Bericht aus Bulgarien (153)

TaxiBerlin als EselGuide

Sehe gerade eine neue Serie mit dem Titel „Auswandern, aber wohin?“ von dem von mir ansonsten geschätzten Gunnar Kaiser, und zwar die „Folge 1: Montenegro“. „Ansonsten geschätzten“ deswegen, weil mir zwar vier junge Menschen, um genau zu sein zwei gut aussehende Paare, präsentiert werden, die aber über Montenegro sagen: „Ich wusste gar nicht, dass dieses Land existiert.“ (Das sollte wohl witzig sein, aber ich konnte gar nicht lachen, sondern habe mich im Gegenteil geschämt – fremdgeschämt.)

Aber es wird noch besser: Auf einer unter dem Video verlinkten Seite mit dem Titel „Der perfekte Ausstieg“ werden von denselben Personen Online-Beratungen zum Thema „Auswandern nach Montenegro“ angeboten, deren „Kompletter Wert: 3.479€“ ist. Es gibt aber auch Gutes zu berichten, und zwar dies: „Fang jetzt an und erhalte einen riesen Rabatt in Höhe von mehr als 70%“, und auch das noch: „Nur eine Zahlung von 349€ Heute!“ (Ich warte lieber noch etwas, und zwar bis sich die Kursanbieter mit dem Land, über das sie informieren, etwas besser vertraut gemacht haben.)

Ich schreibe diesen Beitrag auch, weil mich das Video von Gunnar und insbesondere die Seite der geschäftstüchtigen jungen Deutschen auf die Idee gebracht hat, über mein eigenes Angebot (oder sollte ich schon „Produkt“ sagen?) nachzudenken. Ob mein Service wirklich besser ist, immerhin ist mir bekannt, dass ein Land namens Bulgarien existiert, da bin ich mir nicht wirklich sicher. Er besteht auch nicht aus Online-Kursen, sondern ich biete mich selbst als Esel an, der dich durch’s Land führt.

Interesse? Dann schreib mir eine e-mail oder triff mich im Juni in Berlin!

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bremen in Bulgarien (6)

 

Blick auf den Zarenhügel in Veliko Tarnovo

Der heutige Bericht von Joachim aus Bremen über die frühere bulgarische Hauptstadt Veliko Tarnovo im Zentrum des Landes ist etwas länger, weswegen ich mich kurz halte. Von mir gibt es eventuell später am Abend noch mal einen Eintrag oder morgen. Lass dich überraschen, auch von Joachims Bericht:

Wir sind gut angekommen in Veliko Tarnovo. Eigentlich sollte es eine Baustelle geben, die es kompliziert macht das Hotel anzufahren. Die gab es dann aber doch nicht. Die Fahrt hierher war unspektakulär, sieht man mal ab von den vielen Baustellen und Geschwindigkeitsbegrenzungen und all jenen, die sich nicht darum kümmern und trotzdem überholen.

Die Ankunft war mit einer Überraschung geschmückt: Mit solch einem großen geräumigen Hotelzimmer mit so toller Aussicht hatten wir nicht gerechnet. Die Stadt Tarnovo erstreckt sich über drei Haupt- und ein paar Nebenhügel. Die Häuser sind an die steilen Hänge gebaut und erinnern ein wenig an die Favelas in Rio de Janeiro, nur sind sie größer und in viel besserem Zustand. Unser Hotel ist eines davon und der Blick geht auf eine Insel, die durch den Flussbogen der Jantra gebildet wird. Mitten darauf steht das Denkmal dieser bulgarischen Heroen, die wohl dazu beitrugen die Republik zu gründen, ich glaube, Brüder sind es gewesen. Zu ihrer Zeit wurde Tarnovo zur Hauptstadt des bulgarischen Reiches, deshalb auch „Veliko“, was so viel heißt wie „großes“ oder „ruhmreiches“ Tarnovo. Rechts davon, noch auf der stadtnahen Seite des Flusses liegt eine Hotelruine. Riesig und unheimlich. Manch einer mag diese Architektur aus Sichtbeton dem Brutalismus zuordnen, wie er durch die Torres Blancas in Madrid vertreten wird. Hier jedoch gibt es zwar auch Sichtbeton, doch daneben Stilelemente, die dem Bunker ähnlichem das Rauhe und Formlose nehmen. Gewellte Dächer, die an Pagoden erinnern oder geschwungene Wände und Öffnungen, die zwar funktionslos sind aber stilgebend wirken.

