Bericht aus Bulgarien (43)

 
„ne glasuvam“ – „Ich wähle nicht“
Symbol der Nichtwähler – immerhin 60 Prozent

In Bulgarien glaubt niemand an die Corona-Geschichte, ich zumindest kenne keinen, der die Geschichte so glaubt, wie sie bei uns geglaubt wird. Mag sein, dass es in Sofia den einen oder anderen Bulgaren gibt und vermutlich auch im Ausland, wo sie gut beraten sind daran zu glauben, insbesondere in Deutschland. Hier auf meinem Dorf sagen sie unisono: „Ach, was die uns da erzählen. Wer soll denn das wieder glauben?“, und zwar instinktiv. Auch mein Bürgermeister, der die neue Regierung in Sofia und insbesondere deren Corona-Politik erst gar nicht ignoriert.

Gestern nun las ich einen sehr interessanten Artikel von Stefan Korinth mit dem Titel „Menschen kontrollieren“ auf Multipolar diesen Satz von Raymond Unger, der in der Heimat gerade sein „Impfbuch“ vorstellt: „Wer glaubt, den Wandel einer freien Gesellschaft zur Totalität aussitzen zu können und dabei sein kleines privates Glück zu bewahren, wird in Kürze in einer bargeldlosen, digitalen Impf- und Klimaschutz-Kontrollwelt aufwachen, die in alle privaten Bereiche vorgedrungen ist.“

Ich komme darauf, weil heute wieder Montag ist und in Deutschland seit einiger Zeit die Tradition der DDR-Montagsdemonstrationen fortgeführt wird, die heute Spaziergänge heißen. Auch sie sind verboten, so wie früher die Montagsdemonstrationen verboten waren. Offiziell weil die Menschen dort keine Masken tragen, obwohl die Ansteckung im Freien praktisch gegen Null geht, und darüber hinaus andernorts die Erkrankung bereits als Grippe eingestuft wurde. Trotzdem glaubt eine Mehrheit in Deutschland immer noch diese offizielle Begründung, hinterfragt sie nicht mehr, und bleibt deswegen lieber zu Hause in ihrem „kleinen privaten Glück“. Angeblich auch weil man müde ist in der Heimat, wie ich gestern in einem Gespräch am Telefon gesagt bekam.

Ich denke nicht, dass die Menschen in der Heimat müde sind, zumindest nicht müder als die Menschen in Bulgarien. Wenn, dann eher satt und betäubt. Vor allem weiß ich aber, dass es sich dabei um ein Phänomen handelt, das es bereits in der DDR gab. Orwell, obwohl er die DDR nicht kannte, offensichtlich gab es das Phänomen schon vorher, nennt es „schützende Dummheit“. „Schützende Dummheit“ ist für Orwell die Fähigkeit, geradezu instinktiv auf der Schwelle eines jeden riskanten Gedankens haltzumachen. Es schließt weiterhin die Gabe ein, einfachste Analogien nicht mehr zu begreifen, logische Fehler einfach zu übersehen und die simpelsten Argumente misszuverstehen und darüber hinaus von jedem Gedankengang, der in eine ketzerische Richtung führen könnte, gelangweilt und abgestoßen zu werden.

Diese „schützende Dummheit“ ist der Grund, warum man heute in der Heimat wieder auf die Straße gehen sollte. Ich würde es zumindest tun, denn gegen die „schützende Dummheit“ ist kein anderes Kraut gewachsen, und man kann sie auch nicht einfach aussitzen. Hier hat Raymond Unger Recht. Obwohl, manchmal überlege ich, ob es in Bulgarien nicht vielleicht doch möglich ist. Immerhin haben die Bulgaren auch die Türken „ausgesessen“. Gut, das hat 500 Jahre gedauert damals, und Deutsche, die nach Bulgarien kommen, haben heute noch mit den Folgen zu kämpfen, denn sie tun sich schwer zu verstehen, dass Ja Nein und Nein Ja bedeutet, womit die Bulgaren damals die Türken verwirrt und am Ende erfolgreich „ausgesessen“ haben sollen, so die Legende.

