Bericht aus Bulgarien (98)

Um kurz vor 18 Uhr habe ich gestern meinen Bürgermeister angerufen und ihn gefragt, wann ich mit Strom rechnen kann, woraufhin er „gleich“ gesagt hat. Kurz vor 19 Uhr hatte ich dann wieder Strom, ich war also keine 24 Stunden ohne Energieversorgung, was ich absolut in Ordnung finde. Die Verlässlichkeit meines bulgarischen Bürgermeisters gefällt mir gut, sie macht mir aber auch ein klein wenig Angst, denn sie ist so typisch Deutsch, was ich gar nicht mehr gewöhnt bin. Und dabei kann mein Bürgermeister die Deutschen nicht leiden. Verstehe mir einer den Bulgaren.

Sagte früher ein Bulgare „gleich“ zu einem, konnte man sicher sein, dass man nie wieder etwas von ihm hören oder gar sehen wird. Da hat sich einiges getan in Sachen Pünktlichkeit beim Bulgarien. Das kann man auf jeden Fall festhalten.

Gar nicht zu vergleichen mit dem Amerikaner, bei dem es nach einem lumpigen Sturm gleich mal einen ganzen Monat keinen Strom gibt. Gut, das war Ende letzten Jahres ein Schneesturm in Kalifornien. Das ist ein Unterschied. Aber der gestern in Bulgarien war auch nicht ohne. Bis zu 25 Meter in der Sekunde war der Sturm schnell hier. Das sind vier Sekunden für 100 Meter. Das wäre neuer Weltrekord, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen, aber so schnell ist selbst der Bulgare nicht.

Später am Tag, ich hatte noch keinen Strom, störte der Anruf meines Berliner Bekannten meinen Mittagsschlaf. Seitdem er seinen Flug für nächsten Samstag nach Sofia gebucht hat, ist seine Depression wie weggeblasen. Heute hatte er allerdings einen Rückfall, da musste er in zwei Supermärkte in Berlin, wo er der einzige ohne Maske war. Obwohl das ab heute selbst in Deutschland wieder erlaubt ist, trägt der deutsche Michel weiterhin seine Gesichtswindel. Das hat ihn doch sehr mitgenommen, meinen Berliner Bekannten, was ich gut verstehen kann.

Ich war heute auch im Supermarkt, wo es nur einen Maskenträger gab. Also genau das umgedrehte Bild von Berlin. In Bulgarien ist wirklich vieles anders, und das meiste umgedreht. Vorher war ich an der OMV-Tanke, aber nicht wegen Sprit, sondern wegen Internet, das gibt es dort umsonst. Bei mir im Dorf gab’s keins wegen dem Stromausfall. Auf den Ösi ist, was das Internet angeht, verlass – im Gegensatz zur Impfpflicht. Auf dem Basar war heute auch eher tote Hose, vermutlich wegen dem Sturm. Immerhin keine Maskierten, nicht einen einzigen. Sind ja alle in Deutschland.

Nach meinem Mittagsschlaf, ich hatte immer noch keinen Strom, rief mich eine amerikanische Freundin aus Frankreich an, die eigentlich in Berlin lebt und neulich noch in Bulgarien war, weswegen sie alle drei Länder direkt vergleichen kann. Nirgendwo wäre die Angst größer als in Deutschland, sagt sie. Die German Angst, es gibt sie wirklich. (Auch als Buch, von Sabine Bode.)

Nachdem ich meinen Bürgermeister angerufen hatte und bevor der Strom wieder kam, bin ich in mein wildes Mineralbad im Wald gegangen. Am Vortag, nur wenige Stunden vor dem Sturm, habe ich die Kröte und den Salamander auf meinem Weg dorthin fotografiert. Beide waren wohl gerade dabei sich in Sicherheit zu bringen. Tiere spüren instinktiv, wenn ein Ungemach droht – im Gegensatz zum Menschen.