Schade, dass niemand das Geld und den Mut besitzt, diesen Hotelkomplex wiederzubeleben.

Wir trafen zwei Stunden vor unserem Termin für die Stadtführung ein. Das war gut, denn wir waren müde und konnten uns ausruhen. Unsere Stadtführerin war pünktlich am Hotel und dankte uns für unsere Pünktlichkeit. Ich hatte mich an Tucholskys Ausspruch erinnert „Muss ich mich benehmen oder waren schon andere Deutsche hier?“ und mich für das Benehmen entschieden. Sie anscheinend auch. Vanja, unsere Stadtführerin hatte zwölf Jahre im hiesigen Archäologischen Museum verbracht und wusste viel zu berichten, wobei sie immer wieder auf die Archäologie zu sprechen kam. Heute arbeitet sie mit unwilligen Schülern und unterrichtet diese in Deutsch an einem Gymnasium. Die Führung ging durch Gassen und an alten Häusern vorbei, von denen manche gleich die Jahreszahlen ihrer Entstehung gut sichtbar an den Wänden trugen. Das seien die Botschaften von Russland, Rumänien und noch einem Land, da habe ich aber nicht aufgepasst. Wir mussten noch die ein oder andere Treppe, die ein oder andere Straße hoch und runter. Das seien, so wurde uns berichtet, auch die einzigen Richtungen, die es im Ort gäbe: Hoch, Runter, Treppe.

Vanja wusste auch viele Namen zu nennen, auch die von den Heroen, die als Denkmal verewigt sind drüben auf der Insel. Neben deren fremdländischen Namen und den vielen Jahreszahlen, die Vanja zu erzählen wusste, zeigte sie uns auch Hausfassaden und Gebäude, deren Funktion sie ebenfalls zu benennen wusste. Mir fällt es schwer dies alles zu erinnern, ich kann mich noch so viel anstrengen, diese Namen und Daten bleiben einfach nicht hängen in meinem Gedächtnis. Ist ja auch kein Wunder, denn woran sollen sie denn hängenbleiben, wo doch nicht mal meine Urgroßeltern zu den genannte Zeiten auf dieser Welt waren. Es geht weiter durch den Ort, durch die kleinen engen Gassen und Vanja weist hin auf ein Denkmal, eine Festungsanlage, links davon eine Kirche, das war dann aber nicht die einzige, man hatte die Fundamente von 23 anderen ausgegraben.

Nun ja. Mir wurde es nach 2,5h zu viel. Ich konnte mir ja eh nicht alles merken (s.o.) und deshalb winkte ich ab, als sie den Rest unserer Tour noch erwähnte. Wir sollten wieder runter zum Fluss und über eine der zwei Brücken hinüber zum Denkmal mit den Heroen und von dort zurück – wahrscheinlich über die zweite Brücke – zu unserem Hotel. Ich sagte etwas von Hunger und Restaurant, worauf sie uns gleich das ein oder andere mit Terrasse und Ausblick auf die Stadt zeigte.

Wir sind (schon wieder) in einer Art Pizzeria gelandet. Jetzt aber mit Aussicht und auf einer Terrasse.

Der erste Abend verlief ruhig und an einem Tischchen des zum Hotel gehörenden Restaurants. Wir hatten, wie kann es anders sein, eine gute Aussicht auf das Denkmal der Heroen und die Erinnerung an kommunistische Zeiten in Gestalt des riesigen Hotelkomplexes, tranken unser Bier und waren bald rechtschaffen müde.

