Gestern und auch heute war ich auf der Buchmesse auf dem Boulevard Vitosha in Sofia. Der Boulevard Vitosha ist vielleicht am ehesten mit dem Kurfürstendamm vergleichbar. Es geht auch dort viel ums Sehen und Gesehen werden. Und so war es auf der Buchmesse gestern und heute. Ein echter Hingucker war der Jutebeutel mit dem bekannten Orwell-Zitat aus „1984“, das aktueller denn je ist und auf deutsch „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit ist Wissen“ heißt. Aber noch mehr haben sich die Menschen für die vielen Bücher interessiert, wie das auf Buchmessen üblich ist. Obwohl, jetzt wo ich darüber schreibe, bin ich mir gar nicht sicher, ob es in Deutschland nicht genau umgedreht wäre, wie so vieles immer umgedreht ist als in Bulgarien. Also ob sich in der Heimat die Menschen eventuell mehr für den Jutebeutel als für die Bücher interessieren. Um es herauszufinden, habe ich mir heue einen Jutebeutel auf dem Boulevard Vitosha gekauft, nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen hatte. Den Jutebeutel will ich, wenn ich irgendwann zurück in Berlin sein sollte, auf meinem Bücherstand zusammen mit meinen Büchern auf dem Flohmarkt Boxhagener Platz anbieten. Ich bin schon sehr gespannt zu sehen, wie der Vergleich zwischen Deutschland und Bulgarien ausgeht.
Foto&Text TaxiBerlin
Bevor das im Vorgängerbeitrag erwähnte Osmanische Reich unterging, zu dem Bulgarien 500 Jahre gehörte, wurde es im Westen „Der kranke Mann am Bosporus“ genannt. Nun scheint es so zu sein, dass die Tage Deutschlands, wie wir es kannten, und damit auch Europas gezählt sind. Deswegen „Der kranke Mann in Berlin und Brüssel“. Dafür sprechen an erster Stelle die wirtschaftlichen Zahlen in Deutschland, aber auch das Gefühl vieler Menschen, dass es mit ihrem Land den Bach runter geht. Auch die vielen Putsche, die gerade in Afrika stattfinden, stehen damit in Verbindung. Natürlich geht es da immer auch um Innenpolitik. Mindestens genauso wichtig scheint die außenpolitische Neuorientierung zu sein. Auf den ersten Blick will man weg von Frankreich und damit von Europa. Also das, was der frühere US-Verteidigungsminister Rumsfeld als „Old Europe“ bezeichnete. Möglicherweise will man sogar ganz weg vom Westen, inklusive der USA, um sich Richtung China und Russland zu orientieren. Es tritt damit das ein, was die kürzlich verstorbene frühere Bundestagsvizepräsidentin und ehemalige Grüne Antje Vollmer in ihrem politischen Vermächtnis in der Berliner so beschrieb: Wenn mich nicht alles täuscht, steht Europa kurz vor der Phase einer großen Ernüchterung, die das eigene Selbstbild tief erschüttern wird. Für mich aber ist das ein Grund zur Hoffnung. Der so selbstgewisse Westen muss einfach lernen, dass die übrige Welt unser Selbstbild nicht teilt und uns nicht beistehen wird.
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Gestern lag zum ersten Mal der typische Geruch des beginnenden Herbstes in der Luft. Jemand hat in seinem Ofen Holz verbrannt. Ein Hinweis auf die Heizsaison, die vor der Tür steht und im Gebirge bereits begonnen hat. Im ländlichen Bulgarien wird traditionell mit Holz geheizt. Wie viel von dem Holz legal geschlagen ist, lässt sich schwer sagen. Sicher ist, dass es eine Holzmafia gibt, die illegal Holz schlägt und verkauft. Andernorts wird Holz gar nicht erst geschlagen, sondern direkt verbrannt. Beispielsweise im Nachbarland Griechenland. Dort gibt es eine Landmafia, die Wälder abbrennt, um an Bauland zu kommen. Bei der Berichterstattung fällt die Landmafia gerne hinten runter, und das obwohl die von ihr verursachten Brände in der Tat Menschengemacht sind. Aber das ist nicht neu: Wer legt sich schon gerne mit der Mafia an? In Bulgarien werden Menschen, die der Holzmafia auf der Spur sind, auch schon mal mit dem Leben bedroht. Einen Unterschied gibt es wie gesagt zwischen der Land- und der Holzmafia. Die Landmafia lässt Holz einfach so verbrennen. Ich will die Holzmafia aber nicht besser machen, wie sie ist. Der Irrsinn der Holzmafia ist, dass in der Regel Buchen, die für ihr lange gewachsenes hartes Holz bekannt sind, zum Verfeuern geschlagen werden. Im selben Moment werden aus weichem Kiefernholz, das oft in schlechter Qualität für viel Geld auf den hiesigen Baumärkten angeboten wird, Terrassen und Türen gebaut. Ein klein wenig wie in Kolumbien, wo die Kaffeepflücker selbst keinen echten Bohnenkaffee sondern Instant-Kaffee von NESCAFÉ® trinken.
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