Auf vielfache Nachfrage

Kurz bevor in Bukarest die Menschen zu Hunderttausenden auf die Straße gegangen sind, ist auch am anderen Ende der Welt in der US-amerikanischen Hauptstadt einiges los gewesen. Mehrere Freunde und Bekannte haben mich seither gefragt, was ich davon halten würde. Meine Antwort blieb wegen meiner Bukarest-Reise bisher aus. Jetzt möchte ich sie nachholen. Ich tue dies, indem ich Serdar zu Wort kommen lasse. Nicht deswegen, weil Serdar mein „Frienemy“ (auf Deutsch Freundfeind oder falscher Freund) ist, und auch nicht, weil wir beide einen Migrationshintergrund haben, sondern weil ich das allermeiste, was er über das, was da in Washington passiert ist, teile, meine Worte aber drastischer ausfallen würden. Auch deswegen lasse ich Serdar zu Wort kommen.

Kein Karneval in Bukarest

Das ist kein deutscher Karnevalsumzug, sondern der gestrige Massenprotest in Rumänien, der friedlich und ohne größere Zwischenfälle verlief, und an dem sich bis zu 300.000 Menschen beteiligt haben sollen. Ich war vor Ort, habe ihn mir angeschaut und mit vielen Menschen gesprochen. Ich habe auch schon angefangen zu schreiben, es ist aber noch nicht ganz fertig. Es lohnt sich auf jeden Fall, immer wieder hier auf meiner Seite vorbeizuschauen. Ich habe einige interessante Dinge gesehen und gehört in Bukarest. Es wird auch Fotos geben. Hier ist eins davon:

Gestern in Bukarest

Über 100.000 Menschen waren gestern in Bukarest auf der Straße. Das ganze hatte etwas von ’89. So auch die Fahne links im Bild mit dem Loch. Die Fahne ist auch original von 1989. Damals hatte man über Nacht das sozialistische Symbol aus der Fahne herausgeschnitten. Vorher erschoss man den sozialistischen Führer und seine Frau. Es war der erste Weihnachtsfeiertag 1989. Ich saß in der Souterrain-Küche meiner Tante hier in Bulgarien, als die Bilder im Fernsehen übertragen wurden. Wir glaubten unseren Augen nicht, was wir da sahen. Ich hatte ein klein wenig Sorge wegen meiner Rückfahrt. Mein Zug sollte fast einen ganzen Tag lang durch dieses verrückte Land fahren. Am Ende war alles ganz harmlos. Bloß dass die Fahnen alle Löcher hatten. Heute ist es so, dass es jemanden gibt in Rumänien, der soll nicht Führer werden. Deswegen lässt man ihn gar nicht erst zu, so sieht es zumindest derzeit aus. Das regt die Leute auf, weswegen sie in Scharen auf die Straße gehen. 100.000 ist das absolute Minimum, was gestern in Bukarest auf der Straße war. Zur Spitzenzeit dürften es zwischen 200.000 und 300.000 Menschen gewesen sein. Irgendwie ist es so wie früher. Da konnte man auch nur den wählen, der auf dem Zettel stand. Damals sind die Menschen auch auf die Straße gegangen. An dem Ort, wo der sozialistische Führer Rumäniens seine letzte Rede hielt, war ich gestern Abend noch (Foto unten). Der Führer, sein Name war Nicolae Ceaușescu, hielt eine Rede vor ganz vielen Menschen vom Balkon aus. Plötzlich drehten die sich um und zeigten ihrem Führer den Rücken. Als der Führer daraufhin nicht mehr wusste, was er sagen soll, wurde die Übertragung unterbrochen – angeblich wegen eines Erdbebens. Und das ist das, was uns jetzt bevorsteht. So zumindest meine Prognose. Entweder ein Erdbeben – oder ein Krieg. Oder, noch besser, ein Krieg, den man – koste es, was es wolle – nicht beenden will. Das geht auch.

„Letzte Grüße“

So sieht’s gerade aus bei mir. Zeit, sich auf dem Staub zu machen. Erst nach Sofia, dann nach Bukarest. Der Titel ist übrigens geklaut. Deswegen die Anführungszeichen. Der Autor, Walter Kempowski, berichtet über eine Lesereise durch die USA. Bei mir reicht es nur bis nach Rumänien. Es ist auch keine Lesereise. Mein Freund Jerry, der viele Jahre in der britischen Armee diente, meinte, ich würde zu einem Kriegsberichterstatter mutieren. Keine Ahnung, ob das stimmt. Ich hoffe nicht. Was ich hoffe, ist, dass sich etwas besseres als obige Waschküche überall findet.

Am Samstag in der Rakowskistraße

In der Rakowskistraße in Sofia wohnte einst meine Oma. Immer wenn ich in der Rakowskistraße bin, muss ich an den Winter vor 50 Jahren denken, als ich sie zusammen mit meinem Vater für zwei Monate besuchte. Am Samstag war ich wieder in der Rakowskistraße, diesmal am anderen Ende. Dort befindet sich der Glaspalast der Europäischen Kommission. Ein wenig habe ich mich wie an einem Filmset gefühlt. Wohl auch, weil das, was so aussieht wie Blut im Gesicht und auf der Kleidung der Polizisten, kein richtiges Blut sondern rote Farbe war. Manch einer hatte die aggressiv riechende Farbe auch ins Auge bekommen und musste behandelt werden. Laut offiziellen Angaben wurden zehn Polizisten verletzt – verletzt mit Farbe. Über die Gründe, warum mit roter Farbe gefüllte Eier auf den Sitz der Europäischen Kommission in der Rakowskistraße geworfen worden, weshalb darüber hinaus Fensterscheiben eingeschlagen und wieso sogar Brandsätze auf den Eingang des Gebäudes geworfen worden, habe ich in diesem Artikel geschrieben. Wie bereits erwähnt, war ich vor 50 Jahren auch im Winter in der Rakowskistraße. So etwas gab es damals nicht, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Aber was weiß ich schon, ich war schließlich Kind und meine Oma wohnte am anderen Ende der Straße gegenüber einer großen Kirche.