Bericht aus Bulgarien (297) – „Auswandern“

Gebirge in Bulgarien – ein idealer Ort auch zum Schreiben

 

Ein Freund und Leser meines Blogs ist gerade in Bulgarien unterwegs, im Moment ist er in Balchik am Schwarzen Meer, auch weil er herausfinden will, ob die Schluchten des Balkans etwas für ihn sind, auch und gerade im Alter. Im Juni war er schon einmal hier gewesen, damals zusammen mit seiner Frau. Für beide war es das erste Mal, auch mit der kyrillischen Schrift hatten sie bisher keine Berührung. Und das ganze nur, weil sie zuvor meinen Artikel „Bulgarien – die große Freiheit“ gelesen hatten. Ich finde das sehr mutig und absolut bewundernswert.

Aber nicht nur das. Ich bin davon überzeugt, dass das erst der Anfang ist. Denn ich gehe davon aus, dass nicht nur mein Freund und seine Frau überlegen, ob sie Deutschland verlassen sollten, und das ganz unabhängig vom Alter und auch der Altersplanung. Nicht alle denken beim Auswandern an Bulgarien, das ist klar. Und die an Bulgarien denken, denken oft ans Schwarze Meer, beispielsweise Varna, wo sich mein Freund heute hinbegibt, und vielleicht noch Sofia, so meine Erfahrung.

Das ist verständlich, weil das ist das, was die allermeisten kennen. Aber Bulgarien ist mehr als Sofia und Schwarzes Meer. Bulgarien ist vor allem Gebirge, davon gibt es jede Menge in dem kleinen Land am Rand, nicht umsonst schreibe ich immer von „den Schluchten des Balkans“, darüber hinaus Landwirtschaft und weniger Industrie, und einfache aber authentische und vor allem gastfreundliche Menschen.

Bulgarien und meine bulgarischen Verwandten, Freunde, Bekannten und selbst meine bulgarische Ex-Ehefrau, das realisiere ich mit jedem Tag mehr, ließen mich immer so sein, wie ich bin. Im Gegensatz zu Deutschland, sowohl DDR, als auch das wiedervereinigte Deutschland, wo ich immer irgendwie sein sollte, arbeiten sollte, Geld verdienen sollte, mich an Regeln halten sollte und vieles anderes sollte. Wer in Deutschland lebt oder schon einmal gelebt hat, weiß, wovon ich rede.

Auch die Angst ist nirgendwo größer als in Deutschland, und die Kontrolle, oder besser der Versuch der Kontrolle. Nur, das allermeiste im Leben kann man nicht kontrollieren oder gar unter Kontrolle halten. Die Idee, sein Leben unter Kontrolle zu haben, ist eine Illusion. Schon vor Corona realisierten dies Menschen in Deutschland, und nur allzuoft war die Folge eine Sucht oder gar eine Depression oder beides. „Depression Is The German Way“, sagte ich dann immer, inspiriert von „Desperation Is The Englisch Way“ aus Pink Floyds „The Dark Side Of The Moon“.

In Bulgarien gibt es diese Illusion die Dinge kontrollieren zu wollen in der Form nicht, wie es sie in Deutschland gibt, und hat es sie wohl auch nie gegeben. Kontrolle ist dem bulgarischen Wesen in gewisser Weise fremd. Die Menschen sind eher spontan, leben im Moment und denken weniger an Morgen. Es kann durchaus passieren, dass man einen Ausflug ans Meer geplant hat und sich plötzlich im Gebirge wiederfindet. Mir ist das zumindest schon öfters passiert im „Land der Überraschungen“, wie Bulgarien von Insidern liebevoll genannt wird.

Vorgestern habe ich diesen Podcast über Bulgarien gehört, in dem genau darauf hingewiesen wurde, und das gleich von mehreren Interviewten. Unisono sagten sie, dass man besser kleine Pläne macht, wenn man nach Bulgarien kommt, sondern offen ist für das, was der Tag so alles bringt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer das ist. Ich habe ein halbes Leben dazu gebraucht davon loszukommen und bin immer noch nicht angekommen, mache immer noch Pläne, suche immer noch nach einer täglichen Routine, bin also selbst immer noch auf meinem Weg.

