Ganz vergessen

Ganz vergessen zu erwähnen, dass sich obiger Spruch auf der Speisekarte eines zünftigen bayrischen Wirtshauses am Schliersee befand, wo wir heute mit unseren beiden Hunden einkehrten, für die wir sogleich Wasser bestellten. Zuerst sind immer die Tiere dran, und dann erst die Menschen. Ich sage das für all die, die sich mit Tieren nicht auskennen. Die uns bedienende Wirtin schien so eine Person zu sein, denn sie fragte uns, ob es stilles Wasser sein soll oder doch lieber ein Sprudel mit Zitrone. Während wir uns noch fragend ansahen, das Wasser war ja nicht für uns, sondern für die Hunde, meinte die Wirtin: Das war’n Witz! Bayrischer Humor halt. Aber nicht nur das! Überall, wo wir bisher waren, wurden nicht nur wir, sondern auch unsere beiden Hunde auf das freundlichste begrüßt. Als chronisch schlecht gelaunter Berliner, der das nicht gewohnt ist, kommt man sich immer irgendwie verarscht vor. Aber die meinen das wirklich ernst, die Bayern.

Von Bayern, Bulgarien & Berlin

Gut, in Bayern ist nicht alles umgedreht wie in Bulgarien, wo JA NEIN und NEIN JA bedeutet. Aber der bayrische Humor und die bayrische Lebensart kommt der bulgarischen schon sehr nah. Natürlich auf einem anderen Niveau, das ist klar, insbesondere was die Preise angeht. Das dürfte sich aber auch in Bulgarien bald ändern, jetzt, nachdem zum ersten Januar der T€uro eingeführt wurde im ärmsten Land der EU. Da hilft nur lachen und lieben, aber auch singen und trinken, am Besten zeitgleich. Was das Trinken angeht, ist dem Bayern sein Bier was dem Bulgaren sein Rakija ist. Nicht unbedingt das Paradies für einen trockene Alkoholiker wie mich. Aber wo gibt es das schon, das Paradies auf Erden? Berlin, wo gerade das Motto gilt: „Niemand soll hungern ohne zu frieren“, ist es mit Sicherheit nicht, auch wenn es wie Bayern und Bulgarien mit B anfängt.

Von der Reichs- zur Vorzeigebürgerin

Berlin-Gefühle im Paradies

Eben erreicht mich in meinem Dream-Hotel im Bayrischen die Nachricht einer guten Freundin aus Berlin. Sie lässt mich wissen, dass sie gerade eine steile Karriere macht und viele Anfragen erhält. War sie gestern als Prepperin noch Reichsbürgerin, ist sie heute als jemand, die für den Ernstfall vorsorgt, zu einer Vorzeigebürgerin geworden – so schnell kann’s gehen! Denn das Preppern gilt neuerdings als erste Bürgerpflicht. Aber nicht nur das. Seitdem im Berliner Südwesten 50.000 Haushalte ohne Strom und ohne Heizung sind, kann sich meine Freundin vor Beratungsanfragen kaum retten. Besonders interessieren sich die vom Strom- und Wärmeausfall Betroffenen für Notstromaggregate. Damit kennt sich meine Freundin aus, aber auch mit Kerzen. Die gibt es jetzt nach Weihnachten bei Rossmann und DM im Angebot, falls sie nicht schon ausverkauft sind. Das lässt sich aus der Entfernung schlecht einschätzen. Gerade gab es auch im Dream-Hotel ein gewisses Berlin-Feeling. Zwei Wagen der Freiwilligen Feuerwehr kamen innerhalb von Minuten angerast, um einen Fehlalarm zu beenden. Vielleicht war es aber auch ein Probealarm, wer weiß das schon so genau. Von Seiten der Freiwilligen Feuerwehr war es ein voller Erfolg, auch wenn viele Gäste des Dream-Hotels dies gar nicht mitbekommen haben. Sie sind einfach auf ihren warmen Zimmern geblieben. Zurück zu meiner guten Freundin in Berlin. Falls es Fragen von Südwest-Berlinern gibt, wie sie die nächste Woche überstehen sollen, dann her damit. Sie beantwortet sie gerne. Damit die Letzten nicht die Ersten sind, die in die Kiste springen. Der ein oder andere mag das für übertrieben halten. Ich nicht. Ich kann mir sogar vorstellen, dass meine Freundin, die einstige Reichs- und jetztige Vorzeigebürgerin, demnächst das Bundesverdienstkreuz erhält.

