Zurück in Bulgarien (010) – „Agent 007“

Die britische Times berichtet von einem Bulgaren namens Orlin Rusev, der einer der drei in Großbritannien wegen Spionageverdachts für Russland festgenommenen Bulgaren sei. Es wird angenommen, dass die gesamte Operation vom 45-jährigen Orlin Rusev geleitet wurde, einem bulgarischen Experten für radioelektronische Geheimdienste, der in einer seiner E-Mail-Adressen „007“ angibt. The Times und Daily Mail berichten, dass das Hotel der 47-jährigen Irina Parvanova gehört, einer bulgarischen Geschäftsfrau, die es im September 2021 für 220.000 Pfund gekauft hat. Das Hotel, und jetzt kommt das entscheidende, das dem „russischem Agenten 007“ als Marinehauptquartier gedient hat, ist „ein verwahrlostes Gästehaus in Great Yarmouth“, so die Times. Offensichtlich herrscht bei der britischen Zeitung Unklarheit darüber, ob „Agent 007“ nun russisch oder bulgarisch ist. Da es sich um ein „verwahrlostes Gästehaus“ gehandelt hat, tippe ich auf bulgarisch. Warum der „Agent 007“ die Verwahrlosung im Ausland sucht, bleibt unklar. Ich denke, er wäre besser in obigem „Diplomat Plaza“ in der Stadt Lukovit  aufgehoben gewesen, dem Ort für „Special Moments For Special People“.

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Zurück in Bulgarien (009) – „The Eyes of God“

Gestern mittag, im Sofioter Vorort Dragalevtsi* wurde gerade Alexei Petrov erschossen, waren wir in der Höhle „The Eyes of God“, die auf bulgarisch „Prohodna“ heißt. Mein englischer Freund Jerry, der schon mehrfach dort war, hat den Ausflug organisiert. Ich war zum ersten Mal in der Höhle, von der ich schon einiges gehört hatte, und war sehr angetan. Und das nicht nur von „Den Augen Gottes“, sondern auch davon, dass viele Leute, vorzugsweise Bulgaren, in der Höhle oder auf dem Weg zu ihr unterwegs waren. Vor 30 Jahren war das noch anders, da war man an solchen Orten und auch im Gebirge meist alleine. Die Bulgaren sind damals nicht mehr gewandert, sondern nur noch ausgewandert. Das ist heute zum Glück anders. Es waren auch viele Kinder unterwegs, teilweise ganze Schulklassen. Einige der Kinder sind sogar geklettert, wozu man einen Helm brauchte. Ob wir einen solchen dabei hätten, wurden wir auf dem Weg zur Höhle von einem kleinen Mädchen von vielleicht fünf Jahren gefragt, was wir verneinten. Dann könnten wir nicht klettern, wurden wir daraufhin von ihr aufgeklärt. Und so war es dann auch. Aber auch ohne zu klettern hat sich der Ausflug zur Höhle „Prohodna“ gelohnt.
* Der Vorort Dragalevtsi befindet sich direkt am Fuße des Vitosha-Gebirges. Alexei Petrov spazierte zusammen mit einer Frau, auf die ebenfalls geschossen wurde, auf einem Weg, der zur Hütte „Aleko“ führt. Die Hütte „Aleko“ ist nach dem klassischen bulgarischen Autor Aleko Konstantinow benannt, von dem ich beim Wieser-Verlag in Klagenfurt zwei Bücher herausgebe, und der ebenfalls erschossen wurde.

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Zurück in Bulgarien (008) – „Ist das schon Krieg?“

Irgendwo und nirgendwo in Bulgarien

Gestern gab es ein Attentat in einem Vorort von Sofia auf einen ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter. Es war nicht der erste Versuch, ihn zu töten, sondern der dritte, und der war erfolgreich. Obwohl ich das Opfer nicht kenne (sein Name, den ich gestern zum ersten Mal gehört habe, ist Alexei Petrov), frage ich mich, ob der Krieg vielleicht schon begonnen hat. Bisher fühlte ich mich in Bulgarien „nur“ wie nach einem verlorenen Krieg. Aber vielleicht hat ein neuer bereits begonnen, ohne dass ich es mitbekommen habe. Kann doch sein, oder? Immerhin gibt es aktuell Panzersperren wie obige im Land. Wobei diese noch ganz zivilisiert mit Ampel sind. Möglicherweise ist die Ampel der Hinweis darauf, dass der Krieg doch noch nicht begonnen hat, zumindest nicht offiziell. Spätestens, wenn die Ampel ignoriert wird oder gar zerschossen wurde, dürfte der Krieg begonnen habe. – So denke ich heute.

