Bericht aus Bulgarien (139)

Gestern im Angebot: Laptop mit Schnappsbrennanlage

Gestern war ich in der Stadt Montana, es gibt sie wirklich, sie ist die Hauptstadt der ärmsten Region Bulgariens im Nordwesten des Landes, auf dem Flohmarkt. Der findet immer Montagvormittags statt, ist aber wegen der Pandemie lange ausgefallen.
Weil ich deswegen noch nie auf ihm war, ich aber ein großer Flohmarkt-Fan bin, war ich sehr gespannt zu sehen, was mich in Montana erwartet, und auch weil ich weiß, dass es Flohmärkte im deutschen Sinne, wo auch Privatpersonen ihre Sachen verkaufen, praktisch nicht gibt oder zumindest schwer zu finden sind in Bulgarien.
Ich wurde nicht enttäuscht, es gab auch private Verkäufer auf dem Flohmarkt in Montana, wenn auch nicht viele. Die meisten Verkäufer haben Werkzeug angeboten, gefolgt von Ersatzteilen und Krims Krams, wie beispielsweise obige Schnappsbrennanlage zusammen mit einem Laptop.
Ich habe ein mittelalterliches Bild von einem bulgarischen Dorftanz mit einem Dudelsackspieler in der Mitte für einen Lewa (50 Cent), den Film „Crash“ auf DVD für zwei Lewa (ein Euro), das Buch „Every“ von David Eggers für drei Lewa (ein Euro 50 Cent), ein kleines, neues Stativ mit Hülle, die ich verloren habe, Made in China für meine kleine Kamera für 10 Lewa (fünf Euro) und ein gebrauchtes, aber neuwertiges Bügeleisen der Marke Braun, voll funktionsfähig, wie sich zu hause herausstellte, ebenfalls für 10 Lewa gekauft.
Jetzt brauchte ich nur noch ein paar Hemden, die ich bügeln kann. Die fand ich in einem der zahlreichen Second Läden Montanas, in dem nach Gewicht verkauft wird, und in dem Montag mit drei Lewa (ein Euro 50 Cent) das Kilogramm der preiswerteste Tag ist. Ich fand fünf schöne und neuwertige Hemden, drei mit langen und zwei mit kurzen Ärmeln, die zusammen vier Lewa (zwei Euro) kosten sollten. Insgesamt habe ich gestern also 30 Lewa (15 Euro) in Montana, der Hauptstadt der ärmsten Region Bulgariens, gelassen.
Nun überlege ich, selbst einmal meinen überflüssigen Kram zu verkaufen, so gut hat mit der Flohmarkt gefallen. Man muss dafür zwar früh da sein, zwischen Sechs und halb Sieben, aber der Stand kostet nur fünf bis zehn Lewa (2,50 bis fünf Euro). Ich würde ihn mir mit einem deutschen Paar, das ich neulich kennengelernt habe, und Jerry, meinem englischen Freund, teilen. Die Schnappsbrennanlage blieb übrigens bis zum Schluss unverkauft, und auch der dazugehörige Laptop, was aber nicht an dem Polizeiauto im Hintergrund lag. Dass es auf dem Flohmarktgelände stand, war Routine – Polizei Routine.
In der Vergangenheit sollen auch Autos auf dem Flohmarkt, der in Bulgarien Basar heißt, verkauft worden sein, aber gestern habe ich nur Fahrräder und kleine Mopeds für Kinder gesehen. Das Buch „Every“ von David Eggers, ich habe sofort angefangen zu lesen, ist vielleicht der größte Schatz, den ich gestern gefunden habe. Wie das Exemplar in deutscher Sprache seinen Weg auf den Flohmarkt in Montana gefunden hat, ist ein großes Rätsel.
Obwohl das Buch erst letztes Jahr erschienen ist, schreibt der Autor, von dem auch „Der Circle“ ist, in ihm bereits von der Zeit „nach den beiden Pandemien“. Ein wichtiges Buch über das, was uns möglicherweise bevorsteht oder ganz und gar schon in Vorbereitung ist. Ende Mai, um genau zu sein nächste Woche, sollen die Regierungen der Länder, die Mitglied der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind, dem bereits vorbereiteten Plan zustimmen, dass in Zukunft ausschließlich die WHO darüber entscheidet, was eine Pandemie ist und was nicht.
Zur Erinnerung: die WHO ist nicht demokratisch legitimiert, im Gegenteil. WHO-Geldgeber wie Bill Gates, der als Großaktionär der Impfindustrie direkt an den Impfstoffen mitverdient, dürften sowohl an neuen Pandemien, als auch an neuen Impfungen interessiert sein. Aus diesem Grund gab es vor jetzt etwas mehr als 10 Jahren einen Beitrag im öffentlich/rechtlichen Rundfunk mit dem Titel „Was gesund ist, bestimmt Bill Gates“, der jetzt nur noch schwer zu finden ist, zumindest in seiner original Version, weil heute angeblich Fake News.
In Zukunft kann die von Gates & Co gekaperte WHO an der Regierung deines Landes vorbei darüber entscheiden, ob man dich mittels Lockdown einsperren, du wieder Masken tragen und auch ob du dich wieder impfen lassen musst. Wie es „nach den Pandemien“ aussieht, das erfährst du wie gesagt aus „Every“ von David Eggers. Ich kann das Buch nur wärmstens empfehlen, ich habe letzte Nacht kein Auge zugemacht, sondern es in einem Zug durchgelesen.
PS: Ich plane morgen nach Sofia zu fahren, um zusammen mit meinem neuen bulgarischen Freund Martin für einen Artikel zu recherchieren und bin schon sehr gespannt, wie das wird, weil morgen die Transportbranche, also auch Taxis, landesweit die Straßen blockieren will. Gerade erfahre ich aus dem Bulgarischen Nationalradio „Christo Botew“, dass die Blockade erst um neun und nicht wie geplant um acht Uhr beginnen soll, wenn die Schüler schon in der Schule sind. Überlege jetzt, ob ich morgen wieder Schüler sein soll.

Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (138)

Sommerdusche mit Ausblick

Heute möchte ich nun endlich über meine Sommerdusche schreiben, so wie ich es bereits vor Tagen angekündigt hatte. Meine Sommerdusche ist ein großes Fass, was ich bereits vor Jahren schwarz angemalt habe, weil es ursprünglich hellblau war. Ein dunkle Farbe, am besten schwarz, ist besser, weil die Sonne dann das Wasser, was sich im Fass befindet, wärmer macht. Im Sommer, wenn es ganz doll heiß ist in Bulgarien, mit 40 Grad im Schatten und so, ist das Wasser in meiner Sommerdusche richtig schön pisswarm. Im Moment ist es das noch nicht, was auch ein Grund ist, dass ich jeden Tag immer noch in den Wald in mein kleines Mineralbad gehe. Dort fließt kontinuierlich etwa 30 Grad warmes Mineralwasser ins Becken. Bisher war ich dort immer alleine, aber langsam kommen die Wanderer aus ihren Löchern, die wenigen, die noch im Land verblieben sind, die meisten sind ja ausgewandert. Manche von ihnen laufen auch an meiner Hütte vorbei, weswegen meine Sommerdusche einen Sichtschutz hat – das Handtuch. Meine Sommerdusche steht auf einem Podest, damit das Fass die nötige Höhe hat. Der Podest ist aus Steinen, die ich jedes Jahr aufs Neue aufschichten muss, weil ich sie nicht draußen lassen will, damit sie mir keiner klaut. Apropos klauen: dieses Jahr werden es 20 Jahre, dass ich die Hütte habe, und noch nie wurde mir etwas geklaut. Doch zurück zur Sommerdusche. Da ich auch beim Duschen sparsam bin, reicht das Wasser im Fass meiner Sommerdusche etwa eine Woche. Dann muss ich es auffüllen. Mein Boiler im Keller bleibt im Sommer komplett ausgeschaltet. Das wenige Geschirr, was ich brauche, wasche ich kalt ab. Beim Duschen habe ich den phantastischen Ausblick auf die Berge des Balkans, von dem ich schon öfters Fotos hier auf meiner Seite veröffentlicht habe, und der vielleicht das schönste ist am Sommerduschen überhaupt.

Foto&Text TaxiBerlin

 

Bericht aus Bulgarien (137)

Am Mittwoch vor dem Parlament in Sofia

Der Protest am Mittwoch in Sofia hatte einmal mehr das Ziel, die amtierende bulgarische Regierung unter Kiril Petkow zu stürzen. Ganz genau sollte sie aber nicht gestürzt werden, sondern sie sollte und soll immer noch zurücktreten, so wie es auf obigem Spruchband zu lesen ist: „Rücktritt der Marionette Kiro Petkow! Wegen hineinziehen Bulgariens in den Krieg der USA gegen Russland in der Ukraine!“

