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Wie vieles andere auch, so ist im Westen weitgehend unbekannt, dass Bulgarien ein Paradies für Störche ist. Pünktlich zum Frühlingsanfang kehren sie aus dem Süden zurück nach Bulgarien, wo sie ihre alten Nester nur etwas ausbessern müssen, um ihre Nachkommen dort auszubrüten. Bulgaren bringen ihren Nachwuchs seit vielen Jahren vorzugsweise im Ausland zur Welt. Jeder zweite der zwischen 20- und 45-jährigen hat seine Heimat verlassen. So gleicht sich’s wieder aus, könnte man meinen. Aber so sieht es eben auch aus in Bulgarien, wie es aussieht, an vielen Orten wie nach einem verlorenen Krieg. Nicht jeder Krieg wird mit Waffen ausgetragen. Oder wie Brecht es formulierte: „Der reißende Strom wird gewalttätig genannt. Aber das Flussbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig.“ Fest steht jedenfalls: Kinder bringt der Storch keine mehr, zumindest nicht nach Bulgarien.
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Gleich neben dem Antiquariat „Ortograph“ von Konstantin, in dem Che Guevara neben Stalin im Schaufenster steht, befindet sich obiges Geschäft, in dem Musen angeboten werden. Denselben Quatsch, den man bisher im Prenzlauer Berg antraf, gibt es jetzt also auch auf dem Balkan. Auch in meinem Rubikon-Interview mit dem Titel „Der Eselflüsterer“ kommt die Muse vor. Ich stelle in dem Interview mein Projekt eines „Donkey Sanctuary & Writers Retreat“ vor, dem ersten Rückzugsort für Schreibende, an dem es auch Esel gibt. Mit anderen Worten: Schreiben in den Schluchten des Balkans, und wenn die Muse einmal eine Pause macht, sind da immer noch die Esel, die zum Wandern einladen. Ich sage aber nicht: Fahre nach Sofia oder geh‘ nach Berlin in den Prenzlauer Berg und kaufe dir dort eine Muse.
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Im Nordwesten, der ärmsten Region Bulgariens und der EU, ist der Verfall omnipräsent und ein ständiger Begleiter. Jedes zweite Haus verfällt oder ist schon in sich zusammengefallen. Das Haus mir gegenüber (Foto), das demnächst in sich zusammenfallen wird, ist nur ein Beispiel von vielen. Der allgegenwärtige Verfall macht etwas mit den Menschen, die von ihm umgeben sind. Davon bin ich überzeugt. Ich zum Beispiel schwanke permanent zwischen Heruntergezogensein und Neuanfang – gerade jetzt im Frühling. Am Anfang wollte ich noch jedes Haus retten. Oft habe ich mit meinem Bürgermeister darüber gesprochen. Ja, das sei eine gute Idee, und er würde gerne mithelfen. Aber auch er, der äußerst aktiv ist und gerne hilft, kann sich nicht um alles kümmern. Dass das Dorf Strom und Wasser hat und die ärmsten unter den vielen Alten im Dorf nicht verhungern, das sind seine Prioritäten und seine Triage, mit der er täglich aufs Neue konfrontiert ist. Und irgendwann will auch er einfach mal „nur“ Leben, nicht immer nur Überleben.
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