Bulgarien ist ein gutes Pflaster, nicht nur um Achtsamkeit zu lernen, sondern auch um seinen Instinkt wiederzubeleben. Keine Ahnung, ob das jetzt Instinkt oder einfach nur Gesundheitswahn oder gar Geiz ist, aber eine innere Stimme sagt mir, dass ich ab sofort jeden Tag ein Bad in meinem wilden Mineralbad im Wald nehmen und meinen Boiler auslassen soll. Das wenige Geschirr, das ich brauche, kann ich auch kalt abwaschen.

Mein Bekannter in Berlin, der mich über Ostern für eine Woche besuchen kommt, ist wegen seiner Bulgarien-Reise so guter Dinge, dass er versprochen hat „bedrucktes Papier“ fürs Benzin mitzubringen, worüber ich gar nicht fertig werde. Also über das „bedruckte Papier“. – Ist das neu in Deutschland? Sagt man das jetzt so? Oder ist das der Vorfreude meines depressiven Freundes geschuldet? Ist er vielleicht schon manisch? Also manisch-depressiv. Immerhin, würde ich dann sagen, denn eine Manie kommt selten allein. Eine Depression schon.

Nach meinem Mittagsschlaf und vor dem Mineralbad rief mich mein bester bulgarischer Freund aus Sofia an, dessen bester deutscher Freund ich bin, um mich über den Protest für die Neutralität Bulgariens zu informieren, von dem ich bereits wusste. Er hat gerade dieses äußerst interessante Interview mit der nicht nur gutaussehenden, sondern auch investigativen bulgarischen Journalistin Диляна Гайтанджиева gemacht. Glenn Greenwald, er hat die Snowden Sache gemacht, hatte auch schon darüber geschrieben. Die USA unterhalten, besser unterhielten, Bio-Labs in der Ukraine. Im Gegensatz zu Sadam Hussein im Irak. Der hatte nie welche gehabt, obwohl das der offizielle Kriegsgrund war und bis heute ist. Beim ersten Golfkrieg waren es noch Babys gewesen, die irakische Soldaten aus Inkubatoren genommen und auf die Erde geworfen haben sollen. Auch das eine ausgedachte Geschichte.
Kurz vorm Schlafengehen kam noch diese SMS von Facebook rein: „Use 416 378 to verify your Instagram account.“ – Vielleicht kann jemand etwas damit anfangen. Ich bin weder bei dem einen noch bei dem anderen Verein.
PS: Zwischen Basar und Mittagsschlaf habe ich „Vernichten“, den neuen Roman von Michel Houellebecq ausgelesen, eine Mischung aus Franzens „Korrekturen“ und Rosamunde Pilcher. Der beste Satz ist der letzte: „Ich bin glücklicherweise gerade zu einer positiven Erkenntnis gelangt; für mich ist es Zeit aufzuhören.“
PPS: 03:35 Uhr eine zweite Nachricht von Facebook, die ich erst jetzt lese, weil ich mein Handy Nachts ausschalte. Die Code lautet diesmal: 173 089 – interessant, oder?

Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (97)

Eigentlich wollte ich heute darüber schreiben, dass ich gestern anbaden war, genau genommen war es schon vorgestern. Aber nun muss ich berichten, dass ich seit gestern keinen Strom habe, weil es einen schweren Sturm gibt auf meinem Berg, und ich auch zumindest zeitweise nicht mehr raus kann, will ich nicht Gefahr laufen, einfach weggeblasen zu werden. Verwandte von mir in Amerika, genauer gesagt in Kalifornien, waren über Weihnachten und Neujahr bis in den Januar hinein für einen Monat ohne Strom. Ich hoffe nicht, dass es hier auch so lange dauert. Bulgarien ist schließlich ein zivilisiertes Land, und außerdem kenne ich den Bürgermeister. Anbei veröffentliche ich zwei Fotos. Das eine zeigt das Becken eines wilden Mineralbades bei mir im Wald, wo ich wie gesagt vorgestern anbaden war. Auf dem anderen sind meine Berge zu sehen, allerdings unscharf, weil ich wegen dem Sturm die Kamera nicht ruhig halten konnte. Der Akku meines Notebooks zeigt noch 7 Prozent, ich muss Schluss machen. Immerhin kalt duschen werde ich nicht müssen, obwohl mein Boiler auch Strom braucht. Ich muss es nur irgendwie in den Wald schaffen, das Mineralwasser im wilden Mineralbad ist warm.
PS: Kein Aprilscherz!
PPS: Erfahre gerade von meiner Kontaktperson in Montana, dass es nächsten Mittwoch den nächsten landesweiten Protest in der bulgarischen Hauptstadt Sofia geben wird, diesmal wieder gegen die amtierende Regierung unter Kiril Petkow, die im Land keine Mehrheit hinter sich weiß. Wie auch, bei 60 Prozent Nichtwähler.
Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (96)

