Liegt es vielleicht daran

Bei mir in den Schluchten des Balkans sieht es gerade so aus, und das schon seit einer Woche. Es ist so eine Art Regenzeit, die einen ganz schön runterziehen kann. Vor allem dann, wenn es keine Ablenkungsmöglichkeiten gibt wie in Berlin beispielsweise. Trotzdem ziehen mich Nachrichten aus der Heimat mehr runter als das Wetter hier. Dort ist man gerade dabei, den letzten Rest an gesundem Menschenverstand zu verlieren. Nach dem teurem Frecking- Verzeihung „Freiheitsgas“ aus Amerika, soll es nun einen „Freiheitsdienst“ geben, womit die Wiedereinführung der Wehrpflicht gemeint ist. Verwöhnte Wohlstandskinder, die gestern nicht in der Lage waren, unsere Grenzen zu sichern, sollen jetzt in den Krieg ziehen. Was ich mich frage: Wie ist eigentlich das Wetter in der Heimat? Liegt es vielleicht daran, dass man dort keinen Durchblick mehr hat?

Die Menschen sind einfach, aber nicht dumm

Graffito „Die Wahrheit ist am Schönsten“ vor gesperrtem Dienst-Parkplatz

Neulich in Sofia ist es passiert. Zum ersten Mal überhaupt, seitdem ich in Bulgarien bin. Da wollte mich jemand davon überzeugen, dass Putin der Teufel ist, mindestens der neue Hitler. Die Person war eine Frau. Das Gespräch fing so an, dass sie mich fragte, ob ich denn noch mit Holz heizen dürfe. Der Unterton war, dass das wohl nicht sein kann. Was Putin angeht, erlaubte ich mir, sie darauf hinzuweisen, dass das eine Meinung sei, in dem Fall ihre, wovon sie nichts hören wollte. Sie beharrte darauf, dass es sich um einen Fakt handelt. Dass es einen vom Westen orchestrierten Regime-Change und einen jahrelangen Bürger-Krieg in der Ost-Ukraine gab, davon hatte sie noch nie etwas gehört. Dass auf dem Land in Bulgarien praktisch jeder mit Holz heizt, schien sie auch nicht wissen. Dass sie keine Bulgarin sondern Deutsche war, erklärt sich von selbst. So dumm kann kein Bulgare sein. Oder mit anderen Worten: Die Menschen sind einfach hier, aber nicht dumm.

Ruhestätten

Zu DDR-Zeiten wollte ich immer nach Bulgarien auswandern. Zur Familie meines Vaters. Und von hier weiter nach West-Berlin. Zur Familie meiner Mutter. Vielleicht. Aber erst einmal Bulgarien. Das war machbar. In meinen Vorstellungen sah ich mich in dem kleinen fensterlosen überdachten Vorraum zur ersten Etage sitzen und den Spiegel lesen. Ausgerechnet den Spiegel, obwohl es den gar nicht gab in Bulgarien. Dort gab es nur die Süddeutsche. Immerhin. Aber auch nur an einem Zeitungskiosk am Hauptbahnhof in Sofia. Der ist 180 Kilometer vom Heimatdorf meines Vaters entfernt. In dem Haus wohnte damals seine Schwester, also meine Tante, mit ihrer Familie, meinem Onkel und meinem Cousin, der auch Rumen heißt. Das Haus ist heute verlassen, die Stromkabel sind gekappt, der Garten ist verwildert und zugewachsen. Die Gebäude, hinter dem Wohnhaus gibt es noch ein Stall, verfallen langsam aber sicher. Vor dem Haus hat einst Wein Schatten gespendet. Meistens saß man dort bei Bier, Weißbrot, Schafkäse, Melone und Schopska aus dem Garten nebenan. Vermutlich war das der Grund, warum ich in dem kleinen Vorraum zur ersten Etage sitzen wollte. Um in aller Ruhe den Spiegel zu lesen. Das war Mitte der Achtziger, ist jetzt also 40 Jahre her. So wie das Haus meines Vaters, hat sich auch der Spiegel verändert. Mein Vater, sein Vater, seine Schwester und sein Schwager – sie alle liegen heute auf dem verwilderten Friedhof, einem Vorhof zur Hölle. Wo wird der Spiegel demnächst seine letzte Ruhestätte finden?

Wie schmeckt die Zukunft?

