Bericht aus Berlin (30) – „Wiedersehen in Deutschland“

„How do you really feel?“

Am Wochenende habe ich alte Bekannte in der Heimat besucht, die ich fast zwei Jahre nicht gesehen habe. Ich hatte vorher angerufen, mein Kommen telefonisch angekündigt, mich sozusagen angemeldet. Als wir uns dann endlich nach so langer Zeit gegenüberstanden, war das erste, was ihnen einfiel, das sie mir sagten: „Nicht drücken!“ – Nicht: „Wie schön, dich wiederzusehen!“, nein: „Nicht drücken!“ Es folgten Fragen nach meinem Impfstatus und ob ich getestet sei. Keine danach, wie es mir geht, oder was ich in den letzten beiden Jahren gemacht habe. Die Situation war neu für mich, und ich bin immer noch dabei, sie zu verdauen. Ich habe so etwas noch nie zuvor erlebt gehabt, und ich wünsche es keinem, eine solche Erfahrung.

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Bericht aus Berlin (29) – „Schlimmer als bei den Kommunisten“

Rigaer Straße im Friedrichshain
heute Friedrichshain-Kreuzberg

Früher war das Verhalten Berliner Behörden seinen Bürgern gegenüber ein allgegenwärtiges „Leck mich!“. Es drückte sich unter anderem dadurch aus, dass man monatelang darauf warten musste, auf dem Bürgeramt die simpelsten Sachen erledigen zu können, beispielsweise eine Parkplakette zu beantragen. Einen Termin zu bekommen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Bis heute sind alle Termine auf die nächsten drei Monate ausgebucht. Weiter in der Zukunft können keine Termine gebucht werden im Internet. Früher konnte man mit etwas Glück noch telefonisch einen Termin bekommen. Das geht heute nicht mehr, weil die Telefonauskunft auch nur die freien Termine im Internet sieht, die man selbst auch sieht. Einfach eine halbe Stunde vor Öffnung des Bürgeramtes vor der Tür zu warten und als erster seine Angelegenheiten zu erledigen, ging früher, ist heute aber nicht mehr möglich. Will man jetzt einen neuen Reisepass beantragen, brauchte man bereits zwei Termine, den zweiten zur Abholung. Aus einer Formalität „neuer Reisepass“ ist ein Happening geworden, besser: Russisch Roulette. Beschwert man sich, erhält man nun auch keine Antwort mehr, die man selbst von den Kommunisten bis zum Schluss bekam. Spätestens seit Corona gilt das Berliner „Leck mich!“ für ganz Deutschland, und nicht nur auf den Bürgerämtern. Da heute immer alles Englisch sein muss, heißt es jetzt wie oben. Dass das neue Motto ausgerechnet an einer Schule, genauer an einem Gymnasium, bei mir im Kiez steht, spricht Bände. Wahrscheinlich muss man heute bereits erklären, was „spricht Bände“ bedeutet.
PS: Neuerdings erreicht man auch telefonisch niemanden mehr auf den Ämtern.

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Bericht aus Berlin (27) – „Unwissenheit ist Stärke“

Klassenkampf? – Watten ditte?

Waren wir nicht schon immer im Krieg mit Russland? Diese Frage stelle ich mir seit ich in Berlin bin immer öfter. Aber nicht nur das. Immer öfter muss ich sie auch mit JA beantworten. Vermutlich weil ich vergessen habe, was ich in Bulgarien in einem Buch gelesen hatte, das ich zur Sicherheit dort gelassen habe. In dem stand, dass mitten in einer Hasskundgebung gegen Eurasien den Demonstrierenden mitgeteilt wird, dass der bisherige Verbündete Ostasien nun der Kriegsgegner sei, Eurasien hingegen ein Verbündeter. Die Masse setzt ihre Demonstration fort, als sei nichts gewesen, nur die Zielscheibe ihres Hasses hat sich abrupt geändert. Eine Riesenaufgabe liegt vor den Angestellten des Wahrheitsministeriums: Alle Artikel, Geschichtsbücher, Flugblätter und Plakate der Vergangenheit müssen eilig korrigiert werden. Danach, also jetzt, übe auch ich mich im richtigen Denken: Ozeanien stand immer schon im Krieg mit Ostasien, die Naturgesetze sind Unsinn und der Zeitungsausschnitt, der das Gegenteil bewies, hat nie existiert, genauso wenig wie irgendein Klassenkampf. Es gilt das Motto des Wahrheitsministeriums: „KRIEG IST FRIEDEN. FREIHEIT IST SKLAVEREI. UNWISSENHEIT IST STÄRKE.“

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Bericht aus Berlin (26) – „Die Macht im Staate“

