Heute möchte ich nun endlich über meine Sommerdusche schreiben, so wie ich es bereits vor Tagen angekündigt hatte. Meine Sommerdusche ist ein großes Fass, was ich bereits vor Jahren schwarz angemalt habe, weil es ursprünglich hellblau war. Ein dunkle Farbe, am besten schwarz, ist besser, weil die Sonne dann das Wasser, was sich im Fass befindet, wärmer macht. Im Sommer, wenn es ganz doll heiß ist in Bulgarien, mit 40 Grad im Schatten und so, ist das Wasser in meiner Sommerdusche richtig schön pisswarm. Im Moment ist es das noch nicht, was auch ein Grund ist, dass ich jeden Tag immer noch in den Wald in mein kleines Mineralbad gehe. Dort fließt kontinuierlich etwa 30 Grad warmes Mineralwasser ins Becken. Bisher war ich dort immer alleine, aber langsam kommen die Wanderer aus ihren Löchern, die wenigen, die noch im Land verblieben sind, die meisten sind ja ausgewandert. Manche von ihnen laufen auch an meiner Hütte vorbei, weswegen meine Sommerdusche einen Sichtschutz hat – das Handtuch. Meine Sommerdusche steht auf einem Podest, damit das Fass die nötige Höhe hat. Der Podest ist aus Steinen, die ich jedes Jahr aufs Neue aufschichten muss, weil ich sie nicht draußen lassen will, damit sie mir keiner klaut. Apropos klauen: dieses Jahr werden es 20 Jahre, dass ich die Hütte habe, und noch nie wurde mir etwas geklaut. Doch zurück zur Sommerdusche. Da ich auch beim Duschen sparsam bin, reicht das Wasser im Fass meiner Sommerdusche etwa eine Woche. Dann muss ich es auffüllen. Mein Boiler im Keller bleibt im Sommer komplett ausgeschaltet. Das wenige Geschirr, was ich brauche, wasche ich kalt ab. Beim Duschen habe ich den phantastischen Ausblick auf die Berge des Balkans, von dem ich schon öfters Fotos hier auf meiner Seite veröffentlicht habe, und der vielleicht das schönste ist am Sommerduschen überhaupt.
Foto&Text TaxiBerlin
Am Mittwoch in Sofia auf dem Protest habe ich neben Demonstrationsteilnehmern, die ich kenne, weil sie wie ich regelmäßig zu den Protesten gehen, auch Georgi Alexjew, den obersten für das Parlament und die Regierung zuständigen Polizisten wiedergetroffen, ich hatte hier über ihn geschrieben. Auch Georgi Alexejew und ich grüßten uns per Handschlag, verbunden mit der Frage nach der Befindlichkeit des anderen.
Georgi Alexejew geht es gut, erfuhr ich, so wie mir. Er erfuhr weiter von ihm, der sich den Beitrag über ihn auf meiner Seite angesehen hat, ich hatte ihm dafür meine Karte gegeben, dass er eigentlich keine Uniform tragen müsse, er es aber aus Verbundenheit mit seinen Leuten mache. Die Frage hatte sich ergeben, weil ich ihn auf dem letzten Protest, als man versuchte, das Denkmal für sie Sowjetische Armee mit einer Ukrainischen Flagge zu verhüllen, in Zivil gesehen hatte.
Ich erzählte Georgi Alexejew von meinem Dorf, und dass ich mich dort wohl fühle. Der oberste Polizist kannte zwar nicht mein Dorf, aber die Gegend. Den meisten Bulgaren ist die ärmste Region ihres Landes bekannt, was vor allem an dem Nachbarstädtchen meines Dorfes liegt, der mit einer knapp 130-jährigen Tradition einer der ältesten Kurorte Bulgariens ist, und in dem es wie in meinem Dorf eine Mineralwasserquelle gibt. Im Ausland ist der Kurort wie die gesamte Region weitgehend unbekannt, obwohl es im Kurort Bauten gibt, die an Bad Homburg erinnern, die leider seit Jahren verfallen.
Das Gespräch mit Georgi Alexejew fand vor dem Ministerrat, dem Sitz der bulgarischen Regierung, statt. Später sah ich ihn auf der einen Kilometer entfernten „Orlow Most“ (Adlerbrücke) wieder. Der Protest war für Georgi Alexejew und seine Leute zur Nebensache geworden, lieber unterhielten sie sich mit einer Frau, die auf ihrem kleinen Klappstuhl auf der Brücke saß und eine bulgarische Fahne in der Hand hielt.
