Das gute Leben ist vorbei

„Das gute Leben ist vorbei“, so der Titel meines Interviews mit Jasmin Kosubek, auf das ich einiges an Rückmeldung bekommen habe, für die ich mich bedanken möchte. Ich werde auch noch jedem persönlich antworten – versprochen. In dem Interview mit Jasmin geht es um den Osten im Allgemeinen und um Bulgarien im Besonderen, und warum er, der Osten, diesmal den Westen retten könnte. Im Interview sage ich, dass ich mich mit dem Begriff Werte schwer tue. Ich tue mich deswegen mit dem Begriff Werte schwer, weil er nur allzuoft Interessen meint. Ganz im Sinne von Egon Bahr, der meinte, dass es in der internationalen Politik nie um Werte wie Demokratie oder Menschenrechte geht, sondern immer nur um Interessen. Der kanadische Psychologe und Buchautor Jordan Peterson, von dem die These mit dem Osten ist, ich hatte hier darüber geschrieben, sagte, dass die Osteuropäer ein besseres Verständnis für alle wesentlichen Dinge als Westeuropäer hätten. Diese wesentlichen Dinge, wie er es nennt, sind für mich gesunder Menschenverstand, Herzensbildung, Instinkt und Intuition. Ich finde diese Dinge mehr in Bulgarien als in Berlin beispielsweise. Hier sehe ich eine Entwicklung hin zum betreuten Denken, auch weil neuerdings für jeden Scheiß (sic) die KI (Künstliche Intelligenz) befragt wird. Was nun den Titel des Interviews „Das gute Leben ist vorbei“ angeht, so gab es dazu kaum oder keine Rückmeldung. Lediglich in den Kommentaren schrieb jemand: „So ein Bullshit“. Und das finde ich verwunderlich. Dass sich der Deutsche nicht mit dem Osten auskennt – geschenkt. Aber dass es mit unserem schönen Land den Bach runter geht, siehe Foto, das sollte so langsam jedem aufgefallen sein.

Be Lucky, Not Angry

Mein bester Freund in Bulgarien ist Engländer. Sein Name ist Jerry, ich habe schon oft über ihn geschrieben. Als Soldat der englischen Armee war Jerry auch in Berlin stationiert, später in Westdeutschland. Dort war er mit einer Deutschen verheiratet, deren Eltern ursprünglich aus dem Osten kamen. Jerry kennt also Deutschland und hatte auch schon frühzeitig Kontakt zu Ostdeutschen. – Neulich habe ich über den englischen Historiker Christopher Clark und sein Buch „Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ geschrieben. Heute geht es um den Engländer David Betz. Beide, sowohl Betz als auch Clark, sind übrigens Professoren, aber das nur nebenbei. Betz beschäftigt sich mit den Bedingungen für Bürgerkriege und bewaffneten Aufständen. In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagt er, dass nahezu alle Voraussetzungen für Bürgerkriege gegeben sind. Jetzt nicht irgendwo, sondern in Westeuropa. Betz kommt zu dieser Aussage aufgrund von Faktoren, die er seit Jahrzehnten erforscht: tiefe gesellschaftliche Spaltung, ein beschleunigter Statusverlust der einst dominanten Mehrheitsbevölkerung und ein dramatischer Zusammenbruch des Vertrauens in die Institutionen. Der möglicherweise bevorstehende Bürgerkrieg sei im Kern eine Revolte der „Regierten“ gegen die Eliten, so Betz. – Viele „Regierte“ sind zunehmend „Angry“. Manch einer hat sogar schon ein Nummernschild an seinem Auto, auf dem „Angry“ steht, was mich an meinen Freund Jerry denken lässt. Jerry sagt immer, die Engländer seien praktisch Deutsche, nur mit Humor. Das finde ich gut, weil – leider – zutreffend. Besser ist nur noch seine Beschreibung unseres Lebens ins Bulgarien: „We are Lucky!“. Und das kann ich auch nur meinen humorlosen Landsleuten empfehlen: „Be Lucky, Not Angry!“

Das Parfum von Berlin

Für manche ist der Geruch des Döners das Parfum von Berlin. Für andere wiederum der Geruch der Currywurst. Für mich war es immer der Geruch der U-Bahn. Aktuell gibt es eine neue Entwicklung. Zumindest deute ich so einen Streit, dessen Ohrenzeuge ich neulich die Ehre hatte sein zu dürfen. Bei dem Streit ging es um die Frage, ob der Geruch nach Urin oder der nach Kot das aktuelle Parfum von Berlin ist. Am Ende einigte man sich darauf, dass es eine Mischung aus beidem sei.

Balkanisierungsfortschritt

Seit Jahren schreibe ich über die Balkanisierung Berlins. Ich muss dazu sagen, dass ich deswegen in die Stadt gekommen bin, die damals noch keine Hauptstadt war. Der genaue Grund war, dass es in Berlin genug balkanische Schmuddelecken gab. Mittlerweile ist es so, dass Berlin nur noch aus Schmuddelecken und gestrandeten Menschen besteht. Das ist mir dann doch des Guten zu viel. Neulich sah ich bei mir um die Ecke obige beiden Schubkarren ohne Räder. Möglicherweise ein Kunstwerk, wer weiß das schon so genau. Auf jeden Fall beschreibt es die Situation in der Bundeshauptstadt ganz gut. Sogleich musste ich an die Schubkarre auf dem Foto unten in Sofia denken. Das Bild entstand im Januar. Zu dem Zeitpunkt hatte die Schubkarre noch ihr Rad, wenngleich ausgebaut. In Sachen Balkanisierung scheint Berlin Bulgarien endgültig überholt zu haben.

Geht gar nicht

Neulich war ich im Brandenburgischen unterwegs. Aber was musste ich da wieder sehen. Ein Restaurant mit deutscher Küche. Deutsch soll plötzlich lecker sein. Das muss man sich einmal vorstellen! Das müssen Rechtsradikale sein, die dieses Restaurant betreiben, ging mir durch den Kopf, um mich sogleich selbst zu korrigieren: Das können nur Rechtsradikale sein! Gleichwohl sahen die Menschen an den Tischen ganz normal und geradezu harmlos aus. Das war natürlich nur Tarnung. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder von unserem Land und unserer Küche sprechen darf, die auch noch lecker sein soll! Es wird höchste Zeit, dass nur noch der von unserem Land und unserer Küche sprechen darf, der auch unsere Demokratie sein Eigen nennt.