Aus meiner jahrelangen Erfahrung als Taxifahrer, und da insbesondere aus unzähligen Gesprächen mit meinen Fahrgästen, weiß ich aber auch, dass die, die sich gerne offen geben und immer wieder betonen, wie offen sie sind, oft die geschlossensten sind. Auch das war ein Prozess, dies für mich herauszufinden. Dass insbesondere Menschen, die ihre Offenheit betonen müssen, dies auch nötig haben, weil es in der Realität eben etwas anders aussieht. Auch und gerade weil das wichtigste im Leben die Veränderungen sind, ist es so schwierig, Dinge im eigenen Leben zu verändern. Es ist das Einfache, was so schwer zu machen ist.

Was bis heute konstant und sprichwörtlich ist, das ist die Gastfreundschaft der Bulgaren. So habe ich beispielsweise Geschichten gehört, dass Bulgaren kranke deutsche Touristen bei sich aufgenommen, in ihre Familie integriert und gepflegt haben, damit sie irgendwann wieder gesund und munter nach Deutschland zurückfliegen konnten. Später, wenn diese Bulgaren dann in Deutschland waren, wollten die von ihnen gesund gepflegten Deutschen aber nichts mehr wissen von ihren Krankenpflegern, hatten keine Zeit oder einfach kein Interesse, nicht mal daran, sich mit ihnen zu treffen, sie wiederzusehen.

Gastfreundschaft ist nichts, womit man Geschäfte mit machen kann. Das ist leider auch wahr. Wenn man das könnte, wäre Bulgarien ganz weit vorne. Gastfreundschaft findet man auch eher an Orten, wo weniger oder gar keine Touristen sind. Auch deswegen bin ich im Nordwesten, der ärmsten Region des Landes. Aber auch, weil ich sie mir leisten kann. Die Preise in Sofia und auch am Schwarzen Meer sind oft andere, selbst für die alltäglichsten Dinge.

„Не Всичко Е Пари“ – „Nicht alles ist Geld“, ist ein bekannter Song des bulgarischer Rappers Kobaka aus den Nuller Jahren, wenn ich mich richtig erinnere, der mir bis heute nicht aus dem Kopf geht, und auch das bulgarische Motto: „Mit Geld kann jeder!“ – Aber natürlich muss auch ich von irgendetwas leben. Und so suche ich immer noch nach einem Kompromiss, wie ich mein reichhaltiges Wissen über Bulgarien an den Mann bringen kann.

Im Internet werden Kurse von Deutschen für Deutsche angeboten, die auswandern wollen, die mehrere hundert Euro kosten. Das könnte ich auch machen und sogar noch mehr Geld verlangen, nicht nur weil ich auch etwas bulgarisch spreche, was die allermeisten Anbieter der Kurse nicht tun, sondern weil ich vermutlich mehr weiß als sie alle zusammen. Immerhin war ich auch viele Jahre mit einer Bulgarin verheiratet und habe Verwandte, Bekannte und Freunde hier.

Und trotzdem tue ich mich schwer, solche Kurse anzubieten. Das liegt auch daran, dass ich eigentlich schreiben will, aber nicht nur. Denn auch in mir steckt der Wunsch, mein Wissen weiterzugeben und Menschen zu helfen, damit sie weiter kommen, nicht umsonst bin ich sowohl Taxifahrer, als auch Krankenpfleger.

Jeder, der sich mit dem Gedanken trägt, nach Bulgarien auszuwandern, kann sich jederzeit an mich wenden. Mein Spezialgebiet sind übrigens Esel in Bulgarien. Wenn ich helfen kann, dann tue ich das gerne, und was ich weiß, teile ich auch gerne. Was „Teilen“ bedeutet, habe ich vor kurzem noch einmal bei den Meetings der Anonymen Alkoholiker lernen dürfen, wofür ich bis heute dankbar bin.

Dass auch ich von irgendetwas meine Rechnungen bezahlen muss, ist eine Selbstverständlichkeit, insbesondere für Menschen in der Heimat, die genau aus diesem Grund übers Auswandern nachdenken, also weil sie jetzt schon nicht mehr ihre Rechnungen bezahlen können in Deutschland oder demnächst. Das muss ihnen also niemand sagen, und schon gar nicht ich.

