Nicht nur Strom und Gas sind teurer geworden in Bulgarien, sondern auch Butter. Da man bulgarische Butter nicht essen kann, sie müsste eigentlich bulgarische Margarine genannt werden, greifen auch Bulgaren schon seit langem auf deutsche Butter zurück. Hier greifen sie aktuell gerne bei Angeboten zu, und so auch ich. Bei Billa, eine im Land weit verbreitete Supermarktkette aus Österreich, gibt es das 250 Gramm Stück Deutsche Markenbutter, in Deutschland das gewöhnlichste vom gewöhnlichen, gerade für „nur“ 5,29 Lewa, was 2,65 Euro sind. Der normale Preis, und das nicht nur bei Billa sondern landesweit, sind um die acht Lewa, also vier Euro. Butter aus Deutschland ist in Bulgarien die bekannteste. Es gibt auch Butter aus Belgien und Frankreich, aber keine aus Irland. Wahrscheinlich weil sie niemand mehr bezahlen kann hier. Ich selbst habe meinen Butterverbrauch auf ein Minimum heruntergefahren. Ein Stück reicht bei mir ungefähr einen Monat. Ich brauche Butter eigentlich nur zum Backen. Heute backe ich einen Kuchen für meine Nachbarin Baba Bore, um mich damit für den eigelegten Kohl und das selbstgemachte Paprika-Pulver zu bedanken, das sie mir neulich gegeben hat.
Bulgarien ist der ideale Ort um Dystopien jeglicher Art zu drehen, und das schon seit langem. Gut, gerade läuft immer noch diese tägliche Mischung aus „Idiocracy“ und „Soylent Green“, das ganz zufällig in diesem Jahr, also genau in 2022 in New York City spielt, auch in Bulgarien. Aber das bedeutet nicht, dass es in Zukunft keiner Dystopien mehr bedarf, im Gegenteil. In Zukunft werden eher noch krassere Dystopien gebraucht, da bin ich mir sicher. Dystopien mit verfallenen Häusern, ausgestorbenen Städten und verlassenen Bahnhöfen, wie hier in Bulgarien. Auf einem solchen verlassenen Bahnhof, von dem aus keine Züge mehr fahren, noch nicht mal ins nirgendwo, und auf dem es auch keine Passagiere mehr gibt, wacht alleine ein Hund, wenngleich kein deutscher Schäferhund, und schaut nach dem Rechten, und es gibt einen 24h Kaffee-Automat, der sogar noch funktioniert, was nicht selbstverständlich ist in dem kleinen Land sehr am Rand. Auch ans Catering für die Filmcrew ist also bereits gedacht in Bulgarien. Das Ganze gibt es praktisch umsonst. Nur ich als Location-Scout müsste natürlich bezahlt werden, das ist klar. Aber ich nehme bulgarischen Tarif, das heißt denselben Betrag, der in Deutschland aufgerufen wird für Fixer vor Ort, nur in Lewa. Dazu muss man wissen, dass der bulgarische Lewa 1:1 den Wert der DM besitzt. Jetzt muss man nur noch wissen, wie die Deutsche Mark damals in Euro umgetauscht wurde. Aber das ist nicht schwer herauszufinden. Mittlerweile ist es auch wieder möglich nach Bulgarien zu kommen, selbst als Deutscher, obwohl Deutschland für Bulgarien immer noch dunkelrote Zone ist, was vermutlich mehr mit der Personalie „Es geht um Leben und Tod“ Lauterbach zu tun hat und weniger mit Corona. Die ersten Deutschen sollen sich bereits auf den Weg ins Gelobte Land „Bulgaria“ gemacht haben. Ob eventuell auch eine Filmcrew darunter ist, das entzieht sich meiner Kenntnis.
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„Sehr geehrte Spiegel-Redaktion“, so beginnt meine gestrige e-mail mit dem Betreff „Urheberschaft“ an die Spiegel-Redaktion in Hamburg, in der ich mich dafür bedanke, dass der Spiegel Auszüge aus einem Text von mir in dem Artikel „Flucht vor Coronamaßnahmen – So leben deutsche Impfgegner am Schwarzen Meer“ von Walter Mayr am 29. Dezember auf Spiegel-Online veröffentlicht hat. Weiter schreibe ich, dass ich mich sehr freuen würde, wenn der Spiegel meinen vollständigen Text veröffentlichen könnte, der am 18. Dezember auf Multipolar unter dem Titel „Bulgarien – die große Freiheit“ erschienen ist, also nur wenige Tage vor der Spiegel-Veröffentlichung, damit auch der Spiegel-Leser die Möglichkeit hat, meinen kompletten Text zu lesen. Außerdem bitte ich den Spiegel, möglichst zeitnah in dem online erschienenen Artikel mich als den Urheber des Textes und Multipolar als den Ort seiner Erstveröffentlichung anzugeben.
