Leaving Berlin (019)

Gestern war ich als Krankenpfleger gefragt, aber eigentlich „nur“ als noch selbständig denkender Zeitgenosse. Junge Menschen waren mit Badelatschen wandern gewesen. Keine Ahnung, wie sie darauf gekommen sind. Die Steine sind allesamt spitz hier auf Kreta. Das ist so mit das erste, was man auf der Insel mitbekommt. Für Badelatschen der Tod. Und, wenn man es zu spät mitbekommt, auch für die Füße. Die jungen Leute von heute bekommen nur noch das mit, was man ihnen sagt. Von alten weißen Männern lassen sie sich allerdings nichts sagen. Und ich sag auch gar nichts. Sollen alle selber ihre eigenen Erfahrungen machen. Ein Gutes hat das aber. Mit Badelatschen geht man auf Kreta nur einmal wandern. Danach sind die Füße nur noch für den Weg zum Strand geeignet, wenn überhaupt.

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Leaving Berlin (018)


Kreta ist voll von Ziegen. Selbst am Strand laufen sie zwischen den ersten die Sonne anbetenden Touristen herum. Das ist ganz witzig anzusehen. Arme entwurzelte Städter von halbwilden Vierbeinern umzingelt. Richtig wild sind die Ziegen nicht, eher ausgewildert. Vielleicht gehören sie sogar jemandem und sind gar nicht herrenlos. Gerade werden sie auch – neben Lamm – gerne gegessen. Ich habe schon beides zu mir genommen. In Bulgarien bin ich praktisch Vegetarier. Das ergab sich, nachdem ich erfahren hatte, dass dort Schweinehälften aus Deutschland rangekarrt werden. Ich habe mir dann immer vorgestellt, wie auf deutschen Schlachthöfen von polnischen Arbeitern irgendwelche Brocken vom Boden gesammelt werden, die dann nach Bulgarien gekarrt werden. So schmeckt das Zeug zumindest. Ganz anders das Lamm- und Ziegenfleisch hier auf Kreta. Das ist weich wie Butter und schmeckt hervorragend. Wie sollte es auch anders sein, wenn die Tiere vorher ihre Tage an einsamen Stränden umgeben von am Boden liegenden Touristen verbracht haben. – Übrigens: In Bulgarien werde ich wieder zum Vegetarier – versprochen!

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Leaving Berlin (017)

Ich erwähnte es bereits. Es sind schon einige Touristen unterwegs auf Kreta. Und ich selbst bin ja auch nur ein Bloody Tourist. Obwohl, gestern Abend waren wir von Einheimischen zum Essen eingeladen. Immerhin ist Ostern. Das Haus war klein und wir saßen eng zusammen am Tisch (Foto unten). Die Touristen gehen gerne auf Distanz. Nicht nur zu Einheimischen, sondern auch zu sich selbst (Foto oben). Scheint eine Spätfolge von Social Distancing zu sein, aber nicht nur. Früher hatte Reisen etwas verbindendes. Man kam mit anderen Reisenden ins Gespräch, tauschte sich aus, grüßte sich beim Wandern. Das gibt es heute alles nicht mehr. Das verbindende Element selbst beim Reisen heute ist Langeweile. Manche sind so gelangweilt, sie wissen gar nicht mehr, wo sie sind, tragen beim Wandern Strandklamotten. Letztendlich ist es auch egal, wo sie sind, zumindest für sie selbst. Denn sie selbst kriegen es nicht mit, weil sie gar nicht da sind. Physisch sind sie schon da – leider. Leider deswegen, weil sie einem immer im Weg rumstehen und dabei permanent auf ihrem Smartphone rumspielen, weswegen sie auch nicht mitbekommen, dass sie einem im Weg rumstehen. Eigentlich könnten sie auch zu hause bleiben. Aber dort würden sie vermutlich rasch vor Langeweile umkommen.

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Meanwhile in Germany (010)

In meiner Straße in meinem Berliner Kiez

Ich sage es schon lange. Jetzt steht es auch in der Zeitung, also in der Berliner Zeitung. Berlin ist teuer, aber angeblich immer noch sexy. Einst war Berlin dafür bekannt, „arm aber sexy“ zu sein. Teuer ist Berlin schon einige Zeit. Ich beispielsweise kann mir Berlin nicht mehr leisten. Und so wie mir geht es so einigen. Warum Berlin immer noch sexy sein soll, wie die Berliner Zeitung behauptet, erschließt sich mir nicht. Für mich ist Berlin völlig unspannend und komplett unsexy. Darüber hinaus scheint Berlin die Hauptstadt der Onanisten geworden zu sein. Immerhin, das Berliner Kultur-Prekariat fordert dazu auf in den Streik zu gehen und Berlin zu verlassen. Wobei ich mich frage: Ja, was denn nun? Streiken oder Abhauen? Das ist mal wieder typisch für die vielen Als-Ob-Persönlichkeiten, die Berlin bevölkern. Vermutlich ist es einmal mehr wieder nicht ernst gemeint, sondern witzig. Das Komische ist nur: Ich kann gar nicht lachen.