Was ich diesen Menschen mit auf den Weg geben möchte, ist folgendes: sucht nicht nur in den bekannten Orten, sondern im Gegenteil, schaut euch vor allem in den weniger bekannten Gegenden um; bleibt offen und haltet nicht starr an dem fest, wie es in Deutschland ist, auch in der Heimat verändern sich die Dinge rasant und vieles gilt dort jetzt schon nicht mehr, was gestern noch fest zu stehen schien; bringt Zeit mit, oft ist Zeit sogar wichtiger als Geld; und, vielleicht das wichtigste, macht Kontakte und schließt Freundschaften mit den Menschen vor Ort, in eurem Dorf oder eurer Stadt, wo ihr gerade seid, denn die Bulgaren sind wie gesagt sehr hilfsbereit; spielt nicht den Besserwisser und Rechthaber, und versucht vor allem nicht alles kontrollieren zu wollen, sondern seht eher, was der Tag euch alles bringt.

Wer Fragen zum Thema „Auswandern nach Bulgarien“ hat, kann mich gerne jederzeit kontaktieren. Meine e-mail Adresse findest du oben rechts, wo auch mein Spenden-Link ist. Spenden sind auch immer willkommen – Danke!

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (296) – „Der Anti-Mensch“

Mein Artikel „Der Anti-Mensch“ ist heute bei den Neulandrebellen erschienen, worüber ich mich aus mehreren Gründen freue. Erst einmal, weil ich die Arbeit der Neulandrebellen schätze. Dann, weil auch ich ein Rebell sein möchte, ich mich selbst aber nicht als solcher fühle. Dass ich mich nicht als Rebell fühle, liegt vor allem daran, dass mein Schreiben an erster Stelle Notwehr ist. Notwehr gegen alle Fehl-, Des- und Nichtinformation, die jeden Tag aufs Neue meinen Denkapparat beleidigen. Mein Schreiben ist so gesehen immerhin eine Rebellion gegen diese Beleidigung. – Da ich selber viele Jahre in der Landwirtschaft gearbeitet habe, bevor ich erst Krankenpfleger und dann Taxifahrer wurde, kann ich mit Neuland etwas anfangen. Aus dieser Zeit stammt noch eine Melkberechtigung, die neben dem Taxischein und meinem Krankenpflegeexamen immer noch ihre Gültigkeit haben dürfte. Und dann habe ich irgendwann noch „Neuland unterm Pflug“, auf englisch Virgin Soil Upturned, von dem Russen Michail Scholochow gelesen.

Doch zurück zu meinem heute erschienenen Artikel „Der Anti-Mensch“ bei den Neulandrebellen, der auch eine Referenz an Friedrich Nietzsches „Der Antichrist“ ist, aus dem ich zwei Sachen zitieren möchte, die mir persönlich besonders wichtig sind, und die mich zu meinem Text „Der Anti-Mensch“ inspiriert haben:

Die Menschheit stellt nicht eine Entwicklung zum Besseren oder Stärkeren oder Höheren dar, in der Weise, wie dies heute geglaubt wird. Der „Fortschritt“ ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee. Der Europäer von heute bleibt in seinem Werte tief unter dem Europäer der Renaissance: Fortentwicklung ist schlechterdings nicht mit irgend welcher Notwendigkeit Erhöhung, Steigerung, Verstärkung.

Dann noch diese beiden Sätze aus Nietzsches Vorwort zu „Der Antichrist“, die nicht nur genial, sondern darüber hinaus eine wahr gewordene Prophezeiung sind:

Erst das Übermorgen gehört mir. Einige werden posthum geboren.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (295) – „Neues in der Berliner“

Vitamin C in Bulgarien – Taxis

Ein Freund und Leser meines Blogs wies mich gerade auf diesen aktuellen Artikel Großes Taxisterben in Berlin: Zahl der Fahrzeuge um ein Drittel geschrumpft“ in der Berliner hin. Der Beitrag von Peter Neumann ist für mich aus zweierlei Gründen interessant. Zum Einen, weil darin der Vorsitzende der Berliner Taxiinnung Leszek Nadolski mit folgenden Worten in den Text eingebaut ist:

„Die Umsätze sind durch illegal agierende Mietwagenbetriebe bereits in den letzten Jahren stetig gesunken, und sie werden weiter sinken“, lautete die Einschätzung des Vorsitzenden, der selbst Taxi fährt. „Bei einem durchschnittlichen Taxiumsatz von 19 bis 21 Euro in der Stunde sind wir in Berlin schon jetzt nicht mehr in der Lage, unsere Angestellten gesetzestreu und ordentlich zu bezahlen. Alle Reserven sind aufgebraucht. Der nächste Schritt ist die Illegalität, kein Unternehmer, der so wenig Umsatz generiert, ist in der Lage, wirtschaftlich zu arbeiten“, warnte Nadolski.

