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Ich bin jetzt auch einer von diesen Typen geworden, die ständig nachdenken, nachdenken müssen. Alleine dieser Umstand macht mir Angst. Hinzu kommt, dass ich versuche, das Gedachte, also meine Gedanken, aufzuschreiben und in Worte zu fassen. – Der blanke Horror! Aber es wird noch schlimmer. Denn in diesem Zusammenhang habe ich herausgefunden, dass ich hochsensibel bin. Gut, das hatte sich bereits im letzten Jahr angekündigt. Da war mein Bürgermeister der Meinung, ich wäre prätentiös. Prätentiös bin ich natürlich auch. Prätentiös wird dem Deutschen praktisch in die Wiege gelegt, selbst einem halben. Aber prätentiös klingt, naja, es ist nun mal so, nicht gerade schön. Deswegen habe ich meinen Bürgermeister davon überzeugen können, dass ich sensitiv bin, so wie er. Das hat er irgendwie gefressen und eigentlich dachte ich, die Geschichte wäre damit abgeschlossen. Aber nein, nach sensitiv kam dann irgendwann sensibel und nun auch noch hochsensibel. Dass ich hochsensibel bin, habe ich aus dem Internet erfahren, und zwar von YouTube. Manchmal lege ich dort einen Studientag ein, und bei der Gelegenheit habe ich meine Diagnose hochsensibel erfahren. Es gibt da 15 Punkte, und wenn man mindestens 10 erfüllt, ist man hochsensibel. Bei mir waren es alle 15. Jetzt kann ich schlecht mit hochsensibel hausieren gehen, schon gar nicht in Bulgarien. Hochsensibel mag sich in Deutschland gut anhören, klingt aber für bulgarische Ohren schon wieder prätentiös. Obwohl es für meinen Bürgermeister sicherlich OK wäre, habe ich selbst ihm noch nichts erzählt davon. Gestern wurde mir nun ein anderes Wort für hochsensibel geschenkt, und zwar aus Amerika. Sonntags reden wir immer mit Amerika, ich bin ja seit einiger Zeit auch Amerikaner. Meine Frau ist hier in Bulgarien übrigens eine „Amerikanka“. Nicht schlecht, oder? Naja, und mir wurde gestern aus Amerika „Rumenesk“ geschenkt. „Rumenesk“ kann man nicht erklären, so wie man hochsensibel nicht erklären kann, zumindest keinem Bulgaren, will man nicht als prätentiös gelten. Dazu kommt, dass „Rumenesk“ sowas geheimnisvolles, nahezu mystisches hat. Außerdem ist es eine Marke – „Rumenesk“. Gut, „Rumen“ als Teil des Wiederkäuermagens, auch bekannt als Pansen, ist auch nicht schlecht. Das, was ich gerade schreibe, habe ich die ganze Nacht immer wieder vor mir hergesagt, praktisch aufgesagt, also wiedergekäut mit dem Wiederkäuermagen, dem Pansen, der auf lateinisch „Rumen“ heißt. Deswegen klingt es so flüssig. So ist am Ende dieser Beitrag vor allem eines – „Rumenesk“. (Also wenn man es als Verb fürs Wiederkauen im Pansen, dem Rumen, nimmt.) „Rumenesk“ hat auch den Vorteil, dass es besser als „Rumen-Muffata“ ist. In meinem Dorf bin ich auch als „Rumen-Muffata“ bekannt. „Muffata“ deswegen, weil ich – typisch deutsch – beim Verlegen der Abflussrohre für Schmutzwasser immer auf einer Muffe als Verbindung zwischen zwei Rohren bestanden habe. In Bulgarien sind Muffen aber praktisch unbekannt. Der Bulgare erhitzt die Rohrenden und verklebt sie so miteinander.
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Ob ich einen Beitrag für seinen Blog schreiben mag, fragt Rumen. Vielleicht zu meinen Vorbereitungen für den bevorstehenden zweiten Besuch in den Schluchten des Balkans?
Im Gegensatz zum vorherigen Mal gibt es gar nicht so viel vorzubereiten. Der erste Besuch war von vielen Leseeindrücken begleitet schon im Vorfeld. Die „111 Gründe Bulgarien zu lieben“ hatten mich sehr eingenommen für das Land und seine Menschen. Andere Bücher zeigten mir Bulgarien als ein Land, das nicht nur das 500-jährige „türkische Joch“ erleiden musste, sondern auch eine Phase der „Wiedergeburt“ durchlebte, also der Rückbesinnung auf die eigene nationale Identität. Hinzu kommen Schilderungen aus der Zeit des Kommunismus und der sogenannten Revolution 1989, die eigentlich keine war.
