„Freiheit für Vera!“

„Freiheit für Vera!“ hatte jemand Anfang der Achtziger in meiner Heimatstadt – eine Kleinstadt in Sachsen-Anhalt – an eine Häuserwand gesprüht. Mit Vera war Vera Wollenberger gemeint, die heute Vera Lengsfeld heißt. Wollenberger war ab 1981 als Bürgerrechtlerin in der DDR aktiv, wurde 1983 aus der SED ausgeschlossen und von ihrem damaligen Ehemann Knud Wollenberger im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) bespitzelt. Wie es aussieht, beobachtet sie nun der Verfassungsschutz. Nach eigenen Angaben taucht sie in einem Bericht des Verfassungsschutzes auf. Lengsfelds Kommentar dazu auf X (früher Twitter): „Ich fühle mich geehrt, nach der Staatssicherheit auch dem Verfassungsschutz als Beobachtungsobjekt zu dienen. Das bestärkt mich in meiner Auffassung, dass der Verfassungsschutz ebenso überflüssig ist, wie die Stasi.“

PS: Der Sprayer wurde, wenn ich mich richtig erinnere, damals rasch ausfindig gemacht und durfte bald darauf in die Bundesrepublik ausreisen. Wohin wirst Du demnächst ausreisen dürfen oder müssen?

Warum ich gestern geweint habe

Bill Gates hat angekündigt, sein gesamtes Vermögen verschenken zu wollen. Insgesamt will er 200 Milliarden Dollar spenden. Aber sagt man nicht, man solle Gutes tun und darüber schweigen? Und sowieso will er nur 99 Prozent verschenken. Zwei Milliarden würden also noch übrig bleiben für ihn. Überhaupt hört sich für mich die Information wie Werbung an, um in Zukunft noch mehr Geld zu verdienen. Ich muss sogleich an Oscar Wilde denken, der meinte, dass Philanthropie die Zuflucht für solche Leute geworden ist, die ihre Mitmenschen zu belästigen wünschen. Apropos belästigen: Interessant ist in diesem Zusammenhang, was Gates über seine Bekanntschaft mit dem toten Pädophilen Jeffrey Epstein sagt. Sie habe ihm nicht nur die Ehe mit Melinda Gates gekostet, sondern bringe ihn bis heute in Erklärungsnot. Aber warum das denn? Wenn er ihn doch nur gekannt hat! Laut New York Times schrieb Gates in einer Mail über Epstein, dass dessen Lebensstil „sehr anders und irgendwie faszinierend“ sei. Was genau ist an Kindesmissbrauch jetzt faszinierend? Noch einmal fällt mir Oscar Wilde ein, der über Philanthropen meinte, dass sie jedes Gefühl für Menschlichkeit verloren hätten. Ist die Antwort auf die Frage, was an Kindesmissbrauch faszinierend sei, vielleicht der Grund, dass Gates bis 2045 ein armer Mann sein will? Doch zurück zum Titel dieses Beitrags. Ich habe nicht wegen Bill Gates geweint. Und auch nicht um meine Eltern, auch wenn Nietzsche richtig feststellte, dass wohl jedes Kind Grund hätte, um seine Eltern zu weinen. Ich habe um mich geweint, weil ich vermutlich beim Geldsegen, der demnächst vom Gutmenschen Gates ausgehen wird, mal wieder leer ausgehen werde. Und dabei bräuchte ich für mein einzigartiges Projekt eines Rückzugsortes für Autoren, an dem es auch Esel gibt (Kindesmissbrauch ausgeschlossen!) gerade mal 75.370! – Noch einmal zurück zum bald armen Bill, der meinte, dass die Leute viel über ihn sagen werden, wenn er gestorben sei. Er sei aber fest entschlossen, dass „Er ist reich gestorben“ nicht dazugehören würde. Denn: „Es gibt zu viele dringende Probleme zu lösen.“ – Das ist in der Tat absolut richtig. Die größten Probleme allerdings scheint mir der Bill selbst zu haben. Vielleicht sollte ich doch um ihn weinen. Oder besser für ihn beten.

Das wirklich Allerletzte

Darauf einen „Wodka Ruskaja“ aus sozialistischen Zeiten

Jetzt doch keine „Nationale Notlage“. Merz rudert zurück. Wenn er überhaupt rudern kann. Mich erinnert der Vorgang, ich nenne ihn bewusst nicht Rückzieher, an Orwells „1984“. Ganz genau an das Buch „Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus“ von Emmanuel Goldstein, aus dem Winston seiner Geliebten Julia im zweiten Teil vorliest: Über lange Zeiträume scheinen die Oberen ungefährdet an der Macht zu sein, doch früher oder später kommt der Augenblick, in dem sie entweder ihr Selbstvertrauen verlieren oder die Fähigkeit, wirksam zu regieren, oder beides. Dieser Moment scheint mir gekommen. Dann passiert laut George Orwell regelmäßig dies: Sie werden dann von den Mittleren gestürzt, die die Unteren dadurch auf ihre Seite ziehen, dass sie ihnen vorspiegeln, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Sobald die Mittleren ihr Ziel erreicht haben, stoßen sie die Unteren wieder in ihre alte Knechtschaft zurück und werden selber zu den Oberen. Das ist schon ganz schön gemein, denke ich. Das Ende ist dann aber richtig blöd: Schon bald spaltet sich von einer der beiden anderen Gruppen oder von beiden eine neue Mittelgruppe ab, und der Kampf beginnt von Neuem.