Dass der Krieg in der Ukraine ein Stellvertreterkrieg wischen der USA und Russland ist, das ist den meisten Menschen in Bulgarien klar. In Deutschland ist es, wie so vieles andere auch, mal wieder umgedreht. Oskar Lafontaine gehört dort einer Minderheit an, die eine einfache Wahrheit offen ausspricht. Dass das so ist, dafür schäme ich mich auch als halber Deutscher selbst in den Schluchten des Balkans noch.
Kiril Petkow, der (noch) amtierende Regierungschef Bulgariens, scheint diese simple Wahrheit auch nicht zu kennen. Aber nicht nur das. Er kann offensichtlich auch nicht rechnen, denn er hat sich, wie aus dem Bulgarischen Nationalradio „Christo Botew“ zu erfahren war, Anfang der Woche bei seinem Besuch in Washington amerikanisches Gas aufschwatzen lassen, das, obwohl vom andere Ende der Welt geliefert, immer noch billiger sein soll als russisches Gas. Und das, obwohl er in Harvard studiert hat – oder vielleicht gerade deswegen.
Foto&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (136)

Georgi Alexejew am 4. Mai in Sofia

Am Mittwoch in Sofia auf dem Protest habe ich neben Demonstrationsteilnehmern, die ich kenne, weil sie wie ich regelmäßig zu den Protesten gehen, auch Georgi Alexjew, den obersten für das Parlament und die Regierung zuständigen Polizisten wiedergetroffen, ich hatte hier über ihn geschrieben. Auch Georgi Alexejew und ich grüßten uns per Handschlag, verbunden mit der Frage nach der Befindlichkeit des anderen.

Georgi Alexejew am 11. Mai auf der Adlerbrücke

Georgi Alexejew geht es gut, erfuhr ich, so wie mir. Er erfuhr weiter von ihm, der sich den Beitrag über ihn auf meiner Seite angesehen hat, ich hatte ihm dafür meine Karte gegeben, dass er eigentlich keine Uniform tragen müsse, er es aber aus Verbundenheit mit seinen Leuten mache. Die Frage hatte sich ergeben, weil ich ihn auf dem letzten Protest, als man versuchte, das Denkmal für sie Sowjetische Armee mit einer Ukrainischen Flagge zu verhüllen, in Zivil gesehen hatte.

Tante Wanja mit Georgi Alexejew und seinen Leuten

Ich erzählte Georgi Alexejew von meinem Dorf, und dass ich mich dort wohl fühle. Der oberste Polizist kannte zwar nicht mein Dorf, aber die Gegend. Den meisten Bulgaren ist die ärmste Region ihres Landes bekannt, was vor allem an dem Nachbarstädtchen meines Dorfes liegt, der mit einer knapp 130-jährigen Tradition einer der ältesten Kurorte Bulgariens ist, und in dem es wie in meinem Dorf eine Mineralwasserquelle gibt. Im Ausland ist der Kurort wie die gesamte Region weitgehend unbekannt, obwohl es im Kurort Bauten gibt, die an Bad Homburg erinnern, die leider seit Jahren verfallen.

Das Gespräch mit Georgi Alexejew fand vor dem Ministerrat, dem Sitz der bulgarischen Regierung, statt. Später sah ich ihn auf der einen Kilometer entfernten „Orlow Most“ (Adlerbrücke) wieder. Der Protest war für Georgi Alexejew und seine Leute zur Nebensache geworden, lieber unterhielten sie sich mit einer Frau, die auf ihrem kleinen Klappstuhl auf der Brücke saß und eine bulgarische Fahne in der Hand hielt.

Ihr Name war Wanja, Tante Wanja, weswegen man sie in der Sowjetunion, wo sie zu sozialistischen Zeiten war, ausgelacht hat. Tante Wanja hat also noch eine Rechnung offen mit dem Russen, wenn man so will. Trotzdem möchte auch sie, so wie 80 Prozent der Bulgaren, dass Bulgarien im Ukrainekrieg neutral bleibt und nicht gegen Russland in den Krieg ziehen. Tante Wanja ist der lebende Beweis, dass das mit prorussisch nichts zu tun hat. Denn Tante Wanja hat ja wie gesagt noch eine Rechnung mit den Russen offen.

Während Tante Wanja erzählte, sah sie, dass ich Fotos machte, was sie nicht wollte, und was ich respektiere, deswegen die Balken in den Bildern. Georgi Alexejew sagte daraufhin zu ihr, dass sie sich keine Sorgen machen solle, weil er mich kennen würde, ich in Ordnung sei, und dass ich aus Deutschland käme, was Tante Wanja aber egal war. Auch dafür habe ich Verständnis. Über den Einsatz von Georgi Alexejew habe ich mich gefreut. In Bulgarien läuft ohne persönliche Kontakte nichts, auch auf dem Protest.