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Leaving Berlin (016)

Wildgemüse Xorta bzw. Chorta 

In Griechenland ist heute Ostersonntag, genauso in Bulgarien. Ostern ist das bedeutendste Fest bei den Orthodoxen. Im Gegensatz zu Deutschland, da ist es Weihnachten. Heute endet hier die Fastenzeit. Traditionell wird dann Lamm gegessen. Fisch wird weniger gegessen. Zumindest weniger, als ich gedacht hatte. Der Grund: das Meer ist leer gefischt. Dafür ist es die Saison von obigem wilden Grünzeug. Es heißt Xorta bzw. Chorta. Es wird kurz, aber wirklich nur ganz kurz, aufgekocht. Vielleicht 30 Sekunden, ansonsten wird es braun. Dann kommt Salz, Olivenöl und etwas Zitrone ran. Und dann isst man es. Xorta bzw. Chorta ist nicht nur lecker, sondern gibt auch Kraft. Deswegen gibt es keine Muckibuden hier. Xorta bzw. Chorta ist besser als jede Muckibude. Ich kann das aus eigener Erfahrung nur jedem empfehlen, denn ich bin auch mal in eine Muckibude gegangen. In solchen Muckibuden laufen ganz komische Gestalten herum, insbesondere in Berlin, weswegen ich am Ende nur noch in die Sauna von der Muckibude gegangen bin. Da waren dann auch Frauen, die man aber nicht anschauen durfte. Ganz komisch, so eine Muckibude. Kraft hat mir auch die Sauna nicht gebracht, sondern genau das Gegenteil. Irgendwann bin ich dann einfach nicht mehr in die Muckibude gegangen, ohne dass ich gewusst hätte, wo ich das finden könnte, wonach ich gesucht hatte. Dazu musste ich Berlin erst verlassen.

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Leaving Berlin (015)

Obwohl noch Vorsaison ist, sind schon einige Touristen auf Kreta unterwegs. Für meinen Geschmack auf jeden Fall zu viele. Darunter sehr viele Deutsche. Die ausgebrannten und ausgelaugten Landsleute sind seit Corona besonders ruhebedürftig. Und so auch ich. Ich bin ja selbst nur Tourist, und zwar ein besonders lärmempfindlicher. Vielleicht fühle ich mich deswegen von den geräuschlosen Mitteilungen angesprochen, die offensichtlich für Touristen gedacht sind. Immerhin sind sie auf englisch und nicht auf griechisch. So wie es aussieht, gibt es hier Anarchisten, die etwas gegen die NATO haben. Gut, das ist nicht neu. Das gibt es auch anderswo, beispielsweise in Bulgarien. Nur Deutschland macht da mal wieder eine Ausnahme, geht den deutschen Sonderweg. In der Heimat gehören Anarchisten, so weit es sie überhaupt noch gibt, zu den Linken Linken, also zu den nützlichen Idioten der Techno-Feudalkapitalistischen-Kaste. Zumindest ist das meine Beobachtung. Doch zurück zu Kreta und Griechenland, wo Touristen direkt dazu aufgefordert werden, einen NATO Soldaten als Souvenir mit nach Hause zu nehmen. In den entsprechenden Geschäften ist Covid-19 auch garantiert tot. Also wenn das kein Grund ist, nach Griechenland zu kommen, dann weiß ich auch nicht.

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Leaving Berlin (014)

Seit gestern sind wir in Klima, genauer in der „Villa Klima“. Um es gleich am Anfang zu sagen: dem Klima geht es gut. Man sorgt sich in Klima nicht um das Klima. Dass das Klima sich verändert wie das Wetter, ist in Klima ein alter Hut. Niemand in Klima will also das Klima retten. Irgendwelche Klimaretter sind auch noch nicht in Klima gesichtet worden. Überhaupt scheint es ein deutsches Phänomen zu sein, ständig irgendetwas retten zu müssen. Aus eigener Erfahrung als Krankenpfleger weiß ich, dass helfende Berufe ein sicheres Anzeichen dafür sind, dass man sich selbst nicht helfen kann. Oder mit anderen Worten: Krankenpfleger respektive Krankenschwester ist kein Beruf, sondern eine Diagnose. Es wurden auch schon Bücher darüber geschrieben, beispielsweise „Hilflose Helfer“. Dass man in der Heimat immer ein Mündel braucht, um das man sich kümmern kann, sagt mehr über den Helfenden aus als über den, der vermeintlich Hilfe braucht. Der Helfende ist praktisch abhängig von seinem Mündel, besser: dem, was er dafür erklärt. Eine Zeit lang kann es ganz nett sein, wenn sich jemand um einen kümmert. Auf Dauer ist es aber nur nervig. Am Ende passiert es regelmäßig, dass sich der Helfende gegen sein Mündel auflehnt. Weil das Mündel nicht so will, wie er will. Das ist das Kommende. Wenn das Klima nicht so will, wie der Deutsche will, dann soll es doch zusehen, wo es bleibt. In Klima halt.
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