Am zweiten Tag erhielten wir ein recht üppiges Frühstück. Als wir gegen zehn Uhr ins Restaurant kamen, waren wir die einzigen Gäste und ein Tisch extra für uns gedeckt. Es gab Wurst, Käse, Müsli, Obst und bulgarischen Joghurt. Dazu richtigen Kaffee, also Espresso, heiße Milch und Orangensaft. Dafür, dass die Bulgaren nicht frühstücken war dies doch eine Überraschung. Danach zogen wir los auf die Heroen-Insel, bestaunten die Helden, fanden im Denkmal gar die steinerne Abbildung einer Frau mit Kind und erkundeten die Wege und vor allem Treppen der Insel. Es wurde ein Waldbad, denn Bäume und Blätter gab es zuhauf.

Mir ist übrigens aufgefallen, dass auch die hiesige Geschichte eine Geschichte von Männern und ihrer Taten ist. Wir hätten doch mehr danach fragen sollen, was denn mit den Frauen war, als deren Männer so heroisch unterwegs waren, sich gegen und für etwas in den Kampf begaben und auf Schlachtfeldern ihr Ende fanden. Oder ähnlich wie Bertolt Brecht, der seine „Fragen eines lesenden Arbeiters“ formuliert:

„Wer baute das siebentorige Theben?

In den Büchern stehen die Namen von Königen.

Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?

Und das mehrmals zerstörte Babylon

Wer baute es so viele Male auf?

In welchen Häusern des goldstrahlenden Limas wohnten die Bauleute?

Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war die Maurer?

Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?“

Tja, verpasste Gelegenheiten, wir können dann in Plovdiv während der dortigen Stadtführung das Fragen üben.

Für Kerstin und mich ist es mittlerweile auffällig, dass wir uns immer dann auf den Weg machen, wenn die Hitze des Tages am größten ist. Wie auch jetzt wieder. Jedes Mal, wenn wir aus dem Schatten der Bäume traten, konnten wir feststellen, was Hitze bedeutet. Allerdings eine Hitze der gnädigen Art. Vanja hatte uns erzählt im Sommer könne es hier auch 42° heiß werden. Da sind wir doch eher einer Wärme statt einer Hitze ausgesetzt.

Der Tag ist noch nicht zu Ende und doch sind wir müde. Es muss eine Alterserscheinung sein, die sich da zeigt. Da wir aber wissen, dass nichts schlimmer ist als eine Stadterkundung in müdem Zustand, gehen wir erst zurück ins Hotel, um uns auszuruhen und fit zu machen für einen zweiten An- und Abstieg durch die Stadt und ihre Gassen.

Anzuraten ist, eine Stadtbesichtigung morgens früh, vielleicht kurz nach Sonnenaufgang zu machen. Abzuraten ist, diese zwischen 15:00 und 18:00 bei ca. 28° Celsius durchzuführen in einer Stadt, die keine Fußgängerzonen kennt und nur das Hoch, Runter und Treppe. Es ist nicht nur laut in den Straßen, die Luft dort ist auch von Abgasen geschwängert. Wenn dann noch für Abends ein Gewitter angesagt ist, dann sollte man eigentlich an einem kühlen Platz bleiben und sich nicht bewegen.

Wir haben uns nicht daran gehalten und sind durch die Straßen gelaufen, haben die Schaufenster begutachtet und einen DM-Markt besucht. Der war kühl. Die Produkte dort sahen auch nicht anders aus als bei uns. Bis auf die Beschreibungen, die auf bulgarisch oder in Englisch zu lesen waren. Kerstin übte sich im Entziffern der kyrillischen Buchstaben. Nicht nur im DM, sondern auch überall dort, wo Schilder und Informationstafeln zu sehen waren. Davon gab es einige und so zog sich unser Schaufensterbummel hin.

