Mein Bruder, der Präsident

In der Stadt Vraca

Ich habe viele Namensbrüder in Bulgarien. Einer spielt beispielsweise im Orchester mit, von dem ich regelmäßig die Konzerte besuche. Das links auf dem Foto ist übrigens der Konzertsaal. In der Mitte, das sind Kyrill und Method, die beiden Brüder aus Thessaloniki, die das kyrillische Alphabet geschaffen haben, ganz genau die Vorstufe davon, das glagolitische. Am 24. Mai gibt es in Bulgarien extra einen Feiertag für sie. Ausgerechnet am Geburtstag von Bob Dylan, der eigentlich Robert Zimmermann heißt. Aber ich komme vom Thema ab, und das ist der Namensbruder. Auf Bulgarisch „adaş“ (adash), wobei Bulgarisch nicht richtig ist. Das Wort „adaş“ (adash) wird zwar im Bulgarischen verwendet, kommt aber aus dem Türkischen. Mein bekanntester Namensbruder oder wegen mir auch Namensvetter in Bulgarien ist der Präsident. Vielleicht hast auch Du schonmal seinen Namen gehört, er heißt Rumen Radew. Rumen Radew kommt vom Militär und spricht auch genauso. Also ganz langsam und sehr klar, so dass ihn auch wirklich jeder versteht – wenn er denn will. Ganz aktuell hat er folgenden einfachen Satz gesagt: Es ist überraschend, dass Menschen, die als die größten Demokraten bezeichnet werden, sich gegen die Demokratie aussprechen. Dass er ihn gesagt hat, förmlich sagen musste, liegt daran, dass die Regierung in Bulgarien den Euro einführen will, die Mehrheit der Bulgaren aber dagegen ist. Rumen Radew ist eigentlich nicht gegen den Euro, vor allem ist er aber für Demokratie. Jetzt wirst Du dir denken, was hat denn der blöde Bulgare an unserem tollen Euro rumzumäkeln? Der soll fressen, was er vorgesetzt bekommt! Das macht ja er auch brav, keine Sorge. In dem Fall geht es aber gar nicht um den Euro, sondern um die Demokratie, in Deutschland gerne „unsere Demokratie“ genannt. Nur, wenn „unsere Demokratie“ darin besteht, dass die Regierung Beschlüsse fasst, gegen die die Mehrheit der Bevölkerung ist, dann bin ich gegen „unsere Demokratie“. Dann bitte sehr direkte Demokratie: Bürgerbefragung – so wie es auch mein Bruder, der Präsident es will.

Deine Sachen sind schon da

Egal wo man hingeht in Bulgarien, ob auf den Flohmarkt oder in den Second Hand Shop: Deine Sache sind immer schon da. Dazu muss man wissen, dass es in Bulgarien jede Menge Second Hand Geschäfte für Klamotten aus Deutschland gibt. Oft wird nach Gewicht verkauft, also nach Kilo, aber nicht immer. Die BHs oben habe alle ihren eigenen Preis, in der Regel die Hälfte vom deutschen. Warum so viele große Größen da waren, entzieht sich meiner Kenntnis. Was ich weiß, ist, dass das Thema Auswandern beziehungsweise die Heimat zu verlassen demnächst in Deutschland explodieren könnte, um es mal so zu formulieren. Einfach weil sich immer weniger Deutschland noch leisten können. Am Wochenende sprach ich mit einem Freund in der Heimat, der zusieht, dass er immer eine gültige ESTA für die Vereinigten Staaten hat. Eine ESTA, wer sie nicht kennt, ist eine elektronische Einreiseerlaubnis in die USA. Der Freund meinte allerdings, dass ihm diese dann wohl auch nichts nutzen wird, denn die Fluchtwege würden voll sein. Der Balkan und mit ihm Bulgarien hat den Vorteil, dass man ihn auf dem Landweg erreichen kann. Man braucht dafür auch keine Einreiseerlaubnis. Gut, manchmal staut es sich etwas an der serbischen Grenze, weil die Serben nicht in der EU sind. In dem Fall kann man über Rumänien ausweichen. Am besten noch, bevor der Mann an die Macht kommt, vor dem Europa zittert. Aber jetzt im Ernst: Du musst nicht viel mitnehmen, Deine Sachen sind ja schon da. Im Gegensatz zu den USA. Da sind nur Deine Daten.