Leszek Nadolski, wie gesagt Vorsitzender der Berliner Taxiinnung, war im Dezember 2019 so freundlich, zu meiner 40. Radio-Show „Hier spricht TaxiBerlin“ ins Studio zu kommen, um das zu übersetzen, was der Lands- und Theatermann Przemyszlaw Woscieszek, dem ich an dieser Stelle noch einmal für seinen Mut danken möchte, über seine Erfahrungen als Uber-Fahrer in Berlin zu berichten hatte. Die komplette Radiosendung kann man hier nachhören.

Mit Peter Neumann, dem Autor des Artikels in der Berliner Zeitung, hatte ich Anfang des Jahres einen e-mail Austausch, in dem ich ihn darauf hinwies, dass das kurz zuvor von ihm zitierte Taxigutachten völlig veraltet ist. Dass er es immer noch in seinen Beiträgen ins Spiel brachte, auch ich erwähne es kurz in meinem Beitrag für die Berliner Zeitung, läge daran, so Neumann, dass es kein aktuelles gäbe.

Nur weil es kein aktuelles gibt, ein veraltetes und nicht mehr zutreffendes so zu zitieren, als wäre es aktuell, ist nicht gerade die feine englische Art. Genau darauf wies ich Neumann hin. Dass er nun Nadolskis Aussagen unkommentiert stehen lässt, immerhin ist von „illegal agierenden Mietwagenbetrieben“, „gesetzestreuer und ordentlicher“ Bezahlung von Taxifahrern und von „Illegalität“ die Rede, in die sich Taxi-Unternehmer demnächst begeben könnten, werte ich als Erfolg.

Für mich habe ich jetzt mit Hilfe der Berliner Zeitung herausgefunden, dass ich, weil ich kein Taxiunternehmer war, obwohl ich immer mal wieder damit geliebäugelt habe und auch den dafür notwenige IHK-Abschluss habe (echt, und nicht in Nürnberg gekauft!), sondern „nur“ Taxifahrer, nicht in die Illegalität, sondern „nur“ in die Schluchten des Balkans gegangen bin. 

