“Heilige Kühe”

“Heilige Kühe” ist der Titels eines Romans und einer „Offenen Lesebühne für >verbotene< Texte”. Für Samstag hat Autor und Organisator Dennis Hoffman einen Coup in Neukölln geplant.

Wer nach einem Ort sucht, an dem zwar keine „Heiligen Kühe“ geschlachtet, aber immerhin gängige Narrative in Frage stellen kann, ist im „Laidak“ in Neukölln bestens aufgehoben. Obwohl ich 25 Jahre Taxifahrer in Berlin war, kannte ich die Lokalität nicht, bis ich im vergangenen Jahr den Stammtisch einer bekannten Investigativjournalistin besuchte. Ausgerechnet ich, als trockener Alkoholiker, besuche einen Stammtisch. Andererseits hatte ich selbst schonmal einen Stammtisch. Aber das ist viele Jahre her.

Bei besagtem Stammtisch fiel mir ein Flyer in die Hände, der einlud zur Lesebühne „Heilige Kühe“ – Die offene Lesebühne, für >verbotene< Texte, an jedem zweiten Sonntag des Monats, im „Laidak“ am Boddinplatz in Berlin-Neukölln, nächster Termin: 13. Oktober 2024.

Ich war gespannt, was mich erwartet. Meine Beziehung zu Neukölln ist speziell. Meine Mutter ist in Neukölln geboren, unsere West-Pakete kamen von hier. Ein Tag, nachdem die Mauer fiel, war ich am Absendeort in der Friedelstraße kurz vorm Hermannplatz. Das „Laidak“ liegt nur einen Steinwurf entfernt.

Der Raum ist klein, in dem die Lesebühne stattfindet, aber gemütlich. Ausgestattet ist er mit alten Möbelstücken: unterschiedliche Tische, Stühle und Sessel. An den Wänden Bücherregale. Es gibt ein großes Fenster zur Straße, das aber Größtenteils zugehängt ist. Durch eine Faltschiebetür ist die Räumlichkeit nur unzureichend von der eigentlichen Kneipe getrennt. Es passiert immer wieder, dass Leute durchlaufen, um zu den Toiletten zu gelangen. Es ist der kürzeste Weg zu ihnen, den Gang hinterm Tresen entlang.

Der Anzahl der Menschen, die zur Lesebühne kommen, ist überschaubar. Ich war insgesamt dreimal da und die Zahl schwankte zwischen acht und knapp 20 Vorlesern und Zuhörern. Jedesmal habe ich einen eigenen Text vorgetragen, was eine Premiere für mich war. Dass alles gut ging, lag auch am Initiator der Lesebühne Dennis Hoffmann. Dennis ist ein aufgeräumter offener Mann, der praktisch alles kann. Nicht nur schreiben, sondern auch Handwerkern.

Bei meinem ersten Besuch war er gerade dabei das Mikro aufbauen und den Lautsprecher anzuschließen. Nach einem kurzen Kennenlernen ging es auch schon los. Dennis begrüßte seine Gäste, danach wurde als erstes ein Text aus seinem Roman „Heilige Kühe“ gelesen. Und da ging es auch gleich zur Sache. Eine junge Frau las genau die Stelle vor, in der es um den israelischen Historiker Yuval Harari geht.

Laut Harari seien es die Geschichten, die die Realität formen. Nicht der gewinne, dessen Geschichte echt oder wahr ist, sondern immer die beste Geschichte. Wörtlich sagt Harari: „Wahrscheinlich ist die Fiktion die wirkmächtigste Kraft des 21.Jahrhunderts“. Nicht bei jeder Lesung wird aus „Heilige Kühe“ vorgelesen, sondern auch aus Wilhelm Reich und Henry Miller. Danach ist die Lesebühne eröffnet. Jeder, der will, kann einen Text vortragen, egal ob verboten oder nicht. Es besteht auch die Möglichkeit, fremde Texte vorzulesen oder Texte anonym vorlesen zu lassen. 

Die Geschichte mit Harari hat mich neugierig gemacht auf den Roman „Heilige Kühe“, den Dennis im Eigenverlag herausgegeben hat, weil kein Verlag ihn herausbringen wollte. Ich hatte schon davon gehört gehabt, dass Autoren gesellschaftskritischer Romane es gerade besonders schwer haben, diese zu veröffentlichen, denn sie finden praktisch keinen Verlag.

Das Eingangszitat des Philosophen Wittgenstein, „Dass morgen die Sonne aufgeht, ist eine Hypothese“, hat mich sogleich für den Roman eingenommen. Keine Sorge, es werden keine heilige Kühe geschlachtet, sondern „nur“ gängige Narrative in Frage gestellt, allen voran das Corona-Narrativ. Trotzdem ist Vorsicht geboten, denn das Infragestellen macht den Hauptprotagonisten, einen Berliner Holzbildhauer, immer einsamer. Er muss wirklich aufpassen, dass er am Ende nicht ganz alleine (und ohne Sex) dasteht.