Diese mit Moos bewachsene Wand erinnert mich an eine ähnlich begrünte Wand im Restaurant „Ursprung“ im Keller vom „Kulturkaufhaus“ Dussmann in der Berliner Friedrichstraße. Laut Eigenwerbung befinden sich an dem 270 Quadratmeter großen vertikalen Garten mehr als 6.000 tropische Pflanzen. Aber nicht nur das. Während im Hintergrund ganzheitlich an der Zukunft des Food Services geforscht und gearbeitet wird, kommt die Zukunft auf den Teller. Darüber hinaus stellt man sich im Restaurant „Ursprung“ täglich die Frage: Wie schmeckt die Zukunft? Ich bin mir nicht sicher, aber wenn ich es richtig verstanden habe, schmeckt die Zukunft nach Insekten. Was ich weiß, ist, dass obige mit Moos bewachsene Wand nicht zu einem Restaurant, sondern zur Männertoilette eines bulgarischen Bahnhofs gehört, die sich auch in einem Keller befindet. Um genau zu sein, ist es die Pullerwand. Man kann auf der Toilette auch sein großes Geschäft verrichten. Ich habe lange überlegt, das zu zeigen, was hinter meinem Rücken ist, und mich letztendlich dafür entschieden, einfach weil es die zum Himmel stinkende Realität ist. Oder mit anderen Worten: Man kommt nicht wegen der Toiletten nach Bulgarien, so wie man nicht wegen dem Wetter nach Berlin kommt. Apropos Berlin: Die neueste Entwicklung auf der dortigen Stadtautobahn hört sich für mich wie eine Nachricht aus einem Dritte-Welt-Land an, wozu Bulgarien in gewisser Weise gehört: Über Nacht stellt man plötzlich fest, dass eine wichtige Brücke nicht mehr trägt. Ich versuche es positiv zu sehen, denn man bekommt eine Vorstellung davon, wie die Toiletten demnächst auch in der Bundeshauptstadt aussehen könnten oder bereits aussehen. Und möglicherweise die Antwort auf die Frage: Wie schmeckt oder besser stinkt die Zukunft:

Wurzeln, Flügel und Wein

Gerade grabe ich diese Wurzel aus, was schon mehrere Tage in Anspruch nimmt. Das liegt zum Einen am Wetter. Derzeit regnet es viel. Zum Anderen auch an den Ziegelsteinen, die rings um die Wurzel vergraben sind. Unabhängig davon ist das Ausgraben der Wurzel eine anspruchsvolle und langwierige Angelegenheit. Immer wieder muss ich an Zahnärzte denken, die sich beim Ziehen manchen Zahnes schwer tun, weil dieser so lange Wurzeln hat. Ich muss auch an meine eigenen Wurzeln hier in Bulgarien denken, die kaum noch vorhanden sind, denn entweder liegen sie auf dem Friedhof oder sind in alle Winde verstreut. Goethe meinte, dass Kinder zwei Dinge von ihren Eltern bekommen sollten: Wurzeln und Flügel. Und ich frage mich, ob man ohne Wurzeln Flügel haben kann. Immerhin, das Ausgraben der Wurzel ist kein Selbstzweck. Das verbietet sich alleine deswegen, weil die Wurzel sich an einem Hang befindet. Damit dieser nicht irgendwann abgleitet, aber nicht nur deswegen, will ich dort Wein anpflanzen. Alte bulgarische Weinsorten, rot und weiß, die ich am Montag auf dem Flohmarkt in Montana für fünf Lewa (2,5€) das Stück gekauft habe.

Ungekreuzigte

Immer, wenn ich in Sofia bin, gehe ich zum Friseur, genauer zur Friseurin. Es ist, wenn man so will, ein Ritual. Meine Friseurin hat neulich den Preis erhöht. Kostete ein Männerhaarschnitt bisher 5,99 Lewa (drei Euro), kostet er jetzt 7,99 Lewa (vier Euro). Es ist aber nicht nur der immer noch günstige Preis, der denen auf dem Land entspricht, der mich immer zur selben Friseurin gehen lässt. Sie versteht einfach ihr Handwerk, was in Bulgarien nicht selbstverständlich ist. Die Fachkräfte sind alle im Ausland. Darüber hinaus ist sie witzig. Ein Hinweis darauf sind ihre Arbeitszeiten auf dem Schild unten rechts neben dem Fussball-Plakat. „Arbeitszeiten: von bis ich komme bis dass ich gehe, Pause: wenn ich nicht da bin.“ Dazu ist die Frau Christin. Wie ich bereits erwähnte, ist es so eine Zeit, dass sich immer mehr Menschen dem Glauben zuwenden. Praktisch so wie nach 1989, zumindest in Bulgarien. Und da sind zwei Schilder ebenfalls rechts interessant. Auf dem einen steht „Christ ohne Kreuz“, was aber nicht ganz ernst gemeint ist. Denn auf dem anderen steht, dass es im Himmel keine Ungekreuzigte gibt. Den Begriff Ungekreuzigte kannte ich bisher nicht. Sogleich muss ich an Ungeimpfte denken, von denen es in Bulgarien genauso viele wie Geimpfte in Deutschland gibt (wenn nicht gar mehr), aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Linden- & Sauerkirschbäume vor einstürzenden Altbauten

Das Balkan-Gebirge teilt Bulgarien nicht nur in Nord- und Süd-Bulgarien, sondern ist auch eine Wetterscheide. Wir im Norden hatten heute Regen, Sofia auf der anderen Seite hatte keinen. Da das Dach von dem Haus gegenüber nicht mehr dicht ist, regnet es rein, und das schon einige Zeit. Die Bäume vor dem Haus sind wilde Sauerkirschen. Niemand hat sie gepflanzt, sie sind einfach so gewachsen. Am Anfang wusste ich nicht, was das für Bäume sind. Wenn sie demnächst anfangen zu blühen, ist das Haus kaum noch zu sehen. Die wilden Sauerkirschen schmecken sehr lecker. Letztes Jahr habe ich so einige Gläser Marmelade und Rote Grütze aus ihnen gemacht. Auf der anderen Seite und nicht im Bild ist ein weiteres Haus, von dem gerade das Dach eingestürzt ist. Vor ihm wachsen Lindenbäume, aus deren Blätter & Blüten sich wohlschmeckender Tee machen lässt.