„Bulgarien möchte dich“, sagt diese Werbetafel in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Und weiter: „Finde Arbeit“. Auf den ersten Blick hört sich das komisch an. Warum sollte es ausgerechnet in Bulgarien Arbeit geben, wenn jeder dritte Bulgare, bei den 20- bis 45-jährigen sogar jeder zweite, im Ausland lebt und arbeitet? Andererseits sagt man hier aber auch gerne, dass es in Bulgarien Arbeit geben würde für das gesamte Chinesische Volk – und das stimmt!
Bulgarien ist, was seine Bevölkerung angeht, das am schnellsten schrumpfende Land weltweit. In der Vergangenheit habe ich gerne dazu gesagt, ohne dass ein Krieg erklärt worden wäre oder gar stattgefunden hätte. Nach nunmehr fast einem Jahr in Bulgarien bin ich mir dessen nicht mehr so sicher. Zumindest sieht es in vielen Teilen Bulgarien so aus, als hätte es einen Krieg gegeben, der vielleicht sogar noch anhält. Es gibt auch Kriege ohne Kriegserklärung. Es wäre nicht der erste in der Menschheitsgeschichte. Jedenfalls gibt es in Bulgarien jede Menge Arbeit, und zwar Aufbauarbeit, will man irgendwann auch hier blühende Landschaften haben. Im Moment sieht es eher nach dem Gegenteil von blühenden Landschaften aus.
Schöne Landschaften gibt es dagegen überall zu sehen, und das sogar zum Nulltarif. Von Sofia aus kann man beispielsweise auf das Vitosha-Gebirge schauen. Der höchste Berg, der Schwarze Berg, ist immerhin 2.290 Meter hoch. Der allgegenwärtige Ausblick auf die gerade Schneebedeckten Gipfel des Vitosha-Gebirges ist für mich neben den Mineralquellen das schönste an der ansonsten schrecklichen Stadt. Die heißen Quellen im Stadtzentrum der bulgarischen Hauptstadt wussten schon die Römer zu schätzen, bei denen Sofia Serdica hieß.
Im Hintergrund (links) das Vitosha-Gebirge
Was die Arbeit in Bulgarien angeht, habe ich gerade einem Leser meines Blogs in Berlin Arbeit verschafft. Um genau zu sein, hat er sie sich selbst gesucht. So sind sie, die Preußen – suchen sich ihre Arbeit selbst. Um ganz genau zu sein, ist der Leser in Berlin ein selbsternannter Faktenchecker meines Blogs. Dazu muss man wissen, dass ich ihn am Vortag, bevor er seine Tätigkeit als selbsternannter Faktenchecker aufnahm, noch einmal darauf hingewiesen habe, dass das hier in aller Regel keine 1:1 Geschichten sind, worauf auch der Untertitel „Unwahre Geschichten … „ hinweist, und was mein Berliner Faktenchecker auch vorher schon wusste.
Warum er trotzdem die Fakten in „Unwahren Geschichten aus dem wahren Leben eines Berliner Taxifahrers“ checkt, kann ich nur vermuten. Wahrscheinlich weil auch er keine Arbeit mehr hat. Jedenfalls scheint er jede Menge Zeit zu haben, so wie viele Menschen nicht nur in der Heimat. Auch ich habe viel Zeit hier, und auch kein Geld, weswegen ich meinen Faktenchecker in der Heimat nicht bezahlen kann. Arbeit hat immerhin auch er in Bulgarien gefunden, so wie es die Reklametafel verspricht.