Das funktioniert aber nur, wenn klar ist, dass Ja Nein, Nein Ja, Schwarz Weiß und Weiß Schwarz ist. Also wenn klar ist, dass das Gegenteil von dem stimmt, was einem erzählt wird. Dabei geht es nicht nur darum, sich diese simple Umdrehung zu merken und anwenden zu können. So einfach ist es nicht, und es würde auch keine 500 Jahre funktionieren. Man muss instinktiv wissen, dass das, was einem erzählt wird, nicht stimmt, nicht stimmen kann. Das ist keine Frage von Klugheit, wie manch einer denken mag, sondern des Instinkts, wegen mir auch des gesunden Menschenverstandes, und der wurde den Menschen in Deutschland weitgehend abtrainiert, weswegen sie dort alles glauben müssen, was ihnen erzählt wird, wobei ihnen die „schützende Dummheit“ hilft. Und gegen die sollte man, wie gesagt, auch heute wieder auf die Straße, auch weil man in Deutschland nichts aussitzen kann wie in Bulgarien.

PS: Auch in Bulgarien ist heute „Valentinstag“, wozu der Bulgare „Ja, Ja“ sagt, was aber „Nein, Nein“ meint. Denn für den Bulgaren ist heute an erster Stelle „Trifon-Saresan“ – der Tag des Weines und des Trinkens allgemein. Die Bulgaren werden heute also auf jeden Fall auf der Straße sein. Landesweit finden Weinverkostungen statt und im Nachbarstädtchen beispielsweise wird der beste Wein mit immerhin 200 Lewa (100 Euro) prämiert. Vor allem wird heute aber noch mehr als sonst schon getrunken. Diese Zeilen sind aber vollkommen nüchtern verfasst, was nicht nur daran liegt, dass es noch früh am Morgen ist. Als trockener Alkoholiker werde ich selbst am „Tag des Trinkens“ die Finger vom Teufel Alkohol lassen. Auch in Sachen Alkohol trinken lässt mich der trinkfreudige Bulgare so sein, wie ich bin – meistens zumindest.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (42)

Erste Frühlingsboten in Bulgarien

Im Laufe der letzten Woche habe ich einige Freunde und Bekannte per e-mail auf die Möglichkeit einer Spende für mich und meine Arbeit hingewiesen. Der Anlass war, dass neulich sogar der Spiegel aus einem Text von mir zitiert hat, allerdings zum Gotteslohn. Auch weil denen in Hamburg offenbar egal ist, wie ich in den Schluchten des Balkans über die Runden komme, habe ich mich umso mehr über die sogleich einsetzenden Spenden gefreut, für die ich mich auch auf diesem Weg noch einmal bedanken möchte.

Beispielsweise von einer Krankenschwesterkollegin, die ich von meiner Reha vor einem Jahr in Berlin kenne, weil sie wie ich ein trockener Alkoholiker ist. Zumindest hoffe ich, dass sie wie ich noch trocken ist. Eine weitere Spende kam von einer Eselnärrin aus dem Havelland, die selbst nur eine Rente von 600 Euro hat, wie sie schreibt, aber unbedingt etwas geben wollte, weil „jeder Euro zählt“, wie sie sagt. Recht hat sie! Eine größere Spende kam von einem befreundeten Berliner Autor und bildenden Künstler. Weitere Freunde und Bekannte haben versprochen zu spenden, darunter meine ehemalige Bulgaristik-Dozentin von der Humboldt-Uni, die als Kind, sie selbst ist Deutsche, einige Zeit in Bulgarien gelebt hat, und befreundete Heilpraktiker von den Heilpraktikertreffen, die ich letztes Jahr besucht habe.

Manche haben sich auch gemeldet, um mich wissen zu lassen, dass sie nicht spenden wollen oder können. Unter ihnen auch ein Bekannter, der sich vor nicht allzu langer Zeit noch nach meinen Finanzen erkundigt hatte, wohl weil er damals noch zu den Corona-Profiteuren gehörte, bei dem aber jetzt auch die Mittel knapp geworden sind. Vermutlich trifft dies auch auf viele zu, die sich gar nicht gemeldet haben. Oder sie mögen meine Arbeit nicht, das kann natürlich auch sein.