Doch zurück zu Tante Wanja, die man in der Sowjetunion wie gesagt ausgelacht hat, was daran lag, dass Wanja dort ein männlicher Name, besser Spitzname ist, und sie aber eine Frau. Der bekannteste Wanja ist „Onkel Wanja“ von Tschechow, der nicht mehr aufgeführt werden darf in der Heimat. Ein Grund mehr, nach Bulgarien zu kommen. Hier darf „Onkel Wanja“ noch aufgeführt werden, und auch „Tante Wanja“ noch auf der „Orlow Most“, der Adlerbrücke, sitzend sich mit dem obersten Polizisten Georgi Alexejew und seinen Leuten unterhalten.

Auch der Protest am letzten Mittwoch verlief absolut friedlich, so dass man sich als Tourist auch ohne weiteres in einen solchen stürzen kann, so wie ich es mache. Ein kleines, aber nicht unwichtiges Detail habe aber auch ich beim letzten Protest verpasst, was daran lag, dass ich in dem Moment am anderen Ende des Protestes war, der mit etwa 4.000 Menschen alles andere als klein war.

Verpasst habe ich ein Happening, bei der mit einer Leiter versucht wurde, die Ukrainische Flagge vom vielleicht fünf Meter hohen Balkon des Rathauses von Sofia zu holen. Die Begründung der Protestierenden war, dass hier Bulgarien und nicht die Ukraine ist, und dass das nicht der Krieg der Bulgarien, sondern ein Krieg zwischen der USA und der NATO und Russland ist.

Das Leiter-Happening muss vorher bekannt gewesen sein, denn die Demonstrierenden wurden am Rathaus von Polizisten in Kampfuniform und Helm auf dem Kopf erwartet. Auch dieses Aufeinandertreffen verlief, im Gegensatz ähnlichen Zusammentreffen in Berlin in der Vergangenheit, absolut friedlich. Es war ja auch „nur“ ein Happening, also eine Kunstaktion.

Eine Kunstaktion, die auch wenn die Flagge nicht vom Balkon geholt wurde, noch etwas bedeutete, im Gegensatz zum Gros der Kunst in Deutschland, die ohne Bedeutung, wenn nicht sogar Negativ-Kunst ist. Bevor alle Protestierenden zum Regierungssitz weitergezogen waren, waren schon sämtliche Polizisten in Kampfuniform vom Rathaus in Sofia abgezogen worden, was aber schon wieder eine andere Geschichte ist.

Eine andere „alte“ Bekannte, in Wirklichkeit eine junge Frau,
die mir mit ihrem Schild immer wieder auf den Protesten begegnet

Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bulgarien (135)

Macht Liebe, aber keinen Krieg!!!
Denn ohne ihr bleiben wir wenige!

Am heutigen Freitag den 13. möchte ich 13 Fotos von mir vom letzten Protest am Mittwoch veröffentlichen, bei dem es einmal mehr darum ging, die Regierung zu stürzen, die in dem Moment aber noch in Washington war. Was sie dort gemacht hat, ist immer noch unklar. Offiziell hat Ministerpräsident Kiril Petkow mit Joe Biden über die Bekämpfung der Korruption in Bulgarien gesprochen, was die meisten Bulgaren für einen Witz halten.

Da das mit dem Regierung stürzen nun erst einmal ausfallen musste, brauchte die Demonstration am Mittwoch in Sofia ein anderes Motto, und das war: „Macht Liebe, statt Krieg!“ Dieses Motto ist für Bulgarien besonders wichtig ist, weil die Bulgaren am Aussterben sind, und das ganz ohne Krieg. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich jedes Bild ausgesucht. Sie sind also „Handverlesen“ und sagen hoffentlich mehr als tausend Worte.

Ganz persönlich erlaube ich mir dem Motto „Macht Liebe, statt Krieg!“ folgendes hinzuzufügen: „Und wenn ihr keine Liebe machen könnt, dann seid wenigstens nett zueinander.“

Fotos&Text TaxiBerlin

Bericht aus Bremen (2)

Rathaus Bremen

Nachdem der erste Bericht von Joachim so gut angekommen ist bei meinen Lesern, habe ich ihn um eine Fortsetzung gebeten. Der Leser meines Blogs aus Bremen war so freundlich, meiner Bitte zu entsprechen. In seinem zweiten Beitrag, der den Titel „Gegengifte“ hat, schreibt Joachim darüber, wie er sich auf seinen Bulgarienbesuch vorbereitet. Obwohl der Titel durchaus seine Berechtigung hat, und auch ich zu ihm beigetragen habe, würde ich in dem Fall eher von „Giften“ reden. „Gifte“, die in der Heimat sogar mit (Buch-)Preisen bedacht wurden und die vielleicht zu verstehen helfen, wenn es in der Heimat so viel Unverständnis über und manchmal sogar zwischen zwei Buchdeckeln gepressten Hass auf Bulgarien und Bulgaren gibt. Deswegen halte ich das von mir empfohlene und in dem Bericht von Joachim erwähnte Buch „Apostoloff“ für durchaus lesenswert, obwohl die Autorin eher auf die Coach als ihr Buch ins Buchregal gehört.