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (294) – „In Corona“

Hier war die Praxis des Pathologen Dr. Dimiter Dimitrov

Früher hat ein Pathologe die Todesursache festgestellt, insbesondere dann, wenn sie umstritten war. In Bulgarien, wo vieles nicht nur anders, sondern ganz und gar umgedreht ist, Ja bedeutet beispielsweise Nein, und Nein Ja, sind die Leute noch zu Lebzeiten zum Pathologen gegangen, um ihre Todesursache feststellen zu lassen. Deswegen haben Pathologen hier immer ein Schild am Haus, damit ein jeder zukünftige Tote sie auch findet. Obiges Schild in der Ljuben Karavelov Straße in der bulgarischen Hauptstadt Sofia weißt auf die Praxis von Dr. Dimiter Dimitrov hin, der Pathologe ist. Da der Pathologe Dr. Dimiter Dimitrov, er war der letzte im Land verbliebene Arzt überhaupt, vor einiger Zeit selber verstorben ist, ist nicht nur seine Todesursache bisher unklar geblieben, sondern aller nach ihm verstorbenen Bulgaren. Das liegt daran, dass nicht nur alle anderen Pathologen, sondern alle Mediziner im Ausland sind, viele von ihnen in Deutschland. Das zeigt Stephan Komandarev sehr gut in seinem Film „Posoki – Directions“, wo nicht nur Popen Taxi fahren, sondern auch Ärzte auswandern. Der Fachbegriff unter Ärzten in Bulgarien dafür ist „Evakuierung“. Jedenfalls gibt es in dem kleinen Land am Rand keine Ärzte und auch keine Pathologen mehr, dafür immerhin noch Taxifahrer und Taxifahrende Popen. Deswegen kann auch keiner mehr sagen, ob jemand „an“, „mit“ oder „im Zusammenhang mit“ Corona gestorben ist. Und so hat man sich nach vielen Diskussionen selbst im staatlichen Nationalradio „Christo Botew“ in Bulgarien aktuell auf die Sprachregelung „in Corona“ geeinigt, was „in Zeiten von Corona“ meint. Die Entscheidungsfindung beim Bulgaren dauert immer etwas länger, und meist wird auch keine Entscheidung getroffen, sondern einfach neu gewählt wie jetzt am 2. Oktober. Es ist die vierte Wahl in eineinhalb Jahren, zählt man die Wahl zum Präsidenten Ende letzten Jahres mit, sogar die fünfte. Möglicherweise wird die neue Regierung dann endlich auch offiziell Corona für beendet erklären, so dass „in Corona“, auf das man sich zwar geeinigt hat, was aber keinen kümmert, auch keine Rolle mehr spielt. Wenn ich es richtig verstehe, sind Bulgarien und Deutschland die einzigen Länder in Europa, die noch stur an Corona festhalten. Beim Bulgaren, der, indem er sich an Deutschland hält, seinen alten Fehler erneut zu wiederholen scheint, was schon zweimal in die Hose gegangen ist, liegt es daran, dass er keine gewählte Regierung hat, sondern nur eine amtsführende. Aber selbst die letzte angeblich gewählte Regierung war nur von einer Minderheit gewählt worden. 60 Prozent der Bulgaren sind Nichtwähler. Dass Deutschland, im Moment noch wie beschrieben und auch nur halbherzig zusammen mit den „des regiert seins müden“ Bulgaren, als einziges europäisches Land trotz gewählter Regierung noch an Corona festhält, kann ich mir nur so erklären, dass die uns Regierenden müde, sozusagen „regierungsmüde“ sind. Der aus der Geschichte bekannte „deutsche Sonderweg“ könnte bei Corona auch eine Rolle spielen, was wir aber nicht hoffen wollen. Denn das könnte wieder mit „am deutschen Wesen soll sie Welt genesen“ und einem globalen Debakel enden. Ich empfehle Deutschland, sich auch in Sachen Corona sich an den Bulgaren zu halten und es bei „in Corona“ zu belassen. Auch wenn alle bulgarischen Ärzte und auch Pathologen in Deutschland sind, und sie, wenn gewollt, die genaue Todesursache herausfinden könnten, wird diese demnächst niemanden mehr interessieren.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (293) – „Mitleid mit den Deutschen“

Deutsche Klinik in Bulgarien
„Symbol der Hoffnung“
(und nicht des Mitleids!)

In der Schweiz hat man mittlerweile Mitleid mit den Deutschen. Oder sollte ich „mal wieder“ sagen? Der Grund: Corona und kein Ende: „Früher waren Deutschlands nationale Alleingänge gefürchtet, heute erwecken sie Mitleid“ – Untertitel des Artikels in der Neuen Zürcher Zeitung vom 8. September: Die Bundesregierung will nicht akzeptieren, dass die Pandemie ihren Schrecken verloren hat.“ Im Detail liest es sich  so: „Weil ein Virus, das nicht mehr annähernd so gefährlich ist, wie es mal war, wieder gefährlich werden könnte, braucht Deutschland weiterhin Maßnahmen, um die Freiheit der Bürger einzuschränken. Man kann nur froh sein, dass die Bundesregierung im Umgang mit der Pandemie in Europa isoliert ist. Früher waren Deutschlands nationale Alleingänge gefürchtet. Heute erwecken sie Mitleid.“ Und nun frage ich mich, ob auch ich Mitleid mit ihnen haben soll. Der halbe Bulgare in mir sagt Ja, der halbe Deutsche aber eher Nein. Nein, so wie Nietzsche Nein zum Mitleid gesagt hat. Denn wenn der Mitleid Verspürende tatsächlich mitleidet, begibt er sich damit auf die gleiche Ebene wie der Gegenstand des Mitleids, was ihn wiederum krank und melancholisch macht. Mitleiden kann dagegen der Bulgare, dessen Batterien des Mitleids, so will ich sie einmal nennen, mir wesentlich aufgeladener erscheinen, als die des Deutschen. Das sage ich vor allem aus eigener Erfahrung. Wie es in der Schweiz aussieht, weiß ich nicht. Ich war noch nie da. Die Schweiz ist außerhalb meines Budgets. Bei mir hat es immer nur für Bulgarien gereicht. Aber vielleicht gehe ich bald einmal hin, wenn es eng wird mit der Kohle, die Schweizer weiter Krankenpflegepersonal suchen, und sie weiterhin, im Gegensatz zu den Mitleid erregenden Deutschen, was immer mehr einem bemitleidenswerten Mitleid erheischen gleicht, nicht Geimpfte einstellen. Dann kann ich herausfinden, wie es um mein Mitgefühl mit den Eidgenossen und ihren Alten und Kranken bestellt ist.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (292) – „Subbotnik am Sonntag und Einladung zum Sibor“