Wer sinnvolle Arbeit sucht, wer also nicht die Fakten eines Blogs mit dem Untertitel „Unwahre Geschichten …“  checken will, wird ebenfalls in Bulgarien fündig. Die Reklametafel in der bulgarischen Hauptstadt Sofia ist also kein leeres Versprechen, im Gegenteil. Es gibt hier in sich zusammenfallende und bereits zusammengefallende Gebäude ohne Ende, die es wieder aufzubauen gilt. Bezahlt wird die Aufbauarbeit in aller Regel nicht, weswegen auch noch kein Chinese nach Bulgarien gekommen ist.
Eine Möglichkeit gibt es wohl, mit Aufbauarbeit in Bulgarien sein Geld zu verdienen, und zwar wenn man Geld mitbringt. Damit kauft man die Ruinen und baut sie wieder auf. Irgendwann in der Zukunft verkauft man die Häuser, also das Ergebnis seiner eigenen Aufbauarbeit, dann mit Gewinn beispielsweise an Bulgaren, die mangels Arbeit in immer größerer Zahl aus dem Ausland in ihre Heimat zurückkehren und hier nach einer Bleibe suchen. Mein Nachbar macht das seit Jahren mit großem Erfolg. Oder man kauft einfach nur Land in Bulgarien, wie es gerade Superreiche in Amerika tun. Das geht auch.
„iskam teb“ – Ich möchte dich
Egal ob Geld oder nicht – jeder ist in Bulgarien willkommen. Ich kann das kleine Land sehr am Rand nur wärmstens empfehlen, und nicht nur denjenigen, die mal rauskommen wollen aus dem alltäglichen Wahnsinn in der Heimat. Vorausgesetzt natürlich, man ist dort abkömmlich. Also dass man keine Flüchtlinge bei sich zu hause aufgenommen hat, um die man sich kümmern muss, oder man gar selbst in den Krieg ziehen möchte, wovon ich persönlich abrate.
Mein Eindruck ist, dass es in Deutschland jede Menge Menschen gibt, die gerade orientierungslos durch die Gegend irrlichtern, weil sie einerseits keine Arbeit mehr haben und andererseits nichts mit sich anzufangen wissen, nachdem man ihnen nun auch die Möglichkeit des Konsums genommen hat. Bulgarien ist für seinen Null Konsum bekannt und auch fürs kalt duschen. „Frieren für den Frieden“, was mich an „Kanonen statt Butter“ erinnert, kann man also auch hier. Ich habe sogar schon meinen Berliner Faktenchecker nach Bulgarien eingeladen, damit er auf andere Gedanken kommt, auch wenn ich nicht daran glaube, dass er die Eier dazu hat.
Was der Faktenchecker in der Heimat auf jeden Fall machen kann, und worum ich ihn hiermit bitte, ist die Fakten in den drei Texten zu checken, die von mir auf anderen Seiten erschienen sind, und zwar 2x auf Multipolar und 1x auf Rubikon, an einem von ihnen hat sich der Spiegel bedient, denn das sind keine „Unwahre Geschichten …“ – Die Links dazu findet er rechts oben auf dieser Seite. Geld gibt es, ich sage es besser vorher, aber auch dafür nicht.
Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (95)

