Ruhestätten

Zu DDR-Zeiten wollte ich immer nach Bulgarien auswandern. Zur Familie meines Vaters. Und von hier weiter nach West-Berlin. Zur Familie meiner Mutter. Vielleicht. Aber erst einmal Bulgarien. Das war machbar. In meinen Vorstellungen sah ich mich in dem kleinen fensterlosen überdachten Vorraum zur ersten Etage sitzen und den Spiegel lesen. Ausgerechnet den Spiegel, obwohl es den gar nicht gab in Bulgarien. Dort gab es nur die Süddeutsche. Immerhin. Aber auch nur an einem Zeitungskiosk am Hauptbahnhof in Sofia. Der ist 180 Kilometer vom Heimatdorf meines Vaters entfernt. In dem Haus wohnte damals seine Schwester, also meine Tante, mit ihrer Familie, meinem Onkel und meinem Cousin, der auch Rumen heißt. Das Haus ist heute verlassen, die Stromkabel sind gekappt, der Garten ist verwildert und zugewachsen. Die Gebäude, hinter dem Wohnhaus gibt es noch ein Stall, verfallen langsam aber sicher. Vor dem Haus hat einst Wein Schatten gespendet. Meistens saß man dort bei Bier, Weißbrot, Schafkäse, Melone und Schopska aus dem Garten nebenan. Vermutlich war das der Grund, warum ich in dem kleinen Vorraum zur ersten Etage sitzen wollte. Um in aller Ruhe den Spiegel zu lesen. Das war Mitte der Achtziger, ist jetzt also 40 Jahre her. So wie das Haus meines Vaters, hat sich auch der Spiegel verändert. Mein Vater, sein Vater, seine Schwester und sein Schwager – sie alle liegen heute auf dem verwilderten Friedhof, einem Vorhof zur Hölle. Wo wird der Spiegel demnächst seine letzte Ruhestätte finden?

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