Gegengifte

Mein Vorhaben mir Bulgarien näher zu bringen mithilfe eines Liebesromans an Bulgarien, wird von Rumen sachte torpediert. Er sendet mir Buchtitel, von bulgarischen Autoren und Autorinnen. Sie seien ihm noch eingefallen und er wolle sie mir empfehlen.

Das war Sonntag gewesen, als ich bei schönem Wetter die norddeutsche Tiefebene erkundete. Man sollte keine Nachrichten abrufen bei Schönwetter-Fahrten und Stadtbesichtigungen. So eine Mail mit Hinweisen auf Buch-Empfehlungen lässt mich ja nicht kalt. Besonders nicht, wenn sie von einem Kenner kommt, der Rumen heißt und in den Schluchten des Balkans wohnt.

Ich habe mir eines sofort besorgt. Das „Will-haben-Syndrom“ wirkt bei mir leider sehr schnell, ganz besonders, wenn es sich um Bücher handelt. Bestimmt wäre ich bei einem Marshmallow-Test zur Selbstkontrolle und Bedürfnisaufschiebung krachend durchgefallen. Ausgesucht, bestellt, heruntergeladen, das ging alles schnell. Nun liegt das Buch vor mir oder das, was ein eBook Reader zeigt – es heißt „Apostoloff“ und ist geschrieben von Sibylle Lewitscharoff. Frau Lewitscharoff ist wie Rumen Halb-Bulgare und ihr Buch wurde im Jahr 2010 veröffentlicht. Rumen meinte nicht nur, dass es mir als Gegengift zu den „111 Gründe Bulgarien zu lieben“ taugt. Es sei auch eine Art Roadmovie, da hier zwei Schwestern durch Bulgarien reisen, wovon die Ich-Erzählerin eine Bulgarienhasserin ist. Außerdem führen sie in einem Auto durch Bulgarien, dessen Chauffeur auch Rumen hieße, Rumen Apostoloff.

Da kommt schon einiges zusammen, was mich jede Selbstkontrolle verlieren und die Seite meines Lieblings eBook Dealers aufrufen lässt. Nein, nicht die Firma aus dem Silicon Valley, die habe ich schon seit einigen Jahren nicht mehr auf dem Schirm, ebenso wie Google und Meta, das ehemalige Facebook. Mein eBook Dealer hat seinen Stammsitz seit 425 Jahren im schwäbischen Tübingen und ist somit vorerst einmal unverdächtig hinsichtlich der Datensammelei. Ein Roadmovie, ein Protagonist namens Rumen, eine Ich-Erzählerin, die Bulgarien hasst und aus Süddeutschland stammt, wo auch ich lange Zeit lebte. Dies reichte aus, meine Neugier zu wecken und noch am Sonntagabend mit dem Lesen zu beginnen.

Ihr Vater kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland, genauer gesagt, emigrierte er zusammen mit neunzehn anderen Bulgaren nach Stuttgart, der schwäbischen Metropole. Auch das ist spannend, denn was hat dies für Auswirkungen auf eine Familie, wenn einer seine Heimat verlässt und sein Glück woanders, nämlich in Deutschland sucht? Vielleicht gibt das Buch auch hierzu eine Antwort, denn der Bulgarienhass der Ich-Erzählerin wird gespeist durch ihren Vaterhass. Sie kann es ihm nicht verzeihen, dass er sich früh das Leben nahm und ihr als Vater nicht mehr zur Verfügung stand.

Alle, die jetzt erwarten, den ganzen Inhalt des Buches erzählt zu bekommen, muss ich leider enttäuschen, ich bin erst ganz am Anfang. Aber in punkto Gegengift konnte ich schon etwas aufschnappen: „Das bulgarische Essen? Ein in schlechtem Öl ersoffener Matsch. Der Fisch ein verkokelter Witzfisch. Bulgarische Kunst im zwanzigsten Jahrhundert? Abscheulich, und zwar ohne jede Ausnahme. Die Architektur, sofern nicht Klöster, Moscheen oder Handelshäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert? Ein Verbrechen.“ 

Ich mag es nicht glauben und muss es herausfinden: Ist es dort wirklich so schlimm?

Foto&Text JoachimBremen