Der Himmel über Bulgarien

Ein Freund in Berlin schreibt mir gerade, dass er wieder mal krank sei. Es regne jeden Tag, und er habe ein bisschen viel Winterblues. Blaues habe ich auch, aber auch Rotes. Die Grüne Katrin Göring-Eckardt sagte einmal, dass sich Deutschland drastisch ändern wird, dass es bunt werden würde, und dass sie sich darauf freut. Das war vor zehn Jahren. Viel scheint in Sachen Buntheit nicht passiert zu sein in der Heimat, wenn ich die Nachricht des Freundes richtig verstehe. Liegt natürlich auch an der Jahreszeit. Immerhin, Rot spielt auch dort eine immer größere Rolle. Allerdings leider nicht am Himmel, sondern auf Weihnachtsmärkten und in Parkanlagen.

Bulgaria deserta

Der Titel „Bulgaria deserta“ ist von dem Taxifahrerfilm „Night on Earth“ inspiriert. Dort fährt Roberto Benigni durch das nächtliche Rom und muss feststellen, dass die Stadt verlassen ist: „Roma deserta“. Ich bin nicht Nachts sondern am hellichten Tag durch meinen Kiez gezogen, wobei diese Aufnahmen entstanden. Benigni fragt sich, wo all die Römer hin sind. Genau das frage ich mich auch bezüglich der Bulgaren. Benigni meint, sie wären nach Bergamo gegangen. Ob das stimmt? Zumindest hätten sie dann nicht das Land verlassen so wie jeder dritte Bulgare.

Liebe statt Hass

In Berlin wird mal wieder gehasst. Das Ganze direkt am Brandenburger Tor und unter dem Motto: „Ganz Berlin hasst die AfD!“ Und die CDU glaube ich auch, ich bin mir aber nicht ganz sicher. Sicher bin ich mir, dass ich niemanden hasse, schon gar keine Partei. Mein Motto lautet „Liebe statt Hass!“ Und da halte ich es mit dem einstigen „Bürgerpräsidenten“ Gustav Heinemann, der auf die Frage nach seiner Liebe zu Deutschland antwortete: „Ich liebe nicht den Staat. Ich liebe meine Frau.“

Becky bettelt nicht (mehr)

Das ist Becky, die Hündin meines englischen Freundes Jerry. Obwohl Jerry Katzen lieber mag als Hunde, hat er sie bei sich aufgenommen. Dass das so kam, hat viel damit zu tun, dass für die allermeisten Bulgaren Haustiere an erster Stelle Nutztiere sind, die man nutzt, allzuoft aber auch benutzt, um es mal so zu formulieren. Ursprünglich hatte Becky ein Herrchen, der sie aber irgendwann vor die Tür, also auf die Straße gesetzt hat. Seither war Becky ein Straßenhund in dem Dorf, in dem sowohl Jerry als auch das Ex-Herrchen wohnt. Erst hat Jerry Becky nur gefüttert, irgendwann war sie seine Becky. Eine zeitlang war es so, dass Becky immer noch um die Aufmerksamkeit ihres Ex-Herrchens nicht nur gebellt, sondern förmlich gebettelt hat. Als Jerry mir das erzählte, musste ich sogleich an uns Menschen denken. Nicht wenige betteln da bis heute um die Aufmerksamkeit der von ihnen gewählten Herrchen. In Deutschland ist dieses Phänomen ausgeprägter als in Bulgarien. Vermutlich hat sich das mit dem Betteln bei Becky auch deswegen so rasch gegeben. Vor allem liegt es aber an ihrem neuen Herrchen Jerry, und ein ganz klein wenig auch am Ersatz-Herrchen, bei dem Becky gerade zu Besuch ist und sich Straßenpudelwohl fühlt.

Der Kaiser ist nackt

Im Hotel Balkan, heute Sheraton

Wenn ich in Sofia bin, gehe ich immer im Sheraton, dem früheren Hotel Balkan, auf die Toilette. Das hat gewissermaßen Tradition, denn ich war schon als Kind auf dieser großräumigen Toilette. Großräumige Toiletten sind für ein kleines Land wie Bulgarien sehr ungewöhnlich. Darüber hinaus sind sie sauber, was noch ungewöhnlicher ist. All dies sind Gründe, warum ich immer wieder die Toiletten des früheren Hotel Balkan aufsuche. Der wichtigste ist aber, dass die Welt dort noch in Ordnung ist. Vermutlich deswegen habe ich mir nicht vorstellen können, dass einmal die Welt zusammenbrechen würde, nur weil jemand sagt, dass der Kaiser nackt ist, also dass es nur zwei Geschlechter gibt. Das mit dem „nackt sein“ ist aus „Des Kaisers neue Kleider“. Die kennt heute keiner mehr, weswegen man es erklären muss, am besten in einfacher Sprache: Es war einmal ein Kaiser, dem erzählte man, dass es tausendundein Geschlechter gibt, und dass alle, die diese tausendundein Geschlechter nicht sehen, dumm sind. Daraufhin sah nicht nur der Kaiser die tausendundein Geschlechter, sondern auch alle anderen. Mit einer Ausnahme: Ein Kind.

Becky is back

Heute bringt mir mein Freund Jerry seinen Hund vorbei. Genau ist es eine Hündin, die auf den Namen Becky hört. Hören tut Becky nicht wirklich, denn Becky ist auf der Straße groß geworden. Das da oben ist übrigens nicht Becky. Das ist ein anderer Hund, der im Nachbarort auf der Straße lebt. Von ihnen gibt es viele in Bulgarien. Nicht so viele wie in Neunzigern, aber immer noch genug.