Was ich vergessen habe, ist, den Spiegel auf den falschen Gebrauch der Sprache aufmerksam zu machen. Denn nach der Definition des Spiegels, ist auch der amtierende Ministerpräsident Bulgariens Kiril Petkow ein „Impfgegner“, wenn er seinen Landsleuten verspricht, dass es keine Impfpflicht geben wird in Bulgarien, solange er Ministerpräsident ist. Der richtige Begriff ist „Impfpflichtgegner“ – „Impfgegner“ ist ein Fall fürs Falschwörterbuch. Was mir auch erst im Nachhinein aufgefallen ist, ist, dass der Artikel von Walter Mayr auch in der Printausgabe 1/2022 des Spiegels mit dem Titel „Der Zauber des Neuanfangs“ erschienen ist. Sogleich rufe ich einen Freund in der Heimat an, um mir diesen Zauber in gedruckter Form zu sichern. Der Freund ist ein ehemaliger Stammfahrgast und regelmäßiger Leser meines Blogs, der mir zu meinem Erscheinen im Spiegel mit den Worten „Du hast es also geschafft!“ gratuliert. Er rät mir weiterhin, während er die Ausgabe 1/2022 des Spiegels mit einem Mausklick für mich bestellt, den Spiegel-Artikel mit meinem Text zu laminieren und im Falle einer Rückkehr nach Deutschland als eine Art Legitimation permanent bei mir zu führen.
Was den vom Spiegel erwähnten Neuanfang angeht, da meint mein Freund, dass so einige unserer Landsleute noch nicht mitbekommen haben, dass der Krieg vorbei ist. Das sei aber normal, klärt mein ehemaliger Stammfahrgast, ein gebürtiger Berliner, mich auf, das wäre nach jedem Krieg so gewesen. So sind zum Beispiel in Kambodscha noch Jahre nach dem Ende der Herrschaft der Roten Khmer Leute aus dem Dschungel gekommen, die nicht wussten, dass der Krieg schon lange vorbei ist. In Bulgarien ist man da schon einen Schritt weiter, denn hier weiß die Regierung jetzt schon, dass der Grüne Pass nur bis nächstes Jahr gelten wird. Aber warum ihn dann erst überhaupt einführen, fragt nicht zu Unrecht die Opposition. Mit dem Geld könnte man jetzt schon ein paar Landsleuten das tägliche Überleben sichern. Und darum geht es doch auch in diesem Krieg: Menschenleben retten, auch wenn es nur lumpige Bulgarien sind.
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Vorgestern ist eine Frau von dreißig Jahren in der Notaufnahme der nächstgrößeren Stadt verstorben, dessen Einwohner ich vor vielen Jahren einmal war. Jemand hat mit seinem Smartphone gefilmt, wie sie im Wartebereich zusammenbricht, und diese Bilder ins Internet gestellt. Bilder, die ich bisher nur aus den USA kannte. Jetzt also auch Bulgarien. Die Tragödie hat für ziemliches Aufsehen im Land gesorgt. Gestern gab es eine Demonstration von Einwohnern der Stadt vor dem Krankenhaus. Die Opposition im Bulgarischen Parlament in Sofia fordert, der Gesundheitsminister möge zurücktreten. In der Notaufnahme hat eine Untersuchung des Vorfalls begonnen.
Anfangs wollte ich nicht über die Geschichte schreiben. Ich wollte deswegen nicht darüber schreiben, weil ich mir die Reaktionen in Deutschland vorgestellt habe: Was sind das doch für Barbaren, diese Bulgaren, und so weiter. Ich erwähne jetzt nicht noch einmal, dass viele Bulgaren, von den 20- bis 45-jährigen ist es jeder zweite, im Ausland arbeiten und darunter auch einige Krankenschwestern. (In Deutschland gehören sie vermutlich zu dem Pflegepersonal, das sich hat impfen lassen, aber weniger, weil man von der Impfung überzeugt ist, sondern an erster Stelle, um auch weiterhin ein sicheres und vor allem besseres Einkommen zu haben als in Bulgarien, wo oft die Familie noch unterstützt, ihr Überleben gesichert wird.) Ich persönlich fühle mich, und das sage ich auch als examinierter Krankenpfleger, was die medizinische Versorgung angeht, spätestens seit Corona in Bulgarien besser aufgehoben als in Deutschland, wo viele Ärzte Ungeimpfte nicht mehr behandeln.