Mein Leben im Traumhotel

Der Ausblick

Mein Traumhotel im Bayrischen heißt genau „McDreams Hotel“ mit der Betonung auf „Mc“. Auch der Ausblick ist nicht unbedingt der von Capri. Aber hey, im Süd-Westen Berlins träumen viele gerade von einem „McDreams Hotel“. Denn dort sitzen sie im Kalten, während mein Zimmer hier in Bayern wohl temperiert ist. Aus dem Hahn im Bad kommt noch warmes Wasser, aus der Dusche sogar heißes. Lediglich der Mönch mit dem Bierkrug und der Winzer mit dem Weinkrug direkt über meinem Kopf sind für mich als trockener Alkoholiker etwas gewöhnungsbedürftig. Was mache ich? Ich konzentriere mich einfach auf das deftige Essen auf dem Fass, das es bei Bedarf im ROSI’S gleich hinter der Shell-Tanke gibt. Mein Leben im Bayrischen ist ein wahr gewordener Traum.

Über’m Bett

Freundlich, geerdet und hilfsbereit

Strom und Sonne entgegen

Bei Schneetreiben habe ich mich auf den Weg Richtung Süden gemacht. Als ob ich gewusst hätte, dass bald darauf bei 50.000 Berliner Haushalten die Küche kalt beiben würde. Im Südwesten der Stadt sind die Menschen seither ohne Strom und auch ohne Heizung. Niemand weiß, wie lange das Chaos andauern wird. Ich bin mittlerweile in Bayern angekommen, wo es noch Strom gibt. Aber nicht nur das. Auch die Küche ist noch warm, es gibt leckere Weißwürste mit Brez’n und auch Leberkäsbrötchen mit süßem Senf beim Bayern, das Ganze zu zivilen Preisen. Aber es wird noch besser. Bisher bin ich hier ausschließlich auf freundliche, hilfsbereite und vor allem geerdete Menschen gestoßen. Zurück zu Berlin: Der Grund für den Stromausfall ist ein Anschlag, vermutlich von linken Linken. Mit Sicherheit kann man jetzt schon sagen, dass es sich bei den Attentätern weder um freundliche, noch um hilfsbereite, geschweige denn um geerdete Menschen handelt.

Neulich am Alex

Neulich am Alex stand direkt an der Weltzeituhr ein Straßenmusiker, der genau diesen Song von Bob Dylan zum Vortrag brachte. Ich hatte das Album „Time Out Of Mind“, auf dem sich das Lied befindet, lange nicht gehört, und so brauchte es einen Moment, bis ich das Lied erkannte. Praktisch gleichzeitig erinnerte ich mich an einen Fahrgast im Taxi, eine junge Frau, die sich mit Bob Dylan auskannte, die sogleich den Song erkannte, der gerade bei mir im Taxi lief. Sie kannte sich wegen ihrer Eltern mit dem „Meister“ aus, die ihn oft gehört hatten zuhause. Dann erzählte sie mir von einem Running Gag, einen sich oft wiederholenden Witz, in ihrer Familie. Ähnlich dem Running Gag, dass mich Leute ständig nach Rumänien befragen, weil sie Bulgarien und Rumänien nicht auseinanderhalten können. Der Running Gag in der Familie der jungen Frau in meinem Taxi ging so: Wenn Du ein Lied hörst, das dir gefällt, Du aber nicht weißt, von wem es ist, kannst Du mit ruhigem Gewissen sagen, es sei von Bob Dylan – in den allermeisten Fällen hast Du Recht.

„Liebes Leben, danke“

Ein Freund hat mir gerade seine Hymne fürs neue Jahr geschickt. Es ist „Sólo Le Pido A Dios“ von Mercedes Sosa. Mir fällt ein, dass ich die argentinische Sängerin einmal live im Konzert gesehen habe. Das ist jetzt 40 Jahre her, Mercedes Sosa ist mittlerweile verstorben. Mercedes Sosa hat damals neben eigenen Liedern auch „Gracias A La Vida“ der chilenischen Sängerin Violeta Parra gesungen. Auch Violeta Parra ist schon tot. Wer noch lebt, ist Gerhard Schöne, den ich neulich noch einmal in einer kleinen Kirche in Ostdeutschland live gehört hatte. Das letzte mal war ich 1988 zu großen Open Air Konzerten von ihm gewesen, ebenfalls in Ostdeutschland. Obige Interpretation von Violeta Parras bekanntem Lied ist meine Hymne fürs neue Jahr: „Liebes Leben, danke“.