Vorm Kino „Babylon“ am Rosa-Luxemburg-Platz
früher Mitte, heute Neue Mitte

Es ist gar nicht so einfach herauszufinden, wie hoch die Wahlbeteiligung gestern in Frankreich war. Laut Münchner Merkur lag sie bei 46,84 Prozent. Mehr als die Hälfte der Franzosen ist gar nicht erst zur Wahl gegangen. Die größte Partei ist nun auch in Frankreich die der Nichtwähler, genauso wie in Bulgarien schon seit Jahren ist. Das meine ich, wenn ich sage, dass Bulgarien uns voraus ist, und nicht nur die eine Stunde Zeitunterschied. Solange der „richtige“ gewinnt, in Bulgarien ist das „Harvard Boy“ Petkow, in Frankreich der „Europa freundliche“ Macron, ist die Wahlbeteiligung kein Problem. Das ist dabei sich zu ändern. In Frankreich sind laut Mainstream Medien die Rechten schuld, obwohl sie nur auf Platz drei gelandet sind. Über die „Vereinigte Linke“, die auf Platz zwei liegt, und zu der in Frankreich auch die Grünen gehören, hört man wenig. Und von der „Partei der Nichtwähler“, dem eigentlichen Wahlgewinner, hört man gar nichts. Für die meisten scheint das kein Problem zu sein. Nur, in einer Demokratie, die diesen Namen verdient, müssten sie die Regierungsgeschäfte übernehmen. Wer laut Rosa Luxemburg alle Macht im Staate inne haben sollte, steht in Berlin sogar auf der Straße geschrieben.

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Bericht aus Berlin (25) – „Nichtwähler aller Länder vereinigt euch!“

Irgendwo* in Sachsen Anhalt

Gestern im Zug Richtung Dessau gab es nicht nur „Sterile Menschen“, sondern vor allem ganz normale, beispielsweise eine Mutter mit ihrer Tochter aus Augsburg neben mir. Wir sprachen über die Augsburger Puppenkiste. Jetzt soll es um die Augsburger Allgemeine gehen. Diese schreibt über die gerade zu Ende gegangene Wahl in Frankreich folgendes: „Die niedrige Wahlbeteiligung ist erschreckend.“ Wie niedrig sie genau ist, erfährt der Leser nicht. Vermutlich war es dafür noch zu früh. Immerhin erfährt der Leser das Wahlergebnis, das uns aber nicht weiter interessieren soll. Wichtiger als das Wahlergebnis und die genaue Wahlbeteiligung ist dieser Satz: „Erschreckend ist hingegen die geringe Wahlbeteiligung, die einmal mehr zeigt, dass sich viele Menschen in Frankreich gar nicht mehr betroffen fühlen von der Politik.“ – Zum Glück ist das nur in Frankreich so und hat nichts mit Deutschland zu tun. Und falls doch demnächst, dann bin ich schon nicht mehr hier.

* in einer ehemaligen Kaserne der Sowjetischen Armee

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Bericht aus Berlin (24) – „Kafka in der Kurfürsten“

Kafka in der Kurfürstenstraße, früher Tiergarten, heute Neue Mitte
nördliche Seite zwischen Potsdamer und Dennewitzstraße
Bin gerade rein von meiner heutigen Fahrradtour durch die Stadt, die einmal meine Stadt war, auf deren Straßen und Plätzen ich einst zu hause war, und ich muss sagen, dass es auch Positives, wenn nicht gar Denkwürdiges zu berichten gibt. Es ist zugegeben rar gesät, aber es gibt es, das Positive, das Schöne und das Gute, selbst in Sodom und Gomorrha Berlin. Dazu muss man wissen, dass Kafka 1910 in Berlin war, es ist also schon etwas her. Die Kurfürstenstraße im Tiergarten ist vor allem durch Christina F. aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und nicht durch Kafka bekannt. Das Kafka Zitat befindet sich nicht am Bahnhof Zoo, sondern am anderen Ende der Straße, und es hat das Potenzial zu meinem neuen Mantra zu werden: „Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach dem Hindernis, vielleicht ist keins da.“
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Bericht aus Berlin (23) – „Berliner Graffitologie“

Stell dir vor, es ist Demokratie und sie ist gar keine mehr

Auch heute war ich wieder mit dem Fahrrad in Berlin unterwegs. In der Neuköllner Friedelstraße bin ich auf obiges Graffito gestoßen. Sofort fing ich an zu überlegen, was es zu bedeuten hat. Erst einmal lässt sich feststellen, dass es existiert, also das Graffito. Aber glaubt derjenige, der es an die Wand geschrieben hat wirklich, dass Demokratie nicht demokratisch ist? Muss nicht, wenn Demokratie drauf steht, auch Demokratie drin sein? Und wenn die Demokratie nicht mehr demokratisch ist, ist sie dann überhaupt noch eine Demokratie? Ich frage das, weil davor ja immer gewarnt wird, also dass alle Populisten, egal ob von links oder von rechts, die Demokratie abschaffen wollen. Aber was ist, wenn sie schon längst abgeschafft wurde, und zwar von Menschen, die sie „penetriert“ haben, und dies auch ganz offen zugeben. So würde obiges Graffito Sinn machen, aber nicht nur das. Die größte Gefahr für die Demokratie ginge dann von denjenigen aus, die dies sehenden Auges zugelassen haben und bis heute zulassen, dass die Demokratie nicht mehr demokratisch ist, weil sie am Ende nur noch mit dem Warnen beschäftigt waren und darüber die Analyse, also das „Sagen, was ist!“, komplett vergessen haben. Davor kann auch nicht mehr gewarnt werden – man muss es als gegeben feststellen.

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