„Nationale Notlage“

Seit heute: Gefangener des Goethe Instituts

Eigentlich wollte ich heute nichts mehr schreiben, aber jetzt muss ich, denn in der Heimat wurde mal wieder eine „Nationale Notlage“ ausgerufen. In Bulgarien, wo die Menschen seit 35 Jahren in einer Notlage leben, weiß man: Wenn man in Deutschland eine „nationale Notlage“ ausruft, dann bedeutet das genau: NICHTS. Das ist wie mit den Verkehrsschildern, die auf Löcher in den Straßen hinweisen. In Bulgarien gibt es sie nicht, einfach weil jeden Meter eines stehen müsste, und in Deutschland kommen keine Löcher nach den Schildern. Zumindest war das früher so. Worin besteht nun die „Nationale Notlage“ in der Heimat? Ist es die Berliner Stadtautobahn? Oder ist es wieder Corona? Oder diesmal die Affenpocken? Gibt’s kein Klopapier? Oder nur keines für die nächste Wahl? Will niemand mehr an die Ostfront? Oder nur nicht in den Osten? – Nein, die illegale Migration ist der Grund für die „Nationale Notlage“. Echt jetzt? Und was ist mit der irregulären? Will man plötzlich keine Ausländer mehr in Deutschland. Ohne die geht es doch bekanntlich nicht. Was wird dann aus der kulturellen Bereicherung? Ach deswegen heißt die neuerdings Aneignung. Oje, Wannseekonferenz ick hör dir trapsen! Darf ich überhaupt noch zurück? Bin ich gar Teil der „nationalen Notlage“? Bin ich gefangen, ausgewiesen oder gar schon ausgebürgert? Ist der neue Hitler schon an der Macht? Einer muss schließlich der Bluthund sein, das wusste schon SPD-Mann Noske. Oder ist es nur der Merz, also der Friederich, denn der ist mitunter – das ist bekannt – ein arger Wüterich.

„Er hat Jehova gesagt!“

Ich schrieb es bereits mehrfach: Aus der Ferne hat man die nötige Distanz, um die Dinge klarer zu sehen. Die Situation im deutschen Irrenhaus erinnert mich immer mehr an Monthy Pythons „Das Leben des Brian“, und da insbesondere an die Szene, wo der Alte nur das Wort Gott, also Jehowa, in den Mund nimmt, wofür er sogleich gesteinigt wird. Allen voran von Frauen, aber das nur nebenbei. Am heutigen Tag der Befreiung dürfen in der Zentrale des deutschen Irrenhauses keine Fahnen der Befreier gezeigt werden. Gut, so verrückt ist das gar nicht. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde man verhaftet, wenn man das eigene Grundgesetz hoch hielt. So gesehen ist das heute nur der „ganz normale“ Wahnsinn. Trotzdem erlaube ich mir, ihm etwas entgegen zu setzen, und zwar das Magazin „Hintergrund“, für das ich neulich aus Bulgarien berichtet habe. Gerade wurde dort ein lesenswerter Artikel der NachDenkSeiten mit dem schönen Titel „Tag der Geschichtsverfälschung“ verlinkt. Das Magazin „Hintergrund“ gibt es auch heute mit obigem Cover im Bahnhofsbuchhandel, im gut sortierten Zeitungschriftenhandel und in ausgewählten Lebensmittelgeschäften. Das nur als Info an die ganz Mutigen.

„Sag mir, wo die Bulgaren sind? Wo sind sie geblieben?“

Verlassenes Bulgarien

Anders als in Deutschland, wo immer von „unserer Demokratie“ die Rede ist, wird hierzulande von „unserem Land“ gesprochen, wenn es um Bulgarien geht. Gerade erfahre ich vom staatlichen Bulgarischen Nationalradio, dass es Ende letzten Jahres in „unserem Land“ 199 Siedlungen ohne einen einzigen Einwohner gab. Jetzt dürfte die Zahl schon wieder höher liegen, immerhin haben wir bereits Anfang Mai. Zu den 199 Siedlungen ohne einen einzigen Einwohner kommen unzählige mit nur einem Einwohner oder einem plus X. In Anlehnung an den bekannten Song „Sag mir, wo die Blumen sind? Wo sind sie geblieben?“ (das Lied ist von Pete Seeger, die Melodie geht auf russische und ukrainische Musik zurück), frage ich mich immer öfter: „Sag mir, wo die Bulgaren sind? Wo sind sie geblieben?“ Ich habe auch eine Antwort: Unter anderem in Deutschland. Ein Beispiel gefällig? Laut Euractiv lag 2023 das Durchschnittsalter einer bulgarischen Krankenschwester in „unserem Land“ bei 58 Jahren. Das durchschnittliche Verhältnis zwischen Krankenschwestern und Ärzten sollte 2:1 betragen, in Bulgarien kommen 0,9 Krankenschwestern auf einen Arzt. Sei ehrlich: Wie heißt die Pflegekraft, die sich für wenig Geld um deine Angehörigen kümmert? Ist es noch die Olga aus Polen? Oder bereits die billigere Borislawa aus Bulgarien?

Hollunderblütensirup-Im-und-Export

Am Ende sind es genau viereinhalb Liter feinster Hollunderblütensirup geworden, der nicht nur toll schmeckt, sondern der auch farblich sehr ansprechend ist. Ich genieße ihn wie gesagt nur mit dem Mercedes unter den Sprudel-Wassern: Soda-Club von Schweppes. Es hat mich auch schon eine erste Bestellung aus der Heimat in den Schluchten des Balkans erreicht, also an meinem Hollunderblütensirup, nicht am Soda. Vielleicht ist das mein neues Standbein: Hollunderblütensirup-Im-und-Export. Vermutlich bist Du aber schneller hier, als dass das Geschäft angelaufen ist, aber vor allem als Du denkst, einfach weil Du dir Deutschland nicht mehr leisten kannst.