Ich kann mich nicht entscheiden

Bis vor kurzem wurde auch in Bulgarien der Müll getrennt gesammelt, aber gemeinsam entsorgt. Da gab es unter jedem Loch genaue Hinweise, was in dieses hineingehört und was in jenes. Man kennt das in Deutschland. Dort ist man Weltmeister im Trennen. In Bulgarien hat man das Prinzip nie so richtig verstanden. Das lag daran, dass am Ende jemand vorbeigekommen ist, der alles in einen großen Sack getan hat. Da man in Bulgarien manchmal auch konsequent ist, hat man jetzt einfach die Aufkleber entfernt. Und was soll ich dir sagen: Der Deutsche in mir ist nun nicht nur völlig hilflos, sondern er bekommt regelrecht Schweißausbrüche, wenn er auch nur an den drei Löchern vorbei läuft. Reingeschmissen habe ich bisher noch nichts. Ich kann mich einfach nicht entscheiden …

Zu russisch?

Heute fülle ich den gestern angesetzten Hollunderblütensirup ab. Die Flaschen dazu habe ich mir am Freitag in Vraca gekauft, das Stück für knapp zwei Lewa also einem Euro. Die beiden Kannen sind vom Flohmarkt am Montag in Montana. Zusammen haben sie sechs Lewa (drei Euro) gekostet. Jetzt, wo ich das Bild sehe, frage ich mich, ob die linke Kanne mit den roten Blüten und dem Gold nicht zu russisch ist oder gar schon pro-russisch?

Stammplatz statt Stammtisch

Früher hatte ich einen Stammtisch, heute habe ich einen Stammplatz, und zwar im Konzert Saal. So weit ist es gekommen. Die 11. Reihe ist die vorletzte, und Platz 1 ist klar – rechts außen. Man sitzt dort sehr gut, auch weil erhöht, dafür aber etwas weit weg von der Bühne. Ich vergesse immer meinen Feldstecher mitzunehmen, muss ich beim nächsten Mal dran denken. Gestern war Violinen-Tag. Eine fesche junge Dame im roten Kleid hat das bekannteste aus „Carmen“ vorgespielt, was ehrlich gesagt nicht so meins war. Ich bin sowieso kein großer Fan von „Carmen“. Dann gab es noch etwas von der Schwester von Mendelssohn Bartholdy. Ich wusste gar nicht, dass er eine Schwester hat. Sie heißt Fanny Hensel. Schöner Name, wie ich finde. Das Stück war auch gut. Eigentlich wollte mein Nachbar, dass ich gestern auf sein Dach steige, um zwei Ziegel einzufügen, die im Winter ein Sturm runter geweht hatte. Ich musste ihn auf heute vertrösten. Ich wollte wenigstens noch beim Konzert gewesen sein, bevor ich mir den Hals breche. Das ist kein Spaß! Die Dächer in Bulgarien sind vergleichsweise steil. Gut, den Hals habe ich mich mir heute nicht gebrochen, aber meine Hose hat jetzt drei Löcher mehr. Mein Nachbar kam dann gleich danach zu mir, um meine letzten Bretter mit seinem Hobel zu bearbeiten. Den hat er vor 40 Jahren im Corecom, dem bulgarischen Intershop, für 100 Dollar gekauft und der funktioniert immer noch. Naja, ist auch eine Maschine von Bosch. Die Bretter bringe ich zwischen meine Bücherregale an, damit ich noch mehr Platz für meine Bücher habe. Ich weiß, das ist nicht leicht zu erklären. Ich habe es heute schonmal versucht und bin gescheitert. Trotzdem versuche ich es noch einmal. Ich habe sieben Bücherregale. Die Latten, die noch übrig sind, reichen nicht für ein achtes. Das war meine Hoffnung. Nach reiflicher Überlegung kam ich zu dem Schluss, dass ich die Latten zwischen die vorhandenen Regalen anbringen, sie mit ihnen sozusagen verbinden kann, ohne ein neues bauen zu müssen, was ich nicht kann, weil wie gesagt zu wenig Material, und trotzdem Platz für mehr Bücher zu haben. Habe ich mich verständlich ausgedrückt? Egal – wünscht mit auf jeden Fall Glück! (Das schlimmste habe ich sowieso hinter mir. Das war die Sache mit dem Dach heute Morgen.)