Zwei Bekannte haben sich bei mir gemeldet und unabhängig voneinander ausschließlich über ihre eigenen Probleme geschrieben und dabei meine Bitte mit keiner Silbe erwähnt. So etwas gibt es auch. Eine Bekannte fragte mich ganz und gar, ob ich immer noch in Bulgarien „abhocken“ würde? Sie sei „über das Desaster in B bestens informiert“. Vermutlich meinte sie mit B Berlin. Es kann nur so sein, denn wenn jemand über das Desaster in BG bestens informiert ist, dann bin ich das.

Für mich war das direkte Ansprechen von Freunden und Bekannten auch eine Übung. Eine Übung darin, Menschen um Hilfe zu bitten. Ich bin nicht der einzige, dem dies schwer fällt. Das weiß ich aus zahlreichen Gesprächen bei mir im Taxi. Auch wenn wie gesagt viele, die ich angeschrieben habe, nicht reagiert haben, war es für mich eine wichtige Erfahrung, die ich jedem, der in einer ähnlichen Situation ist, nur empfehlen kann. Denn es stimmt wirklich: Es wird einem gegeben. Man muss nur darum Bitten.

Auf die Idee haben mich auch meine Sponsoren gebracht, die ich seit meinem Artikel „Bulgarien – die große Freiheit“ in Deutschland habe. Einer von ihnen spendet nicht nur für mich regelmäßig, sondern unter anderem auch für Rubikon, die Nachdenkseiten und für Boris Reitschuster. Alleine der Umstand, in einem Atemzug mit dem vielleicht einzig verbliebenen investigativen Journalisten, den letzten seiner Art sozusagen, genannt zu werden, der aktuell auch dem Balkan Berlin den Vorzug gibt, hat mir Mut gemacht.

Ein anderer Sponsor, der mich wie ein großer Bruder regelmäßig fragt, ob ich irgendetwas brauche, hat das gerade erschienene Buch „Der Kult“ von dem von mir geschätzten Gunnar Kaiser für mich auf den Weg gebracht, worüber ich mich sehr freue. Ich bin schon gespannt, wann es ankommt, und auch die Spiegel Print-Ausgabe mit meinem Text, den ein anderer Freund in D zeitgleich für mich abgeschickt hat. Bei ihm hatte ich nur angefragt, ob er mal für mich in den Spiegel schauen kann. Ein Taxikollege hat mir den betreffenden Artikel vom 30.12.2021 mit dem schönen, allerdings eher Bild-Niveau-Titel „Zuflucht Corona Beach“ mittlerweile als PDF geschickt. Es stimmt wirklich. Der Spiegel-„Journalist“ hat aus meinem Text zitiert, mich aber nicht als Autor genannt.

Gestern nun habe ich einen Text beendet, in dem ich versuche das aktuelle Geschehen zu verstehen und in einen größeren zeitlichen und historischen Kontext einzuordnen, und den ich in einer Art Notwehr gegen alle Falsch- und Nichtinformationen des Informationskrieges, in dem wir uns nicht erst seit dem angeblichen Krieg gegen Corona befinden, geschrieben habe.

Mein Text endet mit einem aktuellen Zitat von Michel Houellebecq aus „Was tun?“ von David Engels, in dem er sich fragt, ob Nietzsche, von dem Houellebecq alles andere als ein Fan ist – eher das Gegenteil, würde er heute leben, vielleicht der erste wäre, der eine Erneuerung des Katholizismus wünschen würde, obwohl er seinerzeit das Christentum hartnäckig als eine „Religion der Schwachen“ bekämpft hat. Denn, so Houellebecq weiter, Nietzsche würde heute einsehen, dass die ganze Kraft Europas in jener „Religion der Schwachen“ begründet war, und dass Europa ohne sie verloren ist.

Das Zitat ist wichtig für mich, weil das, was uns als „Krieg gegen Corona“ verkauft wird, in Wirklichkeit ein Glaubenskrieg ist wie einst die Reformation. Was damals der Ablass war, ist heute die Impfung. Wer sie über sich ergehen lässt, dem wird ewiges Leben versprochen. Derjenige, der sich dagegen entscheidet, ist des Todes.

