Ohne Besuch des alten türkischen Bades ging es am Mittwochabend vom Istanbuler Otogar zurück nach Bulgaristan. Eigentlich sollte der Bus nach Sofia in Plowdiw einen Zwischenstopp einlegen, wovon ich aber nichts mitbekommen habe. Vermutlich fand der Halt in den fünf Minuten statt, in denen ich die Augen geschlossen hatte. Dafür habe ich das vielleicht wichtigste nicht verpasst. Das geliebte Heimatland Almanya steht am Istanbuler Otogar in einer Reihe mit Bulgaristan und Yunanistan. Da allerdings an dritter Position, die man sich mit Avusturya teilt. Man könnte es auch als Bruch bzw. Bruchrechnung verstehen, also Avusturya dividiert durch Almanya. Was mag da rauskommen? Vor allem, wenn man weiß, dass sich hinter Avusturya Österreich verbirgt.
Vielleicht hätte ich heute gar nicht arbeiten, nicht mal rausgehen sollen. Immerhin ist Sonntag, der für den Herrn reserviert ist, darüber hinaus schien die Sonne wie lange nicht. Meine Arbeit bestand darin, die Wurzel unten auszugraben. Wer seine Wurzeln sucht, muss manchmal graben. Ich gehe noch einen Schritt weiter, ich versuche auszugraben. Und genau das ist gerade mein Problem. Ich habe auch schon meinen Bürgermeister angerufen. Er will jemanden finden, der mir die Wurzel ausgräbt. Das hat er nur gesagt, um mich zu beruhigen. Ich weiß genauso wie er, dass es niemanden gibt für diesen Job. In unserem Dorf gibt es nur Alte. Die Jungen sind alle in Sofia oder im Ausland. Vielleicht gräbt einer von ihnen gerade bei dir im Garten die Wurzeln aus oder repariert dir dein Auto. Der einzige, der hier in Frage kommt, ist mein Bürgermeister selbst. Und natürlich ich. Aber warte mal. Auswandern soll gerade ein großes Thema sein in der Heimat. Das bestätigen mir immer wieder auch Freunde, mit denen ich telefoniere. Nicht alle, die aus Deutschland weg wollen, sind zu körperlicher Arbeit fähig. Wenn ich ehrlich sein soll: Mein Eindruck ist, dass kein einziger von ihnen es ist. Alle scheinen sie krank zu sein. Wenn nicht am Körper, dann im Kopf. An der Seele sowieso. Sollte es auch nur einen geben, auf den dies nicht zutrifft, dann möge er sich jetzt bei mir melden. Mein Angebot: Volle Kost & Logie für halbtägige Arbeit, allerdings körperlich! Wer fühlt sich Manns genug? Frauen sind bei gleicher Qualifikation natürlich auch willkommen!
Es ist jetzt knapp 30 Jahre her, dass ich das erste Mal im alten türkischen Bad war. Damals war es so, dass ich die Nacht zuvor auf dem Bahnhof von Istanbul übernachtete, um am nächsten Tag ins alte türkische Bad zu gehen. Dass ich auf dem Bahnhof übernachtete, hatte den Grund, dass ich meinen Zug verpasst hatte und der nächste erst am nächsten Tag fuhr. Da ich nicht mehr viel Geld hatte, musste ich mich entscheiden zwischen Übernachtung oder Hamam. Ich entschied mich für letzteres und sparte dabei sogar noch etwas Geld. Eine Übernachtung in Istanbul kostete damals zwischen 20 bis 25 Mark und das Hamam irgendwas zwischen 10 und 15. Im Hamam habe ich dann erstmal geschlafen und zwar auf der großen heißen Marmorfläche in der Mitte – genial. Als ich am Mittwoch in Istanbul war, wollte ich wieder ins alte türkische Bad. Diesmal war es so, dass ich mir nicht einmal mehr das Hamam leisten konnte. Der einfache Besuch ohne Schnickschnack, also ohne Einseifen und Massage, kostet heute 52 Euro – das Doppelte meines Tagesbudgets.
Vom süßen Leben in Istanbul, meine Reportage folgt demnächst, direkt in die deutsche Hölle. Kommentiert wird diese von meinem Lieblingstürken Serdar. Das sage ich als Halbbulgare, damit mir später keine Klagen kommen. Interessant ist nicht, was die Frau sagt. Niemand, der noch halbwegs bei Trost ist, glaubt ihr auch nur ein Wort. Deswegen stelle ich sie auch gar nicht erst vor. Diese Frau ist völlig uninteressant. Interessant ist, dass selbst Serdar ihr nur noch mit biblischer Sprache beizukommen vermag. Hier ein paar Kostproben: „das ist ’ne Henkerin“, „die kommt direkt aus der Hölle“ und „das Böse weiche von mir!“. Ich erwähne das mit der biblischen Sprache, weil jetzt wieder so eine Zeit ist, in der immer mehr Menschen zum Glauben finden. Serdars und auch mein Rat an die Frau: Leisten Sie Abbitte, bevor es zu spät ist – um ihrer Seele willen.
