Fürs „Emotionale Gepäck“ steht auf der gelben Tasche, die ich neulich in Sofia gesehen habe. Zu Hause scheint es jetzt ähnliches fürs „Ideologische Gepäck“ zu geben, um es mal so zu formulieren. Zumindest deute ich so das Interview mit einer Ostdeutschen Punkband, die nun auch von den woken Großstadtlinken genervt ist, deren Rumgeheule keine Sau ertrage. Dieses Zitat gefällt mir auch gut: Wenn ich mir vorstelle, ich wäre jetzt sechzehn, ich würde bestimmt nicht zu den Zecken gehen. Am besten finde ich aber diesen Satz: Wir waren jung und wussten über alles Bescheid / Stumpfe Parolen konnten nicht stumpf genug sein. – Jetzt, wo ich ihn vor mir sehe, denke ich, dass das Ende der Stumpfheit noch lange nicht erreicht ist. Es geht immer noch stumpfer.
Wer kennt es nicht, das bekannte Anti-Kriegs-Lied. Ursprünglich von Pete Seeger, bekannt geworden durch Marlene Dietrich. Pete Seeger, der das Lied im Oktober 1955 schrieb, soll sich beim Donkosaken-Lied „Koloda Duda“ bedient haben, also beim Russen. Da ich mir nicht sicher bin, ob es noch gesungen werden darf, habe ich den Titel leicht abgeändert. Ich finde ihn trotzdem passend, nicht nur zum Foto, einem Denkmal in Montana. An dem ist interessant, dass das erste Kind ein Junge mit einer Trommel ist. Ob er nur ein harmloser Trommler ist oder für den Krieg trommelt? Ich weiß es nicht. Gefolgt wird der Junge von einem Mädchen. Auch hier die Frage: Wohin? Am interessantesten ist meiner Meinung nach das dritte Kind, wieder ein Junge. Er schaut nach oben, sucht den Blickkontakt zur Mutter, vermutlich um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Der Blick der Mutter ist kalt und leer. Eine Antwort auf den fragenden Blick des Jungen ist dort nicht zu finden. Dem Jungen folgt noch einmal ein Mädchen, das sich umgedreht hat und zurückschaut. Man sieht das nicht auf dem Foto, weswegen ich es schreibe. Überhaupt ist das Denkmal in Montana nur schwer komplett zu fotografieren. In dem bekannte Anti-Kriegs-Lied von Pete Seeger spielen Mädchen eine besondere Rolle, an die erinnert werden soll: Where are the girls? They’ve all taken husbands. Where are the men? They have gone off to war.
In Bulgarien gehören sie zum Alltag, in Deutschland muss man sich erst noch an sie gewöhnen. Gestorben wurde immer nur woanders. Der Tod ist aus dem Leben der meisten Landsleute verbannt – bisher zumindest. Das ist dabei sich zu ändern. Ich gehe regelmäßig auf bulgarische Friedhöfe, die mit Friedhöfen in Deutschland nur wenig gemein haben. Im Sommer sind sie ein Jungle und gerade ein Gottesacker – wahrsten Sinne des Wortes. Ich gehe hin, weil meine Vorfahren dort liegen. Bald könnten die eigenen Kinder auf ihnen begraben werden. Es ist jetzt ein knappes Jahr her, dass mein Artikel Bulgarien hat keinen Bock auf „schon wieder Ostfront“ erschien. Die Kriegsgefahr, die viele hier bereits damals spürten, scheint in der Heimat noch nicht wirklich angekommen zu sein. Wie betäubt tanzt man weiter auf einem Vulkan in den nächsten großen Krieg hinein, so mein Eindruck aus der Ferne. Einige sollen sogar schon richtig geil drauf sein, in einen Krieg ziehen zu dürfen: zu morden, zu rauben, zu brandschatzen, zu vergewaltigen und am Ende zu sterben. „Sie haben nichts zu verlieren – außer ihr Leben“ (im Osten sagten wir: „außer ihre Ketten“). Ihren gesunden Menschenverstand haben sie schon verloren.