Wie gestern bereits erwähnt, gibt es in der bulgarischen Hauptstadt Sofia einige interessante Werbetafeln zu sehen. Unter anderem obige mit einem Zitat von Tacitus, dem Autor der „Germania“. Der Ausspruch des Römers, der von 54 bis 120 nach Christus gelebt hat und schon zu Lebzeiten ein anerkannter Chronist war, lautet auf Deutsch: „Je korrumpierter ein Land, desto zahlreicher seine Gesetze.“

Sogleich musste ich an „Es geht um Leben und Tod“ Lauterbach denken, der in einem aktuellen Interview, das ich am Vortag im Internet gesehen hatte, mindestens zehnmal, gefühlt waren es hundertmal, betonte, dass man jetzt nicht weiter lockern könne, weil das so im Gesetz steht. Wer unseren „Gesundheitsminister“ nicht kennt, hätte ihn da glatt für den Justizminister halten können.

In Bulgarien kennt niemand unseren Angst- und Panikmacher, hier ist er nur wegen seines unaussprechlichen Namens bekannt. Bulgaren, die ihn im Fernsehen oder im Internet gesehen und reden gehört haben, fragen mich dann immer, was man für den Mann tun, wie man ihm helfen könne.

Eine berechtigte Frage, wie ich denke, auch wenn ich darauf keine Antwort weiß, außer dass auch er seine Strafe bekommen wird, wenn er nicht schon bestraft genug ist, was ich aber nur von den Bulgaren übernommen habe, die dies aus Erfahrung und aufgrund ihrer sprichwörtlichen Duldsamkeit gerne sagen.

In dem erwähnten Interview konnte unser „Gesundheitsminister von der traurigen Gestalt“ auf die Frage nach Lockerungen keinen einzigen medizinischen beziehungsweise gesundheitlichen oder wegen mir auch volksgesundheitlichen Grund nennen, warum dies jetzt nicht möglich sei, sondern immer nur wieder fast schon Gebetsmühlenartig auf Gesetze verwiesen, die dies verunmöglichen würden. Nicht Gesundheit sondern Gesetze entscheiden offensichtlich darüber, was angemessen ist und was nicht.

An Gesetzen mangelt es nicht in unserem Land, genauso wie Tacitus es für ein korrumpiertes Land beschreibt. Dass diese darüber hinaus völlig abgekoppelt vom reellen Geschehen im Land angewendet werden, darüber schreibt der römische Chronist nichts. Es handelt sich offenbar um eine Weiterentwicklung.

Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (94)

In Bulgarien gibt es interessante Reklametafeln, wenngleich nicht überall. Man findet sie praktisch nur in Sofia, wo die Leute aus der Provinz hingehen, hingehen müssen, um ihre Hinterlassenschaften in ihren Dörfern zu finanzieren, wenn sie nicht gleich ins Ausland gehen. Sofia wird in Bulgarien umgangssprachlich „Oben“ genannt. „Oben“ ist da, wo das Geld ist, und auch die Reklametafeln. Die bulgarische Hauptstadt ist mit ihren 650 Metern über dem Meeresspiegel auch im wortwörtlichen Sinne „Oben“.

Obige Reklametafel, ich hatte sie hier bereits erwähnt, habe ich genau zweimal gezählt in Sofia. Schwer zu sagen, woran das liegt. Jedenfalls sind auch in Bulgarien Reklametafeln nicht zum Nulltarif zu haben. Auf dieser steht „Der Impfstoff rettet Leben“ und nicht „Der Impfstoff spart Leben“, wie ich letztens geschrieben hatte. Dass ich „rettet“ und „spart“ verwechselt habe, liegt daran, dass ich es im Vorbeifahren gelesen habe, und zwar auf der Zarigradsko Chaussee, einer Schnellstraße der bulgarische Hauptstadt, die Richtung Osten aus ihr herausführt. Darüber hinaus werden „spasjawa“ (retten) und „spestjawa“ (sparen) ähnlich geschrieben und klingen dementsprechend auch ähnlich.

„Der Impfstoff rettet Leben“ kann man als Möglichkeit aber auch als Feststellung, als Fakt verstehen. Dann wäre es eine Verallgemeinerung. Verallgemeinerungen kommen vor, beispielsweise in literarischen Texten. Für Thomas Bernhard waren beispielsweise alle Österreicher Nazis, um nur ein Beispiel zu nennen. Auch im täglichen Leben begegnen uns jede Menge Verallgemeinerungen. Ich gehe so weit zu sagen, dass sich jeder von uns Verallgemeinerungen bedient, um einfacher durchs Leben zu gehen.

Bei der Verallgemeinerung, dass der Impfstoff Leben rettet, würde ich persönlich vorsichtig sein. Zumindest ist es keine Verallgemeinerung, mit der ich durchs Leben gehe. Dass ich nicht mit ihr durchs Leben gehe, liegt unter anderem an den vielen „Impfdurchbrüchen“, bei denen sich Menschen trotz Impfung  infizieren und auf der Intensivstation wiederfinden. Manchmal direkt neben Menschen, die dort aufgrund von Nebenwirkungen der Impfung um ihr Leben kämpfen.