So wie auf einem Basar üblich, wurde mir auf dem Bus-Bahnhof in Sofia der Express-Bus nach Istanbul in den höchsten Tönen angepriesen. Man habe dort mehr Platz, weil er auf einer Seite nur eine Sitzreihe hätte, was ich mir nicht vorstellen konnte. Aber, wie auch obiges Foto beweist, so etwas gibt es wirklich. Express-Bus heißt, dass er weder in Plowdiw, noch in Haskowo hält. Er hält praktisch überhaupt nicht mehr, außer natürlich an der Grenze, und da gleich zweimal. Einmal beim Bulgaren, und dann nochmal beim Türken. Beide Male muss man aussteigen und sich einreihen in die Passkontrolle. Das Ganze um drei Uhr Morgens. Da es nur einen Beamten gibt, dauert es. Einen zweiten Beamten gibt es beim Zoll. Alle müssen ihr Gepäck aus dem Bus mitbringen. Auch mein Rucksack für einen Tag in Istanbul wird durchleuchtet. Insgesamt haben wir über eine Stunde an der Grenze verloren. Die versucht der Fahrer wieder aufzuholen. Er überholt nicht nur alle LKWs, sondern auch zahlreiche PKWs. Praktisch sind wir permanent auf der Überholspur. So fühlt es sich also an, das Leben auf der Überholspur. Ich bin froh, als wir am Otogar in Istanbul ankommen. Davor der übliche Stau. Und ein spektakulärer Sonnenaufgang.
Im Februar berichtete die Berliner Zeitung, dass immer mehr Unternehmer Deutschland verlassen, weil sie das Vertrauen in die Regierung verlieren. Laut der Schwäbischen Zeitung vom 5. April können sich fast drei Viertel ihrer Leserinnen und Leser vorstellen, Deutschland den Rücken zu kehren. Eine von der Zeitung durchgeführte Umfrage ergab, dass sich 74 Prozent der knapp 19.000 Befragten „auf jeden Fall“ vorstellen können, aus Deutschland auszuwandern. Am Tag zuvor schrieb der Focus, dass die Angst vor einem größeren Krieg in Europa umgehe. Menschen würden ans Auswandern denken, Bunker bauen oder Notfalltaschen packen. Auch wenn Experten dies als Aktionismus abtun, fest steht: die Orientierungslosigkeit in westlichen Gesellschaften hat zugenommen.
Eine Orientierung, welche Länder fürs Auswandern in Frage kommen, bietet unter anderem „inFranken“. In einem kurzen Video wird Bulgarien an zweiter Stelle als Ausreisedestination insbesondere für Menschen mit unter 1.000 Euro Monatseinkommen genannt. Was die Lebenshaltungskosten angeht, liegt Bulgarien sogar noch vor Portugal, das auf dem ersten Platz landete. Laut t-online müsse man in Bulgarien 42 Prozent weniger Geld aufwenden als in Deutschland. Mit einem Pauschal-Steuersatz oder auch „Flat-Tax“ für Körperschafts- und Einkommensteuer von 10%, Null Gewerbesteuer und einer Quellensteuer von 5% ist Bulgarien auch für Unternehmer, Gewerbetreibende und Investoren interessant.
Im Juni vergangenen Jahres berichtete das bulgarische Nationalradio über Ben und Lena, die von einer Kleinstadt im südlichen Ruhrgebiet in ein kleines Dorf im Osten Bulgariens gezogen waren. Bereits vor sieben Jahren hatte sich das Paar entschieden, nicht nur nach Bulgarien auszuwandern, sondern ihr Leben komplett neu zu gestalten. Sie haben sich dazu entschlossen, weil sie wussten, dass ihr Leben, so wie sie es in Deutschland geführt haben, nicht mehr weitergehen kann. Bulgarien ist für sie vor allem eines: Freiheit.
Freiheit ist auch den Spirebos wichtig, deutsche Aussteiger, von denen ich bereits vor einiger Zeit gehört und letzten Freitag besucht habe. Soeben ist meine Reportage „Zusammen wachsen“ über sie auf Medien+ von Michael Meyen erschienen. Michael, er ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat die Freie Akademie für Medien und Journalismus ins Leben gerufen. Ich habe sie besucht und kann sie jedem empfehlen, der sich über die Berichterstattung insbesondere der Mainstreammedien ärgert. Mir hat sie regelmäßig körperliche Schmerzen verursacht. Meine journalistische Tätigkeit verstehe ich als Notwehr. Das Einmaleins habe ich bei Michael gelernt.
Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fragte Caren Miosga gestern allen Ernstes, wie man den Pazifismus-Code Deutschlands schneller überschreiben könne, der lange in unserer DNA gelegen habe. Aus den Schluchten des Balkans heraus empfehle ich der mit Zwangsgebühren finanzierten Moderatorin, einfach selber mit gutem Beispiel voranzugehen. Oder um es mit den Worten von Mahatma Ghandi zu sagen: Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.