Ich komme darauf, weil bisher nicht bekannt ist, ob die Frau, die in der Notaufnahme der nächstgrößeren Stadt verstorben ist, geimpft oder ungeimpft war. Die Frage, die in Deutschland vermutlich als erstes aufgetaucht wäre, wurde hier nicht einmal gestellt. Da in Bulgarien gerade einmal 30 Prozent geimpft sind, gehe ich davon aus, dass sie wahrscheinlich eher ungeimpft war. In Deutschland wäre vermutlich das der Skandal: Wie kann eine Umgeimpfte es wagen, überhaupt eine Notaufnahme zu betreten! Und das völlig unabhängig davon, ob sie an Corona erkrankt ist oder nicht. Und genau dieses deutsche Denken ist für mich wiederum krank. Mindestens genauso krank wie die Frau, die in der Notaufnahme verstorben ist, wenn nicht gar kranker. Der Unterschied ist, die Frau hat gemerkt, dass sie krank ist. Krankes Denken verursacht keine Schmerzen.
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Nachdem meine Nachbarin Baba Bore mich mehrfach gebeten hatte, doch mal wieder bei ihr vorbeizuschauen, habe ich sie gestern nun endlich besucht. Dass ich mich mit Besuchen bei ihr schwer tue, liegt daran, dass sie mir immer so viele Sachen mitgibt, dass es mir danach immer peinlich war, bei ihr gewesen zu sein. Gestern hatte sie eingelegten Kohl aus ihrem Garten für mich, dazu Paprika-Pulver aus eigener Herstellung. In Bulgarien wird viel mehr Kohl gegessen als in Deutschland, beispielsweise mit Schweinefleisch, insbesondere im Winter. Eigentlich müssten die Bulgaren „The Krauts“ genannt werden und nicht die Deutschen. Damit das „swinsko s sele“, also das Schweinefleisch mit Kohl, schön rot wird, dazu braucht man Paprika, auf Bulgarisch „tsheren piper“ (Roter Pfeffer) – besser zu viel als zu wenig. Ich selbst habe auch Kohl eingelegt. Da ich aber zu viel Salz rangemacht habe, ist er zu salzig geworden. Außerdem habe ich ein verkehrtes Gefäß genommen. Ich verfüge aber auch über kein anderes. Verkehrt deswegen, weil die Öffnung zu klein ist, weswegen ich den Kohl kleinmachen musste, damit er reinpasst, was man aber nicht macht in Bulgarien. Den Kohl hat mir Baba Bore zu Sicherheit, damit nichts rausläuft, in zwei Plastiktüten gepackt, wovon eine, wie mir später aufgefallen ist, die Nationalfarben Bulgariens aufweist: Weiß, Grün und Rot. Zu Baba Bores und zu meiner Entschuldigung kann ich sagen, dass das purer Zufall ist, zumindest von unserer Seite. Wir, also Baba Bore und ich, sind weder Nazis, noch Aluhüte und auch keine Rechten, Schwurbler, Leugner, Nationalisten oder gar Ultranationalisten und was es da noch so alles gibt. Ich betone das, weil ich auf deutsch und für ein deutsches Publikum schreibe, und weil es diese Begriffe, auch das erwähnte ich bereits mehrfach, zum Glück in der bulgarischen Sprache nicht gibt, weswegen ich mir hier, schriebe ich auf bulgarisch, diesen Hinweis sparen könnte.
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Nicht nur in Hamburg werde ich publiziert, sondern auch in Wien. Dort ganz legal und sogar mit einem Foto von mir. Mein Text auf der Wiener „Laienbühne“ trägt den Titel „Das Manuskript“ und wurde heute zusammen mit meinem Beitrag „TaxiBerlin aus SpiegelOnline“ veröffentlicht. Ich selbst bin in Bulgarien und sitze gerade in der Kneipe von meinem Kmet, so heißt Bürgermeister auf Bulgarisch, wo wir gemeinsam unerfreuliche Nachrichten schauen. Den ersten Gemeinden im Land wurde der Strom abgedreht, weil sie ihn nicht bezahlen können. Unser Ort gehört nicht dazu, weswegen hier noch der Fernseher läuft. Auch warm ist ist es in der Kneipe von meinem Kmet, dem Bürgermeister, was keine Selbstverständlichkeit ist in Bulgarien. Die Gaspreise schießen durch die Decke und demnächst wird man wohl manch einem den Gashahn abdrehen. Genug Material also für einen neuen Text, für ein neues „Manuskript“.
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