Ich persönlich führe übrigens keinen Krieg. Ich halte es mit Corona, wie Muhammad Ali es mit dem Vietnamesen gehalten hat. Der habe ihm nichts getan, weswegen er nicht einsah, gegen ihn in den Krieg zu ziehen. Ali ging damals ins Gefängnis dafür, dass er nicht gegen den Vietnamesen kämpfen wollte. 

Vor allem geht es, wie in jedem Krieg, auch in diesem aber um’s Geld. Zum ersten Mal überhaupt ist eine einzelne Person innerhalb nur eines Jahres um mehr als 100 Milliarden Dollar reicher geworden. Aber nicht nur für Elon Musk ist Corona eine gute Zeit. Die Milliardäre der Welt, sie haben uns alle als Sponsoren, haben 3,9 Billionen Dollar hinzugewonnen in 2020. Auch wenn viele von ihnen glauben, sie seien Wissenschaftler, so sind sie letztendlich doch nur den Mammon anbetende Materialisten. Ihnen gilt meine Sorge, ihrem Seelenheil, aber vor allem ihrem Glauben.

Und so komme ich am Ende meines Textes, für den ich noch eine Möglichkeit der Veröffentlichung suche, auf Houellebecq und sein Nietzsche-Zitat. Wenn jemand eine Idee hat, wo er erscheinen könnte, oder wer sich den kompletten Text einmal ansehen oder besser studieren möchte, kann mich gerne kontaktieren. Auch hier gilt: Wer fragt, bekommt eine Antwort. Und wer bittet, dem wird gegeben. Meistens zumindest.

Foto&Text TaxiBerlin 

Bericht aus Bulgarien (41)

 
Auf den Trümmern des Alten etwas Neues aufbauen
 – leichter gesagt als getan

Nach meinem ersten Artikel „Bulgarien – die große Freiheit“ auf Multipolar haben sich einige Menschen aus Deutschland und auch aus Österreich bei mir gemeldet, mit denen ich bis heute in einem anregenden Austausch bin. Ein Paar aus Norddeutschland möchte im Sommer kommen und schauen, ob meine Ecke etwas für sie ist. Der Inhaber einer Softwarefirma im Hessischen hat Pläne, eine weitere Firma in den Rhodopen nahe der Grenze zu Griechenland aufzumachen und fragt, ob ich ihn diesbezüglich mit Informationen versorgen kann, was ich gerne mache. Eine Frau, die schon einmal in Bulgarien gelebt hat und auch etwas Bulgarisch spricht, würde gerne wiederkommen, hat aber eine minderjährige Tochter, die sie zusammen mit ihrem geschiedenen Mann erzieht, was die Sache erschwert oder gar verunmöglicht. Ein Deutscher in meinem Alter hat sich aktuell von Ungarn aus, wo er überwintert hat, auf dem Landweg nach Bulgarien gemacht, um sich in meiner Region, der ärmsten nicht nur Bulgariens, sondern des gesamten Kontinents, nach einem neuen zu Hause umzusehen. Einige von meinen neuen Bekannten schicken Geld und Bücher, worüber ich mich ganz besonders freue, und wozu ich morgen mehr schreiben werde, auch weil ich damit jetzt Sponsoren habe, die ich bei den Anonymen Alkoholikern, die für ihre Sponsoren bekannt sind, nicht gehabt habe. So weit für den Moment zu meinen neuen Bekanntschaften in der Heimat, die ich selbst in den Schluchten des Balkans machen durfte, und denen es in Deutschland trotz des dort ausgebrochenen Wahnsinns den Umständen entsprechend gut geht.

Im Gegensatz zu alten Freunden und Bekannten in der Heimat, mit denen ich auch in Kontakt bin, und denen es allesamt eher schlecht geht. Die Freundin eines Taxikollegen in Berlin hat sich ganz aktuell wegen Corona von ihm getrennt, nachdem sie sich seit zwei Jahren wegen dem Thema in den Haaren hatten. Auch die Freundin eines anderen Freundes, mit dem ich die Leidenschaft für Bücher teile, hat sich getrennt, und zwar aus dem Nichts heraus und per SMS, weil ihre Beziehung toxisch sei, und ihn auch auf allen Kanälen blockiert, wie er schreibt. Einem Bekannten und Musiker mit einem Alkoholproblem geht es auch nicht besser. Er schreibt, dass er seit längerem an Depressionen und Panikattacken leide und deswegen eigentlich zum Arzt gehen müsste, aber bei einer Depression der Antrieb dazu fehlen würde. Weiter lässt er mich wissen, dass seine Band sich auch fast aufgelöst hätte, nachdem Martin bei einer Probe total ausgerastet ist und rumgeschrien hat. Von Martin, der in Wirklichkeit nicht Martin heißt, weiß ich, dass er Suchtkrank ist, mit der Corona-Situation nicht klarkommt und nicht zum ersten Mal bei einer Probe ausgeflippt ist.