Neben Harari kommen die Matrix, Chemtrails, Chomsky, Relotius, Dostojewski, eine Bumspartnerin und die krebskranke Mutter des Holzbildhauers in dem 340 Seitigen Roman vor. Wer Corona nicht mehr hören kann, wird möglicherweise von der Mutter-Sohn-Geschichte berührt. Zumindest ging es mir so, auch wenn ich den Vater vermisst habe, der wie so oft abwesend war. Der Hauptprotagonist fasst seine Odyssee durch zahlreiche Verschwörungstheorien so zusammen, dass sie sein Weltbild relativiert und sein Denken befreit haben: „Alles war wieder rätselhaft offen“.

Offen ist die Frage, ob Dennis’ Geschichte die beste über die Corona-Zeit ist, oder ob sie einfach „nur“ wahr, sprich echt ist. Offen auch, was genau >verbotene< Texte sind. Diese Frage wird bei jeder Lesung immer wieder aufs Neue diskutiert. Dass es die Lesebühne bis heute gibt, interpretiere ich so, dass offensichtlich noch nicht alles verboten ist.

Ansonsten würde es diesen Samstag kein „Heilige Kühe Spezial“ im „Laidak“ geben. Dennis ist diesmal ist ein Coup gelungen, denn die „Offene Lesebühne für >verbotene< Texte“ präsentiert an diesem Tag Werner Köhnes „Zur Ästhetik des Widerstands – 200 Versuche, die Welt nach Corona erzählbar zu machen.“

Laut Eigenwerbung feiert der gestandene Sloterdijk-Gegenspieler (in jungen Jahren soll er Nachhilfe-Lehrer von Fr* Merz gewesen sein), Buchautor, Arte- sowie ZDF-Dokumentarfilmer und Philosoph Werner Köhne seine Buchpremiere. Geplant sind eine Lesung und Diskussion mit der früheren Volksbühnen-Chefdramaturgin Gabriele Gysi (Autorin des Vorworts), dem Berliner Verlagshaus „Sodenkamp & Lenz“ und Gästen.

Da ich in Bulgarien bin, kann ich am Samstag, den 22. März 2025, nicht ins „Laidak“ in die Boddinstraße 42 kommen. Dennis schreibt über das „Lesebühne Spezial“, dass es um Punkt 17 Uhr losgehen würde, und dass Einlass nur solange ist, wie Plätze vorhanden sind. Wäre die Lesung in Bulgarien, würde ich es mit „Punkt 17 Uhr“ nicht so genau nehmen. In Berlin und da selbst in Neukölln bin ich mir dessen nicht so sicher.

Es ist so eine Zeit …

Es ist so eine Zeit, wo Menschen ganz verrückte Sache machen. In der Heimat beispielsweise sind viele für Krieg, an die Front wollen sie aber nicht. Andere wiederum wenden sich Gott zu. Ich gehöre in gewisser Weise zu ihnen, denn bei den Anonymen Alkoholikern spielt Gott eine nicht ganz unbedeutende Rolle, auch wenn er dort gerne eine “eine höhere Macht” genannt wird. Mich erinnert unsere Zeit an 1989. In der Heimat sind viele damals dem Mammon hinterhergerannt. Nicht so auf dem Balkan. Hier hat man sich eher Gott zugewandt. Man hatte ja auch nichts anderes. Manche hatten nicht mal genug zu essen. So ist es keine Überraschung für mich, dass sich aktuell in Rumänien ähnliches wiederholt. In der Heimat erfährt man darüber kaum etwas, obwohl das ZDF genau wie ich letzten Dienstag in Bukarest war. Deswegen mein neuer Beitrag “Kein Politiker-Sprech” auf Medien+ von Michael Meyens “Freier Akademie für Medien & Journalismus”.

Hölle Paradies

Gestern war ich im Paradies. Genauer im Paradise Center in Sofia. Das Paradise Center ist eine Einkaufshölle, die auch Paradise Mall genannt wird. Die Einkaufshölle war gestern gut besucht, was alles nur noch schlimmer machte, zumindest für mich als Landei. Lange habe ich mich nicht so unverbunden mit anderen Menschen gefühlt. In die Hölle begeben habe ich mich, weil es dort auch ein Kino gibt. In dem Film, den ich mich mir angesehen habe, geht es um das Thema Sterben. Der gerade angelaufene Streifen heißt “Плът” (Plüt), was mit “Fleisch” übersetzt wird. Der Film war bestenfalls OK. Schlimmer als die Hölle, in dem er gezeigt wurde, konnte er auch nicht sein. Das Highlight war die Schaufensterauslage im Buchladen nebenan, in dem die Biografie von Bill Gates neben der von Angela Merkel stand. Das war sozusagen die Krönung meines Besuches in der Hölle.

Fünf Jahre Corona

Der Bulgare hustet vom Rauchen (ganz genau vom Tabak), nicht von Covid-19.