Mit Ilija Trojanow, einem Autor, den auch Rumen mir empfohlen hatte, bekam ich dann einen besonderen Blick auf dieses eigentümliche Land. In seiner „exemplarischen Geschichte“ zu Bulgarien mit dem Titel „Die fingierte Revolution“ beschreibt er die Jahre des Übergangs von einer kommunistisch geprägten Staatsform in eine „demokratische“. Die Anführungszeichen sollen hier keine grundsätzliche Skepsis gegenüber demokratischen Systemen darstellen. In Bulgarien waren die Jahre nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes nur dem Namen nach demokratisch. Es war eine Zeit, in der sich die alten Eliten unter neuem Namen und in bewährten Netzwerken weiter an ihrem Land und der verarmten Bevölkerung bereicherten. Es gab also keine Revolution, es gab nur eine fingierte Revolution.
Manche Bücher aus der sehr umfangreichen Sammlung von Trojanows Schaffen kann ich nicht empfehlen, wenn man sich die Laune nicht komplett verderben will. Hände weg von „Hundezeiten“! Hände weg von „Der überflüssige Mensch“! Es sind Dokumentationen der Ungerechtigkeit, der Unmenschlichkeit und der Entwürdigung, wie sie in jenem „fremden Land“ während des Kommunismus und noch lange danach vorzufinden waren. Hartgesottene Mitmenschen mögen sich an solchen Berichten erfreuen, mir lagen sie schwer im Magen.
Einzig sein Buch „Gebrauchsanweisung fürs Reisen“ war für mich wirklich lesenswert. Was ich daraus leider erst jetzt mitgenommen habe, ist, nichts über ein Land zu lesen, bevor man es besuchen geht. Das Erkunden, die Überraschung, die Unvoreingenommenheit, all dies ist weg, wenn man sich zuvor kundig gemacht hat. Reisen, so Trojanow, bedeutet, „dass wir uns auf etwas einlassen, von dem wir nicht wissen, wie es ausgehen wird. Dass wir der Fremde zugestehen, uns zu berühren. Uns durchzuschütteln. Das ist Reisen im Sinne der uralten Kulturtechnik des Pilgerns, auf der Suche nach Erkenntnis und Erhöhung.“
Mein Entschluss, ein zweites Mal nach Bulgarien zu reisen, ist dieser Idee geschuldet: Dieses Land kennenzulernen als Allein-Reisender. Allein unterwegs zu sein hat andere Auswirkungen als das gemeinsame Erkunden mit anderen. Das möchte ich erfahren und erlaufen. Ganz mutig war ich nicht bei meiner Planung. Ich habe nicht nur die Hin- und Rückflüge gebucht, sondern auch wieder eine Tour mir organisieren lassen von TACT. Dabei dachte ich mir, warum sollte ich diese positive Erfahrung nicht wiederholen? Die Hotels waren außergewöhnlich, sie befanden sich in sehr guter Lage innerhalb der besuchten Städte und Regionen. Der Mietwagen hielt durch von Anfang bis Ende und das deutschsprachige Navigationsgerät war uns eine sehr große Hilfe auf unserer Tour durch die kyrillische Schilderwelt.
Nun werde ich also nächsten Sonntag Rumen und Layne besuchen in Spanchevtsi und am Freitag übernächster Woche meinen Trip starten entlang der Donau im Norden Bulgariens hin zum nördlichen Teil des Schwarzen Meeres. Über meine neuen Erfahrungen werden ich dann wieder berichten in den folgenden Blogbeiträgen (sofern mir Rumen Platz dafür einräumt).
Anfang September wird auch der Leser meines Blogs und jetzt auch Freund Joachim aus Bremen, der sich auch als Sponsor nicht nur meiner Tomaten hervorgetan hat, noch einmal nach Bulgarien kommen. Im Mai/Juni ist er zusammen mit seiner Frau hier gewesen. Beide waren das erste Mal in Bulgarien. Über sein erneutes Kommen freue ich mich sehr. Denn er gehört zu den Menschen, von denen man nicht sieben braucht, um auf den Gehalt von einem zu kommen.
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Bulgarien war einst berühmt für seinen Tabak – den „Bulgar-Tabak“ (BT). Es gibt einen bekannten Roman von Dimitar Talev mit dem bulgarischen Titel „Tjutjun“, der auch ins Deutsche übersetzt ist und einfach nur „Tabak“ heißt. Die großen Zeiten des „bulgarischen Goldes“ sind aber vorbei. Ganze Dörfer haben nach und nach ihre traditionelle Lebensgrundlage verloren, worunter vor allem die muslimische Bevölkerung im Süden leidet, in deren Hand sich der Tabakanbau traditionell befindet. Trotzdem wird in Bulgarien immer noch viel geraucht und auch viel getrunken, nicht nur der Selbstgebrannte, sondern auch Bier und Wein.