Ein anderer Berliner Bekannter schreibt nun: „Mir geht es momentan nicht so gut, dies hat vielerlei Ursachen, aber per mail läßt sich das nicht so leicht darstellen. Ich freue mich vor allen Dingen über die Einladung nach Bulgarien, welche ich unbedingt wahrnehmen werde, vielleicht sogar in gar nicht allzulanger Zukunft.“

Nach über acht Monaten in Bulgarien kann ich die Schluchten des Balkans zum Runterkommen und vor allem, um aus dem Angst- und Panikmodus herauszukommen, nur empfehlen. Ich weiß aber, auch aus eigener Erfahrung, dass sich manch Zustand mangels Ablenkung wie beispielsweise Alkohol, Nikotin und Internet erst einmal verschlimmern kann. Trotzdem freue ich mich über jeden Besuch, sage aber gleich dazu, dass ich kein Therapeut bin, sondern Krankenpfleger und Taxifahrer – aber immerhin.

PS: Sehe gerade den überdimensionierten Tisch, an den Macron seinen russischen Amtskollegen Putin, den er zu sich eingeladen hatte, ganz weit weg von sich Platz nehmen lässt, als hätte er Krätze oder etwas ähnlich Schlimmes, und muss an „Der große Diktator“ und das von „Heil“ Hinkel organisierte Treffen mit Mussolini denken.

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Bericht aus Bulgarien (40)

Bald auch für Nikolai?

Nicht nur in Kanada gibt es Trucker. Nein, auch in Bulgarien. Und sogar hier in meiner Gegend, die nicht nur die ärmste des Landes ist, sondern auch die ärmsten des gesamten Kontinents. Der LKW-Fahrer aus meinem Dorf heißt Nikolai, hat immer gute Laune und ist nicht geimpft. Ob das eine mit dem anderen zu tun hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls darf Nikolai immer noch durch halb Europa fahren mit seinem Truck und sogar nach Deutschland. Dort kauft Nikolai regelmäßig deutsche Schweinehälften für seine Landsleute, die sich jetzt auch nicht mehr aufs Schweinezüchten verstehen. Er selbst isst Wild, denn Nikolai ist auch Jäger. Wahrscheinlich macht man bald Jagd auf Nikolai, und zwar in Deutschland, ich habe ihn auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht. Das war nicht nötig, denn Nikolai kennt die gerade etwas überstrapazierte deutsche Seele gut, auch wenn er nicht unsere Sprache spricht. Eine kugelsichere Weste will sich Nikolai deswegen aber nicht zulegen, wenn er als nicht Geimpfter demnächst wieder nach Deutschland fährt. Die sind da alle so satt, sagt er, die haben nicht nur zu viele Schweinehälften, sondern können auch kein Gewehr mehr gerade halten, die Deutschen, da ist sich Nikolai sicher und lacht dabei. Was soll man da noch sagen? Ich hatte ihn gewarnt.

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Bericht aus Bulgarien (39)