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Nachrichten aus einem Land im Niedergang – Heute: „Unbekannter Starttermin“


Immerhin, nicht der Film „Sound of Freedom“ ist unbekannt in Deutschland, sondern nur sein Starttermin. In den USA ist er bereits am vierten Juli angelaufen. Seither läuft er mit großem Erfolg in den dortigen Kinos, wo auch ich ihn gesehen habe. Alleine des Themas wegen, es geht um die Entführung von Kindern, Menschenhandel und Sextourismus, halte ich „Sound of Freedom“ für ein absolutes MUSS. Wenn er irgendwann einmal in die deutschen Kinos kommen sollte, unbedingt ansehen. Meine Empfehlung: Nichts über den Film lesen, sondern sich sein eigenes Bild machen, an die Quelle gehen, ins Kino, zu „Sound of Freedom“.

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Was ich heute wieder denken soll: „Ost = schlecht“

Nachdem ich zehn Tage nicht mehr bei Spiegel-Online vorbeigeschaut habe, wusste ich gar nicht mehr, was ich denken soll. Beispielsweise dass selbstfahrende Autos die Straßen von San Francisco erobern, weswegen Konzerne wie General Motors und Alphabet jetzt ein Milliardengeschäft wittern. Das war gestern die Top Meldung. Dass selbstfahrende Autos in der Kritik stehen, weil sie die Straßen blockieren, so dass selbst die Polizei nicht durchkommt, beispielsweise zu einer Schießerei im Stadtteil Mission, das soll ich besser nicht wissen. Die Information über Milliardengewinne ist wichtiger, auch wenn sie mich persönlich nicht betrifft. Auch dass es bereits Widerstand gegen selbstfahrende Autos in San Francisco gibt. Menschen, die etwas gegen sie haben, stülpen aktuell einfach Eimer über die Kameras auf dem Dach und ziehen das Fahrzeug damit aus dem Verkehr. Davon, dass Obdachlose bereits die Straßen von San Francisco erobert haben, auch davon erfahre ich besser nichts. Denn das könnte die Gewinne am Geschäft mit den Touristen schmälern, die das San Francisco von heute als verlorene und dystopische Stadt besichtigen. – Immerhin erfahre ich, dass nur noch 27 Prozent der Deutschen den Staat für fähig hält, seine Aufgaben zu erfüllen. Das Vertrauen in unseren Staat ist auf dem Tiefstand. Mit anderen Worten: Deutschland hat fertig. Ihr könnt euren Laden dicht macht. Der letzte macht das Licht aus. So wie San Francisco eine dystopische Stadt ist, ist Deutschland ein Land im Untergang. Nicht so beim Spiegel. Da geht man nach einer solchen Meldung zur Tagesordnung über oder wie man in Amerika sagt: business as usual. Jetzt wird klarer, dass damals auch niemand den Untergang der DDR auf dem Schirm hatte. Apropos: Die 27 Prozent sind der Durchschnitt. Sieht man sich die Studie genauer an, wird klar, dass es eine Differenz von fast zehn Prozent zwischen Ost und West gibt. – Immerhin, das darf ich wissen, muss allerdings rechnen können, denn die Zahlen werden diesmal andersrum präsentiert. Dort, also im Osten, waren 77 Prozent der Befragten davon überzeugt, dass der Staat hinsichtlich seiner Aufgaben und der bestehenden Probleme überfordert sei – im Westen waren es nur 68 Prozent. Dann geht es plötzlich nicht mehr darum, ob der Staat seinen Aufgaben gewachsen ist, sondern dass das Ansehen des Staates demnach in Ostdeutschland „besonders schlecht“ ist. – Fazit: „Ost = schlecht“. – Danke, lieber Spiegel, für diese Aufklärung!