„Zuhause ist dort, wo wir zusammen sind“
Das Motto der Bulgaren

Ein „Subbotnik“ ist ein freiwilliger Arbeitseinsatz am Samstag, von dem sich auch sein Name ableitet, der ursprünglich aus Sowjetrussland kommt und den es auch in der DDR gab. Auf bulgarisch heißt der Samstag „Subbota“ (Събота), genauso wie auf russisch „Subbota“ (Суббота). Das ist keine Überraschung, denn die Bulgaren haben irgendwann einmal die kyrillische Schrift erfunden, dessen sich auch die Russen bedienen. Eine gemeinsame Sprache oder besser Sprachfamilie, hatten sie schon zuvor. Gestern war nun Sonntag, was auf Bulgarisch „Nedelja“ (Неделя), aber auf Russisch „Voskresenje“ (Воскресенье) heißt. Es gibt also auch Unterschiede zwischen dem Russischen und dem Bulgarischen.

Doch zurück zu meinem „Subbotnik“ am gestrigen Sonntag in den Schluchten des Balkans, den ich meinem Bürgermeister auf dem Geburtstag meines Nachbarn versprochen hatte. Um 14 Uhr rief ich meinen Bürgermeister an, um ihm mitzuteilen, dass mein „Subbotnik“ um 15 Uhr beginnen wird. Punkt 15 Uhr stand ich arbeits- und abmarschbereit vorm Bürgermeisteramt, wie es sich selbst für einen halben Deutschen gehört. Fünf Minuten später war mein Bürgermeister da, um mir Öl und Pinsel herauszugeben. Er fragte mich, ob ich alleine arbeiten würde, was ich bejahte. Daraufhin bedankte er sich bei mir, und ich begab mich zu meinen Subbotnik-Arbeitseinsatz-Platz im Wald.

Neben dem Pool, den mein Bürgermeister für mich gebaut hat, gibt es zwei Holzpodeste, auf denen Tische und Stühle zum Picknick machen stehen. Diese galt es zu ölen und natürlich auch den Boden, der ebenfalls aus Holz ist. Zuerst musste ich alles vom Laub befreien, denn der Herbst hat in den Schluchten des Balkans bereits Einzug gehalten. Mit im Laub waren auch die ersten Wallnüsse, denn ein großer Wallnussbaum spendet den Sitzmöglichkeiten im Sommer Schatten.

Über das Streichen beziehungsweise Ölen an sich gibt es nicht viel zu berichten, außer dass ich einen Pinsel und keine Rolle benutzt habe, und dass ich mich nicht vorsehen musste, wenn ich etwas verkleckerte, denn es war nur Öl und keine Farbe, und der Boden musste sowieso auch geölt werden. Am meisten sah ich mich vor, dass ich keine Blasen an den Händen bekam, denn ich muss bei mir noch das Holz am Dach ölen, und da kann ich Blasen an den Händen nicht gebrauchen. Das ist sozusagen das nächste, was bei mir ansteht.

Zum Schluss habe ich noch den Müll rings um meinen Pool eingesammelt, wie man das als ordentlicher Deutscher so macht. Eine Dose von meinem Bürgermeister konnte ich nicht verwenden, weil in ihr kein Öl, sondern weiße Farbe war. Der Holz-Boden des zweiten Podestes muss noch geölt werden. Die Arbeit ist also noch nicht vollständig erledigt, was aber zum Motto des Bulgaren passt, der gerne sagt, dass es in Bulgarien Arbeit für das gesamte Chinesische Volk gibt.

Obwohl ich wie gesagt meinen Subbotnik am gestrigen Samstag nicht mit vollständiger Planerfüllung beenden konnte, war ich nicht ganz unzufrieden mit mir und meiner Arbeit. Knapp drei Stunden habe ich nahezu ununterbrochen gemacht und getan und dabei fünf Dosen Öl „verstrichen“, ohne mir dabei auch nur eine Blase zu „erarbeiten“. Für jemanden, der die letzten Monate vorzugsweise mit dem Kopf gearbeitet hat, ist das eine ziemlich gute Leistung, so denke ich.