In Deutschland wird seit Corona um ein Drittel mehr geraucht, das geht aus der aktuellen repräsentativen »Deutschen Befragung zum Rauchverhalten« (Debra) hervor. Ich gehe davon aus, dass wegen Corona allgemein die Süchte zugenommen haben, sowohl die Abhängigkeit von stofflichen Drogen wie Alkohol und Beruhigungsmittel, als auch die von nichtstofflichen Drogen wie Sex, Spielen und Einkaufen. Auch Depressive gibt es jetzt mehr, fast in jeder Talk-Show sitzt einer von ihnen. Oft hat er ein Buch über seine Depression geschrieben, das er verkaufen will. Solche Auftritte sind immer peinlich, regelrecht zum Fremdschämen.
Zum Fremdschämen sind sie vor allem deswegen, weil ein ursächlicher Zusammenhang mit Corona und den in dem Zusammenhang ganz bewusst vom Staat geschürten Ängsten praktisch immer ausgeblendet wird. Corona ist der übergroße Elefant im Raum, über den aber nicht gesprochen wird, will man nicht als Aluhut oder Schwurbler gelten. Die genauen Daten sowohl über Depressionen, als auch über die Abhängigkeit von stoffliche und nichtstoffliche Drogen fehlen bis dato, auch die über Suizide. Also wie viele Menschen haben sich wegen Corona das Leben genommen. Ihre Zahl dürfte in den nächsten Wochen weiter zunehmen.
Also praktisch die Geschichte von „Das Leben der Anderen“. Der Hauptprotagonist des Filmes schreibt einen Artikel genau über dieses Thema, Suizid in der DDR, und zwar für den Spiegel, ausgerechnet der Spiegel. Die Daten über die Anzahl der Suizide wurden in der DDR irgendwann nicht mehr veröffentlicht. Praktisch so wie heute, wo Daten einfach aus dem Netz verschwinden oder gar umgeschrieben werden. Alleine deswegen ist es besser, immer alles Schwarz auf Weiß zu haben.
Mit solchen Vergleichen muss man neuerdings vorsichtig sein. Der DDR-Vergleich kann jetzt nämlich bereits als Delegitimierung des Staates aufgefasst und bestraft werden. In Bulgarien gibt es nichts vergleichbares. Wie auch, wenn die meisten Bulgaren praktisch ständig am Rauchen und Saufen sind. Die Bulgaren haben ihren ganz eigenen Weg den Staat zu delegitimieren. Sie gehen einfach nicht wählen.
Bei der letzten Wahl im November vergangenen Jahres sind nur 40 Prozent der Bulgaren zur Wahl gegangen. Eine Abstimmung mit den Füßen mitten im Lockdown, den es in Bulgarien so in der Form wie in Deutschland nicht gab. Ich bin gespannt, wie viele Bulgaren noch zur Wahl am 2. Oktober gehen. Mehr als die Delegitimierung durch 60 Prozent Nichtwähler geht eigentlich nicht mehr.
PS: Das wichtigste habe ich auch diesmal wieder fast vergessen. Ausgerechnet Rauchen, wo bekannt ist, dass das Virus in die Lunge geht. Andererseits ist der Alkohol, das Saufen, das am Ende immer tödlich ist, auch nur ein Suizid auf Raten.
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Bevor ich mich thematisch wieder den Schluchten des Balkans zuwende, noch dieser vorerst letzte Beitrag zu Deutschland. Und zwar möchte ich den idealen Kanzler für unser geliebtes Vaterland gerade in der jetzigen schwierigen Situation vorstellen. Hatte ich vorhin noch gesagt, dass man den Mann aus Berlin-Mitte rausschmeißen solle, möchte ich mich jetzt korrigieren, „Naja, es ist eben so!“, und zwar in der Form, dass man ihn ins Kanzleramt reinstecken möge. Wegen mir auch mit Polizeigewalt, obwohl ich nicht glaube, dass dies notwendig sein wird. Denn die Rede ist von Karl Lauterbach, der ideale Kanzler für Deutschland. Spätestens nach diesem überzeugenden Beitrag, den ich nur jedem empfehlen kann, sich ihn in aller Ruhe durchzulesen. Auch ich bin mir nunmehr nicht nur einhundertprozentig, nein, einhundertundfünfzigprozentig sicher: Karl Lauterbach ist Deutschland!
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