Ihr Name war Wanja, Tante Wanja, weswegen man sie in der Sowjetunion, wo sie zu sozialistischen Zeiten war, ausgelacht hat. Tante Wanja hat also noch eine Rechnung offen mit dem Russen, wenn man so will. Trotzdem möchte auch sie, so wie 80 Prozent der Bulgaren, dass Bulgarien im Ukrainekrieg neutral bleibt und nicht gegen Russland in den Krieg ziehen. Tante Wanja ist der lebende Beweis, dass das mit prorussisch nichts zu tun hat. Denn Tante Wanja hat ja wie gesagt noch eine Rechnung mit den Russen offen.
Während Tante Wanja erzählte, sah sie, dass ich Fotos machte, was sie nicht wollte, und was ich respektiere, deswegen die Balken in den Bildern. Georgi Alexejew sagte daraufhin zu ihr, dass sie sich keine Sorgen machen solle, weil er mich kennen würde, ich in Ordnung sei, und dass ich aus Deutschland käme, was Tante Wanja aber egal war. Auch dafür habe ich Verständnis. Über den Einsatz von Georgi Alexejew habe ich mich gefreut. In Bulgarien läuft ohne persönliche Kontakte nichts, auch auf dem Protest.
Doch zurück zu Tante Wanja, die man in der Sowjetunion wie gesagt ausgelacht hat, was daran lag, dass Wanja dort ein männlicher Name, besser Spitzname ist, und sie aber eine Frau. Der bekannteste Wanja ist „Onkel Wanja“ von Tschechow, der nicht mehr aufgeführt werden darf in der Heimat. Ein Grund mehr, nach Bulgarien zu kommen. Hier darf „Onkel Wanja“ noch aufgeführt werden, und auch „Tante Wanja“ noch auf der „Orlow Most“, der Adlerbrücke, sitzend sich mit dem obersten Polizisten Georgi Alexejew und seinen Leuten unterhalten.
Auch der Protest am letzten Mittwoch verlief absolut friedlich, so dass man sich als Tourist auch ohne weiteres in einen solchen stürzen kann, so wie ich es mache. Ein kleines, aber nicht unwichtiges Detail habe aber auch ich beim letzten Protest verpasst, was daran lag, dass ich in dem Moment am anderen Ende des Protestes war, der mit etwa 4.000 Menschen alles andere als klein war.
Verpasst habe ich ein Happening, bei der mit einer Leiter versucht wurde, die Ukrainische Flagge vom vielleicht fünf Meter hohen Balkon des Rathauses von Sofia zu holen. Die Begründung der Protestierenden war, dass hier Bulgarien und nicht die Ukraine ist, und dass das nicht der Krieg der Bulgarien, sondern ein Krieg zwischen der USA und der NATO und Russland ist.
Das Leiter-Happening muss vorher bekannt gewesen sein, denn die Demonstrierenden wurden am Rathaus von Polizisten in Kampfuniform und Helm auf dem Kopf erwartet. Auch dieses Aufeinandertreffen verlief, im Gegensatz ähnlichen Zusammentreffen in Berlin in der Vergangenheit, absolut friedlich. Es war ja auch „nur“ ein Happening, also eine Kunstaktion.
Eine Kunstaktion, die auch wenn die Flagge nicht vom Balkon geholt wurde, noch etwas bedeutete, im Gegensatz zum Gros der Kunst in Deutschland, die ohne Bedeutung, wenn nicht sogar Negativ-Kunst ist. Bevor alle Protestierenden zum Regierungssitz weitergezogen waren, waren schon sämtliche Polizisten in Kampfuniform vom Rathaus in Sofia abgezogen worden, was aber schon wieder eine andere Geschichte ist.
Am heutigen Freitag den 13. möchte ich 13 Fotos von mir vom letzten Protest am Mittwoch veröffentlichen, bei dem es einmal mehr darum ging, die Regierung zu stürzen, die in dem Moment aber noch in Washington war. Was sie dort gemacht hat, ist immer noch unklar. Offiziell hat Ministerpräsident Kiril Petkow mit Joe Biden über die Bekämpfung der Korruption in Bulgarien gesprochen, was die meisten Bulgaren für einen Witz halten.
Da das mit dem Regierung stürzen nun erst einmal ausfallen musste, brauchte die Demonstration am Mittwoch in Sofia ein anderes Motto, und das war: „Macht Liebe, statt Krieg!“ Dieses Motto ist für Bulgarien besonders wichtig ist, weil die Bulgaren am Aussterben sind, und das ganz ohne Krieg. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich jedes Bild ausgesucht. Sie sind also „Handverlesen“ und sagen hoffentlich mehr als tausend Worte.