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Zurück in Bulgarien (007) – „Ilija und ich“

Nicht ein MUSS, sondern zwei

Am Sonntag will mich Ilija Trojanow besuchen. Ilija Trojanow, wer ihn nicht kennt, ist der vielleicht bekannteste auf deutsch schreibende bulgarische Autor. Dabei ist Ilija zu einhundert Prozent Bulgare – im Gegensatz zu mir. Seine Eltern sind 1972, Ilija war damals sieben Jahre alt, über Serbien nach Italien geflüchtet. Später haben sie in Deutschland politisches Asyl erhalten. Das bekannteste Buch von Ilija ist „Der Weltensammler“, es wurde sogar im Literarischen Quartett damals noch mit Marcel Reich-Ranicki besprochen, genauso wie sein Buch „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. Obwohl ich Ilija bereits auf zwei Lesungen erlebt habe, kenne ich ihn nicht persönlich. Unser persönliches Kennenlernen findet am Sonntag statt. Dass Ilija mich besucht, hat mit meinem Crowdfunding zu tun, einem Rückzugsort für Autoren, an dem es auch Esel gibt, den ich hier im Nordwesten Bulgariens ins Leben rufen will. Ich hatte Ilija im Frühjahr in einer e-mail von meinem Projekt geschrieben gehabt. Ich kenne Ilija zwar nicht persönlich, trotzdem tauschen wir hin und wieder e-mails aus. Das hängt mit meiner Eselwanderung quer durch Bulgarien zusammen. Die endete am Schwarzen Meer an einem kleinen Kap. Im letzten Ort vor dem Kap gab und gibt es hoffentlich noch eine kleine Kneipe, in der wir damals meine Ankunft gefeiert haben, und die Ilijas Onkel und Tante gehört. Aus diesem Zufall hat sich der e-mail Kontakt zu Ilija ergeben, der auch Bücher über Bulgarien geschrieben hat. Diese Bücher sind für mich die wichtigsten Bücher von Ilija. Auch weil ich immer wieder feststellen muss, dass viele Menschen nicht zwischen Bulgarien und Rumänien unterscheiden können, möchte ich die beiden Bücher von Ilija über Bulgarien kurz vorstellen. Das erste ist ein Sachbuch aus dem Jahre 1999. In der Erstausgabe heißt es noch „Hundezeiten“, die späteren Ausgaben haben den Titel „Die fingierte Revolution“. Warum der Titel geändert wurde, kann ich nicht sagen. Was ich weiß, ist, was es mit den „Hundezeiten“ auf sich hat, auf die Ilija anspricht. Anfang der Neunziger haben sich insbesondere ältere, allein lebende Menschen in den Städten Bulgariens einen Hund zugelegt, weil sie sich nicht mehr sicher fühlten. Später haben die Hundehalter festgestellt, dass sie sich kaum alleine über Wasser halten können, geschweige denn noch einen Hund. Deswegen wurden diese im großen Stil vor die Tür gesetzt. Aus diesen vor die Tür gesetzten Hunde bildeten sich dann Hunderudel, die das Bild von Bulgarien über Jahre prägten. Wichtig ist für mich bis heute der Anfang des Buches: An alle Opfer des totalitären Regimes, an die in den Kerkern erschlagenen, an den Grenzen erschossenen, in den Lagern zu Tode geschundenen, an radioaktiven Folgeschäden verendeten, in der Armee verunglückten Menschen. – An alle Opfer der neuen, demokratischen Zeit, an die in ihrer Wohnung erfrorenen, aus Mangel an Medizin und medizinischer Betreuung dahingesiechten, in ihrer endlosen Verzweiflung sich selbst getöteten Menschen. Ilijas Buch „Macht und Widerstand“ ist ein Roman über die bulgarische Staatssicherheit, der 2015 erschien. Hier sind mir die letzten Worte die wichtigsten. Sie stammen von Konstantin, einem Widerstandskämpfer gegen die Staatssicherheit: Du hast keine Überzeugung, wenn du nicht bereit bist, für sie zu sterben. – Wahrer Geist ist Widerstand gegen den Geist der Macht. – Es hat sich gelohnt. Ob Ilija mein geplanter Rückzugsort für Autoren, an dem es auch Esel geben wird, genauso gefällt, wie mir seine Bücher über Bulgarien, wird man sehen. Falls ja, kennt Ilija eine Stiftung, die mein Projekt unterstützen könnte, was natürlich toll wäre. Mir persönlich ist das persönliche Kennenlernen mit Ilija das wichtigste. Darauf freue ich mich schon, und ich bin auch sehr gespannt. Auch wenn ich über Ilija als Mensch noch nichts sagen kann, so kann ich seine beiden Bücher über Bulgarien nur wärmstens empfehlen. Sie sollten für alle, die sich für Bulgarien interessieren, ein MUSS sein, so denke ich.