„JCDecaux Image“ hat, so vermute ich, das Bild zur Reklametafel beigetragen. Welches Bild genau es sein soll, erschließt sich mir nicht ganz. Ich vermute, dass das Design gemeint ist. Umsonst hat „JCDecaux Image“ dies, so denke ich, nicht getan, weswegen es verkehrt wäre,  „JCDecaux Image“ als Sponsor der Reklametafel zu bezeichnen. Wer der Sponsor der Anzeige ist, geht aus der Reklametafel nicht hervor. Möglicherweise eine balkanische Besonderheit, die dem Umstand geschuldet ist, dass insbesondere in Bulgarien alles immer umgedreht ist. Vielleicht aber auch Weise Voraussicht der für die Impfung Werbenden, die ähnlich den Herstellern jegliche Haftung ablehnen.

Taxis übrigens, die es nicht nur „Oben“, also in Sofia, sondern auch in der Provinz gibt, gehören zum Straßenbild in Bulgarien. In Berlin sind sie dabei aus ebendiesem zu verschwinden. Dass es in Bulgarien anders ist, liegt diesmal nicht daran, dass in dem kleinen Land am Rand alles immer umgedreht ist. Es liegt einfach daran, dass die frühere Regierung unter Boiko Borissow die illegale Konkurrenz aus Amerika verboten hat, um das bulgarischen Taxigewerbe zu schützen. Borissow soll korrupt sein und ist es vermutlich auch, zumindest wurde er deswegen neulich am Vorabend des Besuches des amerikanischen Kriegsministers für 24 Stunden festgesetzt. Danach musste man ihn wieder laufen lassen. Immerhin, er hat sich von den Uber-Lobbyisten nichts einflüstern lassen. Zumindest diesbezüglich dürfte es kein belastbares Material gegen ihn geben.

PS: „Gesundheitsminister“ Lauterbach fordert Null Covid. Erst dann will er seinen Wahnsinn beenden. – Wie sieht es aus mit der Forderung Null Nebenwirkungen?

Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (93)

 

Auf dem Slaweijkow in Sofia

Heute gab es um 18:30 Uhr Ortszeit Kiew in Sofia eine Demonstration gegen den Krieg in der Ukraine. Ich habe durch Zufall davon erfahren, weil auf dem Slaweijkow Platz, auf dem sich einst der beste Buchbasar der bulgarischen Hauptstadt befand, den man vor einigen Jahren platt gemacht hat, eine Anzeigetafel darüber informierte. Über den Platz musste ich, weil sich in einer Seitenstraße das Antiquariat von Konstantin befindet.

Von Passanten erfuhr ich, dass der Protest in Form eines Konzertes auf dem Battenberg Platz um die Ecke stattfindet. Der bulgarische Horo, also der traditionelle Ringtanz, war noch nicht das Konzert, aber immerhin kurz davor, und zwar an einer Ecke des Verteidigungsministeriums, in dem neulich noch der amerikanische Kriegsminister empfangen wurde.

Bulgarischer Horo vor dem Verteidigungsministerium

Das Friedenskonzert eine Ecke weiter war ein Rockkonzert, was eine gewisse Überraschung war, denn ich hatte mit Klassik gerechnet. Die Stimmung auf dem Battenberg Platz, auf dem sich vielleicht 4.000 Menschen versammelt hatten, war der Musik entsprechend irgendwas zwischen Woodstock und Pfingsttreffen.

Zwischen Woodstock und Pfingstreffen in Sofia

Wie auf Rockkonzerten üblich, wurde auch auf dem heute in Sofia gesoffen ohne Ende. Es war aber nicht einfach nur ein Saufen für Frieden, immerhin ging es um den Krieg in der Ukraine, sondern, wie in Bulgarien üblich, ein Rauchen und Saufen für den Weltfrieden.

Kämpfen mit „Corona“

Nimm zwei!