Aus dem Bordmagazin von „Bulgaria Air“, Ausgabe 10/2021

Mittlerweile soll es wieder möglich sein, auch als Deutscher, der nicht geimpft ist, nach Bulgarien zu kommen. Ich sage mit Absicht nicht geimpft anstelle von ungeimpft, weil die Vorsilbe un- generell nichts Gutes (sondern Un-Gutes) verheißt. Neulich hat sich ein nicht geimpfter Landsmann, der bisher in Ungarn überwintert hat so wie ich in Bulgarien, und den ich seit meinem ersten Beitrag „Bulgarien – die große Freiheit“ auf Multipolar kenne, erneut bei mir gemeldet, um mir mitzuteilen, dass er sich jetzt auf den Weg macht, und zwar auf den Landweg, weil er sich in meiner Gegend nach einem neuen zuhause umsehen will. Wer nun aus dem weiter entfernten Deutschland anreisen möchte, kann dies auch mit dem Flieger tun. Ich empfehle dafür die bulgarische Fluggesellschaft „Bulgaria Air“. Erst einmal weil „Bulgaria Air“ gutes Personal hat, insbesondere die Piloten kann ich nur empfehlen, und dann aber auch wegen dem extrem informativen Bordmagazin „Bulgaria On Air“, aus dessen Ausgabe 10/2021 obiger Artikel ist. Konstantin Tomov berichtet dort in seinem Beitrag „The Virus That Killed Science“ unter anderem über Professor Petar Atanassov vom Erste Hilfe Krankenhaus „Pirogov“ in Sofia, eine Art bulgarischer „Charité“, und wo ich vor Jahren selbst am Blinddarm operiert wurde, der 3.000 mit Corona infizierte Patienten untersucht hat, von denen sich keiner ein zweites Mal mit dem Virus angesteckt hat. Dass der „Impfstatus“ ausgerechnet von diesem Personenkreis der Genesenden in Deutschland neulich auf drei Monate halbiert wurde, zumindest so lange man nicht im dortigen Parlament sitzt, scheint mir ein solcher in der Überschrift beschriebener Fall zu sein, wo ein Virus die Wissenschaft tötet. Für manch einen deutschen „Gutdenker“ ist das möglicherweise ein ziemlicher Schock, weswegen er besser nicht „Bulgaria Air“ bucht. Auch um Platz für weitere Landsleute zu lassen, die ihre alte Heimat, wie sie mich in e-mails wissen ließen, verlassen wollen, weil dort die Wissenschaft tot und der gesunden Menschenverstand abhanden gekommen ist. Wie gesagt, man soll seit Neuestem wieder nur mit einem Test nach „Bulgarien – die große Freiheit“ kommen können.

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Bericht aus Bulgarien (37)

Korrektes Taxi

Ich kann sofort anfangen, haben sie gesagt. Fahrgäste gäbe es jede Menge, nur kein Geld, oder so gut wie keins. Trotzdem denke ich über das Angebot nach, wieder Taxi zu fahren, denn „nicht alles ist Geld“, wie man in Bulgarien sagt. Mit dem „Korrekt“ Taxi wäre ich immer der erste am Taxistand, das haben mir die netten bulgarischen Kollegen vor Ort versprochen. Also da, wo es den Kaffeeautomaten gibt, fürs Trinkgeld. Das mit den Kaffeeautomaten ist wirklich gut organisiert, die meisten funktionieren sogar, wo sonst im Land nichts funktioniert. – Immerhin, die Kaffeeautomaten funktionieren. Nur, das mit dem Dach im Hintergrund, das gefällt mir nicht. Das ist, glaube ich, der Haken an der Geschichte mit dem Taxifahren in Bulgarien. Ein kleines Land sehr am Rand, in dem man Achtsamkeit lernen kann und auch unbedingt sollte, will man länger hier bleiben.

Nette Kollegen
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Bericht aus Bulgarien (38)

Reden hilft, damit aus Angst nicht Aggression wird
Geschäft in Sofia

Vor wenigen Tagen hat mich ein guter, allerdings ungeimpfter Freund aus Sofia angerufen, den ich im Sommer letzten Jahres auf der Straße in der bulgarischen Hauptstadt kennengelernt habe. Er erzählte mir unter anderem von seiner geimpften Schwester, die gemeinsam mit ihrem bulgarischen Mann seit einiger Zeit in Chemnitz lebt und arbeitet, nun für einige Tage nach Bulgarien gekommen war, und mit der er eine gemeinsame Wohnung im Stadtteil Geo Milev der bulgarischen Hauptstadt bewohnt. Diesmal war die Schwester aber die meiste Zeit bei den Eltern gewesen, die außerhalb der Stadt ein Häuschen haben. Einmal sei die Schwester aber dann doch in die gemeinsame Wohnung nach Sofia gekommen, besser geschlichen, und habe sich, ohne dass sie in das Zimmer des Bruder gegangen und mit ihm gesprochen hätte, etwas aus ihrem Zimmer geholt, um sich danach wieder aus der Wohnung zu schleichen. Am Ende hat mein Freund seine Schwester während ihres Aufenthaltes in Bulgarien nicht einmal gesehen, geschweige denn gesprochen.