Den heutige Abend werden wir in unserem Hotel-Restaurant verbringen mit der schon erwähnten Aussicht auf das Heroen-Denkmal und den zerfallenden Hotelkomplex. Und da es die Speisekarte auch auf Englisch gibt, werden wir wohl keine Probleme mit der Bestellung haben. Morgen fahren wir weiter ins Rosental, in den Ort Kalofer. Dem Geburtsort eines weiteren bulgarischen Helden, Christ Botew. Ihm zu Ehren heulen in ganz Bulgarien am 2. Juni um 12:00 Uhr die Sirenen. Gut, dass Rumen uns darauf aufmerksam machte, wir hätten uns womöglich auf die Suche nach dem nächsten Luftschutzkeller gemacht. Eine alte deutsche Gewohnheit …

Foto&Text JoachimBremen

Bericht aus Bulgarien (152)

TaxiBerlin als DonkeyMan

Heute in einer Woche komme ich für etwa drei Wochen nach Berlin. Mir ist ehrlich gesagt schon etwas mulmig deswegen, aber das soll nicht Gegenstand dieses Beitrags sein, sondern die Möglichkeit, einer meiner Sponsoren zu werden. Ich habe schon mehrfach erwähnt, dass ich bei den Anonymen Alkoholikern, wo Sponsoren absolut üblich sind, keinen Sponsor hatte, aber jetzt hier in Bulgarien. 

Einer meiner Sponsoren ist Joachim aus Bremen, der mich zusammen mit seiner Frau am Wochenende besucht hat. Beide sind gerade mit einem Mietwagen in den Schluchten des Balkans unterwegs, im Moment von Veliko Tirnovo nach Kalofer. Später werde ich noch einen aktuellen Bericht von Joachim hier auf meiner Seite veröffentlichen. Ich erwähne Joachim auch, weil er in seinem ersten Bericht beschrieben hat, wie es dazu kam, dass er einer meiner Sponsoren wurde: 

Noch vor meiner ersten Kontaktaufnahme per Mail hatte ich Rumen eine Spende zukommen lassen. Mir war, als ist diese ganz persönliche Spende mehr wert als meine sonstigen Ablasshandlungen gegenüber Greenpeace, Ärzte ohne Grenzen oder sonstigen gemeinnützigen Organisationen. Rumen war kein Objekt meiner Gewissensberuhigung. Es war mir wichtig und machte mir Freude, ihn in seiner Situation zu unterstützen.

Auch du kannst ein Sponsor von mir werden, aber nicht nur das. Du kannst dich auch mit mir treffen, und zwar ab dem 8. Juni in der deutschen Hauptstadt. Manchmal ist es hilfreich, denjenigen, den man unterstützen will, vorher persönlich kennenzulernen. Und wenn du nicht nach Bulgarien kommen kannst oder willst wie Joachim und seine Frau, dann müssen wir uns eben in Berlin treffen. Natürlich nur, wenn du den Mut dazu hast, denn mein „Impfstatus“ ist nicht auf dem „aktuellen Stand“. Um bei der Wahrheit zu bleiben: ich bin nicht geimpft, höchstens gegen eine „Impfung“ mit einem kaum erprobten neuen „Impfstoff“, auch und gerade wenn dieser „bereits an Milliarden von Menschen getestet wurden ist, sozusagen in einem großen Feldversuch auf der ganzen Welt“. (O-Ton Saskia Esken, SPD)

Wer trotzdem Interesse hat, mich persönlich im Juni in Berlin kennenzulernen, schreibt mir eine e-mail, meine e-mail Adresse steht rechts von diesem Beitrag.

Es besteht auch die Möglichkeit, mich direkt mit einer Spende zu unterstützen. Der Spenden-Button befindet sich ebenfalls rechts oben von diesem Beitrag. Danke!

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (151)

