensatz zu dem Bild, was sich bei der Ankunft in Sofia bietet. In dem Sinne haben die, die nicht in den Zug gekommen sind, nichts verpasst. Vielleicht liegt das Bild, das sich einem bei der Ankunft in Sofia bietet, auch einfach am Ankunftsgleis, es ist immer das allerletzte: Gleis 13.
Gestern gab es in mehreren Städten Bulgariens Proteste gegen die für nächstes Jahr geplante Euroeinführung, darunter in Sofia, wo obiges Foto entstand. Organisiert wurden sie wie in der Vergangenheit auch von der Partei „Wiedergeburt“. „Wiedergeburt“ steht der AfD nahe, ihr Vorsitzender Kostadin Kostadinow hat auch schon auf Veranstaltungen der AfD in Deutschland gesprochen. Der Umgang mit „Wiedergeburt“ in Bulgarien ist allerdings ein ganz anderer als der mit der AfD in Deutschland. Die Partei fordert seit langem ein Referendum, also eine Volksbefragung zur Euroeinführung. Am Europatag, dem 9. Mai, hat nun auch der bulgarische Präsident Rumen Radew ein solches Referendum gefordert. Darüber hinaus hat er diesen bemerkenswerten Satz gesagt: Es ist überraschend, dass Menschen, die als die größten Demokraten bezeichnet werden, sich gegen die Demokratie aussprechen. Das wurde auch höchste Zeit, denn der bulgarische Präsident wird im Gegensatz zum deutschen vom Volk gewählt, und die Mehrheit der Bulgaren will den Euro schon lange nicht. Nur, wen interessiert schon das Volk in einer Demokratie? Aber es wird noch verrückter. Wie sich auch wieder auf der gestrigen Demo zeigte, ist ebenso die bulgarische Linke nicht nur gegen den Euro, sondern auch gegen die EU.
Ich habe mir eine kurze Auszeit vom bulgarischen Wahnsinn am Fuße des Ätnas gegönnt. Von Sofia aus fliegt man keine zwei Stunden nach Catania. (Zum Vergleich: nach Berlin sind es zwei Stunden und zehn Minuten.) Bulgarien hat dieselben Farben in seiner Trikolore: Weiß, Grün und Rot, aber das nur nebenbei. Italien ist eine andere Welt, nicht nur was das Essen angeht. Auch in Italien funktioniert nicht alles so, wie es funktionieren sollte, aber das ist in Deutschland nicht anders. Dort ist vieles auch nicht mehr so, wie es einmal war. Ich sage gerne auch Balkanisierung dazu. So weit wie in Bulgarien ist sie aber nicht fortgeschritten, weder in Italien, noch in Deutschland. Das wurde mir einmal mehr bei meiner Rückkehr klar. Es ist, als würde man ein Land betreten, in dem kürzlich ein Krieg zu Ende ging oder in dem gerade ein apokalyptischer Film gedreht wird. Es grenzt an ein Wunder, dass überhaupt noch etwas funktioniert. Das bulgarische Wunder. Auf italienisch: Il miracolo bulgaro.
PS: Auch im deutschen Irrenhaus herrscht der Wahnsinn. Der bulgarische Wahnsinn ist aber dagegen echt, und – vielleicht das wichtigste – man weiß mit ihm umzugehen, er ist Alltag. Im Gegensatz zu Deutschland, wo viele mit ihm überfordert und deswegen kurz vorm Burn Out, vorm Durchdrehen oder eben vorm Auswandern sind.