Ganz persönlich erlaube ich mir dem Motto „Macht Liebe, statt Krieg!“ folgendes hinzuzufügen: „Und wenn ihr keine Liebe machen könnt, dann seid wenigstens nett zueinander.“
Gegengifte
Mein Vorhaben mir Bulgarien näher zu bringen mithilfe eines Liebesromans an Bulgarien, wird von Rumen sachte torpediert. Er sendet mir Buchtitel, von bulgarischen Autoren und Autorinnen. Sie seien ihm noch eingefallen und er wolle sie mir empfehlen.
Das war Sonntag gewesen, als ich bei schönem Wetter die norddeutsche Tiefebene erkundete. Man sollte keine Nachrichten abrufen bei Schönwetter-Fahrten und Stadtbesichtigungen. So eine Mail mit Hinweisen auf Buch-Empfehlungen lässt mich ja nicht kalt. Besonders nicht, wenn sie von einem Kenner kommt, der Rumen heißt und in den Schluchten des Balkans wohnt.
Ich habe mir eines sofort besorgt. Das „Will-haben-Syndrom“ wirkt bei mir leider sehr schnell, ganz besonders, wenn es sich um Bücher handelt. Bestimmt wäre ich bei einem Marshmallow-Test zur Selbstkontrolle und Bedürfnisaufschiebung krachend durchgefallen. Ausgesucht, bestellt, heruntergeladen, das ging alles schnell. Nun liegt das Buch vor mir oder das, was ein eBook Reader zeigt – es heißt „Apostoloff“ und ist geschrieben von Sibylle Lewitscharoff. Frau Lewitscharoff ist wie Rumen Halb-Bulgare und ihr Buch wurde im Jahr 2010 veröffentlicht. Rumen meinte nicht nur, dass es mir als Gegengift zu den „111 Gründe Bulgarien zu lieben“ taugt. Es sei auch eine Art Roadmovie, da hier zwei Schwestern durch Bulgarien reisen, wovon die Ich-Erzählerin eine Bulgarienhasserin ist. Außerdem führen sie in einem Auto durch Bulgarien, dessen Chauffeur auch Rumen hieße, Rumen Apostoloff.
Da kommt schon einiges zusammen, was mich jede Selbstkontrolle verlieren und die Seite meines Lieblings eBook Dealers aufrufen lässt. Nein, nicht die Firma aus dem Silicon Valley, die habe ich schon seit einigen Jahren nicht mehr auf dem Schirm, ebenso wie Google und Meta, das ehemalige Facebook. Mein eBook Dealer hat seinen Stammsitz seit 425 Jahren im schwäbischen Tübingen und ist somit vorerst einmal unverdächtig hinsichtlich der Datensammelei. Ein Roadmovie, ein Protagonist namens Rumen, eine Ich-Erzählerin, die Bulgarien hasst und aus Süddeutschland stammt, wo auch ich lange Zeit lebte. Dies reichte aus, meine Neugier zu wecken und noch am Sonntagabend mit dem Lesen zu beginnen.
Ihr Vater kam nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland, genauer gesagt, emigrierte er zusammen mit neunzehn anderen Bulgaren nach Stuttgart, der schwäbischen Metropole. Auch das ist spannend, denn was hat dies für Auswirkungen auf eine Familie, wenn einer seine Heimat verlässt und sein Glück woanders, nämlich in Deutschland sucht? Vielleicht gibt das Buch auch hierzu eine Antwort, denn der Bulgarienhass der Ich-Erzählerin wird gespeist durch ihren Vaterhass. Sie kann es ihm nicht verzeihen, dass er sich früh das Leben nahm und ihr als Vater nicht mehr zur Verfügung stand.
Alle, die jetzt erwarten, den ganzen Inhalt des Buches erzählt zu bekommen, muss ich leider enttäuschen, ich bin erst ganz am Anfang. Aber in punkto Gegengift konnte ich schon etwas aufschnappen: „Das bulgarische Essen? Ein in schlechtem Öl ersoffener Matsch. Der Fisch ein verkokelter Witzfisch. Bulgarische Kunst im zwanzigsten Jahrhundert? Abscheulich, und zwar ohne jede Ausnahme. Die Architektur, sofern nicht Klöster, Moscheen oder Handelshäuser aus dem neunzehnten Jahrhundert? Ein Verbrechen.“
Ich mag es nicht glauben und muss es herausfinden: Ist es dort wirklich so schlimm?
Foto&Text JoachimBremen
Dass der bulgarische Ministerpräsident Kiril Petkow gestern und vorgestern in Washington war, habe ich nicht aus dem Radio, sondern aus dem Internet erfahren. Er soll sich dort mit Joe Biden getroffen und mit ihm über die Bekämpfung der Korruption in Bulgarien gesprochen haben. Ausgerechnet mit dem amerikanischen Präsidenten über die Korruptionsbekämpfung in Bulgarien zu sprechen, darauf muss man erst einmal kommen. Wahrscheinlich hat das Bulgarische Nationalradio „Christo Botew“ das für einen Witz gehalten und deswegen nicht darüber berichtet.