МАГАЗИН ЗА ПАРИ – GESCHÄFT FÜR GELD

In diesem Geschäft in der bulgarischen Stadt Vraca kann man Geld kaufen, ganz genau: Geld+. Was sich hinter Geld+ verbirgt, konnte (besser: wollte) mir die nette Verkäuferin nicht verraten. Sie war extra aus ihrem Geschäft gekommen, um mich zu fragen, was ich hier mache. Wahrheitsgemäß, wie sich das selbst für einen halben Deutschen gehört, habe ich ihr geantwortet, dass ich ihren Laden fotografiere. Dazu muss man wissen, dass man Fotos im öffentlichen Raum (noch) machen und auch veröffentlichen darf. In Bulgarien hat das bisher niemanden interessiert, aber nun scheint es wichtig zu sein, ist hier auch in dieser Frage der Westen angekommen. Die Verkäuferin habe ich ganz bewusst nicht fotografiert. Auch hier gilt das Recht am eigenen Bild. Ich habe mich also – typisch deutsch – korrekt verhalten, die Verkäuferin aber nicht. Sie hat sich eher berlinerisch verhalten, getreu dem Berliner Motto: Leck mich! Das kommt vor, selbst in Bulgarien. So kann ich nur vermuten, was sich hinter Geld+ verbirgt. Ich stelle es mir so vor, dass man sein altes Geld in den Laden bringt und dann neues Geld dafür bekommt. Das wird ja auch mal Zeit. Die Einführung des Euros liegt jetzt auch schon wieder 20 Jahre zurück. Da ich kein Geld habe, oder zumindest so gut wie keins, kann ich nicht in den Laden gehen. So einfach ist das. Der nächste, der mich besucht, möge bitte unbedingt Geld mitbringen. Dann gehen wir zusammen in das Geschäft und kaufen damit Geld, also Geld+. Und dann schreibe ich hier darüber – aber das ist ja klar.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (150)

„Wendekreis des Krebses“ neben „Unterwegs“ („On the Road“)

Übers Wochenende haben mich Leser meiner Artikel und meines Blogs besucht. Ganz genau war es Joachim aus Bremen zusammen mit seiner Frau. Joachim ist darüber hinaus einer meiner Sponsoren, die ich bei den Anonymen Alkoholiker nie hatte. Ich würde ihn eher als „großen Bruder“ bezeichnen, aber im positiven und nicht im Orwellschen Sinne. Seine Frau ist Therapeutin. Dazu muss man wissen, dass ich auch einmal Therapeut werden wollte und sogar einige Semester Psychologie studiert habe.

Am Ende sollte es nicht sein, dass aus mir ein Therapeut wird. Wie sollte ich anderen Menschen helfen, wenn ich mir selbst nicht helfen kann. So bin ich Taxifahrer geworden, oder auch „Straßendoktor“. Meine Universität war und ist die Straße. Das ist keine Übertreibung. Auf ihr habe ich mehr gelernt als in allen Universitäten, die ich besucht habe. Zum Schluss war ich in meinem Taxi vor allem Medium, das seinen Fahrgästen zugehört hat. Denn ich wollte verstehen (und nicht bewerten), warum jemand so tickt, wie er eben tickt.

Auch wenn ich selbst viel erzählt habe, habe ich meinem Besuch auch zugehört. Das ist wichtig, gerade in unseren Tagen. In meinem Taxi hatte ich genug Zeit zum Zuhören. Gerade wenn man sich nicht kennt, oder noch nicht, ist zuhören ganz wichtig. Denn es ist auch im Alter möglich, neue Menschen kennenzulernen und Freundschaften zu schließen, auch wenn es insgesamt aus verschiedenen Gründen schwerer wird. Man muss aber zuhören können.

Ich kann meine Erfahrung mit meinen Besuchern nur jedem empfehlen. Lerne neue Menschen kennen. Tausche dich mit ihnen aus, gerne auch schriftlich, beispielsweise per e-mail. Und dann spring irgendwann ins kalte Wasser. Treffe sie, verbringe Zeit mit ihnen oder nimm sie ganz und gar bei dir auf. Ein Punkt übrigens, den ich bei der ganzen Flüchtlingsdebatte vermisse. Es wird gerne über Flüchtlinge gesprochen. Aber wer redet eigentlich mit ihnen? Und wer nimmt sie bei sich auf?

Meine beiden Besucher sind keine Flüchtlinge. Oder sollte ich besser sagen: noch nicht? Zumindest sind sie gerade recht komfortabel mit einem Mietwagen in den Schluchten des Balkans unterwegs. Um ganz genau zu sein: Sie sind just in diesem Moment in der früheren Hauptstadt Veliko Tirnowo in Zentralbulgarien, von wo aus ich eben einen Bericht von Joachim über den gestrigen Tag erhalten habe.