Auch in Bulgarien gibt es also dieses Phänomen, dass die Corona-Geschichte nicht nur Freunde, sondern ganze Familien auseinanderbringt. In der Regel sind es aber genau solche Geschichten wie die meines Freundes, wo der andere in Deutschland oder in einem anderen Land im Westen lebt und arbeitet. Von den 20- bis 45-jährigen Bulgaren arbeitet jeder zweite im Ausland. Ein Umstand, den auch Sarah Wagenknecht in ihrem letzten Buch „Die Selbstgerechten“ erwähnt. Viele Bulgaren arbeiten auch in Großbritannien, aber eine solche krasse Geschichte wie die meines Freunds, dessen Schwester wie gesagt in Deutschland lebt, habe ich da noch nicht gehört, so dass ich zu dem Schluss kommen, dass es sich dabei vor allem um ein sehr deutsches Phänomen handelt. Dieses penetrante Besserwissen, durch das sich bereits vor Jahren der Besser-Wessi ausgezeichnet hat, kombiniert mit dem Zwang alles kontrollieren zu wollen, macht den Deutschen so gefährlich insbesondere wieder in diesen Tagen. Der Deutsche ist aber nicht an sich böse, davon bin ich fest überzeugt.

Meine Partnerin aus Kalifornien und Taxi-Kollegin aus New York und ich hatten und haben wie zu vielen anderen Themen auch zu Corona nicht immer dieselbe Meinung. Für uns ist das nichts Neues, sondern Normalität, Alltag, wobei man dazu sagen muss, dass je länger die Corona-Geschichte nun dauert, unsere Einschätzungen dazu sich immer mehr annähern. Bei vielen, insbesondere in Deutschland, scheint das anders zu sein. Bei manch einem Freund bzw. Bekannten in der Heimat habe ich gar den Eindruck, sie wünschten sich regelrecht, dass auch ich mich deswegen mit meiner Frau streiten oder gar auseinandergehen würde. Ich kann sie beruhigen, diese Gefahr besteht nicht. Ganz im Gegenteil, die Corona-Geschichte hat uns noch einmal näher gebracht als wir es zuvor schon waren, und zwar durch viele Gespräche. Auch jetzt telefonieren wir praktisch täglich und ausgiebig miteinander. Sie in Berlin, ich in Bulgarien.

Bei unseren Telefonaten geht es aber nicht darum, den anderen von irgendetwas zu überzeugen zu wollen, weil man denkt, man wüsste es besser, wie in Deutschland gerade wieder üblich. Nein, darum geht es nicht. Sondern es geht vor allem darum, dem anderen zuzuhören und zu verstehen, warum er so tickt, wie er eben tickt. Also genau das, was ich viele Jahre lang in meinem Taxi, in dem man zwar nicht telefonieren, dafür aber alles sagen durfte – sogar die Wahrheit, praktiziert habe. Am Ende kommen wir beide dabei immer wieder auf das Thema Angst, also nicht DIE Wissenschaft und auch keine angeblichen Fakten, die uns nun schon seit zwei Jahren Tag für Tag aufs Neue gemacht wird, und die uns so ticken lässt, wie wir eben ticken. Unsere Angst, wobei die vor Corona eine immer untergeordnete Rolle in unseren Gesprächen spielt, überhaupt einmal aussprechen zu können, und sie nicht gleich bewerten oder gar unterdrücken zu müssen, leider der Normalfall insbesondere in Deutschland, hat etwas sehr befreiendes. Das ist zumindest unsere Erfahrung. Um sie machen zu können, muss man aber miteinander sprechen, dem anderen zuhören können und verstehen wollen.

PS: Fällt mir gerade noch ein, dass Deutschland auf Bulgarisch „Germanija“ heißt. Die besondere Besessenheit des Deutschen, seine krankhafte Manie, ist hier also schon in seinem Namen enthalten: „Ger-Manija“ = Die Deutsche Manie.

Foto&Text TaxiBerlin