Ministerpräsident Petkow hat auch mit „Fuck the EU“ Victoria Nuland gesprochen, die neulich noch zugeben musste, dass die USA in der Ukraine Bio-Laboratorien unterhalten hat (warum eigentlich? und wofür?), die jetzt dem Russen in die Hände gefallen sind. In dem Zusammenhang fällt mir das Buch „Wie wir sterben. Ein Ende in Würde?“ von Victoria Victoria Nulands Vater Sherwin B. Nuland ein, das ich empfehlen kann, auch seiner Tochter.
Dann ist Petkow in Washington noch ganz zufällig mit Weltbank-Präsident David Malpass zusammengetroffen und hat sich bei der Gelegenheit seine Belohnung für die Abstimmung im bulgarischen Parlament abgeholt. Letzten Mittwoch hat dort eine Mehrheit für „militärtechnische Hilfe“ für die Ukraine gestimmt. Bulgarien ist seither Kriegsteilnehmer am Stellvertreterkrieg zwischen der USA und Russland, obwohl 80 Prozent der Bulgaren dagegen sind.
Außerdem wurde über „Bulgariens Energieunabhängigkeit und -sicherheit nach dem Ende der Erdgaslieferungen“ Russlands gesprochen, was wohl heißen soll, dass der Bulgare von seiner Weltbank-Belohnung gefälligst teures Freckinggas vom Amerikaner zu kaufen hat. Bulgariens Energieminister Alexander Nikolov, der mit nach Washington gekommen war, wird das direkt vor Ort abgenickt haben.
Über den Stellvertreterkrieg in der Ukraine wurde natürlich auch gesprochen, dafür hatte Petkow seinen Verteidigungsminister Dragomir Zakov mit nach Washington gebracht. Der Umstand, dass nur die stellvertretende Außenministerin Velislava Petrova mit von der Party war, deutet darauf hin, dass über Verhandlungen mit Russland anstelle von Krieg in der Ukraine eher nicht gesprochen wurde.
Krieg in der Ukraine ist nur für den Europäer schlecht, nicht für den Amerikaner. Nulands „Fuck the EU“ gilt nicht nur weiterhin, sondern mit dem Krieg in der Ukraine mehr denn je. Donald Trump hat, warum auch immer, Vicoria Nuland nicht rausgekickt aus dem Außenministerium. Er hätte Europa damit einen großen Gefallen getan. Vielleicht hatten sie ja was miteinander. Bekannt geworden ist darüber nichts, aber „Trump fucked ‚Fuck the EU’ Nuland“ wäre keine schlechte Schlagzeile gewesen.
Die Bulgaren wollen sich auf jeden Fall nicht f***en lassen, deswegen gehen sie heute schon wieder auf die Straße. Ob Petkow dann bereits wieder aus Washington zurück ist, ist genauso ungewiss wie die Frage, ob ich es rechtzeitig zur Demo um 18 Uhr nach Sofia schaffe (auch in Varna am Schwarzen Meer wird demonstriert). Irgendetwas hat gestern angeschmort gerochen unter der Motorhaube meines Autos, komische Klänge hat es dort schon seit einiger Zeit immer mal wieder gegeben.
Gerade kommt Kostadin Kostadinow, der Chef der Partei „Wiedergeburt“, im Bulgarischen Nationalradio „Christo Botew“ zu Wort und erklärt dort, dass Bulgarien derzeit keine Regierung habe, weil die amtierende Regierung nicht die Interessen der bulgarischen Bevölkerung vertritt, die zu 80 Prozent eine Neutralität ihres Landes im Stellvertreterkrieg zwischen den USA und Russland wünscht. Auch von ihm noch einmal der Hinweis auf die heutige Demonstration vor dem Parlament in der bulgarischen Hauptstadt.
Später am Tag lese ich in der Neuen Zürcher Zeitung unter der Überschrift „Bulgariens schwerer Abschied von einem übermächtigen Freund“ folgenden Satz: „Es geht auch um die grundlegende Frage, ob Völker überhaupt Freunde sein können.“ – Eine Frage, die die USA so beantwortet hat, dass Amerika keine dauerhaften Freunde oder Feinde, sondern nur Interessen hat. Die Frage, die sich mir stellt, ist nun, warum die altehrwürde NZZ aus der neutralen Schweiz nicht auf die Idee kommt, dass das Interesse Bulgariens Neutralität ist. Dasselbe, was die Schweiz für sich beansprucht.
Foto&Text TaxiBerlin