Der Bericht liest sich gut. Ich denke, die beiden machen alles richtig. Ich meine, dafür sind wir doch damals ’89 auf die Straße gegangen. Damit wir uns die Welt und die Straßen auf ihr ansehen können. Das ist jetzt über 30 Jahre her. Für Joachim und seine Frau ist es die erste Reise nach Bulgarien. Es ist also nie zu spät. Und vielleicht ist es auch nicht die letzte. Es bleibt spannend.

PS: Joachim und seine Frau haben in Bremen eine Gruppe besucht, die sich regelmäßig getroffen hat, um sich zum Thema „Würde“ auszutauschen. Ich bin in Berlin zu Meetings der Anonymen Alkoholiker, aber auch zu Treffen von Heilpraktikern gegangen. Beides war sehr wichtig für mich, genauso wie die Treffen zum Thema „Würde“ wichtig waren für Joachim und seine Frau. Ich erwähne die Treffen deswegen, auch wenn sie eigentlich etwas selbstverständliches sein sollten, weil sie es zu Corona-Zeiten nicht waren, sondern etwas konspiratives hatten, was mich sehr an die DDR erinnert hat. Diese Zeit ist noch (lange) nicht vorbei. Davon bin ich fest überzeugt. Wir leben auch weiterhin in besonderen Zeiten, in denen Selbstverständliches nicht immer selbstverständlich ist. Alleine deshalb sind solche Treffen und Meetings, egal ob in Bremen, Berlin oder den Schluchten des Balkans wichtig.

Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (149)

 

Manche möchten wissen, wie die Menschen in Bulgarien sprechen. Andere fragen sich, ob das alles stimmt, was ich darüber schreibe, worüber Menschen sich hier unterhalten, selbst im Staatlichen Bulgarischen Nationalradio „Christo Botew“. Beiden kann ich obiges aktuelles Interview empfehlen, das mein Freund und Übersetzer Martin Petrushev mit Ulrich Mies über das von ihm im letzten Jahr herausgegebene Buch „Schöne Neue Welt 2030“ gemacht und gerade auf seinem Kanal „Rationaler Widerstand“ veröffentlicht hat. Martin Petrushev hat das Buch genauso wie das Interview übersetzt. Praktisch so, wie die beiden miteinander reden, so wird in Bulgarien gesprochen. Wer es nicht glaubt, liest die bulgarischen Untertitel.
Text TaxiBerlin

Bericht aus Bremen in Bulgarien (5)

Ortseingang

Gerade habe ich Joachim und seine Frau verabschiedet. Sie sind auf dem Weg Richtung Osten zur früheren Hauptstadt Veliko Tirnovo, wo sie um 17:30 Uhr eine Stadtführung gebucht haben. Was die beiden am Wochenende bei mir im Ort und mit mir erlebt haben, beschreibt Joachim in diesem Bericht:

Von Sofia führt die Straße hinauf in die Berge und über einen Pass durch Tannen- und Mischwälder. Die Aussicht zeigt Bergketten, die teils an den Schwarzwald und teils ans Allgäu erinnern. Die in unseren allgemeinen Reiseinformationen genannten Schlaglöcher auf Bulgariens Straßen, sie tauchen nicht auf, nicht auf dieser Strecke. Rumen hat Recht, wenn er von den „Schluchten des Balkans“ schreibt, sage ich zu Kerstin beim Blick in ein tiefes Tal links der Straße.

Vor unserer Abfahrt nach Spanchevtsi erhalten wir noch letzte Instruktionen von Rumen: „Sei im Straßenverkehr auf alles vorbereitet. Layne fährt hier gar nicht, das ist ihr zu crazy. Am besten ihr fahrt über den Petrochan-Pass zu mir nach Spanchevtsi, so fahre ich immer.“

Was sollte das bedeuten, auf alles vorbereitet zu sein? Fahren die Bulgaren nach anderen Regeln als bei uns? Gibt es Geisterfahrer? Werden Autorennen auf Landstraßen ausgetragen statt wie bei uns auf Autobahnabschnitten? Es hilft ja nichts, wir saßen nun mal in unserem Mietwagen und mussten uns von A nach B bewegen. Dann also vorsichtig. Im Zentrum vom Ort Birsija, 5 km vor Berkowitza, kann man nacht rechts Richtung Varshetz und zum Kloster Klisura zu mir abkürzen, schreibt Rumen. Das ist nett, doch auf unserem deutschsprachigen Navigationsgerät werden weder Birsija noch Berkowitza angezeigt. Ein ähnlich klingender Ort namens Barzia könnte gemeint sein. Tatsächlich finden wir dort eine Abbiegung nach Varshets und „Klisurski manastir“, was wohl das Kloster sein muss.