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Zurück in Bulgarien (006) – „Meine erste Woche“

Downtown Bulgarien
Das Ankommen in Bulgarien ist für mich immer das Schlimmste. Ich hatte hier bereits darüber geschrieben. Normalerweise brauche ich zwei Wochen zum Ankommen, mindestens aber zehn Tage. Jetzt ist eine Woche vorbei, ich bin noch nicht wirklich angekommen, habe aber schon alles erledigt, was ich mir vorgenommen hatte. Gestern früh begann dazu der letzte Akt. Am Montag bin ich bereits wegen dem Ölwechsel in der Werkstatt gewesen. Auf den Kühlwasserverlust angesprochen meinte der Maistor, er könne das heute nicht machen und auch morgen nicht. Ich solle am Mittwoch um 8:30 Uhr vorbeikommen, dann könne er mir sagen, ob er Zeit habe. Wenn er am Mittwoch keine Zeit hat, dann Donnerstag oder Freitag. Natürlich gibt es auch in Bulgarien Telefone, mit denen man anrufen kann. Aber manchmal kann man auch in Bulgarien nicht anrufen. Das ist wie mit der Gepäckaufbewahrung am Flughafen BER, die keine Gepäckaufbewahrung ist, sondern eine Lizenz zum Gelddrucken, die sich offiziell Service nennt. Pünktlich um 8:30 Uhr stand ich gestern in der Garage auf der Matte. Der Maistor war auch schon da. Ich hatte großes Glück, aber nicht nur weil der Maistor da war, sondern weil mein Wagen in dem Moment Kühlflüssigkeit verlor. Das tut er nicht immer. Und obwohl mein Wagen Kühlflüssigkeit verlor, war es nicht einfach für den Maistor, die Stelle zu finden, wo die Kühlflüssigkeit aus dem System entwich. Wäre in dem Moment keine Kühlflüssigkeit entwichen, wäre es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, herauszufinden, wo sich die undichte Stelle befindet. Dann hätte ich heute wiederkommen können und vielleicht morgen nochmal. Ich hatte das schonmal. Da gab es unter der Motorhaube so komische Geräusche. Brachte ich den Wagen in die Garage, waren die Geräusche weg. Die Meister fühlten sich veralbert und dachte, ich höre Stimmen. Gab es dann doch ausnahmsweise mal das Geräusch, konnten sie es nicht zuordnen und bagatellisierten es. Das Ende vom Lied war, dass es irgendwann unter der Motorhaube eine kleine Stichflamme gab, und zwar an der Lichtmaschine. Von dort kam das Geräusch, genau von den Abnehmern, also den Kabelenden. In D hätte man vermutlich die ganze Lichtmaschine gewechselt. Nicht so in BG. Hier werden nur die Kontakte erneuert. Das geht auch in D. Wenn man einen guten Maistor hat, am besten einen bulgarischen. In der Regel weiß es der Maistor in D aber nicht, oder will es nicht wissen, weil er einem lieber was Neues verkauft, was weniger Arbeit macht und mehr Geld bringt. Die Kontakte zu wechseln ist aufwendig. Man muss den Wagen dazu anheben. Alleine das dauert. Dann muss man die alten Kontakte ausbauen und die neuen einbauen. In der Zeit hat man drei Lichtmaschinen gewechselt. Die wäre natürlich teurer gewesen, als das Wechseln der Kontakte, was mich 130 Lewa, also 65 Euro gekostet hat damals. Doch zurück zum Kühlwasserverlust, dessen Ursache vom Maistor gefunden war, weil der Wagen in dem Moment Kühlwasser verlor. Üblicherweise muss ich dem Maistor in BG sagen, was das Problem ist. Das Problem war ein Schlauch, der porös geworden war. Der wurde gewechselt vom Maistor, was keine fünf Minuten gedauert hat. Danach noch etwas Kühlwasser aufgekippt und fertig war der Lack. Gekostet hat die ganze Sache 30 Lewa, also 15 Euro. In D hätte ich die Werkstatt vermutlich nicht unter 100 Euro verlassen. In BG gab es am Ende noch ein nettes Gespräch mit dem Maistor, der wissen wollte, woher ich komme und was ich so mache. Das wichtigste war aber der Hinweis darauf, dass ich jederzeit wiederkommen kann, wenn ich etwas habe. Auch wenn ich mich über das Angebot freue, hoffe ich natürlich, dass ich es nicht so schnell in Anspruch nehmen muss. Aber man weiß nie, wie sich eine kleine Veränderung auf den Gesamtorganismus auswirkt. Ist beim Menschen nicht anders. Und Autos sind bekanntlich auch nur Menschen, nicht auf zwei Beinen zwar, aber auf vier Rädern.

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