PS: Das wichtigste habe ich schon wieder mal vergessen. Das Ticket für das Klassik Konzert kostet seit einiger Zeit 20 Lewa (10€), früher waren es nur 12 Lewa (6€). Mein englischer Freund Jerry (der am liebsten Deutscher wäre), der im Orchester mitspielt, bekommt es für 6 Lewa (3€). Sonst könnte ich es mir nicht leisten, so oft zum Klassik Konzert zu gehen (genauer fahren – hin und zurück 70 km) und hätte somit auch keinen Stammplatz.

Frieden statt Krieg

Das Weiße rechts in der Ecke sind die Hollunderblüten, aus denen ich heute wieder Hollunderblütensirup machen werde. Gestern in Vraca habe ich dafür leere Flaschen organisiert. Ich erwähne das mit den Hollunderblüten, weil sie weiß sind, und weiß bekanntlich die Farbe ist, die mit Reinheit, Unschuld, Sauberkeit, Neubeginn und Erleuchtung assoziiert wird. Sie symbolisiert oft das Gute, das Positive und das Unbefleckte, aber auch die Kapitulation. So weit will man es in der Heimat nicht nochmal kommen lassen, ganz offensichtlich hat im deutschen Irrenhaus ein Umdenken stattgefunden. Bisher kannte man solche Zahlen nur aus Bulgarien, aber neuerdings ist auch in Deutschland eine Mehrheit für eine andere Ukraine-Politik. Das ergab ganz aktuell eine repräsentative Umfrage vom Multipolar-Magazin, für das ich auch schreibe. Zuletzt habe ich dort aus Istanbul, Belgrad und Bukarest berichtet. Doch zurück zum deutschen Michel, der so langsam aus seinem Tiefschlaf zu erwachen scheint. Feministische Kriegspolitik, ganz egal was die Wähler an der Heimatfront denken, war gestern. Es ist zu hoffen, dass das Aufwachen nicht zu spät kommt und es nicht bald doch noch ein böses Erwachen gibt.

Bulgarien – „Land of the Free“

Ich bin durch Zufall in die Demo geraten, an der knapp 100 Menschen unterschiedlichen Alters und politischer Ausrichtung teilnahmen. Links der Herr, der gerade spricht, ist beispielsweise der Leiter des Veteranenverbandes der Stadt. Auch Frauen waren zahlreich vertreten. Was es nicht gab, das war Polizei. Es wurde heute nicht nur der Tag der Befreiung begangen, sondern auch der Tag Europas. Ganz offensichtlich gab es keine Verbote, was Flaggen angeht, auch wenn ich keine ukrainische gesehen habe. Bulgarien war im Zweiten Weltkrieg, wie auch schon im Ersten, auf der Seite der Deutschen, also auf der Verliererseite. Man spricht deswegen auch vom „Bulgarischen Orakel“. Das Orakel besagt, mit wem sich Bulgarien verbündet, verliert den Krieg. Und das gilt auch für die Zukunft. Wie gesagt, ich bin durch Zufall auf die Demo in der Stadt Vraca im Nordwesten, der ärmsten Region des Landes, gestoßen. Eigentlich war ich auf dem Weg zum Klassik Konzert. Wenn ich jetzt die Bilder aus Berlin sehe, wird mir einmal mehr klar, was für ein Irrenhaus Deutschland geworden ist. Ich meine, die Sowjetunion hat 27 Millionen Menschen in diesem Krieg verloren, und da streitet man sich in der Heimat allen Ernstes um ein paar Fahnen. Wenn ich sonst gerne und eher im Spaß Bulgarien als „Land of the Freaks“ bezeichne, ist es mir heute einmal mehr als „Land of the Free“ aufgefallen – und das meine ich ganz Ernst.