Nach 90 Minuten Fahrt kommen wir an. Dazu müssen wir noch einen Feldweg erklimmen und die tiefen vom Regen ausgewaschenen Löcher und Rinnen umfahren. Ist es das Haus rechts oder links? Rumen steht vor der Tür, das muss er wohl sein, es gibt sonst keine Menschen weit und breit nur zwei Hunde, die uns blöde angucken, sie gehören einem der Nachbarn. Wir steigen aus, laufen die Wiese runter zum Hauseingang, begrüßen uns herzlich, umarmen uns wie alte Bekannte. Der bisher nur aus seinen Blogtexten bekannte Berliner Taxifahrer spricht mit einem typisch ost-deutschen Dialekt und ist mir gleich sehr vertraut. Da kommt keine Fremdheit auf, da sind keine Anhaltspunkte für irgendeine Antipathie.

Wir gehen ins Haus, bekommen unser Zimmer gezeigt mit dem Doppelbett, die Wohnküche, die riesige Terrasse, das Bad. Und noch bevor der Kaffee ausgeteilt ist und die Kuchen vom Vortags-Geburtstag sind wir mitten drin in Erzählungen, Fragen und Antworten, die uns bis in die Nacht beschäftigen. Es ist ein Kennenlernen, ein Austausch von gemeinsamen und unterschiedlichen Erfahrungen, von ebenso vertrauten wie fremden Geschichten. Wir mit unseren Biografien aus dem Westen, Rumen mit seiner aus dem Osten.

Das Abendessen besteht aus den Resten vom Vortags-Geburtstag, es gibt reichlich Schnitzel, Krautsalat, Brot, Butter und Käse. Wir sind satt am Ende des Tages, von unseren Eindrücken, unseren Erzählungen und dem Essen mit Blick von der Terrasse in die Berge. Am nächsten Tag werden wir die Umgebung kennenlernen, die Mineralquelle, das Badebecken mit dem warmen Mineralwasser, den Nachbarort Varshets, die alten verfallenen Häuser eines ehemaligen Bades, den Kontrast zwischen Alt und Neu, die steingewordenen Erinnerungen an eine Zeit, als noch kein Turbo-Kapitalismus Einzug gehalten hatte in dieser ländlichen Region. Heute befinden sich hier Spa-Hotels und ihre Neubauten neben zerfallenen Häusern, eine Art Permakultur in Beton.

Im Erfahren und Erlaufen der Gegend erzählt uns Rumen von den Menschen, den Ortschaften und seinen Begegnungen mit Leuten, die er uns zeigt, wenn sie am Straßenrand zufällig auftauchen, das Haus seines Bürgermeisters, das Rathaus, die Urlaubs-Ressorts für zumeist bulgarische Gäste. In Varshets trinken wir gemeinsam Kaffee, abends geht es zum „Stalin“, einer Forellenzucht mit Gästehaus und Restaurant. Dort essen wir neben gebratenen Forellen, Schopska-Salat, Kraut-Möhrensalat und ein Gericht, das sich „Sirene po schopski“ nennt. Es besteht aus gebackenem Schafskäse, Tomate, Ei und Bohnenkraut und wird hier in einem Tontopf serviert. Dazu gibt es eine Art Getränke-Völkerfreundschaft bestehend aus bulgarischem und deutschem Bier. 

Noch haben wir Rumen an unserer Seite, der für uns erklärt und beschreibt, der die Bestellung aufgibt und dafür sorgt, dass wir das bekommen, was wir uns ausgesucht haben. Wie wird das werden, wenn wir uns weiter auf den Weg machen, so ziemlich auf uns gestellt?

Foto&Text JoachimBremen