Einziger Maskenträger auf dem Konzert

Bulgarische Polizei wie gewohnt entspannt

Rauchen und Saufen für den Frieden

Für den Weltfrieden

Handy am Ohr und Bier im Arm

Der heutige Protest in Sofia war nicht der erste, auf dem ich war, sondern der vierte. Ich hatte über die drei davor hier, hier und hier berichtet. Da auf keinem Protest bisher Alkohol getrunken wurde, bin ich mir nicht sicher, welcher nun der richtige und welcher der falsche Protest war. Weil in Bulgarien alles immer umgedreht ist, komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass ich heute auf dem richtigen und in der Vergangenheit auf den falschen Protesten war.

Mein Weg zurück führte mich an dem Denkmal für die Sowjetische Armee vorbei, über das neulich sogar der Spiegel berichtet hat. Jemand hatte das Denkmal mit einem Grafitto versehen, und wenn auch nur für einen Tag, so ist es dem Spiegel nicht nur gelungen, ein Foto von dem Grafitto zu machen, sondern auch noch jemanden mit Stars&Stripes Mütze durchs Bild laufen zu lassen. Das ist man in Hamburg seinem Sponsor aus Amerika schuldig.

Heute gab es im Schatten des Denkmals für die Sowjetische Armee, um genau zu sein hinter ihm, Südamerikanische Tänze, bei denen weder geraucht noch getrunken, sondern einfach nur getanzt wurde. Erneut habe ich mich gefragt, ob ich ein weiteres Mal auf der falschen Veranstaltung bin. Aber tanzen, rauchen und saufen gleichzeitig geht glaube ich nicht – nicht mal in Bulgarien.

Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (92)

Taxi in den Straßen von Sofia

Gestern war ich seit Ewigkeiten mal wieder aus, und zwar mit meinem besten bulgarischen Freund Martin, der mich neulich seinen besten deutschen Freund genannt hat. Martin kennt sich aus in der Stadt, wir mussten also keinen Taxifahrer fragen, und wir sind auch nicht mit dem Taxi zum Club gefahren sondern gelaufen. Der Club war im Keller, so wie in den Neunzigern in Berlin die meisten Clubs in Kellern waren, und man musste klingeln, um hereinzukommen. Der Eintritt war frei.

Ich will jetzt aber nicht über den Club schreiben, wo noch geraucht wurde, sondern über unseren Heimweg berichten, den wir auch ohne Taxi schafften. Wir unterhielten uns auf deutsch und plötzlich wurden wir deswegen von einem bekannten Schauspieler angesprochen, der mit seinem Hund unterwegs war. Er hatte uns auf deutsch reden hören, und wir sollten jetzt sein deutsch korrigieren. Genau genommen war es ein Gedicht von E.T.A. Hoffmann, das er gelernt hat, weil es in einem Theaterstück vorkommt, in dem er mitspielt, und das im August in D aufgeführt werden soll.

Das Ganze so gegen halb Zwei auf einer Straße von Sofia. Im Gespräch mit dem Schauspieler, sein Name ist Leonid, stellte sich heraus, dass er der Freund einer Bekannten von mir ist, die mir neulich von ihm erzählt hatte. Mir fiel ein, was mir am Tag zuvor ein bulgarischer Violinist erzählt hatte. Er sagte ausdrücklich nicht: „Das ist Bulgarien!“, was die meisten Bulgaren machen, wenn einem etwas komisch vorkommt, was häufig passiert, sondern der Geiger sagte: „Bulgarien – Land der Überraschungen!“.

Dass in Bulgarien Taxis noch zum alltäglichen Straßenbild gehören, so wie es früher auch in Berlin war, ist dagegen keine Überraschung. Die illegale Konkurrenz Uber ist hier verboten, was aber schon wieder ein anderes Thema ist.

PS: Das Rezipieren des Gedichtes von E.T.A. Hoffmann war ziemlich gut, ein paar Kleinigkeiten kann der Schauspieler noch verbessern. Zur Sicherheit habe ich ihm meine Nummer gegeben, so dass er mich anrufen kann, wenn er Lust dazu hat.

Foto&Text TaxiBerlin