Vielleicht kann mir mein Bürgermeister im Gegenzug jemanden für meinen Schornstein organisieren. Da muss es auf dem Dach eine undichte Stelle geben. Auch wenn sie nur sehr klein sein kann, hat mein Schornstein eine feuchte Ecke. Der Meister soll natürlich keinen Subbotnik bei mir machen, das ist klar. Ich bin ja schon froh, wenn ich überhaupt jemanden finde, der das macht. Die meisten Bulgaren im arbeitsfähigen Alter sind ja im Ausland, viele in Deutschland.

Mein freiwilliger Arbeitseinsatz am gestrigen Sonntag ist also auch eine Bitte an meinen Bürgermeister, Augen und Ohren für „seinen jungen deutschen Mitbürger und Einwohner“ offenzuhalten. So stellt mich mein Bürgermeister immer Leuten vor, die mich noch nicht kennen. Apropos vorstellen: am 23. September wird die Chronik über unser Dorf vorgestellt, in dem auch meine Eselwanderung quer durch Bulgarien vorkommt. Meine Eselin war ja aus unserem Dorf, und meine Wanderung startete an der Wasserquelle auf dem zentralen Dorfplatz, praktisch Downtown, mit dem Segen des Dorfpopen und natürlich auch des Bürgermeisters.

Am 24. September, also am Tag nach der Buchvorstellung, ist unsere Dorfkirmes, wo sich alle auf dem zentralen Dorfplatz versammeln, viele kommen dazu aus Sofia oder gar aus dem Ausland. Nicht ohne Grund heißt Kirmes auf Bulgarisch „Sibor“, was von „sich versammeln“ kommt. Auch wer nicht direkt zum Dorf gehört, kann daran teilnehmen. Der Bulgare ist, ich erwähnte das bereits mehrfach, für seine Gastfreundschaft bekannt, auch und gerade am Sibor.

Zu ihr, also zur Kirmes, wird es Live-Musik geben, zu der auf der von der Polizei gesperrten Durchfahrt-Straße von alt und jung getanzt wird, und zwar der ebenfalls bereits erwähnte bekannte „Ringelpietz mit Anfassen“, der auf Bulgarisch „Horo“ heißt. Gegessen wird traditionell zu hause in der Familie und mit Freunden. In der Vergangenheit war es so, dass ich mich vor Einladungen nicht retten konnte.

Dieses Jahr wird es wohl noch „verschärfter“ werden, weil im letztes Jahr der „Sibor“ wegen Corona ausgefallen ist und nun alle ganz heiß sind, denn die Kirmes ist das größte Fest des Jahres überhaupt. Wer noch nie einen bulgarischen „Sibor“ miterlebt hat, sollte sich ihn auf keinen Fall entgehen lassen. Dieses Jahr ist, nachdem er wie gesagt letztes Jahr ausgefallen ist, die beste Zeit dafür.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (291) – „Körpersprache“

Eselflüsterer in Aktion

Als Eselflüsterer lasse ich mir nicht nur was ins Ohr flüstern von ihnen, sondern studiere auch ihre Körpersprache. Genau dabei bekomme ich gerade folgende Hilfestellung von der „Daily Mail“, die schreibt: „Dies ist eine phänomenale und unerwartete Szene, die eine gewisse natürliche Vorsicht und Unbeholfenheit in der Körpersprache zeigt“, und weiter: „die vier reihen sich zusammen, um eine Form der Einheit anzudeuten.“ Dann ist noch dies in der englischen Zeitung zu lesen: „Wenn das Paar die Hände umfasst, sind es seine Finger, die sich nach unten bewegen, während ihre um seine Handfläche herum gelegt sind, wobei ihr Daumen sanft seine Hand streichelt.“ – Ihr ahnt es sicherlich schon, es geht nicht um mich, sondern um die königliche Familie, genauer um die beiden Enkel der verstorbenen Königin und ihre Ehefrauen. – Von den Vorfahren des neuen König, Charles III, ist folgendes zu erfahren: Charles I wurde vom Volk gestürzt und enthauptet, und Charles II zeugte nur uneheliche Kinder. Die Körpersprache von Charles Philip Arthur George, also Charles III, erinnert an die von William „Bill“ Henry Gates III. Das denke ich zumindest als gelernter Eselflüsterer mit langjähriger Erfahrung.

Foto&Text TaxiBerlin