Vor fünf Jahren ist der Corona-Wahnsinn unter den Menschen ausgebrochen. Dieses zweifelhafte Jubiläum habe ich zum Anlass genommen, die wichtigsten Unterschiede im Umgang mit dem Wahnsinn zwischen Bulgarien und Deutschland in einem Beitrag zusammenzufassen. Du kannst mir glauben, auch ich kann Corona nicht mehr hören. Nur ist es so, dass der Corona-Wahnsinn bis heute anhält – zumindest in der Heimat. In Bulgarien ist auch in Sachen Corona alles ganz anders. Du glaubst mir nicht? Dann solltest Du unbedingt meinen neuen Beitrag “Nach Osten!” lesen.

“I talk to people!” (Fortsetzung)

Nicht nur ich spreche mit Menschen, sondern auch andere Berichterstatter. In dem Fall mit einem rumänischen Schäfer, oder mit anderen Worten: dem Schäfer im Schafpelz, letzten Dienstag vor dem Parlamentspalast in Bukarest. Der Parlamentspalast ist nicht das Gebäude im Hintergrund. Das ist eine Kirche. Der Parlamentspalast, der sich rechts befindet und nicht mit auf dem Bild ist, ist eines der größten Gebäude der Welt. Der neoklassizistische Palast wurde 1984 noch von Nicolae Ceaușescu in Auftrag gegeben, aber erst 1997 vollendet. Das Gebäude beherbergt das rumänische Parlament und mehrere Museen, darüber hinaus auch das Verfassungsgericht, das am Dienstag bekannt gab, dass der aussichtsreichste Kandidat auf das Amt des Präsidenten nicht mehr zur Wahl antreten darf. Zunächst übrigens ohne Begründung, aber das nur nebenbei. Jedenfalls hatten sich wegen dem Verfassungsgericht im Laufe des Nachmittags mehrere tausend Menschen vor dem Parlamentspalast eingefunden, um gegen das erwartete Urteil zu protestieren. Unter ihnen auch dieser Schäfer im Schafpelz. Der Pelz war übrigens echt. Das wurde von mir überprüft.

“I talk to people!”

Am Dienstag war ich erneut in Bukarest, wo obige Aufnahme entstanden ist. Warum ich in der rumänischen Hauptstadt war, kann man in Kurzform hier nachlesen. Die freundlichen Damen und der nette Herr an meiner Seite sind Volontäre des Kandidaten, der jetzt nicht zur Wahl antreten darf, obwohl er die besten Aussichten hätte, neuer rumänischer Präsident zu werden. Volontär bedeutet in dem Fall, dass sie ohne Bezahlung Werbung gemacht haben sollen. Wobei Werbung nach Meinung der Volontäre der verkehrte Begriff ist, denn es war keine Kampagne, sondern ein Aufruf, oder vielleicht besser ein Weckruf für Freiheit, Frieden, Würde und Einheit. Călin Georgescu, so heißt der Kandidat, der in gewisser Weise gar kein Politiker ist, denn er kommt nicht aus dem System, wird vorgeworfen, bei seinem Wahlkampf kein Geld ausgegeben zu haben. Berücksichtigt man, dass man sich in Rumänien laut den Volontären dieses Geld vom Staat zurückerstatten lassen kann, ist dies ein merkwürdiger Vorwurf. Immerhin spart der Staat Geld, aber Geld scheint keine Rolle mehr zu spielen, zumindest in der Heimat, wo gerade neue Schulden gemacht werden, als gäbe es kein Morgen. Nach Abgaben der Volontäre soll es in Rumänien 600.000 von ihnen geben, die kostenlos für Georgescu Werbung gemacht haben. Auch wenn ich sie nicht selbst gezählt habe, vertraue ich den Aussagen von Volontären mehr als denen von Politikern. Martha Gellhorn, eine bekannte US-amerikanische Journalistin und Kriegsberichterstatterin, muss es ähnlich gegangen sein. Von ihr stammt der Ausspruch: All politicians are bores and liars and fakes. I talk to people.

Im Vorhof zur Hölle

Auf dem Rückweg von Bukarest bin ich im Heimatdorf meines Vaters vorbeigefahren, das mehr oder weniger auf dem Weg lag. Das Haus der Familie meines Vaters steht leer. Meine Vorfahren liegen alle auf dem Friedhof, auch mein Vater. Der Rest ist weggezogen. Der Friedhof ist der Vorhof zur Hölle. Wenn ich nicht wüsste, wo ich suchen muss, würde ich das Familiengrab nicht finden.

Gestern verbrannte jemand direkt neben dem Friedhof eine Mischung aus Laub und Plastik. Es stank erbärmlich. Der Himmel war bedeckt. Die Szenerie erinnerte an einen Endzeitfilm. Trotzdem hat sich der kleine Umweg gelohnt. Denn ich konnte mit meinem Vater reden, ihm Fragen stellen. Natürlich habe ich keine Antworten bekommen von ihm. Die Antworten finde ich in mir.