Es könnten die letzten Tage im Frieden sein, denn der böse Russe droht aktuell mit Angriffen auf Berlin. Auf Berlin deswegen, weil der böse Russe will – wenn nötig – auch die Orte angreifen, aus denen der Taurus geliefert wurde. Gut, wichtiger sind dem bösen Russen vermutlich die Stützpunkte der guten Amerikaner in Deutschland. Von daher kann man, was die stolze Bundeshauptstadt angeht, möglicherweise leichte Entwarnung geben. Nun jedoch, wo unsere geliebten europäischen Führer eventuell ein kleines Abhängigkeitsproblem haben – nichts genaues weiß man nicht – sollte man da nicht zu sicher sein. Aber jetzt mal im Ernst: Wie gehen eigentlich solche „Der hat aber angefangen!“ Spiele im Normalfall aus? Gut, bei Kindern ist das nochmal was anderes als bei Erwachsenen. Ich jedenfalls werde es mir zweimal überlegen, ob ich demnächst in einen Flieger nach Berlin, der Zentrale des deutschen Irrenhauses, steige. Und die (noch) in der Heimat verbliebenen müssen sich entscheiden: rasch noch auswandern oder bald in den Krieg ziehen. Oder wie man in Bulgarien sagt: „Freiheit oder Tod!“.
Gestern war ich bei meinem Nachbarn, dem alten Stalin. Früher nannte sich der alte Stalin einfach nur „Grill Stalin“, heute heißt er „Komplex Stalin“. Gegrillt wird immer noch beim alten Stalin, seine Spezialität sind Forellen. Man kann sich auch einquartieren beim alten Stalin. Seit Jahren hat der alte Stalin Ausbauarbeiten zu laufen, und wenn die einmal fertig sind, können sich nicht nur mehr bei ihm einquartieren, sondern dann wird es auch komplex. Vermutlich braucht man dann eine Landkarte für den „Komplex Stalin“. So weit ist es zum Glück noch nicht. Bisher gibt es nur Speisekarten, und die sind nur auf bulgarisch. Der „Komplex Stalin“ ist ein Familienbetrieb, und das merkt man. Man wird sogar bedient, auch wenn man vorher selbständig am Tresen seine Bestellung abgeben musste. „Halbautomatisch“ nennt man das glaube ich. Dass ich gestern beim alten Stalin war, hatte seinen Grund. Es war der letzte Tag meines Besuchers aus der Heimat, was im „Komplex Stalin“ gefeiert wurde. Mein Besucher ist ein alter Bulgarienreisender, der auch schon mal beim alten Stalin war, weswegen er darauf bestand, wieder hinzugehen. Ich war das letzte Mal im September beim alten Stalin, es ist für mich also auch etwas Besonderes. Genauso wie die Forelle, die ich seither nicht mehr zu mir genommen habe. Beim alten Stalin ist die Forelle traditionell vom Grill, deswegen der ursprüngliche Name „Grill Stalin“. Und sie war – wie immer – hervorragend. Dazu einen einfachen Kohl-Möhren-Salat und zum Nachtisch leckeren Schafjoghurt mit Waldbeeren oben drauf – was will man mehr. Auch der alte Stalin hat die Preise seit dem Krieg erhöhen müssen. Aber ich will gar nicht erst mit den Preisen anfangen und mir damit den Tag versauen. Das Wetter war toll wie das Essen, die Sonne schien und wir saßen unter Trauben im Schatten beim alten Stalin.
„Land of the Freaks“ – so heißt nicht nur Bulgarien unter Insidern, sondern auch der zweite Teil unseres Bulgarien-Podcasts. Da wir viel positive Rückmeldung auf unseren ersten Teil „Bacillus Bulgaricus“ erhalten haben, haben wir uns heute gleich nochmal an den Küchentisch gesetzt und eine Fortsetzung aufgenommen. Auch weil unser eigentliches Thema, das Auswandern, im ersten Teil etwas kurz gekommen war. Vor dem zweiten Teil muss aber auch gewarnt werden, denn es geht nochmal an den Anfang zurück, nämlich zur Corona-Zeit, dem Gehorsamkeitsexperiment, mit dem die viel beschworene „Zeitenwende“ eingeläutet wurde. Aber keine Sorge, an erste Stelle geht es ums „Auswandern“ und persönliche Erlebnisse und Erfahrungen im „Land of the Freaks“.
Gestern sind die beiden Bestien von gegenüber und ich Freunde geworden, und das kam so: Vorgestern hatte ich Geburtstag, und da mache ich traditionell Schnitzel. Um Geld zu sparen, habe ich diesmal Fleisch gekauft, an dem noch der Knochen dran war. Eigentlich wollte ich die Knochen auskochen und zu einer Suppe verarbeiten. Daraus wird jetzt aber nichts, weil ich gestern die beiden blonden Bestien meiner Nachbarn damit gefüttert habe. Mit dem Fleisch habe ich die Gäste meiner kleinen Geburtstagsfeier bewirtet. Am Ende waren alle zufrieden: sowohl meine alten, als auch meine neuen Freunde. Man kann sich auch mit blonden Bestien anfreunden.